Jahresbericht 2004
0. Leitartikel: Menschenrechte gegen Globalisierung der Gewalt
1. Interdisziplinäres Symposion: Globalisierung der Gewalt. Weltweite Solidarität angesichts neuer Fronten globaler (Un-)Sicherheit
2. Wissenschaftliches Kolloquium: »(Über-)Alterung« der Weltbevölkerung. Wer trägt die Verwantwortung für künftige Generationen?
3. Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen«
3.1. Struktur
3.2. Zertifikat
3.3. Veranstaltungen im Rahmen des Vorlesungszyklus 2004
0. Leitartikel: Menschenrechte gegen Globalisierung der Gewalt
Die Globalisierung ist ein vielschichtiger Prozess, nicht zuletzt weil sie von gegenläufigen Prozessen begleitet wird. So integriert sich z.B. Asien einerseits mit erstaunlicher Flexibilität und Schnelligkeit in die globale Ökonomie, andererseits setzt es sich teils bewusst von als westlich verstandenen Werten wie den Menschenrechten ab und stellt ihnen das eigene kulturelle Erbe entgegen. Allerdings gibt es in fast allen asiatischen Gesellschaften auch viele Menschen und Gruppen, die sich sehr engagiert und teils unter erheblichen persönlichen Risiken für die Menschenrechte einsetzen, was nicht heißt, dass sie deshalb das westliche Zivilisationsmodell als universalen Maßstab übernehmen wollen.
Eine ähnliche Widersprüchlichkeit zeigt sich im Feld der internationalen Sicherheit. Die Globalisierung hat die Hoffnung auf dauerhaften Weltfrieden geweckt, und in der Tat ist die Zahl zwischenstaatlicher Kriege seit den 1990er Jahren rückläufig. Im Gegensatz dazu haben jedoch innerstaatliche gewaltsame Konflikte verbunden mit schweren Menschenrechtsverletzungen deutlich zugenommen.
Eine ganz neue Dimension hat die weltweite Gewalt mit den Anschlägen am 11.9.2001 in New York gewonnen, wie viele weitere Terrorakte fast überall auf der Welt mit zahllosen Todesopfern zeigen. Besonders beunruhigend ist, dass es sich dabei meist um Konflikte handelt, die in ihrer Legitimation von einer ethnischen, kulturellen, religiösen oder nationalistischen Rhetorik begleitet werden.
Gewalt ist alles andere als ein neues Phänomen, und die genannten Geschehnisse dürfen nicht zur vor-schnellen Schlussfolgerung führen, die heutige Welt sei gewalttätiger als früher. Gewalt ist zudem (und war schon immer) ein schillernder Begriff, mit dem sich Vielfältiges verbinden lässt. Sie umfasst keineswegs nur physische Gewalt, sondern auch »kulturelle Gewalt« in Form eines aggressiven Umgangs mit anderen Kulturen und Religionen, z.B. in Feindbildern, wie sie weithin in fundamentalistischen Bewegungen vorherrschen, die darum meist eine latente Gewaltbereitschaft aufweisen. Dies gilt aber auch für die Debatte um einen »Clash of Civilizations«, in der die Mehrzahl der Menschen in der Dritten Welt einen Ausdruck der Arroganz und des Vormachtstrebens der westlichen Welt sehen.
Als Antwort auf diese diffuse und bedrohliche Gemengelage mit ihrem unbestreitbaren Gewaltpotenzial sind neue Formen politischer und militärischer Gewalt entstanden, von »präventiven Interventionen« bis zum »Kampf gegen den Terror«, die bisher gültige menschen- und völkerrechtliche Maßstäbe in Frage stellen. Sie fordern nicht nur eine wachsende Zahl von unschuldigen Opfern, sondern haben die Welt auch nicht sicherer gemacht. Die Bilder und Berichte von Folterungen irakischer Gefangener zeigen zudem, wie schwierig, ja unmöglich es ist, einen Missbrauch der Anwendung von Gewalt zu verhindern, was wiederum die Glaubwürdigkeit der vom Westen angemahnten Menschenrechte unterminiert.
