Trinitarischer Monotheismus
Johannes Seidel SJ: Ist das Christentum noch monotheistisch?
Auslöser meiner Bereitschaft, mich auf den Themenbereich “Monotheismus und Trinität” einzulassen, war die Entdeckung, daß nach Teilhard de Chardin der eine Gott notwendig trinitarisch zu denken ist. Das klingt spannend - steht es doch im Gegensatz zur Auffassung Thomas von Aquins, demzufolge die Existenz Gottes mittels menschlicher Vernunft bewiesen werden kann, die Existenz dreier göttlicher Personen aber nicht; die könne nur durch Offenbarung gewußt werden.1
Da die Trinitätslehre kein Gegenstand meines “Ressorts” biologisch-philosophischer Grenzfragen ist, versuchte ich, mit “Fachleuten” ins Gespräch zu kommen. Die verliefen nach einem ähnlichen Schema: Das anfangs lebhafte Gespräch wurde rasch schleppend, und bevor es ganz zum Erliegen kam, gab man mir einige Literaturhinweise: einer kopierte mir ein paar Artikel, ein anderer empfahl Pannenberg, eine dritte vermutete, daß das “Wörterbuch der feministischen Theologie” weiterführt.
Hier heißt es zur “Trinität”: “Die Vorstellung von Gott als einer Trinität (Dreiheit), als ‘ein Gott in drei Personen, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist’, erscheint vielen Menschen heute so altertümlich und fremdartig, daß sie kopfschüttelnd, ja geradezu hilflos davorstehen.”2
Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt dürfte nicht allein stehen, wenn er einerseits schreibt: “Ich bin einer von den vielen, die sich als Christen bekennen”, und ein paar Absätze weiter erklärt: “Ich glaube, Gott ist der Herr allen Geschehens. Aber mit der heiligen Trinität habe ich ganz große Schwierigkeiten. Und ich bin der Frage gewärtig: Bin ich vielleicht deshalb kein Christ? Oder bin ich vielleicht nur ein ganz schlechter Christ? [...] Ich nenne mich gleichwohl einen Christen. Denn ich bin überzeugt von der Moral, die das Christentum im Laufe von Jahrhunderten entfaltet hat.”3
In der Tat scheint sich der Interessenschwerpunkt der Christen verlagert zu haben: Während in den ersten christlichen Jahrhunderten über keine Frage mehr gestritten wurde als über die Trinitätslehre - sogar Kaiser und Marktfrauen konnten sich in dieser Frage ereifern - sind es heute Fragen z.B. nach sozialer Gerechtigkeit oder Empfängnisverhütung.
Dabei ist die Frage nach dem einen Gott in drei Personen nicht irgendeine Frage, sondern Teil des christlichen Credo. Doch was ist damit eigentlich gemeint?
Erinnerungen an mein Theologiestudium in Rom werden wach, wo der Streit um das rechte Verständnis der Trinität Hauptgegenstand der Vorlesung zur alten Kirchengeschichte war. Systematisch dagegen wurde “De Deo revelato”4 kurioserweise dergestalt abgehandelt, daß ein Professor während der ersten Semesterhälfte über den Einen, ein anderer während der zweiten Semesterhälfte über die Dreiheit dozierte. Solche Zweiteilung bedient Vorstellungen, wie sie allgemein verbreitet sind: daß Gott sich zunächst, im Alten Testament, als einer offenbart, und dann, als Zusatzoffenbarung nachgeschoben, auch noch als Sohn sowie als Heiliger Geist - macht Summa drei -, ohne daß dadurch der erste Offenbarungsschritt annulliert würde.
