Jahresbericht 2003
0. Leitartikel: Globale Solidarität mit den Armen
1. Wissenschaftliches Kolloquium »Wie viel Reichtum verträgt die Erde? Globaler Wohlstand zwischen Marktdynamik und Maßhalten«
2. Interdisziplinäres Symposium »Grenzenloses ›Recht auf Freizügigkeit‹? Weltweite Mobilität zwischen Freiheit und Zwang«
3. Interdisziplinäres Symposion anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Forschungs- und Studienprojekts der Rottendorf-Stiftung an der Hochschule für Philosophie: »Gibt es ein Menschenrecht auf Gesundheit?«
4. Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen«
5. Gastvortrag: Prof. Dr. Franz Magnis-Suseno SJ, »Islam in Indonesien - Modell eines friedlichen Miteinanders der Religionen?«
6. EUROJESS-Kongress 2003
Leitartikel: Globale Solidarität mit den Armen
Das Forschungs- und Studienprojekt der Rottendorf-Stiftung an der Hochschule für Philosophie konnte im vergangenen Jahr sein 20jähriges Bestehen feiern. Dies war Anlass zu einem Jubiläumssymposion, bei dem auch ein Rückblick auf die bisherige Arbeit geworfen wurde. Von Anfang an war der Dialog zwischen den Kulturen ein Kernanliegen, getragen von der Überzeugung, dass die vielfältigen Herausforderungen der Gegenwart nur gemeinsam lösbar sind. Von Anfang an war der Dialog zwischen den Religionen ein wesentlicher Bestandteil des Projekts, was sich gerade in den letzten Jahren im Gefolge der weltpolitischen Verwerfungen nach dem 11. September 2001 als sehr weitsichtig erwiesen hat.
Jeder solche Dialog wird freilich nur dann fruchtbar werden, wenn man ihn nicht in einem abgeschiedenen Elfenbeinturm führt, sondern auf dem Hintergrund der realen Weltbedingungen, die heute vor allem vom schillernden Phänomen der Globalisierung bestimmt sind. Dieser Prozess betrifft keineswegs nur die Weltwirtschaft, sondern hat weit reichende Auswirkungen auch auf die politischen Handlungsspielräume und das Miteinander von Kulturen und Religionen. Globalisierung bringt nämlich auch eine Verbreitung der Leitbilder der westlichen Zivilisation mit sich, was Menschenrechte und Demokratie ebenso umfasst wie Konsummuster und Freizeitverhalten. All dies verstärkt die Pluralisierung von Werten, Normen und Verhaltensweisen. Mehr Pluralität stellt aber stets bisher selbstverständliche Identitäten in Frage und enthält so unvermeidlich ein erhebliches Konfliktpotenzial, selbst in den westlichen Industrieländern, wie der aktuelle Streit um das islamische Kopftuch in Deutschland oder Frankreich zeigt.
Ein solcher Dialog – zumal zwischen Kulturen und Religionen – muss von einer normativen Reflexion, die in ethischen Werten gründet, begleitet werden, denn andernfalls würde er bestenfalls gute Analysen liefern, sich letztlich aber in folgenlosen Gesprächen erschöpfen. Aus diesem Grund steht das Projekt seit fast 10 Jahren unter dem Leitthema »Globale Solidarität«. Der interdisziplinäre Dialog, ein Merkmal der Tätigkeit des Projekts, muss vor allem darauf achten, Globalität nicht einfach mit Universalität gleichzusetzen. Denn was sich global ausbreitet, etwa eine bestimmte Mode, gründet damit noch nicht in universal gültigen Wertmaßstäben. Umso wichtiger ist es, die Globalisierung in ihren vielfältigen Ausprägungen nicht als unabänderlich hinzunehmen, sondern sie nach möglichst universal akzeptierbaren Maßstäben zu gestalten. Auch das Ziel »globaler Solidarität« bedarf einer universalen Grundlage, wenn das solidarische Mit- und Füreinander die weltweiten Beziehungen stärker als bisher prägen soll.
Ein echter Dialog ist schließlich nicht nur eine Frage des guten Willens der beteiligten Menschen, sondern er braucht auch förderliche Rahmenbedingungen, die in der Diskussion um eine neue Weltordnung oft zu kurz kommen. Die Globalisierung ist ein ambivalentes Phänomen mit erheblichen sozialen und ökologischen Kosten. Sie kennt nicht nur Gewin-ner, sondern auch Verlierer. Vieles deutet darauf hin, dass sie zum Ausschluss und zur Verarmung einer wachsenden Zahl von weniger leistungsfähigen Menschen, Bevölkerungsgruppen und ganzen Regionen beiträgt und einen verschwenderischen Lebensstil auf Kosten künftiger Generationen fördert. Auf dieser Grundlage wird es schwerlich zu einem fruchtbaren Dialog kommen.
»Globale Solidarität« und »Schritte zu einer neuen Weltkultur« erfordern darum besondere Aufmerksamkeit für die Armen und Menschen am Rande, für all jene, denen selbst ein bescheidener Wohlstand verwehrt ist, für die Partizipation ein Fremdwort ist und die aus welchen Gründen auch immer diskriminiert werden. Man kann auch einfach auf jene Menschen verweisen, denen ihre fundamentalen Rechte verweigert werden, die politischen ebenso wie die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte.
Umso mehr braucht es eine Politik, die einen Ausgleich zwischen Nord und Süd wie zwischen West und Ost in den realen Lebensverhältnissen anstrebt. Dies ist die wohl wichtigste Voraussetzung für ein friedliches Miteinander der Völker, Kulturen und Religionen. Nur so werden sich auch die Bedingungen, die ein Nährboden für Konflikte sind, ändern bzw. beseitigen lassen. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich Unzufriedenheit, Enttäuschung oder gar Verzweiflung in Aggressionen gegen andere Ethnien, Kulturen oder Religionen ein Ventil verschaffen. Anders gesagt: Es ist zu vermeiden, dass die hehren Ideale des Dialogs in einer rein virtuellen Welt befolgt werden, ohne im materiellen Bereich des Überlebens ihren Niederschlag zu finden. Auch die Arbeit des Projekts wird dieses Anliegen noch mehr als bisher zu einem Schwerpunkt zu machen versuchen.
Johannes Müller SJ
1. Wissenschaftliches Kolloquium: »Wie viel Reichtum verträgt die Erde? Globaler Wohlstand zwischen Marktdynamik und Maßhalten«
am 17. Januar 2003.
Die gegenwärtigen Produktions- und Konsummuster in den Industrieländern sind im Vergleich zu den meisten Entwicklungsländern mit einem vielfachen Pro-Kopf-Verbrauch an Energie, Rohstoffen und anderen natürlichen Ressourcen verbunden. Ebenso tragen sie überproportional zur globalen Erwärmung durch Treibhausgase bei. In den ärmeren Ländern ist es bisher nur einer kleinen Minderheit möglich, diesen ressourcenaufwendigen Lebensstil zu übernehmen. Die große Mehrheit der Bevölkerung dieser Länder strebt allerdings ebenfalls nach einem vergleichbaren Wohlstand. Dieser Anspruch lässt sich kaum mit guten Gründen zurückweisen, solange die reichen Länder einen solchen Lebensstil für sich für legitim halten. Eine entsprechende Entwicklung würde jedoch weltweit zu einem starken Anstieg des Verbrauchs an natürlichen Ressourcen sowie der Umweltbelastung und damit zu möglicherweise nicht mehr bewältigbaren ökologischen Problemen führen – jedenfalls wenn die heutigen Produktions- und Konsummuster der Industrieländer einfach übernommen würden. Es stellt sich daher die Frage nach grundlegenden Strategien für ein dauerhaft-umweltgerechtes Zivilisationsmodell, das weltweit übertragbar ist. Dieser Frage wurde aus unterschiedlichen Perspektiven beim Wissenschaftlichen Kolloquium 2003 des Rottendorf-Projekts nachgegangen.
