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Johannes Seidel SJ: Tod, Unsterblichkeit, Auferweckung

I.
Der Auferweckungsgedanke ist urspünglich und letztlich eine Funktion des Gerechtigkeitsbegriffs. In der Logik des frühjüdischen Weltbildes könnten Juden wie Paulus Jesus nach Karfreitag nicht als Christus bekennen, würde dieser nicht auferweckt.
Somit ist der Glaube an die Auferweckung Jesu für das Christusbekenntnis grundlegend. Nicht aber ist das Christusbekenntnis grundlegend für die Auferweckungshoffnung allgemein und erst recht nicht für den Glauben an Gott und seine Gerechtigkeit (1Kor 15,12-32).

II.
Innerhalb des frühjüdischen Kontextes ist das Auferweckungskonzept plausibel, nicht dagegen im griechischen Kontext (s. Apg 17,32), dort haben Unsterblichkeitskonzepte Plausibilität. Idealtypisch:
Biblisch/jüdisch:
          Hoffnung auf/ Glaube an
          die Auferweckung
          des toten Menschen
          im Kollektiv/"in Christus"
          durch Gottes Rechtshandeln.
Platonisch/griechisch:
          Beweis (statt Hoffnung)
          der Unsterblichkeit
          der Seele ("soma sema")
          individuell, für sich
          kraft eigener Natur.

Konkret gibt es im Frühjudentum, mehr noch im Christentum ab dem 2. Jahrhundert alle möglichen mehr oder weniger konsistenten Misch- oder Amalgierungsversuche - vergleichbar mit heutigen Inkulturationsbemühungen, biblische Auferstehungshoffnung und fernöstliche Reinkarnationsvorstellungen zusammenzudenken -, doch einiges bleibt grundsätzlich inkompatibel, zB:
Auferweckt kann nur werden, was tot ist. Tot kann nur sein, was sterblich ist. Entweder das "Wesentliche" = die "Seele" oder dergleichen ist unsterblich, dann betrifft die "Auferweckung" nur einen unwesentlichen Nebenaspekt (Wiederbeleibung, für platonisierendes Denken nicht einmal erstrebenswert); oder die Auferweckung betrifft "Wesentliches", dann kann dieses nicht unsterblich sein.

III.
Im wissenschaftlich-philosophischen Wirklichkeitsverständnis der Gegenwart verliert die griechisch-abendländische Auffassung von einer unsterblichen Seele zunehmend an Plausibilität: Menschen sterben wie andere höhere Lebewesen auch. Sterben-können ist eine evolutive Errungenschaft, die auf höhere Lebewesen beschränkt ist: Bis hin zu einfachen Tieren (z.B. Hydra) sind alle Lebewesen potentiell unsterblich, d.h. sie können zwar umkommen (verhungern, gefressen werden etc.), aber sie kennen kein Altern, kein endogen bedingtes Sterben. Unsterblichkeit und "ewig andauerndes Leben" sind Ausdruck primitiven Lebens. Das Verlangen danach - wie es sich u.a. an den ewig jugendlichen Göttergestalten Griechenlands zeigt - ist Ausdruck eines regressiven Nicht-zurechtkommens mit der Sterblichkeit höherer Lebewesen.
Die Natur mit ihrem wiederkehrenden Werden und Vergehen könnte bestenfalls Stoff für Reinkarnationsvorstellungen liefern, wäre da nicht die Wirklichkeit der Entropie, die auch dieses Modell ad absurdum führt.
Nicht viel besser geht es dem jüdischen Weltbild des 1. Jahrhunderts, das Raum bot, die Auferweckungshoffnung vorstellungsmäßig kohärent zu entfalten. So aufschlußreich und interessant die exegetische Herausarbeitung der (Auferweckungs-)vorstellungen frühjüdischer oder neutestamentlicher Autoren ist, für deren Wahrheit ist damit noch nichts gewonnen.
Eine Auferstehungs-Leiblichkeit jenseits biochemischer Daten zu postulieren ist genauso lächerlich wie die Spekulation, der Himmel befinde sich irgendwo im Weltraum.
Was immer ich heute vertrete, postuliere oder "glaube", ich muß zeigen, daß meine Auffassung mit der gegenwärtig erreichten (wissenschaftlichen, philosophischen usw.) Welt- und Wirklichkeits(er)kenntnis (die ja immer auch alle historischen Vorläufer irgendwie mit einschließt) kompatibel ist.

Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel faßt das gegenwärtige Wirklichkeitsverständnis korrekt zusammen, wenn er schreibt: "Ein 'Leben nach dem Tode' besagt normalerweise ein Leben ohne unseren alten Körper. Es ist schwer zu sagen, wie man entscheiden können soll, ob wir solche ablösbaren Seelen besitzen. Sämtliche Daten zeigen, daß das bewußte Leben vor dem Tod gänzlich davon abhängt, was im Nervensystem vorgeht. Halten wir uns lediglich an die Beobachtung, und nicht an religiöse Lehren oder an spiritualistische Versicherungen, mit den Toten zu kommunizieren, so gibt es keinen Grund an ein späteres Leben zu glauben. Reicht dies jedoch als Grund aus für den Glauben, daß es kein Leben nach dem Tod gibt? Ich denke schon, doch andere mögen es vorziehen, sich hier der Meinung zu enthalten. Wieder andere mögen ohne alle Bestätigung an ein späteres Leben glauben. Ich selbst verstehe nicht recht, wie eine solche vom Glauben inspirierte Überzeugung möglich ist, doch offenbar sind einige Leute dazu in der Lage und finden dies auch noch selbstverständlich."(1)

In dieser für traditionelle Vorstellungen von einem (oder mehreren) "Leben nach dem Tod" sicherlich unangenehmen Situation wird es verständlich, daß christliche Theologie sich derzeit oft auf Fragen existentiellen Erlebens ("Was tut die Unsterblichkeitshoffnung mit mir?") zurückzieht unter Verleugnung der weltbildnerischen Relevanz wissenschaftlicher Wirklichkeitserkenntnis.

IV.
Im Alten Testament heißt es: "Abraham starb in schönem Alter, betagt und lebenssatt." (Gen 25,8); und: " Weise sterben, genauso gehen Tor und Narr zugrunde... Das Grab ist ihr Haus auf ewig, ist ihre Wohnung für immer." (Ps 49,11f)
Da nach katholischem Verständnis (DH 1501ff) die alttestamentlichen Schriften von nicht minderem Offenbarungswert sind als jene neutestamentlichen Schriften, die von Jesu Auferweckung erzählen; da also das "ewige Grab" aus Ps 49 und das "leere Grab" aus Lk 24 Offenbarung desselben einen Gottes sind, sollten sie sich ohne Widerspruch zusammendenken lassen. Wie das?
Biblisch-bildlich gesprochen: Die Wunden, in die Thomas seine Hand legen soll (Joh 20,27), sind nicht der kosmetische Gag eines Stehaufmännchens, sondern es sind die bleibend tödlichen Wunden Jesu. "Auferweckung" macht deren Tödlichkeit nicht rückgängig, sondern qualifiziert sie.
Die These von der Auferweckung Jesu ist die Konsequenz aus dem frühjüdischen Weltbild und dem Glauben an einen gerechten Gott. Würde das Unrecht, das Jesus, dem Gerechten, widerfahren ist, bleibend Bestand haben, wäre der Gott der Gerechtigkeit als Nicht-Gott überführt.
Der Tod hat also (mindestens) zwei Seiten: eine lebensvollendende und eine Unrecht sanktionierende. Der Auferweckungsbegriff bezieht sich, genau genommen, nicht auf den physischen Tod, er hebt dessen lebensvollendende Seite nicht auf (siehe Abraham), wohl aber dessen Unrecht sanktionierende Seite (siehe Jesus). Auferweckung ist eine Funktion des Rechtsprechens Gottes, nicht der billige Seelentrost für Menschen, die mit Altern und Tod nicht zurecht kommen. Nur aus dieser Rechtsprechungs-Perspektive übrigens wird es verständlich, wieso wir in der Taufe real, nicht nur symbolisch, gestorben und auferstanden sind: Als Getaufte sind wir gerechtfertigt, somit in der Auferweckungswirklichkeit, und zwar schon hier und jetzt (vgl. Joh 5,24).
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(1) Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Stuttgart 1990. S. 76


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© Johannes Seidel SJ (20.12.2006)
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