Besteht das spezifische Offenbarungs-Plus des Christentums gegenüber dem Judentum in der Trinitätsoffenbarung? Oder aus jüdischer Perspektive gefragt: Bedeutet die Trinitätslehre eine “Trübung des reinen Eingottglaubens”?5 Glaubt man Clemens Thoma, so “(war und ist) die christliche Trinitätslehre [...] das prononcierteste Zeugnis des jüdisch-christlichen Gegeneinanders.”6
Zwei Fragen stellen sich u.a.: (1.) Steht der “trinitarische Monotheismus” des Christentums im Gegensatz zum Alten Testament? (2.) Wird ein “unitarischer Monotheismus” dem Gott der Bibel gerecht?7
Ad 1: Ist der „trinitarische Monotheismus“ unbiblisch?
Jesus war Jude, er lebte und wirkte aus der Tradition des jüdischen Glaubens. Den er als “Vater” anrief, ist der Gott Israels. “Wenn aber dieser Gott Jesu der Gott des Alten Testaments ist, wie vereinbart sich damit die christliche Trinitätslehre? Wird im trinitarischen Glauben der Kirche dem einen und einzigen Gott nicht etwas anderes ‘beigesellt’, nämlich der Mensch Jesus, und wird nicht dadurch die Einzigkeit Gottes verletzt, das erste Gebot übertreten?”8
Der Gott des AT ist immer als von seiner Schöpfung unterschieden, ihr jenseitig, geglaubt worden. Zugleich wußte man um seine Gegenwart, z.B. in seinem Namen (Jer 7,12) oder in seiner Herrlichkeit (Ez 10,22f). Wie der jenseitige Gott selbst in seinem Namen und in seiner Herrlichkeit gegenwärtig ist, so ist er auch in seinem Sohn gegenwärtig. Somit ist die “christliche Trinitätslehre [...] keine Abweichung vom Monotheismus Israels, sondern konkreter Monotheismus, der die Offenbarungsgestalt der Gegenwart Gottes in der Welt als eins mit seiner jenseitigen Wirklichkeit bekennt. Doch erst von den Gotteszeugnissen des Alten Testaments her läßt sich die Trinitätslehre so sehen.”9
Gottes Geschichte mit den Menschen ist wesentlich eine Erwählungsgeschichte. Dabei wird das Verhältnis der Erwählten zu Gott als Sohnesverhältnis bestimmt. Nicht nur der Nachfolger Davids (2 Sam 7,14; Ps 2,7), auch das ganze Volk (Ex 4,22; Hos 11,1) wird als “Sohn“ bezeichnet. “Zugleich bezeichnet die Sohnschaft aber auch das Ziel dieser Geschichte, denn an ihrem Ende werden die Glieder des Volkes ‘Söhne des lebendigen Gottes’ heißen (Hos 2,1). Bei Maleachi wird diese Bestimmung des erwählten Gottesvolkes auf die ganze Menschheit hin geöffnet werden, indem die Vaterschaft Gottes durch die Schöpfung begründet wird: ‘Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen?’ (Mal 2,10)”10
So muß “auch die Bezeichnung Jesu als ‘Sohn Gottes’ im Zusammenhang des alttestamentlichen Sprachgebrauchs gewürdigt werden. In der christlichen Frömmigkeit und Theologie gibt es seit langem eine Tendenz, die Bezeichnung Jesu als ‘Sohn’ allzu einseitig als einen Titel aufzufassen, der exklusiv nur Jesus in seinem Verhältnis zum Vater zukommt. Die Sohnschaft der Christen, von der Paulus sprach, wird dann gern als Gotteskindschaft von dem vermeintlich nur Jesus zukommenden Sohnesverhältnis zu Gott abgegrenzt. Doch Paulus betont gerade, daß Gott alle Erwählten dazu bestimmt habe, ‘dem Bild seines Sohnes gleichgestaltet zu werden’ (Röm 8,29)”.11