Hans-Rimbert Hemmer, Professor für Volkswirtschaftslehre und Entwicklungsländerforschung an der Universität Gießen, stellte in seinem Vortrag »Technologischer Fortschritt und Markteffizienz« einführend den Grundansatz ökonomischer Analyse, eine ökologische Klassifizierung natürlicher Ressourcen sowie die Determinanten wirtschaftlichen Wachstums aus ökologischer Sicht dar. Der Schwerpunkt des Referats bestand aus einer Analyse der traditionellen ökonomischen Wachstumsphilosophie und deren Kritik. Laut der traditionellen ökonomischen Theorien gibt es keine Grenzen des Wachstums, mögliche Engpässe von Ressourcen lassen sich dabei über den Markt und Effizienzsteigerungen, also technischem Fortschritt, kompensieren. Damit ist ein Verzicht auf die Nutzung der natürlichen Ressourcen und der Umwelt zugunsten künftiger Generationen nicht notwendig. Die zentrale wachstumstheoretische Herausforderung besteht darin, Kriterien für die optimale Nutzung der verfügbaren natürlichen Ressourcen abzuleiten. Die zentralen Kritikpunkte am traditionellen Modell liegen darin, dass einerseits der Markt aufgrund unzureichend definierter Eigentumsrechte an Umwelt gar nicht angemessen auf die ökologischen Knappheitsverhältnisse reagieren kann, und das Modell andererseits das Problem der nicht-erneuerbaren Ressourcen nicht löst.
Aus diesem Grund wurde als Alternativmodell das des »nachhaltigen Wirtschaftens« eingeführt. Aber auch dieses neue Nachhaltigkeitsparadigma ist nicht unproblematisch: zum einen steht es in der Gefahr, dass es zu einer inhaltlichen Leerformel wird, sobald man es mit immer weiteren Dimensionen auflädt, zum anderen gibt es bis heute noch kein allgemein akzeptiertes Konzept, wie nachhaltige Entwicklung mit nachhaltigem Wachstum zu vereinen sein könnte. Das Fazit des Vortrags: Umweltschutz, wirtschaftliches Wachstum und Armutsminderung stehen nicht im Widerspruch zueinander; sie sind vielmehr untrennbar miteinander verbunden und insofern richtigerweise im Ziel der nachhaltigen Entwicklung integriert. Für die praktische Politik ist neben den beschriebenen theoretischen Schwierigkeiten das eigentliche Problem darin zu sehen, dass sowohl das politische System vorrangig auf die Befriedigung kurzfristiger Interessen fixiert ist und deshalb kaum Möglichkeiten zur Berücksichtigung langfristiger Ziele bietet, wie auch der unmittelbare Druck der Armut in den Ländern des Südens zur vorrangigen Befriedigung von Gegenwartsbedürfnissen führt und so die Interessen künftiger Generationen häufig als vermeintlich nebensächliche außen vor bleiben.
Franz Josef Radermacher, Vorsitzender und wissenschaftlicher Leiter des Forschungsinstituts für Anwendungsorientierte Wissensverarbeitung (FAW) in Ulm, stellte in seinem Vortrag das Modell einer ökosozialen Marktwirtschaft als Schlüssel zu einer nachhaltigen Entwicklung dar. Mehrere Faktoren spielen dabei zusammen:
• ein ordnungspolitischer ökosozialer Rahmen, der die Möglichkeiten des technischen Fortschritts geeignet koppelt mit der Beachtung von Standards im Umweltbereich und im sozialen Bereich;
• eine Beschränkung des kollektiven Tuns, v.a. im Norden, teilweise aber auch im Süden;
• die Ausweitung ökosozialer Marktwirtschaft auf die globale Ebene, d.h. konkret, dass internationale Abkommen die Angleichung von Standards, z.B. bzgl. Ausbildung, Rechte der Frauen, Wasserversorgung, Umweltschutz etc. koppeln mit der Ko-Finanzierung der Entwicklung der ärmeren Länder durch die reichen Länder;
• ein Friede zwischen den Kulturen als Eckpfeiler einer nachhaltigen Entwicklung.
Konkret operationalisiert sähe das Szenario nach Radermacher wie folgt aus: Es wäre denkbar, einen Faktor 10 an Wachstum über die nächsten 50 bis 100 Jahre in eine Vervierfachung des Reichtums im Norden und eine dazu korrespondierende mögliche Vervierunddreißigfachung des Wohlstands im Süden zu überführen. In seinen eigenen Worten: »Der Norden würde sich dabei von heute 80 % des ›Kuchens‹ in Richtung auf 32 % des verzehnfachten Volumens der Weltökonomie bewegen. Der Süden könnte sich als Folge dieser Entwicklung von heute nur 20 % des ›Kuchens‹ hin zu 68 % des dann zehnmal größeren Weltbruttosozialprodukts bewegen. Das wäre eine Vervierunddreißigfachung des dortigen Bruttosozialproduktes. In Wachstumsraten entspricht das im Norden in etwa einer mittleren Wachstumsrate von 2,8 %, im Süden einer mittleren Wachstumsrate von etwa 8 % über 50 Jahre. Dies ist besser als die heutige Rate in Indien, schlechter als die Rate in China und insgesamt nicht unrealistisch. Länder, die aufholen, müssen primär nur kopieren, können deshalb hohe Wachstumsraten erzielen. Länder an der Spitze, reiche Länder, müssen Innovationen erfinden. Das bedeutet ein vergleichsweise langsames Wachstum. Aber wenn wir beides vernünftig miteinander kombinieren, könnten wir uns im Jahr 2050 in einer Situation befinden, in der die Menschen im Norden pro Kopf durchschnittlich nicht mehr sechzehn mal so reich sind wie die Menschen im Süden, so, wie das heute als Ausdruck einer ›Globalen Apartheid‹ der Fall ist, sondern nur noch etwa doppelt so reich, wobei sie zugleich im Schnitt viermal so reich wären wie heute.«
Michael Rosenberger, Professor für Moraltheologie in Linz, explizierte in seinem Vortrag »Ökologischer Wandel durch Konsumverzicht« nochmals die Suffizienzfrage der Vorredner, indem er eine - primär schöpfungstheologische - Verbindungslinie zog zwischen den Konzepten Nachhaltigkeit, Maßhalten und Opfer. Ausgangspunkt war dabei seine Frage, ob Menschen ohne Spiritualität überhaupt fähig und bereit sein werden, nachhaltig zu leben. Zur allgemein akzeptierten Steigerung technischer Effizienz und der breit angelegten Erschließung regenerativer Energien müssen nämlich Verhaltensänderungen (Umkehr) ebenso kommen wie die Suffizienz, also ein beschränkter Verzicht auf materielle Güter. Dies impliziert, die gegenwärtig vorherrschenden Werte zu überdenken und zu einem weit reichenden Wertewandel zu kommen. Grundhaltungen der Schöpfungsspiritualität wie Maßhaltung und Bereitschaft zu Verzicht und Opfer können in diesem Zusammenhang neues Gewicht gewinnen.
Maßhaltung bedeutet dabei - im Kontext des christlichen Liebesgebots gesagt - die Konkretion grenzenloser, sich selbst stets überschreitender Liebe im Rahmen einer begrenzten, weil leibhaftigen Wirklichkeit. Das beinhaltet die Übernahme der platonischen Sicht, die Gerechtigkeit und Maßhaltung als zwei Seiten einer Tugend betrachtet. Wenn man im Rahmen einer christlichen Schöpfungsspiritualität als leitendes Kriterium verantworteten Handelns die Lebensdienlichkeit (bezogen auf alle Lebewesen) definiert, ergeben sich für die Gerechtigkeit zwei Folgen: Nach außen würde Gerechtigkeit (als Haltung) demnach bedeuten, die Gestaltung der Welt an diesem Leitbild zu orientieren und so Schöpfungsgerechtigkeit (als Zustand) zu ermöglichen. Nach innen wäre Maßhaltung die Bereitschaft, die von außen auf Grund der Berücksichtigung der Lebensmöglichkeiten aller Lebewesen gezogenen Grenzen zu verinnerlichen, sie zu akzeptieren und die eigenen Wünsche und Begierden durch sie zu begrenzen bzw. kreativ weiterzuentwickeln. Gerechtigkeit im Sinne des Tuns des Seinigen wäre die Verwirklichung der Lebensdienlichkeit nach außen, Maßhaltung als Selbstbeschränkung die Verinnerlichung der Lebensdienlichkeit in die eigene Personmitte hinein. Die Grundtugend der Maßhaltung schließt die Bereitschaft zum Verzicht ein. Dieser Verzicht ist nicht willkürlich, sondern erfolgt überlegt und gezielt. Es ist ein Verzicht um des je größeren Gewinns willen. Er hat daher die Struktur des Opfers. Opfer bezeichnet den Verzicht um etwas willen, aus einem guten Grund. Das Opfer ist der »Stachel« des zahmen Wesens der Maßhaltung, seine eigentliche »Sinn-Spitze«.