Gewalt hat insofern durch die Globalisierung ein neue Qualität gewonnen. Dazu trägt auch die globale Infrastruktur bei, v.a. die moderne Informations- und Kommunikationstechnologie, die der Gewalt eine bisher nicht gekannte Reichweite ermöglicht. Davon profitiert auch die grenzüberschreitende Kriminalität, angefangen vom Drogengeschäft bis hin zum Menschenhandel (v.a. von Frauen). Nicht zuletzt tragen die modernen Medien zu einer Globalisierung der Wahrnehmung von Gewalt bei, allerdings auf sehr selektive Weise, weil sie oft spektakuläre Terroranschläge im Vergleich zur alltäglichen Gewalt mit weit mehr Opfern viel zu viel hervorheben. Dies schafft ein einerseits unscharfes, andererseits aber allgegenwärtiges Gefühl der Unsicherheit, zumal man nicht genau weiß, wo die Fronten verlaufen und wie man sich schützen soll.
Diese vielschichtigen Entwicklungen haben eine neue Diskussion über die Wurzeln wie die Prävention von Gewalt und die Rechtmäßigkeit von Gegengewalt ausgelöst, was sich in der politischen Kontroverse um eine künftige Weltordnung und den Rahmen internationaler Sicherheitspolitik widerspiegelt. Diese Debatte ist notwendig, weil die Spirale von Gewalt und Gegengewalt nicht nur im Widerspruch zu den Zielen globaler Solidarität steht, sondern auch die Gefahr mit sich bringt, dass die stets begrenzten Mittel für eine menschliche Entwicklung vorrangig unter sicherheitspolitischen Rücksichten (u.a. für militärischen Schutz) vergeben werden. Umso wichtiger sind »Allianzen der Solidarität« über nationale, religiöse und ethnisch-kulturelle Grenzen hinweg, die sich für die Umsetzung der Menschenrechte einsetzen, wozu die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte ebenso gehören wie die bürgerlichen und politischen Rechte.
Johannes Müller SJ
1. Interdisziplinäres Symposion: Globalisierung der Gewalt. Weltweite Solidarität angesichts neuer Fronten globaler (Un-)Sicherheit
am 14./15. Mai 2004.
Spätestens seit den terroristischen Anschlägen auf die World Trade Towers in New York am 11.9.2001 ist die Frage nach dem Gewaltpotenzial, das Globalisierungsprozesse in sich bergen, im wissenschaftlichen wie öffentlichen Diskurs verstärkt präsent. In der tagesaktuellen Diskussion gerät dabei jedoch häufig in den Hintergrund, dass das Verhältnis zwischen Gewalt und Globalisierung komplex und sehr facettenreich ist. Die Anwendung physischer Gewalt zählt ebenso dazu wie auf einer tieferen Ebene ein aggressiver Umgang mit anderen Kulturen und Religionen. Die durch die Globalisierung geschaffene Infrastruktur (z.B. die moderne Informations- und Kommunikationstechnologie) hat darüber hinaus manchen Formen der Gewalt ein bisher nicht gekanntes Ausmaß erst ermöglicht, angefangen vom Menschenhandel bis hin zu fundamentalistischem Terror. Als Reaktion darauf sind neue Formen des politischen und militärischen Kampfes gegen dieses Gewaltpotenzial entstanden (z.B. präventive Intervention), die bisher gültige völkerrechtliche Maßstäbe in Frage stellen.
Diese vielschichtigen Entwicklungen haben eine neue, sehr intensive Diskussion über die Wurzeln der Gewalt, die Prävention von Gewalt und die Rechtmäßigkeit von Gegengewalt ausgelöst und bildeten den Kontext des diesjährigen Interdisziplinären Symposions. Diskutiert wurden aus interdisziplinärer Perspektive Themen wie das Verhältnis zwischen gewalttätiger Globalisierung, globalisierter Gewalt und Gewaltmärkten (Trutz von Trotha, Siegen), die Ambivalenz von Religion angesichts von Gewalt (Thomas Hoppe, Hamburg), die sozial- und rechtsphilosophischen Dimensionen des Verhältnisses Gesellschaft - Staat - Gewalt (Norbert Brieskorn SJ, München) und der Versuch, eine Friedenssicherung auf globaler Ebene mittels des Rechts zu erreichen (Lothar Brock, Frankfurt).