“In der Regel herrscht die Meinung, Sohn Gottes sei nicht nur der höchstmögliche Anspruch, den man für Jesus erheben könne, sondern er bedeute bereits die Sprengung des jüdischen Rahmens für das Christentum. Beides ist nicht der Fall [...] Den höchsten Anspruch formuliert das NT mit dem Titel ‘Menschensohn’ oder ‘Herr’, bzw. ‘eingeborener Gott’, denn damit wird die einzigartige Weise benannt, in der Gott in Jesus gegenwärtig ist. Aber auch mit diesen Namen Jesu ist der Raum des Judentum nicht verlassen oder zerstört. Denn in jedem Falle ist Jesus derjenige, der alles, was er hat und ist, vollständig dem verdankt, von dem er herkommt, der ihn gesandt, ‘gezeugt’ [...] hat. Besonders deutlich wird diese Abhängigkeit gerade im Johannesevangelium. Denn Jesus wird hier zwar ‘Gott’ genannt, aber nicht ‘der Gott’, nämlich ‘der einzige Gott und Vater’”12. “Im Griechischen des Johannesevangeliums bedeutet ‘Gott’ eben nur ‘von Gottes Art’, ‘aus Gott’, ‘wie Gott’. Im Deutschen dagegen ist ‘Gott’ nur eine einzige Größe bzw. Person. - Aber wenn Jesus im Griechischen ‘Gott’ genannt wird, gibt es damit nicht zwei Götter [...] Wie Juden und Muslime halten Christen an dem einen und einzigen Gott fest [...] Nur hat - und das ist die christliche Besonderheit - dieser eine Gott sich Jesus Christus, den Sohn also, und den Heiligen Geist als einzigartige ‘Orte seiner Gegenwart’ erwählt”.13
Ad 2: Wird ein “unitarischer Monotheismus” dem Gott der Bibel gerecht?
Wird Gott im Gegensatz zur Welt gedacht, so bleibt er in solcher Entgegensetzung zur Welt von der Welt abhängig. Damit aber würde er nicht als Gott gedacht. Durch die Trinitätslehre dagegen “wird vermieden, Gott in seiner Differenz zur Welt [...] in Abhängigkeit von der Welt zu denken, weil Gott als Vater primär nicht im Gegenüber zur Welt, sondern im Verhältnis zum Sohn gedacht wird”14.
Die Pluralität der Personen ist mit dem Wesen Gottes selbst gegeben “und nur in ihr ist die Einheit Gottes wirklich.”15 “Die klassische Trinitätslehre hat dem gemeinsamen göttlichen Wesen keine eigene Personalität neben der der drei Personen zugesprochen“16. Im Gegensatz zum philosophischen Theismus kennt das Christentum, streng genommen, keinen “persönlichen Gott”. Zwar ist der christlich geglaubte “eine Gott [...] nicht unpersönlich. Aber er ist Person nur in Gestalt jeweils einer der trinitarischen Personen, weil jede der Personen der Trinität nicht allein ihr Personsein, sondern auch ihre Gottheit nur durch Vermittlung ihres Verhältnisses zu den beiden anderen hat.”17
Daß Gott notwendig trinitarisch zu denken ist, zu diesem Ergebnis kommt auf anderem Wege auch Teilhard de Chardin.Wenn Gott der absolut Wirkliche ist, neben dem es nichts völlig Eigenständiges gibt, so kann Wirklichkeit in der Welt nur vorkommen, sofern sie eine wie auch immer geartete Ähnlichkeit mit Gott aufweist.
In Teilhards Deutung der Evolution beruht Seinszuwachs auf Einigung. “Einigung (ist) schöpferisch, das heißt, die in einer echten Einheit geeinten Elemente bilden zusammen ein neues und höheres Sein gegenüber dem ungeeinten oder weniger geeinten Zustand. Aus dem höheren Einssein tritt ein vollkommeneres und damit auch bewußteres Sein auf. Die ‘ontologische Einigung’ (das heißt Einigung, die einen Seinszuwachs darstellt) ist auch im eigentlichen Sinn (theologisch) schöpferisch, indem jeder Seinszuwachs in diesem evolutiven Universum zugleich auch Tat des Schöpfers ist [...] Unter dieser Rücksicht ‘vollzieht sich die Schöpfung, indem sie eint’”.18
In jedem echten Vereinigungsprozeß aber werden die Elemente weder verschmolzen, noch vereinheitlicht, sondern sie bleiben erhalten und werden ausdifferenziert. “Die Vereinigung differenziert auf jedem beliebigen Gebiet, ob es sich um Zellen eines Körpers handelt oder um Glieder einer Gesellschaft oder um Elemente einer geistigen Synthese.”19
Wird Sein als Einigung verstanden, so muß in Gott als der Urwirklichkeit die Einigung in einer Weise realisiert sein, die alle in der Welt vorgefundenen Formen der Einigung übersteigt. Teilhards Metaphysik der Vereinigung macht den Trinitätsgedanken unausweichlich.
