Angst vor dem Frieden. Eine Debatte zum Nahostkonflikt
Rottendorf-Kolloquium 2010
Das Rottendorf-Projekt lud am 13. Dezember zu einem Kolloquium zum Nahostkonflikt, das auf großes Interesse stieß. Die Aula der Hochschule für Philosophie war mit ca. 250 Zuhörern prall gefüllt und der Bayerische Rundfunk hat die Debatte für seinen Fernsehsender Bayern alpha vollständig aufgezeichnet. Seit seinen Anfängen Mitte der 1980er Jahre beschäftigt sich das Rottendorf-Projekt mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen mit Fragen einer neuen Weltkultur, deren Ziel darin besteht, ein friedliches und humanes Zusammenleben der Völkerfamilie zu befördern. Der Nahost-Konflikt hat ganz offensichtlich eine zentrale Bedeutung dafür, ob und wie eine „neuen Weltkultur“ und die Verständigung zwischen den Völkern gelingen kann – ist er doch ein Schlüssel für die Beziehungen zwischen Ost und West wie auch für das Verhältnis zwischen den drei großen Weltreligionen.
Doch der Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern kommt, wie Johannes Wallacher, der Leiter des Rottendorf-Projekts in seiner Einleitung hervor hob, seit Jahren nicht voran – und die Entwicklungen in diesem Jahr geben wenig Anlass zur Hoffnung, dass sich dies bald ändern könnte. Wallacher erinnerte dabei an den israelischen Militäreinsatz gegen die Schiffe, mit denen Friedensaktivisten Ende Mai die Belagerung Gazas durchbrechen wollten.
Was aber sind die tieferen Ursachen und historischen Hintergründe dafür, dass die Situation im Nahen Osten so ausweglos erscheint? Inwiefern spielen (inter-)religiöse Aspekte dabei eine Rolle? Und was sind Perspektiven und Optionen für die Zukunft? Diese Fragen bildeten den Hintergrund für das Kolloquium des Rottendorf-Projekts am 13. Dezember. Die Basis für die Debatte bildeten die Thesen, die der israelische Historiker Prof. Moshe Zimmermann, Direktor des „Richard-Koebner-Center for German History“ an der Hebräischen Universität Jerusalem, in seinem jüngsten Buch mit dem durchaus provokanten Titel „Die Angst vor dem Frieden: Das israelische Dilemma“ vorgelegt hat.
Für Moshe Zimmermann ist der Friedensprozess, der in den 90er Jahren manche Sternstunde hatte, seit der zweiten Intifada (2000) zum Stillstand gekommen. Alle Wiederbelebungsmaßnahmen sind gescheitert. Was die israelische Seite angeht, liege das an einer allgemein verbreiteten Angst, die von einer Minderheit geschürt werde. Insbesondere die radikalen Siedler und das Militär schürten eine Stimmung, dass in Israel mehr Angst vor dem Frieden als Hoffnung auf den Frieden herrsche.
Dies lässt sich besser verstehen, wenn man betrachtet, was unter einem jüdischen Staat verstanden wird. Die ursprüngliche zionistische Bewegung zielte auf einen laizistischen Staat. 1948 wollte man einen Staat für Juden gründen, damit Verfolgte dort eine Heimat finden könnten. Die Vorstellung eines jüdischen Staates war nicht religiös oder inhaltlich gemeint, sondern betraf vor allem den Charakter des Staates. Die Ideologie dabei war, dass eine Mustergesellschaft entstehen sollte.
Mit der Einwanderung arabischer Juden setzte seit 1968 eine religiöse Romantik ein. Die Argumente für den jüdischen Staat wurden weniger sicherheitspolitisch und mehr religiös. Die Sehnsucht nach dem biblisch verheißenen Land („Eretz Israel“) bestimmte immer mehr Staatsbürger. Die ursprünglich anti-zionistische oder apolitische jüdische Orthodoxie übernahm mit der Zeit eine Führungsrolle in der zionistischen Bewegung. Für die orthodoxen Siedler hieß dies: Das „Eretz Israel“ muss von Juden besiedelt werden, sie haben ein Recht auf das ganze Land. Die israelische Gesellschaft unterstützt diese Tendenzen, die dem Friedensprozess zuwiderlaufen, weil auch sie oft dem Bild verpflichtet sind, dass Juden überall in der Welt gehasst und verfolgt werden – und deshalb nie einen Kompromiss eingehen dürften. Auch das israelische Militär, das sich früher aus der eher laizistischen Kibbuzbewegung speiste, wird heute immer mehr von nationalreligiösen Eliten bestimmt. Dies zeigt sich daran, dass der Militärrabbiner heute eine wichtige erzieherische Rolle spielt.
Abul-Rahman Alawi, lange Jahre europäischer Korrespondent für die palästinensische Nachrichtenagentur WAFA, stellte Zimmermanns Analyse in Frage. Es sei nicht die Angst vor dem Frieden, die die israelische Gesellschaft lähme, sondern der Wille Israels, dass es keinen Frieden gibt. Der Siedler im Westjordanland hat kein Interesse, seine Wohnstatt abzubauen, er glaubt sich im Recht. Die Infrastruktur seiner Siedlung stellt dabei der israelische Staat bereit. Dagegen dürfe selbst ein israelischer Staatsbürger öffentlich nichts unternehmen. Würde er auf offener Straße in Nazareth demonstrieren, würde er erschossen.