Die zentrale These Trutz von Trothas lautete, dass die neuen Formen kriegerischer Gewalt in den historischen Zusammenhang einer langen Geschichte sich interdependent entwickelnder Gewaltformen gestellt werden müssen, will man nicht, dem Fehler der Ahistorizität verfallend, das Neue des globalen Terrorismus über Gebühr betonen und dabei die Gewalt der bisherigen Globalisierungsprozesse stillschweigend negieren. In drei Schritten, der historischen Chronologie folgend, entwickelte von Trotha seine These: Erstens, wer die gewalthafte Seite der Globalisierung verstehen und adäquat einordnen will, muss die Geschichte des Kolonialismus zum Thema machen. Zweitens, der neue Terrorismus muss vor dem Hintergrund des »interkontinentalen Atomkriegs« als eine Form globalisierter Gewaltdrohung gelesen werden, die lange vor dem Auftreten des neuen Terrorismus entstand und zu diesem wesentlich beigetragen hat. Drittens, in engem Zusammenhang mit dem Scheitern des kolonialen Globalisierungsvorgangs steht die Globalisierung der Utopie des Staates und des damit verbundenen staatlichen Gewaltmonopols. Eine Seite dieses Scheiterns wird illustriert durch das Entstehen neuer Gewaltmärkte und der Privatisierung und Kommerzialisierung des Krieges, wie es vor allem in Afrika zu beobachten ist.
Thomas Hoppes Beitrag zur Ambivalenz von Religion angesichts des Themas der Gewalt verdeutlichte die hohe Relevanz der Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt sowohl hinsichtlich ihrer politischen Implikationen als auch mit Bezug auf das Selbstverständnis von Religionsgemeinschaften im engeren Sinn. Hoppes zentrale, im Sinne eines Fazits gestellten Forderungen lauteten, dass erstens sich alle Religionsgemeinschaften ihrer theologisch-ethischen Hermeneutik hinsichtlich der Gewaltthematik vergewissern und nötigenfalls die Bereitschaft zu deren Revision aufbringen müssen. Anzumahnen ist in dieser Hinsicht besonders eine kritische »Relecture« der zentralen Referenzstellen einer jeden Religionsgemeinschaft, besonders dann, wenn sich gleichermaßen radikale wie gemäßigte Vertreter einer Religion auf die selben Symbolsprachen bzw. Quellentexte berufen. Zweitens bedarf jede Konstellation, in welcher sich ein Zusammenhang zwischen religiösen Vorverständnissen und konkreter Gewaltanwendung andeutet, einer eingehenden Analyse hinsichtlich der genauen Signatur dieses Zusammenspiels. Damit gelingt es dann auch leichter, Situationen religiöser Aufladung von Konflikten mit Ursachen und damit Lösungsmöglichkeiten außerhalb der Religion zu identifizieren und differenziert zu analysieren. Drittens ist die prekäre Beziehung von Religion und Gewalt dadurch zu entschärfen, dass man die primären Verursachungsfaktoren nichtreligiöser Art (v.a. Armut) beseitigt, aus denen die Bereitschaft zur Gewaltanwendung erwächst.
Norbert Brieskorn unternahm eine Interpretation der Geschichte sozial- und rechtsphilosophischer Theoriebildung vor der Matrix der Frage nach der Aufgabe, Gewalt rechtmäßig zu gebrauchen und aufzuschieben. Speziell mittels der Argumente von Richard Rorty, Thomas Hobbes und Carl Schmitt zeigte Brieskorn auf, dass a) Zivilisierung nie ohne Gewalt ablief, dass b) der Versuch, Gewalt zu monopolisieren, immer in Zusammenhang steht mit der Bereitschaft zu ihrer Überantwortung an höhere Instanzen, und dass c) das Projekt der Zivilisierung stets gefährdet bleibt durch Grausamkeit als einem Versuch der Selbststabilisierung angesichts eigener Hilflosigkeit.