2. Interdisziplinäres Symposion: »Grenzenloses ›Recht auf Freizügigkeit‹? Weltweite Mobilität zwischen Freiheit und Zwang«
am 23./24. Mai 2003.
Die Entgrenzung von Zeit und Raum ist ein Merkmal der Moderne und hat mit dem Prozess der Globalisierung noch erheblich zugenommen. Nachdem sich das Rottendorf-Projekt beim Symposion 2000 mit der Thematik »Beschleunigung, Verlangsamung« beschäftigt hat, wollte das Symposion 2003 das Phänomen wachsender globaler Mobilität interdisziplinär diskutieren. Ausgangspunkt war dabei die Beobachtung, dass die Menschen immer mobiler werden und nationale Grenzen auch in dieser Hinsicht an Bedeutung verlieren, andererseits aber nur eine privilegierte Minderheit von diesem »Recht auf Freizügigkeit« nach eigenen Wünschen Gebrauch machen kann. Dies zeigt besonders der globale Arbeitsmarkt, der weit weniger »freizügig« ist als alle anderen Faktorenmärkte. Außerdem ist zumindest in manchen Regionen eine Wiederentdeckung der Bedeutung lokaler Lebensräume (Heimat, Wirtschaftskreisläufe, Kultur, Religion) festzustellen. Am augenfälligsten sind diese widersprüchlichen Tendenzen im Bereich der Migration mit ihren vielfältigen Facetten, der sich immer mehr ausdehnt, obwohl die Zuwanderung nach wie vor fast allein von Nationalstaaten geregelt und sehr restriktiv und selektiv gehandhabt wird.
Ludger Pries, Professor für Organisationssoziologie und Mitbestimmungsforschung in Bochum, führte im Eröffnungsvortrag mit dem Titel »Integration als Raumentwicklung - Soziale Räume als Identifikationsräume« in das Phänomen transnationaler Räume und seine Implikationen für die Migrationsforschung ein. Ausgangspunkt seiner Überlegungen waren die heutigen starken Differenzierungen der erlebten und gelebten Raumhorizonte nach sozialen Gruppen. Die größer werdenden Gemeinschaften der kosmopolitanen Jet-Setter (Künstler, Manager, Wissenschaftler, Journalisten etc.) erleben ihre alltagsweltlichen Lebens- und Arbeitsbezüge eher als pluri-lokalen und internationalen bzw. globalen Verflechtungszusammenhang denn als vorwiegend lokalen oder nationalen Raumhorizont. Mehr als 100 Millionen internationaler Migranten und Flüchtlinge leben in einer räumlich gespaltenen Welt, in der Ereignisse und Lebensschicksale in ihrer unter Umständen Tausende von Kilometern entfernten Herkunftsgemeinde subjektiv viel bedeutsamer sind, als die politischen, ökonomischen oder sozialen Begebenheiten in den Nachbarstädten ihrer Ankunftsregion. Bisherige Vorstellungen, dass sich die geographisch-physischen Raumhorizonte, in denen Menschen sich selbst und die Welt erleben, Zwiebelschalen gleich in konzentrischen Kreisen um ihren jeweiligen Wohn- und Lebensort gruppieren, werden der Lebensrealität vieler kaum mehr gerecht. Speziell geht es dabei um Menschen, die aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen und der geographisch-räumlichen Verteilung des für sie relevanten Lebens- und Erlebenszusammenhangs eine Lebenspraxis entwickeln, die einen mehr oder weniger kohärenten Sozialraum, der sich über verschiedene, geographisch-räumlich sehr weit auf verschiedene Nationalgesellschaften verteilte ›Orte‹ hinweg gleichsam transnational aufspannt.
Die sich aus diesem Phänomen ergebenden Fragen an das Verhältnis von Sozialräumen als alltagsweltlichen Lebenszusammenhängen und geographisch-physischen Räumen wurden im zweiten Teil des Vortrags unter Rückgriff auf verschiedene Raumkonzepte (u.a. idealistische und evolutionäre, absolutistische vs. relationale, Flächenraum - Sozialraum - Zeitraum, etc.) diskutiert.
Auf dieser theoretischen Grundlage wurden schließlich einige Implikationen des Transnationalisierungs-Konzeptes für wichtige Aspekte der Migrationsforschung angesprochen: Eine ›gebunden nomadische Daseinsform‹, die nicht dauerhaft auf einen Platz fixiert, aber gleichzeitig nicht als deterritorialisiert, sondern pluri-lokal und transnational bezeichnet werden kann, entwickelt sich zu einer Überlebensstrategie der Transmigranten. Als aktive soziale Akteure bilden Transmigranten neue kulturelle Muster und Formen der Vergemeinschaftung und Vergesellschaftung heraus. Im Gegensatz zu klassischen Immigranten oder Einwanderern, die sich über mehrere Generationen in die Aufnahmegesellschaft assimilieren bzw. integrieren oder aber als Rückkehrer dauerhaft in die Herkunftsregion zurückkehren, positionieren sich Transmigranten in beiden (oder allgemein: mehreren) Regionen und Plätzen gleichzeitig. In Bezug auf die subjektiven Selbst-Verortungen kann man in diesem Zusammenhang von neuen »sowohl-als-auch-Identitäten« der Migranten sprechen.
Als neue Form der Vergesellschaftung sind transnationale Sozialräume jedoch nicht als eine beliebige Restkategorie zu verstehen, in die alles aufgenommen werden kann, was in den homogenen nationalstaatlichen Gesellschaft-›Container‹ nicht mehr hineinpasst. Vielmehr gilt es, die Aufmerksamkeit auch auf Interaktionsbeziehungen zwischen den transnationalen Sozialräumen einerseits und den nationalstaatlich verfassten Herkunfts- und Ankunftsgesellschaften andererseits zu richten. Es kann davon ausgegangen werden, dass trotz des Fortbestandes und der weiterhin dominanten Bedeutung nationalgesellschaftlicher ›Container‹-Vergesellschaftungsbezüge für viele Menschen relationale, pluri-lokale und transnationale Sozialräume an Bedeutung gewinnen, an denen sie in der einen oder anderen Form teilhaben, was sich vermutlich auch auf die Forschung über und Politik zur Integration von Migranten in Form neuer Herausforderungen auswirken wird.
Die seit über einem Jahrzehnt entwickelte Forschungslinie der Transnationalisierung legt eine systematische Erörterung des Verhältnisses von Sozialem und Räumlichem bzw. von sozialen und geographischen Räumen und eine Unterscheidung zwischen absolutistischen und relativistischen Raumkonzepten nahe. Im Lichte einer solchen konzeptionellen Erweiterung der Forschungen über internationale Migration ergeben sich auch wichtige Impulse für eine Erweiterung des wissenschaftlichen wie des gesellschaftspolitischen Verständnisses der Inkorporation von Migranten.