Zimmermann erwiderte, dass es dennoch so sei, dass bestimmte Gruppen in Israel die Mehrheit einschüchterten. Ein Baustopp in den besetzten Gebieten würde beispielsweise von einer Mehrheit der Bevölkerung getragen. Die Minderheit der Sieder verschafft sich aber dadurch politisches Gehör, weil die Mehrheit an einem „Bruderkrieg“ kein Interesse hat.
Dr. Christian Rutishauser SJ, Dozent im Lassalle-Haus in Bad Schönbrunn (Schweiz), teilt Zimmermanns These von der unterschwelligen Angst, die die israelische Gesellschaft bestimmt. Er widersprach Zimmermanns Ausführungen aber an einem anderen Punkt. Mehr als in seinem Buch hatte Zimmermann in seinem Vortrag einseitig die Religion als Wurzel der israelischen Angst akzentuiert. Dabei ist es im Allgemeinen nicht die Religion, welche die Gewalttätigkeit motivierte. Das zeigt sich insbesondere an den Weltkriegen des 20. Jahrhunderts. Zimmermann hielt dagegen, dass das Abkommen von Oslo (1993) heute noch eine Lösung sein könnte, wenn Israel nur vom modernen Nationaldenken bestimmt wäre. Der religiöse Fundamentalismus der jüdischen Orthodoxie verhindere heute aber diese Lösung. Rutishauser konterte, dass selbst in der Tora die Verheißung des Eretz Israel an ethische Grundsätze gebunden wäre. Diese theologische Perspektive, so wiederum Zimmermann, entspräche zwar dem europäischen Reformjudentum, aber nicht der heutigen religiösen Wirklichkeit in Israel. Dort sei die Orthodoxie ethnozentrisch geworden. Für Rutishauser ist freilich der Hinweis auf die dominierende Religion in Israel nur ein Vorwand, um nicht den Kampf um die eigene nationale Identität führen zu müssen.
Die Diskutanten sparten die Frage nach der historischen Schuld nicht aus. Alawi betonte, dass die israelischen Siedler eine Position verträten, der beinahe in der ganzen Welt widersprochen wird. Nur aus ihrer Sicht ist die Westbank „befreites Land“, aus einer unparteiischen Sicht heraus sei sie von Israel besetztes Land. Auch in der Analyse des Israelis Zimmermann trägt sein Land die Hauptschuld am Stocken des Friedensprozesses seit der Ermordung Rabins (1995). Dass es in besetzten Gebieten Widerstand gäbe, sei gerechtfertigt. Die israelische Einstellung zu den Arabern sei eine traditionell europäische. Die Europäer haben den Nationalstaat erfunden, diese Ideologie wurde nach Palästina importiert. Der jüdische Nationalismus hätte sich auch ganz anders entwickeln können, schon vor dem ersten Weltkrieg liebäugelten Prager Juden mit einem multinationalen Staat. Die europäische Nationalstaatsidee habe aber den jüdischen Nationalismus vermasselt.
Das Gedenken an die Schoah bestimmt Israels Identität wie kaum etwas anderes. Die erste Generation der Schoah-Überlebenden hat bis in die 70er Jahre hinein kaum darüber gesprochen und die Schoah nicht instrumentalisiert. Die heutige kollektive Erinnerung an die Verbrechen, so Zimmermann, kann für die Israelis entweder als Hinweis verstanden darauf werden, dass man zum Frieden kommen muss, bevor es zur Katastrophe kommt, oder als Hinweis dafür, dass alle Nationen Böses mit Israel vorhaben und man sich dagegen wehren muss.
Der Moderator Dr. Michael Reder, Vertreter des neu gegründeten Lehrstuhls für Völkerverständigung an der Hochschule für Philosophie, stellte dem Podium zuletzt die Frage, wie es mit Israel weitergehen solle. Rutishauser hofft auf viele kleine Schritte und bedauert, dass die Friedensinitiative Saudi-Arabiens (2002/2007) nicht aufgenommen wurde. Alawi verwies darauf, dass sich diese Initiative nicht nur wie die Roadmap (2002) auf Sicherheit fokussiert hätte, sondern ein umfassendes Konzept vorgestellt hätte, bis hin zu einer evtl. Aufnahme Israels in die Arabische Liga. Eine Lösung müsse von möglichst vielen Seiten mitgetragen werden. Dazu müsse Europa seine Politik gegenüber Israel ändern, letztlich auch Unruhen in Israel in Kauf nehmen. Auch Zimmermann bemerkt eine gewisse Schüchternheit von Seiten Europas. Er betont aber, dass Druck von außen keine Lösung sei und in Israel nur Trotz hervorrufe. Ihm schwebt vor, dass ein Umdenken einsetzt. Wenn Israelis anders denken würden und nicht mehr davon ausgingen, dass sie und die Palästinenser Feinde sind, ließen sich die Probleme lösen. Wenn die Europäer – freilich nach den beiden großen Kriegen des 20. Jahrhunderts – „die Diskette im Kopf“ gewechselt hätten, könnten es vielleicht die Israelis auch – und bevor es zur Katastrophe kommt.
In der Diskussion mit dem Publikum verwies Zimmermann darauf, dass seine linksintellektuelle Position im heutigen Israel kaum gehört werde. Er bedauert, dass sich in seinem Land eine Art Apartheitssystem ausbreitet. Anders als gegen Südafrika aber könnte sich aber gegen Israel niemand wirksame wirtschaftspolitische Sanktionen durchsetzen. Statt den Druck auf Israel zu verstärken, solle man den Druck aus der Debatte herausnehmen und miteinander reden. Alawi dagegen geht davon aus, dass man nur über Druck auf Israel einen Weg zum Frieden finden wird.
Matthias Rugel