Lothar Brock zeichnete differenziert die komplexe Entwicklung des Wechselverhältnisses von Recht und Gewalt auf der Ebene des Völkerrechts seit dem Ende des Ost-West-Konflikts nach: Das vorhandene Bestreben zur Transformation des klassischen Völkerrechts in ein Friedensrecht Anfang der 1990er Jahre wurde von der politischen Realität mit den Konflikten in Somalia, Ruanda, im Kosovo, in Afghanistan und im Irak überrollt. Dennoch ist zu warnen vor dem Generalverdacht, das Recht lediglich als Legitimation des Stärkeren zu sehen. Seine Chance wie Notwendigkeit liegt weiterhin in seinem reflexiven Sprechen über Unrecht, so dass jedes Unrecht, das durch das Recht oder seine Legitimation neu entsteht, wieder Gegenstand des Rechtsdiskurses wird. Aus diesem Grund plädierte Brock dafür, die im Rahmen der Vereinten Nationen bestehenden Ansätze zur Etablierung einer Weltrechtsordnung zu stärken und weiterzuentwickeln, um so enttäuschungsfeste Konzepte der Friedenssicherung zu etablieren, die immunisieren können gegen eine weit verbreitete verhängnisvolle Sehnsucht nach Erlösung, sei es durch ein neues Weltimperium, sei es durch einen Gottesstaat. Die bestehen bleibende Skepsis gegenüber der Idee des Friedens durch Recht und das Bewusstsein, dass der Streit um das Recht immer neues Unrecht schafft, dürfen insofern nicht zur Folge haben, diesen Streit aufzugeben.
Auf dem abschließenden Podium spitzte sich die Diskussion zu auf die Frage nach Gewalt im Verhältnis zwischen dem Projekt der Zivilisierung der Moderne (Senghaas), bestehenden globalen Asymmetrien und selektiver Solidarität.
Die Ergebnisse des Interdisziplinären Symposions werden wie auch in den vergangenen Jahren in einem Tagungsband veröffentlicht, der voraussichtlich im Mai 2005 in der Reihe »Globale Solidarität« des Kohlhammer-Verlags, Stuttgart, erscheinen wird.
2. Wissenschaftliches Kolloquium: »(Über-)Alterung« der Weltbevölkerung. Wer trägt die Verantwortung für künftige Generationen?am 26. November 2004.
Die demographische Entwicklung in Europa, vor allem die so genannte »Überalterung« der Bevölkerung schafft neue gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die mit großen Herausforderungen verbunden sind. Dies betrifft besonders die künftige Alters- und Krankenversorgung, was keineswegs nur ein finanzielles Problem ist, sondern auch weit reichende, nicht zuletzt ethische Fragen zum Umgang mit alten Menschen aufwirft. Ein Kernpunkt der sozialethischen Diskussion ist die »intergenerationelle Gerechtigkeit«. Was mögliche Lösungen angeht, so wird in den reichen Ländern die Diskussion um eine angemessene Zuwanderungspolitik meist besonders kontrovers geführt, wobei die Rückwirkungen auf die Herkunftsländer meist ausgeklammert bleiben.
Noch weniger im Blickfeld ist, dass jene Entwicklungsländer, in denen der Bevölkerungszuwachs in den letzten Jahrzehnten stark zurückgegangen ist, heute schon vor ähnlichen Problemen stehen und Länder mit zur Zeit noch hohem Bevölkerungszuwachs spätestens in einigen Jahrzehnten damit konfrontiert sein werden. Von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen fand zu dieser Thematik im April 2002 in Madrid eine UN-Weltkonferenz statt, die einen »Weltaltenplan« verabschiedete. Das Problem der »(Über)Alterung« ist also eine globale Herausforderung, die langfristiges Denken und Handeln erfordert. Ziel des Wissenschaftlichen Kolloquiums war, diesen Problemkreis einmal nicht nur aus europäischer, sondern auch aus weltweiter und zugleich interdisziplinärer Perspektive zu diskutieren.