Wenn die höchste uns als Menschen bekannte Form des Geeint-Seins personale Wirklichkeit ist und dies die uns bestmögliche Annäherung an die göttliche Wirklichkeit ist, so kann Gott nicht unpersönlich gedacht werden. Wenn nun aber der eine Gott als Person gedacht wird, so ist er, um als Person existieren zu können, gezwungen, ein personales Gegenüber zu schaffen. Ein “unitarisch monotheistisch” gedachter Gott wäre ein Schöpfer aus innerer Notwendigkeit: Nur durch die Erschaffung einer zu personaler Antwort fähigen Welt könnte der als eine Person gedachte Gott ein personales Gegenüber finden. Die Schöpfung wäre der notwendige Akt “eines ein Gegenüber suchenden einsamen Gottes.”20
Anders, wenn der eine Gott trinitarisch monotheistisch gedacht wird: “In der je schon vollendeten und sich immer neu realisierenden Vereinigung der drei göttlichen Personen in der Liebe ist Gott unabhängig von der Schöpfung”.21 So kann Schöpfung als freies Geschenk Gottes verstanden werden. Und so verstanden ist Schöpfung ein Hineingenommen werden in den göttlichen Kommunikationsprozeß.
1 Vgl. Quinn, P.L.: Trinitarism, in: Audi, R. (ed.): The Cambridge Dictionary of Philosophy, Cambridge 1995, 811.
2 Pissarek-Hudelist, H.: Trinität, in: Gössmann, E. u.a. (Hrsg.): Wörterbuch der feministischen Theologie, Gütersloh 1991, 421.
3 Schmidt, H.: Warum ich (kein) Christ bin, in: Christ in der Gegenwart Nr. 33 / 1998, 277-278.
4 Lat.: Über den geoffenbarten Gott.
5 Dienemann, M.: Trinität, in: Herlitz, G., Kirscher, B. (Begründer): Jüdisches Lexikon, Bd. 4, Berlin 1927, Nachdruck Königstein 1982, 1054.
6 Thoma, C.: Dreifaltigkeit, in: Petuchowski, J.J., Thoma, C.: Lexikon der jüdisch-christlichen Begegnung, Freiburg u.a. 1989, 90.
7 Die Begriffe “trinitarischer Monotheismus” und “unitarischer Monotheismus” benutzt Thoma, ebd., um den christlichen vom rabbinischen Gottesbegriff zu unterscheiden.
8 Pannenberg, W.: Die Bedeutung des Alten Testaments für den christlichen Glauben, in: Jahrbuch für Biblische Theologie 12 (1998) 183.
9 Ebd.
10 Ebd. 184.
11 Ebd. 185.
12 Berger, K.: Wer war Jesus wirklich? Stuttgart 31996, 125f.
13 Ebd. 126.
14 Pannenberg, W.: Die Subjektivität Gottes und die Trinitätslehre, in: Kerygma und Dogma 23 (1/1977) 26.
15 Ebd. 37.
16 Ebd. 38f.
17 Ebd. 39.
18 Haas, A.: Teilhard de Chardin-Lexikon: A-H, Freiburg u.a. 1971, 234.
19 Teilhard de Chardin, P.: Der Mensch im Kosmos, München 1959, 255.
20 Schmitz-Moormann, K.: Pierre Teilhard de Chardin, Mainz 1996, 58.
21 Ebd.