Im Folgevortrag »Wandern Frauen anders als Männer? Migrantinnen im Spannungsfeld von Befreiung und Zwang« ging Annette Treibel, Professorin für Soziologie in Karlsruhe, speziell auf weibliche Migration ein. Migrantinnen sind eine nicht weniger heterogene Gruppe als Migranten. Im Pendant zur männlichen Migration sind Mädchen und Frauen Arbeitsmigrantinnen, Flüchtlinge, Expertinnen, Pendlerinnen und Transmigrantinnen. Dennoch ist Migration wie alle sozialen Prozesse nicht geschlechtsneutral.
Was die Wanderungsgründe angeht, so sind die der Frauen denen der Männer sehr ähnlich: Frauen wandern aus, weil sie verfolgt werden, aus existentieller Notwendigkeit, zur Sicherung des Lebensunterhalts für sich und/oder Angehörige, aus Lust am Abenteuer oder an der Veränderung, auf der Suche nach einer neuen Heimat, in Begleitung ihres Partners oder auf der Suche nach einem solchen, zu Ausbildungs- oder Studienzwecken oder weil ihre Firma sie als Expertin für eine befristete Zeit ins Ausland schickt. Bezüglich der Wanderungsformen gilt Entsprechendes. Frauen sind beteiligt an freiwilliger Migration (sog. Arbeitsmigration) und an Zwangsmigration (Flucht, Vertreibung), an Armutsmigration und an Expertenmigration, an Binnenmigration und an internationaler/interkontinentaler Migration sowie an temporärer bzw. permanenter Migration. Neben den geschlechtsneutralen Wanderungsmotiven Armut, Verfolgung, Arbeitssuche und mangelnde Lebensperspektive kommen als geschlechtsspezifische bei Frauen verschärfte Mittellosigkeit und strukturelle Diskriminierung hinzu. Bezieht man die Fluchtmigration mit ein, erweitert sich die Liste um Verfolgungssituationen, die in dieser Form ausschließlich Mädchen und Frauen betreffen: Beschneidung, sexuelle Gewalt, drohende Mitgiftmorde.
Bezüglich der Arbeitsmigration ist nicht nur zu konstatieren, dass auch Frauen wandern, sondern dass gerade Frauen wandern. Frauen sind wegen der ihnen zugeschriebenen Verlässlichkeit und Loyalität gewissermaßen prädestiniert für die Migration. Die Nachfrage nach weiblichen Dienstleistungen in vielen Aufnahmeländern, verstärkt durch einen globalen Trend zur Feminisierung der Arbeit, wird zu einem neuen Pull-Faktor. Frauen werden in die Metropolen oder ins Ausland geschickt, um die Existenz des Familienverbandes zu sichern. In diesen Fällen ist von einer relativ starken Familienbindung der Migrantin auszugehen, die gleichwohl mit dem Bedürfnis, aus beengten gesellschaftlichen und familiären Verhältnissen zu entkommen, Hand in Hand gehen kann. Stärker eingeschränkt sind die Handlungsspielräume von Frauen, die ihre wandernden Ehemänner begleiten (müssen).
Migrantinnen bleiben dem Netzwerk ihrer Herkunftsfamilie eng verbunden, und zwar emotional wie materiell. Die Familie in der Heimat stellt unterschiedliche, aber z.T. auch unangemessen hohe finanzielle Anforderungen, denen nachzukommen die Migrantinnen jedoch für selbstverständlich halten. Eine hohe Unterstützungsbereitschaft, nicht nur gegenüber in der Heimat verbliebenen eigenen Kindern, den Eltern, sondern auch den Geschwistern, geht einher mit einem starken Verpflichtungsgefühl.
Aus Migrationsketten und neuen Kontakten im Aufnahmeland entstehen in den Aufnahmeländern wiederum Netzwerke von Migrantinnen, in der Regel von Frauen derselben nationalen bzw. ethnischen Herkunft. Die transnationalisierten ethnic communities wirken stabilisierend und ambivalent zugleich. Sie ermöglichen den Migrantinnen den Aufbau einer ethnischen Identität, die insbesondere bei etablierteren Zuwanderinnen als Option fungieren kann. Auf diese Weise bieten sie Aufstiegsmöglichkeiten und einen Sicherheitsanker. Auf der anderen Seite üben sie eine starke soziale Kontrolle aus.
Der letzte Teil des Vortrags ging ein auf »neue Wanderungen«, also Pendlerinnen und Transmigrantinnen mit dem Arbeitsplatz Privathaushalte. Weltweit wird ein dramatisch gestiegener Bedarf nach domestic services während der 1990er Jahre konstatiert. Aufgrund von internationalen Wanderungsbewegungen, legaler und illegaler Migration und immer neuer Unterschichtung der Arbeitsmarktes stehen für den Arbeitsmarkt Privathaushalt Arbeitskräfte zur Zeit in ausreichendem Maße zur Verfügung. Es entsteht eine historische Arbeitnehmerinnengruppe in veränderter Form wieder neu - das Dienstmädchen, das es in höheren Mittel- und Oberschichten immer schon gegeben hatte, kehrt zurück. Die Angleichung der weiblichen an die männliche ›Normalbiographie‹, die (berufliche) Individualisierung der Frauen in reicheren Gesellschaften erzeugt einen Bedarf an Hilfspersonal, der ausschließlich von Frauen gedeckt werden kann. Diese stammen aus ärmeren Ländern, in denen sie dann zunehmend die Ernährerrolle für ihre Kernfamilie und häufig auch für die Verwandtschaft übernehmen.
Resümierend kam Annette Treibel zu folgenden Ergebnissen: In vielen Regionen der Welt ist der typische Arbeitsmigrant nicht mehr männlichen, sondern weiblichen Geschlechts. Die Migrantinnen finden Arbeit, weil sie in mehrfacher Hinsicht diskriminiert werden (können), sie nutzen die neuen Lebensumstände aber auch zur Veränderung ihrer persönlichen Situation. Frauen übernehmen unterschiedliche Parts im Migrationsgeschehen und sind nicht nur abhängige Familienangehörige und/oder abhängige Beschäftigte. Wandern Frauen anders als Männer? Eine eindeutige Antwort auf die Titelfrage ist demnach nicht möglich. Sie lautet in manchen Aspekten »nein«, und in anderen Aspekten »ja«. Die Besonderheit der weiblichen Migration besteht jedoch in einer Grundspannung aus Befreiung und Zwang.
Anschließend gaben, gleichsam zur Halbzeit des Symposions, Michael Hainz SJ und Michael Schöpf SJ, beide München, einen Praxisbericht aus der Arbeit des Jesuitenflüchtlingsdienstes. Während Michael Schöpf vorrangig die internationale Struktur, die weltweiten Aufgabenfelder und die Tätigkeit im europäischen Rahmen darstellte (siehe auch www.jesref.org), berichtete Michael Hainz aus seiner konkreten Arbeit mit und für Abschiebehäftlinge.
Den Einstieg in den zweiten Tag übernahm Norbert Brieskorn SJ, Professor für Sozial- und Rechtsphilosophie in München, mit einem Referat über »Begrenzung und Entgrenzung aus sozial- und staatsphilosophischer Perspektive«. In drei Kapiteln bzw. neun Thesen führte er von einem sozialphilosophischen (Thesen 1 und 2) über einen staatsphilosophischen (Thesen 3 bis 6) zum rechtsphilosophischen Teil (Thesen 6 bis 9) seiner Thematik. Mit Kant, Hegel, Simmel, Montaigne, Luhmann und Assmann wurde die erste These aufgestellt, dass Leben und Kultur Begrenzung verlangen und nur durch Beschränkung sich Leben leben und steigern lässt. Der Exkurs zu den drei Grenzüberschreitungen Fest, Kunstwerk und Verbrechen leitete über zur zweiten These »Kein Leben, auch nicht das soziale Leben, verträgt eine völlig undurchlässige Grenze.« Aus der Natur sozialer Einheiten, ihrer Porösität, folgt die Aufgabe, Transparenz zu gestalten, verdeutlicht mit einem Blick in die Geschichte: Abgrenzung und Durchlässigkeit, Einschluss und Ausschluss hatte die Politik ab dem 16. Jahrhundert in Europa im Umgang mit den Minderheiten vorzunehmen und eine Politik der Toleranz zu entwerfen.