Reiner Schulz, Wissenschaftlicher Leiter des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, gab aus demographischer Sicht einen statistischen Überblick über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Bevölkerungsentwicklung weltweit: Über sechs Milliarden Menschen leben heute auf der Erde und bis zum Jahr 2050 wird deren Zahl auf etwa neun Milliarden ansteigen, obwohl die durchschnittlichen Kinderzahlen weltweit rückläufig und Seuchen und Pandemien (z. B. HIV/AIDS) auf dem Vormarsch sind. Bedeutender als die quantitative Zunahme der Weltbevölkerung sind aber die damit einhergehenden räumlichen und strukturellen Verschiebungen. So werden fast alle neu hinzukommenden drei Milliarden Menschen in weniger entwickelten Ländern leben. Gleichzeitig findet weltweit eine Alterung der Bevölkerung - in den Entwicklungsländern sogar schneller als in den Industrieländern - statt, mit Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft, insbesondere aber für die Gesundheits- und Sozialsysteme der Länder, die in wenigen Jahrzehnten vor qualitativ vergleichbaren Problemen stehen wie die Industrieländer heute, allerdings mit wesentlich mehr betroffenen Menschen.
Der Politikwissenschaftler Dieter Oberndörfer formulierte als zentralen Ansatz zur Verringerung bzw. zum Aufhalten der in seinem Referat statistisch eindrücklich belegten Alterung der deutschen Bevölkerung eine politische Doppelstrategie: Erstens eine energische, konsequente und ressortübergreifende Familienpolitik zur mittel- bis langfristigen Anhebung der Geburtenrate. Zentrales Ziel dabei ist die bessere Vereinbarkeit von Familie bzw. Kindern und Beruf. Da dies aber ein erst langfristig Folgen zeitigender Ansatz ist, müssen - dies der zweite Ansatz seiner Strategie - die negativen Folgen des demographischen Wandels kurz- und mittelfristig durch eine in ihrem Umfang erheblich ausgeweitete Zuwanderungspolitik abgefedert werden.
Aus philosophischer Perspektive befasste sich Gerhard Kruip mit den potenziell konfligierenden Herausforderungen inter- und intragenerationeller Gerechtigkeit. In sehr differenzierten Einzelanalysen wies er dabei auf, dass als ethische Begründungstrategien intergenerationeller Gerechtigkeit weder eine auf dem Eigennutzen aufbauende Argumentation noch utilitaristische oder kommunitaristische Ansätze wirklich überzeugen können. Am ehesten gelingt dies noch einem Gerechtigkeit-als-Fairness-Ansatz à la Rawls, der letztendlich ein aus anderen Kontexten vertrautes sustainability-Konzept propagiert. Voraussetzung hierfür allerdings: der »kollektive Wille« einer Generation. Auch in der Zusammenschau der Herausforderungen globaler intragenerationeller mit nationaler intergenerationeller Gerechtigkeit erweist sich in der gegenwärtigen philosophischen Ethik eine suffizienzorientierte Argumentation am leistungsstärksten.
Das abschließende Podium befasste sich primär mit der Herausforderung, dass das Ziehen der Konsequenzen aus den nationalen und internationalen demographischen Entwicklungen häufig mit unterschiedlicher Dringlichkeit wahrgenommen wird, sowie möglichen Lösungsstrategien zum adäquaten Umgang mit dieser Herausforderung.
3. Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen«
Struktur des Vorlesungszyklus
In der Satzung des Rottendorf-Projektes heißt es: »Zweck des Projektes ist es, [...] den interkulturellen Dialog auf einer wissenschaftlichen, speziell philosophisch-theologisch inspirierten Basis zu fördern. Dabei geht es sowohl um das internationale Gespräch zwischen den großen Kulturen von Ost und West, von Nord und Süd, als auch um die Integration der wissenschaftlich-technischen Kultur mit der wertbestimmten Kultur der Tradition.« Dieses Anliegen wurde in den vergangen Jahren durch viele Vorlesungen und Seminare aufgegriffen.
Um dieses Angebot zu systematisieren, werden seit nunmehr dreieinhalb Jahren diese Fragen in einem zweijährigen Vorlesungszyklus diskutiert. Die Veranstaltungen sollen einführen in die Denkmuster fremder Kulturen, religiöse Vorstellungen verdeutlichen und gesellschaftliche Entwicklungen verständlicher machen. Damit soll ein Schritt zu einer neuen Weltkultur im Sinne einer »Einheit in Vielfalt« bereitet werden.
Vorlesungen zum Islam, Buddhismus und Hinduismus werden in der Regel in einem einjährigen Turnus gehalten. Die anderen Vorlesungen (z.B. zur Kultur und Philosophie Chinas und Japans, zur Kulturanthropologie Lateinamerikas oder zur politischen und kulturellen Geschichte Afrikas) finden nach Möglichkeit in einem zweijährigen Rhythmus statt. Die Veranstaltungen werden wie bisher von Kennern der jeweiligen Kultur und Religion, zumeist von auswärtigen Wissenschaftlern, abgehalten. Bei den Veranstaltungen handelt es sich in der Regel um Vorlesungen, teilweise werden sie aber auch in Seminarform durchgeführt.
Zertifikat »Fremde Kulturen und Religionen«
Nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs sind Kenntnisse über fremde Kulturen und Religionen relevant. Auch im interkulturellen Management, in der Erwachsenenbildung oder im Journalismus sind derartige Kenntnisse heute von großer Bedeutung und können beruflich von Vorteil sein. Deshalb bietet das Rottendorf-Projekt Studierenden der Hochschule seit dem Wintersemester 2001/02 ein qualifiziertes Zertifikat an, mit dem diese Kenntnisse nachgewiesen werden können.
Bedingungen für den Erwerb des Zertifikats:
• Einschreibung an der Hochschule für Philosophie als ordentlicher Student/ordentliche Studentin oder als Gasthörerin/Gasthörer.
• Im Laufe von zwei Jahren werden mindestens vier Veranstaltungen des Vorlesungszyklus besucht, davon mindestens eine aus dem Bereich der Kulturen und eine aus dem Bereich Religionen.
• Im Laufe von zwei Jahren werden mindestens zwei qualifizierte Scheine erworben (mündliche Prüfung als Abschluss von Vorlesungen, Hausarbeit als Abschluss von Seminaren), davon einer im Bereich Kulturen und einer im Bereich Religionen.
Werden diese Bedingungen erfüllt, stellt die Hochschule für Philosophie, vertreten durch das Rottendorf-Projekt, auf Wunsch ein Zertifikat über die qualifizierte Teilnahme am Vorlesungszyklus aus.
Veranstaltungen im Rahmen des Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen« 2004
Dr. Hubert Hänggi SJ, Zürich, Vorlesung: Einführung in den Hinduismus: Schiva und der Schivaismus, Sommersemester 2004.
Shiva gehört zur bekannten Dreifachen Form (trimurti): Brahma, der Schöpfergott, Vishnu, der Erhalter und Shiva, der Zerstörer. Als Yogi kann Shiva aber auch als höchste Gottheit betrachtet und mit dem Absoluten infiziert werden. Die Vorlesung stellte diese Vorstellung vom Absoluten en detail vor.
Prof. Dr. Raif Georges Khoury, Heidelberg/Paris, Vorlesung: Der Islam in der nachkoranischen Zeit: Das Zeitalter der Kalifen, seine historischen und kulturellen Errungenschaften, Sommersemester 2004.
Auf dem Programm dieser Vorlesung stand zunächst einmal historische Information zu den ersten Kalifen, den sog. orthodoxen Kalifen, wie auch eine Einschätzung ihrer jeweiligen Bedeutung für die weitere Entwicklung des Islam. In diesem Kontext wurden ebenfalls wichtige Begriffsklärungen vorgenommen, so etwa von »Kalif« und »Imam«. Weitere Themen waren in der Folge die Fixierung und die Rolle des Koran sowie die Expansion des Islam und Gründe, warum sie derart erfolgreich verlief.
Prof. Khoury lieferte einen Überblick über die verschiedenen Dynastien, ihre Leistungen und ihre Charakteristika wie auch über Legitimationsmuster ihrer Herrschaft. Ausführlich wurde beispielsweise die herausragende Schriftkultur der Fatimiden in Ägypten behandelt. Aufgrund seines ausführlichen Quellenstudiums der ältesten Dokumente des Islam konnte Prof. Khoury hier sehr detaillierte Beispiele zur Illustration geben.