Damit war der Vortrag bei seinem staatsphilosophischen Teil angekommen: Mit der dritten These »Im politisch-sozialen Bereich gibt es keine natürliche Grenze und daher auch keine ›natürlichen‹ Fremden«, wurde erstmals eine explizite Brücke geschlagen zu den Vorrednern. Weil jede soziale Grenze verschoben werden kann, gibt es hier eben auch keine ›natürlichen‹ Grenzen, z.B. sprachlicher Natur; gibt es aber sie nicht, dann auch keine ›natürlichen‹ Feinde - die Gegenposition dazu wurde gerade in der Politik des 19. und 20. Jahrhunderts mit all seinen Folgen vertreten. Die vierte These lautete: »Das Ideal der politischen Autonomie ist in einer Welt intensiverer Vernetzung und Abhängigkeiten zwar neu zu fassen, doch nicht überholt. Das Streben nach Selbständigkeit erhält eine mächtige Dynamik von daher, dass die Menschen erleben, einander nicht so leicht entkommen zu können.« Sie versuchte eine Verhältnisbestimmung von Partizipationsrechten und Staatlichkeit. Wenn die Partizipationsrechte so etwas wie ein Grundanliegen des Menschen sichern helfen wollen, nämlich die Mitbestimmung im Rahmen seines Zusammenlebens, dann muss Politik dazu dienen, dem Menschen Gemeinschaften in einer Größenordung anzubieten, in welchen er sein Mitbestimmungsrecht verwirklichen kann. In diesem Kontext bedeutet v.a. die »Organisation der Enge« eine Herausforderung für die Staatsphilosophie. Nicht ein durch viele Kilometer getrenntes Wohnen, sondern enges Aufeinanderwohnen und -arbeiten zwingt zur Reflexion über Rechte, die ja Zuordnungen der Freiheitsräume sind, und Pflichten sowie über die souveräne Gewalt des Herrschers. Eine weitere zentrale Frage in diesem Kontext, die nach der Souveränität, behandelte die fünfte These: »Das Souveränitätsdenken spornte die Suche nach Selbständigkeit an, erschwerte aber auch den Einlass der Fremden.« Innerstaatliche Souveränität, in der Moderne durch Menschenrechte stark eingeschränkt, sucht sich auf den wenigen verbliebenen Feldern auszudrücken - darunter das Ausländer- und Fremdenrecht.
Der dritte Teil, der rechtsphilosophische, setzte ein mit der sechsten These »Wie alles begrenzt ist, ist es auch das Recht in seinem Inhalt und seiner Anwendung. Es hat aber unabdingbare und gestaltbare Grenzen. Das Recht auf Freizügigkeit kann nie uneingeschränkt sein.« Das Recht auf Freizügigkeit hat im innerstaatlichen Bereich in Deutschland seine Grundlage im Art. 11GG. Es ist das Recht, ohne Behinderung durch die Staatsgewalt an jedem Ort Aufenthalt und Wohnsitz zu nehmen, kommt aber nur den Staatsbürgern dieses Staates zu und erlischt an der Staatsgrenze. Zwischenstaatlich existiert kein Recht, das Zuwanderung unterstützen würde, und auch auf Menschen- und andere Rechte kann sich nur berufen, wer bereits tatsächlich eingereist ist. Eine allgemeine Aussage über die conditio humana, im engeren Kontext der Migrationsdebatte aber gut applizierbar, stellte die siebte These dar: »Da die Welt verteilt, zugeteilt und in Besitz genommen ist, finden sich der Neu-dazu-Tretende, die neue Generation, aber auch der Fremde immer vor Aussperrungen wieder, vor Staatsgrenzen oder den Grenzen des Privateigentums.« In die Zukunft gerichtet dann die achte und neunte These: »Unabhängig von den Bevölkerungsentwicklungen und jenseits aller Kalküle und sittlicher Pflichten sollte zumindest der Gedanke des Weltbürgertums gestärkt werden.« sowie »Eine weltweite Neuordnung von Staatsgrenzen, Zugängen zu den Reichtümern der Erde und Ansiedlungsrechten wird zumindest aufgrund der Bevölkerungszunahme und -verteilung notwendiger werden.«
Resümierend strich Norbert Brieskorn SJ am Ende seines Vortrags nochmals heraus: »... das hohe Gut der Selbstverwaltung, die immer eine abgegrenzte politische Gemeinschaft benötigt; das Grenzen beinhaltende Recht auf Freizügigkeit; dass politische Grenzziehungen nur dann von einiger Dauer sein können, wenn sie von beiden Seiten Akzeptanz finden; und dass jegliche Öffnung und Aufnahme Fremder vom Gemeinwohl her zu bestimmen ist - und zwar umfassender als nur vom Gemeinwohl des Herkunfts- und des Zielstaates bzw. beider Gesellschaften.«
Der letzte abschließende Teil des Symposions behandelte konkrete politische Herausforderungen und Konsequenzen der Migrationsdebatte samt ihrer sozialethischen Reflexion. Walter Lesch, Professor für Moraltheologie in Louvain-la-Neuve (Belgien) hatte seinen Vortrag programmatisch überschrieben mit »Zwischen Eigeninteresse und globaler Solidarität. Migrationspolitik aus sozialethischer Sicht«. Den Gegenstandsbereich seiner migrationsethischen Überlegungen definierte er dabei wie folgt: »Es geht um eine Verständigung darüber, wie wir den Zugang von Fremden zu der Gesellschaft, in der wir leben, geregelt wissen wollen. Mit anderen Worten: es geht um eine Klärung von Kriterien der Zugehörigkeit, der Anspruchsrechte und Pflichten von Mitgliedern jener Gruppe von Menschen, die sich in der Regel über das Faktum nationalstaatlicher Registrierung definieren.« Eine Schwierigkeit, die dabei auftritt, ist das im Zeitalter der Globalisierung das lange Zeit für die Migrationspolitik gültige Referenzsystem ›souveräner Nationalstaat‹ zumindest zu adaptieren und weiter zu entwickeln ist.
Ausgehend von der bleibenden Spannung zwischen Eigen- und Gemeinwohlinteressen skizzierte Lesch verschiedene ethische Ansätze der Moderne und befragte sie auf die Möglichkeit einer aus ihnen entwickelten Ethik der Migration. Untersucht wurden der politische Liberalismus im Gefolge John Rawls', die libertäre Reaktion darauf (v.a. Robert Nozick) sowie die kommunitaristische Gegenposition, außerdem der Marxismus und der Utilitarismus. Das Fazit: Aus jeder der vorgestellten Theorien kann etwas gewonnen werden - was nötig wäre, ist die rechte Kombination der Elemente, um eine kohärente und für die kritische Praxisbegleitung taugliche Theorie zu entwickeln.
Fast alles aber, was derzeit in Theorie und praktischer Politik geäußert wird, fällt nach Lesch unter das Verdikt »migrationspolitischer Opportunismus«, also eine Position, die es möglichst vielen recht machen will und deren Vertreter deshalb populistisch darauf bedacht sind, keine Forderungen zu erheben, die auf zu viel Widerstand in der Bevölkerung und bei den Lobbys verschiedener Interessengruppen stoßen. Als zivilisatorisches Minimum jenseits dieses Opportunismus forderte er die Fähigkeit, sich in die Lage des anderen hineinzuversetzen, der sein Recht auf Freizügigkeit einfordert. Dieser Perspektivenwechsel, den Rawls in seinem hypothetischen Urzustand anspricht und der der Goldenen Regel entspricht, löst zwar noch kein konkretes Problem, bildet aber die notwendige Voraussetzung, um in faire Verhandlungen über die Rechte von Fremden einzutreten.
3. Interdisziplinäres Symposion anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Forschungs- und Studienprojekts der Rottendorf-Stiftung an der Hochschule für Philosophie: »Gibt es ein Menschenrecht auf Gesundheit?«
am 17./18. Oktober 2003.