Auch das Emirat von Córdoba war ein Schwerpunkt der Vorlesung. In diesem Zusammenhang unterstrich Prof. Khoury die Bedeutung des Islam für die Vermittlung der Wissenschaften nach Europa. Die verschiedenen Wissenschaftszentren und Übersetzerschulen des Islam wurden besprochen, wo v.a. die griechische Philosophie, insbesondere Platon und Aristoteles, von den islamischen Gelehrten für den Islam interpretiert und fruchtbar gemacht wurden. An dieser wie auch an anderer Stelle in der Vorlesung verdeutlichte Prof. Khoury die Querbezüge zwischen philosophischen Strömungen und den monotheistischen Religionen im Vorderen Orient.
In der Tat stellte die rein historische Perspektive lediglich den Ausgangspunkt der Vorlesung dar. Es war Prof. Khoury sehr wichtig, die Einzelinformationen immer wieder in größere Zusammenhänge zu stellen. So wurden der kulturelle Hintergrund des Vorderen Orient erläutert und religionswissenschaftliche Vergleiche zwischen dem (Früh-) Christentum und dem Islam gezogen. Wann immer es sich anbot, unternahmen wir Exkurse, um wichtige Bezüge zu anderen, allgemeineren Fragestellungen und Problemfeldern herzustellen. Es lag Prof. Khoury dabei besonders am Herzen, Erläuterungen zur aktuellen Situation des Islam durch das Aufzeigen geschichtlicher Gründe und Wurzeln anzubieten.
Um einzelne Gegebenheiten und Probleme zu verdeutlichen, ging Prof. Khoury auch auf die arabische Sprache sowie die anderen semitischen Sprachen ein. Somit wurde klar, dass sorgfältig betriebene Orientalistik stets auf das Studium der wichtigsten semitischen Sprachen in der Zusammenschau angewiesen ist.
Prof. Khoury bot reichlich Gelegenheit zum Gespräch und zum Nachfragen. Um den Studenten die Möglichkeit zu geben, ihre Kenntnisse über die Vorlesung hinaus zu vertiefen, lieferte er neben ausführlichen Bibliographien auch Zusatzmaterial zu diversen Themen. Nicht nur durch Prof. Khourys große fachliche Kompetenz war die Vorlesung ein großer Gewinn, sondern v.a. auch durch seine Begeisterung und sein Engagement. Daher konnte man aus dieser hochinteressanten Lehrveranstaltung sowohl einen historischen Überblick, religionswissenschaftliche und kulturgeschichtliche Einblicke wie auch eine Vielzahl an anschaulichen Detailinformationen und weiterführenden Anregungen mitnehmen.
Christine Stefanowski
Prof. Dr. Johannes Laube, München, Seminar: »Das Böse in den Weltreligionen«: Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus, Sommersemester 2004.
»Das Böse in den Weltreligionen« lautete der Titel der Veranstaltung wie des gleichnamigen, von Prof. Laube herausgegebenen Buches, entlang dessen die Veranstaltung konzipiert war. Es geht dabei nicht um eine historische Bestandsaufnahme faktischer Verbrechen in den Weltreligionen, wie der Titel vielleicht vermuten lassen könnte, sondern um die Ideen des Bösen in den Weltreligionen und die ihnen entsprechenden Erlösungsangebote. Der Begriff Weltreligion meint hier die Religionen Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus. Das Böse zeigt sich uns als rational nicht gänzlich ergründbares Mysterium. Je tiefer die Religionen in das Verständnis des Bösen eindringen, desto deutlicher wird, dass eine vergegenständlichende Betrachtungsweise zu kurz greift. Die Auseinandersetzung betrifft immer auch unser Selbstverständnis und bedeutet die Konfrontation mit dem Bösen, dem Erlösungsbedürftigen in uns selbst. Neben diesem Grundtenor können dem Bösen in den einzelnen Weltreligionen sehr unterschiedliche Bedeutungen zukommen. Es ist sinnvoll zu differenzieren zwischen den naturgegebenen Übeln, dem moralisch Bösen (welches oft »das Böse« genannt wird und den Schuld- und Gesinnungsaspekt beinhaltet), und dem religiös Bösen, der gegen Gott gerichteten Sünde.
Letztere spielt in den monotheistischen Religionen eine große Rolle. Die gegen Gott gewandte Sünde hat eine Störung der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpfen zur Folge, wobei die Ausprägung der Sünde in den einzelnen Religionen variiert.