Anlässlich seines zwanzigjährigen Bestehens veranstaltete das Rottendorf-Projekt ein zweites Interdisziplinäres Symposion. Zeitlich und örtlich gekoppelt mit diesem Symposion fand die Verleihung des Rottendorf-Wissenschaftspreises für Pharmakologie und Pharmazie sowie des Rottendorf-Europa-Preises durch die Rottendorf-Stiftung statt. Darüber hinaus tagten an diesem Wochenende auch die Gremien der Stiftung in München.
Das Symposion stellte sich der Frage: »Gibt es ein Menschenrecht auf Gesundheit?«, auch um eine thematische Brücke zu schlagen zwischen dem Rottendorf-Projekt und der Rottendorf Pharma GmbH, die über die Rottendorf-Stiftung seit 20 Jahren ein Arbeiten im Sinne der eingangs zitierten Leitlinien finanziell ermöglicht.
Den Einstieg in das Thema lieferte Eibe Riedel, Professor für Öffentliches und Ausländisches Öffentliches Recht, Völkerrecht und Europarecht in Mannheim, indem er den Status von Gesundheit im Völkerrecht explizierte. Schwerpunkt des Vortrags bildete die Auslegung des Art. 12 des Sozialpakts der Vereinten Nationen, so wie sie im General Comment des »Committee on Economic, Social and Cultural Rights« der UN, dem er angehört, geleistet wurde. Eine der Hauptaussagen: Ein Staat muss nachweisen, dass er seine verfügbaren Ressourcen der Bevölkerung angemessen zur Verfügung stellt.
Aus primär entwicklungsökonomischer Perspektive ging Stephan Klasen, Professor für Volkswirtschaftstheorie und Entwicklungsökonomik in Göttingen, sein Thema »Investition in menschliche Gesundheit als Aufgabe der Entwicklungspolitik« an. Vor dem Hintergrund von Amartya Sens Capability-Ansatz war eine zentrale These des Vortrags, dass sowohl Gesundheit als auch Gesundheitsversorgung nicht nur einen Selbstzweck haben und ein wichtiges Gut darstellen, sondern eben als Mittel zum Zweck Teil des Humankapitals sind. Insofern lohnen sich, auch aus ökonomischer Perspektive, staatliche Interventionen zur Gesundheitsversorgung. Den Beitrag, den die Entwicklungszusammenarbeit hier leisten kann, sah Klasen primär im Wissenstransfer.
Im dritten Teil des Symposions ging Klaus Fleischer, Chefarzt für Tropenmedizin und Erster Vorsitzender des Missionsärztlichen Instituts in Würzburg, hauptsächlich auf die Rolle der Kirchen in Entwicklungsländern in der Gesundheitsversorgung ein. Vor dem Hintergrund langjähriger persönlicher Erfahrung konstatierte er einen Paradigmenwechsel in der aktuellen Diskussion, indem Gesundheit heute als Voraussetzung für Armutsüberwindung definiert wird. Damit zusammenhängend lassen sich drei Hauptveränderungen im Übergang von den klassischen Missionskirchen zu Ortskirchen als Träger von Gesundheitseinrichtungen ausmachen: von Einheimischen als »den armen Kranken« hin zu qualifizierten Gesundheitsmitarbeitern, von einem Schwerpunkt »Aufbau von Hospitälern« hin zum Aufbau geeigneter Strukturen und Vernetzungen, von Basisgesundheitsdiensten hin zu angepassten Technologien.
Im Zusammenhang mit dem Jubiläum wurde eine ausführliche Dokumentation der zwanzig Jahre Projektarbeit erstellt, die bei Interesse gegen einen geringen Unkostenbeitrag beim Rottendorf-Projekt angefordert werden kann.
4. Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen«
Struktur des Vorlesungszyklus
In der Satzung des Rottendorf-Projektes heißt es: »Zweck des Projektes ist es, [...] den interkulturellen Dialog auf einer wissenschaftlichen, speziell philosophisch-theologisch inspirierten Basis zu fördern. Dabei geht es sowohl um das internationale Gespräch zwischen den großen Kulturen von Ost und West, von Nord und Süd, als auch um die Integration der wissenschaftlich-technischen Kultur mit der wertbestimmten Kultur der Tradition.« Dieses Anliegen wurde in den vergangen Jahren durch viele Vorlesungen und Seminare aufgegriffen.
Um dieses Angebot zu systematisieren, werden seit nunmehr zweieinhalb Jahren diese Fragen in einem zweijährigen Vorlesungszyklus diskutiert. Die Veranstaltungen sollen einführen in die Denkmuster fremder Kulturen, religiöse Vorstellungen verdeutlichen und gesellschaftliche Entwicklungen verständlicher machen. Damit soll ein Schritt zu einer neuen Weltkultur im Sinne einer »Einheit in Vielfalt« bereitet werden.
Vorlesungen zum Islam, Buddhismus und Hinduismus werden in der Regel in einem einjährigen Turnus gehalten. Die anderen Vorlesungen (z.B. zur Kultur und Philosophie Chinas und Japans, zur Kulturanthropologie Lateinamerikas oder zur politischen und kulturellen Geschichte Afrikas) finden nach Möglichkeit in einem zweijährigen Rhythmus statt. Die Veranstaltungen werden wie bisher von Kennern der jeweiligen Kultur und Religion, zumeist von auswärtigen Wissenschaftlern, abgehalten. Bei den Veranstaltungen handelt es sich in der Regel um Vorlesungen, teilweise werden sie aber auch in Seminarform durchgeführt.
Zertifikat »Fremde Kulturen und Religionen«
Nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs sind Kenntnisse über fremde Kulturen und Religionen relevant. Auch im interkulturellen Management, in der Erwachsenenbildung oder im Journalismus sind derartige Kenntnisse heute von großer Bedeutung und können beruflich von Vorteil sein. Deshalb bietet das Rottendorf-Projekt Studierenden der Hochschule seit dem Wintersemester 2001/02 ein qualifiziertes Zertifikat an, mit dem diese Kenntnisse nachgewiesen werden können.
Bedingungen für den Erwerb des Zertifikats:
• Einschreibung an der Hochschule für Philosophie als ordentlicher Student bzw. ordentliche Studentin oder als Gasthörerin bzw. Gasthörer.
• Im Laufe von zwei Jahren werden mindestens vier Veranstaltungen des Vorlesungszyklus besucht, davon mindestens eine aus dem Bereich der Kulturen und eine aus dem Bereich Religionen.
• Im Laufe von zwei Jahren werden mindestens zwei qualifizierte Scheine erworben (mündliche Prüfung als Abschluss von Vorlesungen, Hausarbeit als Abschluss von Seminaren), davon einer im Bereich Kulturen und einer im Bereich Religionen.
Werden diese Bedingungen erfüllt, stellt die Hochschule für Philosophie, vertreten durch das Rottendorf-Projekt, auf Wunsch ein Zertifikat über die qualifizierte Teilnahme am Vorlesungszyklus aus.
Veranstaltungen 2003 im Rahmen des Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen«
Dr. Hubert Hänggi SJ, Zürich, Vorlesung: Einführung in den Hinduismus: Avatara (göttliche Erscheinungsformen), Sommersemester 2003
Hindus betrachten Jesus als eine der vielen Erscheinungsformen oder »Herabkünfte« (avatara) der Gottheit. Vor diesem Hintergrund ist es daher nicht uninteressant, den Hinduismus durch die Betrachtung seiner göttlichen »Inkarnationen« wie Krischna, Rama usw. zu verstehen zu suchen. Die Leitfragen der Vorlesung Dr. Hänggis lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Was sind avatara?
Welche Funktion haben sie?
Wie werden sie verehrt?
Hauptgegenstand der Vorlesung waren Parasurama, die sechste, und Narasimha, die vierte »Inkarnation« Vishnus.
Prof. Dr. Johannes Laube, München, Seminar: Verständnisse von »Ethik« in Ostasien, Sommersemester 2003
Das Seminar begann mit einem begrifflichen und erkenntnistheoretischen »Abstecken des Terrains«: einer Problematisierung der Termini »Asien« bzw. »Ostasien«, der Thematisierung der Schwierigkeit der Übertragung des Begriffs »Ethik« in asiatische Sprachen sowie der Problematisierung einiger Grundbegriffe europäischer ethischer Theorien (Subjektbegriff, Handlungsbegriff, Weltethos). Dies vorausgeschickt, wurden »Ethik«-Verständnisse folgender ostasiatischer Religionen behandelt: Daoismus, Buddhismus, Konfuzianismus und Schintoismus.
Zwei Einheiten des Seminars widmeten sich dem Daoismus, v.a. einer Analyse des Textes Daodejing (Laozi) sowie der Texte von Zhuangzi und Liezi.
Die Ethik im Buddhismus nahm eine zentrale Stellung innerhalb der Seminarskonzeption ein: Ausgangspunkt war eine Untersuchung des Textes Dhammapada (Hôkukuyô). In einem zweiten Schritt ging es an das Thema Ethik in der Kusha- bzw. Yuishiki-Schule, wobei die jeweils zentralen Karma-Vorstellungen mit berücksichtigt wurden. Zwei weitere Sitzungen behandelten den Zen- und Amidabuddhismus, bevor dann abschließend nach Ethik bei den Pionieren der Kyoto-Schule Kitaro Nishida und Hajime Tanabe gefragt wurde.
Der dritte Block im Seminar beschäftigte sich mit Ethik im Konfuzianismus, speziell mit der Grundlegung in den Texten Lunyü (Konfuzius), Mengzi und Xünzi, der Weiterentwicklung in den Texten des Zhuzi und des Wang Yangming sowie schließlich mit mit neueren konfuzianischen Autoren wie Li Zhehou.
Abschließend kam der Schintoismus zur Geltung, mit einer Sitzung zu Ethik in den Reichsmythologien Japans (Kojiki und Nihongi) sowie einer zur Eigenart des synkretistischen Denkens in Japan nach Tetsurô Watsuji.
Prof. Dr. Johannes Müller SJ, München, Vorlesung: Sozio-kultureller Wandel in der Dritten Welt (Schwerpunkt Südostasien). Soziologische und kulturanthropologische Grundprobleme, Sommersemester 2003
Ausgangspunkt der Vorlesung war die Feststellung, dass in der Entwicklungspolitik heute weithin Konsens besteht, dass ohne einen grundlegenden strukturellen und institutionellen Wandel keine echte und dauerhafte Entwicklung möglich ist. Entsprechende Reformen verlangen aber eine genaue Kenntnis der stets spezifischen sozio-kulturellen Bedingungen in den jeweiligen Gesellschaften. Dazu können die Erkenntnisse aus Kulturanthropologie und Soziologie einen wichtigen Beitrag leisten. Die Vorlesung versuchte, diesen Problemkreis am Beispiel Südostasiens (vor allem Indonesiens) zu behandeln.
Im Einzelnen behandelte Prof. Müller zunächst in einem grundlegenden Ansatz die sozio-kulturelle Dimension der Entwicklung. Ausführlich nahm er dann einen interkulturellen Vergleich zwischen Südostasien und Europa vor, wobei der gesellschaftliche Wandel zwischen Tradition und Moderne besonders hervorgehoben wurde. Im Anschluss daran beschäftigte sich die Vorlesung mit den Religionen als Hindernis und Anstoß echter Entwicklung (besonders dem Islam in Indonesien). Einige Ausführungen zu sozialen Grundstrukturen, zur Rolle der Frauen und zur Lage ethnisch-kultureller Minderheiten in Entwicklungsgesellschaften rundeten die Vorlesung ab.
Dr. Stefan Bauberger SJ, München, Seminar: Anatta - Nicht-Ich? Die buddhistische Auffassung vom Subjekt, Wintersemester 2003/04
Ein wichtiges Stichwort, mit dem der historische Buddha seine Lehre von den damaligen Lehren des Hinduismus abgrenzte, war »Anatta« (Anatman). Wörtlich heißt diese Lehre, dass es kein beharrendes Selbst gibt, dass die Kontinuität des »Ich« in der Zeit illusionär ist, gegen alle Intuition.
Schwerpunkt des Seminars war eine eingehende Analyse dieser Lehre, speziell, wie sie in der Tradition des (späteren) Mahayana-Buddhismus reflektiert und modifiziert wurde. Aufbauend darauf ging es im Vergleich mit der westlichen philosophischen Tradition, der Reflexion auf das Subjekt, des Weiteren darum, die systematischen und religiösen Fragen und Implikationen, die mit der Anatta-Lehre verbunden sind, besser in den Blick zu bekommen und zu verstehen. Dazu war es dann auch nötig, in Verbindung mit dieser speziellen Fragestellung, sich gemeinsam im Seminar die wichtigsten Grundbegriffe der Mahayana-Philosophie zu erarbeiten.
Prof. Dr. Raif Georges Khoury, Heidelberg/Paris, Vorlesung: Der Islam - eine monotheistische und biblisch geprägte Religion. Historische Grundlegung und Entwicklung im Mittelalter, Wintersemester 2003/04
Diese Vorlesungen boten eine sachliche Information über den Islam, um so Natur, Bedeutung und Wurzeln dieser semitischen und monotheistischen Religion zu verdeutlichen. Dabei wurde deren Entwicklung nicht nur unter rein religiösen, sondern auch in Verbindung mit historischen und kulturellen Aspekten verfolgt, die im Mittelalter Großartiges an Errungenschaften verwirklichte, von denen das Abendland in seiner Renaissance und modernen Entwicklungen selber wesentlich beeinflusst wurde.
Es wurde deutlich, nicht nur wie eng der Islam mit Christentum und Judentum verbunden ist, sondern auch, wie unsere europäische Kultur unverzichtbare Elemente von der islamischen voll integriert hat.
Anhand von einleuchtenden Beispielen erklärte Prof. Khoury den bis heute prägenden Zusammenhang dieser drei großen Weltreligionen. Sei es die göttliche Gestalt Jesu in der Trinitätslehre des Christentums, oder parallel, seine Bedeutung als Prophet in der monotheistischen Religion des Islam - Prof. Khoury stellte Passagen des Alten Testaments und des Koran gegenüber und veranschaulichte Gemeinsames und Trennendes. Oder sei es die Rolle der Maria als Mutter Gottes, die sowohl im Alten Testament als auch in vielen Suren des Koran weitgehend identisch dargestellt wird.
Wie überaus wichtig in diesen Zusammenhängen die jeweils zeitgemäßen Übersetzungen der semitischen Schriften in unser heutiges Verständnis sind, letztendlich führen viele von ihnen zu eindeutigen Verhaltensnormen, belegte Prof. Khoury eindrucksvoll an vielen Beispielen.
Das Erkennen der zahlreichen fundamentalen Parallelen dieser drei Weltreligionen und ihrer geschichtlichen, teilweise fließenden Übergänge, machen schnelle Beurteilungen aktueller politischer Situationen zwar nicht leichter, jedoch qualifizierter, und machen Lust auf Mehr. Die Vorlesung von Prof. Khoury wird im Sommersemester 2004 mit dem Schwerpunkt auf dem Zeitalter der Kalifen fortgesetzt.
Hans-Werner Dünnebacke
Prof. Dr. Peter J. Opitz, München, Seminar: Chinas große Wandlung. Die Entwicklung vom Konfuzianismus zum Kommunismus, Wintersemester 2003/04
Thema des Seminars war der Transformationsprozess, in dessen Verlauf sich die Jahrtausende alte konfuzianische Zivilisation Chinas auflöste und in einem fast genau ein Jahrhundert andauernden Prozess in eine kommunistische Zivilisation umgestaltet wurde. Mit anderen Worten, Gegenstand des Seminars war die Kulturrevolution, die sich zwischen 1840 und 1949 in China vollzog.
Schwerpunktmäßig befasste sich das Seminar damit, die Veränderungen im Bereich des Politischen Denkens zu untersuchen und sie gegen Faktoren in anderen Bereichen abzugrenzen - in der Hoffnung, das dialektische Zusammenspiel, das sich in einem solchen kulturellen Transformationsprozess vollzieht, näher bestimmen zu können. Die Referate waren deshalb auf drei Ebenen angesiedelt: die erste Ebene, auf der im Rahmen der Themenstellung der Schwerpunkt lag, bildete die Entwicklung des politischen Denkens in China. Eine zweite und dritte Ebene bildeten die Entwicklungen in den Bereichen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sowie die Einflüsse, die von außen auf das Geschehen in China einwirken.
Im Einzelnen wurden folgende Themenblöcke behandelt:
• Die Ausgangssituation in China: Staat, Wirtschaft und Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts - vor der Begegnung mit den westlichen Mächten und der westlichen Zivilisation
• Die Taiping-Bewegung und die Ordnungsspekulation von Hung Hsiu-ch'üan (1814-1864)
• K'ang Yu-Hwei (1858-1927), Lian Ch'i-ch'ao (1873-1929) und die Modernisierung des Konfuzianismus
• Sun Yat-sen (1866-1925) und die Anfänge des republikanischen Denkens in China
• Die Bewegung für eine »Neue Kultur«: Anfänge bis zur Bewegung des 4. Mai 1890, weitere Entwicklungen bis 1935)
• Die Kommunistische Bewegung. das politische Denken von Ch'en Tu-hsiu (1879-1942) und Li Ta-chao (1888-1997), das politische Denken von Mao Tse-tung bis 1949
Dr. Christian M. Rutishauser SJ, Bad Schönbrunn/Schweiz, Vorlesung: Die philosophische Aktualität der jüdischen Tradition, Wintersemester 2003/04
Philosophie und Theologie haben in der von Tora-Hermeneutik und Jurisprudenz dominierten jüdischen Tradition stets einen schweren Stand gehabt. Dennoch wurden in allen Epochen äußerst innovative Denkentwürfe hervorgebracht, die gerade aus der Auseinandersetzung zwischen der jüdischen Weltanschauung mit den jeweiligen zeitgenössischen Denkmustern entsprangen. So hat die Geschichte des Judentums philosophische, theologische und theosophisch-mystische Konzepte aufzuweisen. Die Vorlesung bot einen historischen Überblick über die wichtigsten Strömungen und ihre Denker im Judentum. Zudem wurde durchgängig nach deren Beitrag zur Geistesgeschichte Europas gefragt.
5. Gastvortrag: Prof. Dr. Franz Magnis-Suseno SJ, »Islam in Indonesien - Modell eines friedlichen Miteinanders der Religionen?«
am 15.12.2003.
Indonesien ist in den letzten Jahren in die Schlagzeilen geraten als ein Land mit zahlreichen Religionskonflikten und Terroranschlägen durch radikale Muslime. All dies spiegelt aber in keiner Weise die Wirklichkeit dieses ausgedehnten Inselreiches wider, in dem fast 200 Millionen Muslime leben, die für ihre sprichwörtliche Toleranz bekannt sind. Aus diesem Grund ist, so die Vermutung, die innerislamische Diskussion, die gegenwärtig unter muslimischen Gelehrten in Indonesien stattfindet, auch für die künftige weltweite Rolle des Islam von großer Bedeutung. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Unter dem Monsun, Kultureller und politischer Wandel in Süd- und Südostasien« des Kulturreferats der Stadt München lud das Rottendorf-Projekt deshalb Prof. Dr. Franz Magnis-Suseno SJ (Driyarkara School for Philosophy und Universitas Indonesia, beide in Jakarta) zu einem Vortrag ein mit dem Titel »Islam in Indonesien - Modell eines friedlichen Miteinanders der Religionen?«
Prof. Magnis zeichnete als Ausgangspunkt seines Vortrags die historische Entwicklung des Verhältnisses Politik und Religion in Indonesien seit der Unabhängigkeit 1945 nach und ging dabei auch immer wieder auf das Verhältnis zwischen Islam und Christentum ein. Die erste wichtige Station auf diesem Weg waren die »fünf Prinzipien« Sukarnos als Grundlage des neuen Staates Indonesien, darunter u.a. die Religionsfreiheit, die gleichzeitig implizierte, dass der Islam, obwohl ihm 85% der Bevölkerung angehören, keine Staatsreligion wurde. Diese »fünf Prinzipien« wurde von der Bevölkerung durch die Wahl Sukarnos 1957 eindrucksvoll bestätigt. Suharto verfolgte dann über einen Zeitraum von etwa 30 Jahren eine Doppelstrategie: einerseits wurde der politische Islam niedergehalten, andererseits der religiöse Islam gefördert. Bei den Wahlen 1999 kamen die islamischen Parteien auf insgesamt etwa 33%, von Prof. Magnis so interpretiert, dass der religiöse Islam die Unterstützung der Bevölkerung genießt, sich dies aber nicht unbedingt im Wahlverhalten den politisch-islamischen Parteien gegenüber niederschlägt.
Nach diesem geschichtlichen Rückblick beschrieb Prof. Magnis die momentane Situation in Indonesien: Derzeit finden heftige innerislamische Kontroversen statt, speziell seit dem Bali-Attentat 2002 ist gleichzeitig ein vermehrtes Bemühen moderater islamischer Gruppen um Kontaktaufnahme und Zusammenarbeit mit anderen Religionen zu verzeichnen.
Zukünftige Entwicklungen wurden wie folgt prognostiziert: ausgehend davon, dass Indonesien unter gegenwärtigen Umständen eine funktionierende Demokratie hat - allerdings stark beeinträchtigt durch eine wild wuchernde Korruption auf allen Ebenen -, wird sich der Islam nicht radikalisieren (momentan befürworten z.B. nur etwa 2% der Bevölkerung die Einführung der Schariah). Sollte allerdings der Prozess der Entwicklung stagnieren oder gar sich wieder ins Negative verkehren, wird eine Instrumentalisierung des Islam für politische Zwecke erwartet, dessen Konsequenzen nicht abzusehen sind.
Die Außenwirkung der innerislamischen Debatten in Indonesien und damit die Verbreitung dieses Modells, z.B. in andere Staaten der islamischen Liga, schätzte Prof. Magnis als sehr gering ein, schon allein aufgrund dessen, dass diese Debatten auf indonesisch stattfinden, nur ein Bruchteil der Texte in das Englische übersetzt wird, die Auseinandersetzungen im weltweiten Islam aber fast ausschließlich auf Arabisch geführt werden.
6. EUROJESS-Kongress 2003 in Dobogokoe, Ungarn: »Toward a united Europe: going beyond past and present divisions«
Auch 2003 unterstützte das Rottendorf-Projekt den alle zwei Jahre stattfindenden Kongress von EUROJESS (European Jesuits in Social Sciences):
From August the 23th till the 29th, 45 jesuits from 22 different Jesuit provinces and living in 15 different countries met together in Dobogokoe, Hungary, to deal with the topic »Toward a united Europe: going beyond past and present divisions«. Some 20 of them were under the age of 40, either young priests or scholastics, and the proportion between East and West Jesuits was of about one third. Speakers were from 10 different nationalities.
Under the most welcoming care of the Hungarian Province and within the magnificent premises of Domus Manreza, a very nice and communicating atmosphere has been developped. Lectures, workshops and excursions have allowed us to get a variety of visions about such topics as historical foundations for a united but not unified Europe; importance of minorities; stereotypes influence; perspectives of integration offered by the EU prospective Constitution as a whole, and as seen from Eastern, Western and Southern points of views; the role of values and religion in a pluralistic Europe; etc. To build a European Union of 25 will not be easy, but it is worth, and it deserves that the European Jesuits make an effort to syntonise with it and to promote it.
Last meetings have been devoted to Eurojess matters, including changes in its statutes to allow a broader participation in the coming congresses, and the updating of its steering committtee.
Josep Messa SJ, Brüssel