Im Judentum besteht sie in einer Hybris, der Anmaßung des Menschen, selbst wie Gott sein zu wollen. Es gibt keine Erbsünde, wohl aber eine kollektive Geschichte des (Un-)Heils in Bezug auf das Gottesvolk Israel.
Ebenso baut das Christentum auf das Moment einer anmaßenden Opposition der Geschöpfe zu ihrem Schöpfer auf, dabei akzentuiert es die verweigerte Anerkennung der göttlichen Lebensordnung. Der Ur-Sünde mit personalem Charakter folgt die Erbsünde, deren über-individuelle Dimension die Menschen durch ihr geschichtliches Hineingeborenwerden in eine bestimmte historische Situation strukturell bindet. Den hohen moralischen Anforderungen, wie sie beispielsweise in der Bergpredigt und den Geboten der Gottes- und Nächstenliebe formuliert werden, steht die Vergebung aller Sünden durch den Kreuzestod Jesu gegenüber.
Dem Verständnis des Islams nach ist das Böse weitgehend individualisiert, denn Gott hat die Welt gut geschaffen und erst durch das persönliche Vergehen der einzelnen Menschen kommt das Übel in die Welt. Die Individuen sind frei und durch keine Erbsünde belastet. Sie sind von daher nicht zur Sünde verurteilt und handeln auf kontingente Weise böse. Das Böse zeigt sich im Aufbegehren gegen Gott und somit in der Absage an das Ideal der vollkommenen Hingabe an Gott.
In den hinduistischen Religionsformen wird getrennt zwischen dem moralisch-ethisch Guten und dem religiös Heilsamen, womit alles gemeint ist, was zum Seelenheil führt. Dem religiös Heilsamen kommt Priorität zu. Das ethisch Gute wird in der Kastenpflicht geregelt. Religiös gut handelt, wer darüber hinaus die rechte Gesinnung einnimmt. Das Gute und das Böse sind lediglich zwei Seiten einer Medaille. Sie entstammen nicht dem selbstbestimmten Handeln, sondern der Hindu versteht sich als eingebettet in einen karmischen Gesamtnexus, der sein Handeln determiniert und innerhalb dessen jede neue Tat weiteres Karma hervorbringt. Unheilsames Karma kann durch verschiedene religiöse Wege überwunden werden.
Aus der Vielzahl buddhistischer Schulen wurden exemplarisch zwei mahayan-buddhistische Richtungen vorgestellt: Zen- und Amida-Buddhismus.
Der japanische Zen-Meister Dogen schrieb: »Alles Böse tue nicht«. Die Aussage ist nicht imperativisch gemeint, sondern indikativisch. Sie bringt also kein ethisches Sollen zum Ausdruck. Unser gewöhnliches Verständnis eines ethischen Sollensanspruches greift hier zu kurz. Was ihm gemäß auf der Handlungsebene als ethisch gut zu bewerten wäre, kann, sofern der Standpunkt eines selbstzentrierten Ichs nicht durchbrochen wird, sich aus Sicht des Zens anders darstellen. Das gute Tun verwirklicht sich im Zen mit einer dem Erwachen eigenen Spontaneität, geschieht selbstlos und in diesem Sinne von selbst.
Der japanische Amida-Buddhismus des Reformers Shinrans (u. a.) sieht den Einzelnen als korrumpiert durch das Böse. Die Menschheit befindet sich weiter im Zeitalter des zu Ende gehenden Dharma, in dem es keine Errettung aus eigener Kraft gibt, da die meditative und ethische Praxis zerfällt und die buddhistische Lehre zur leeren Worthülsen verkommt. Die ethischen Maßstäbe bedürfen einer Anpassung, da die Menschen die Gebote aus Unwissenheit brechen. In religiöser Hinsicht steht dieser hoffnungslosen Situation das Versprechen des Amida-Buddhas gegenüber, all jene zu retten, die in wahrem Glauben auf ihn vertrauen.
Im Laufe des Seminars wurde das Phänomen des Bösen in den Weltreligionen in fundierter Weise systematisch analysiert, ohne der Illusion Vorschub zu leisten, das Mysterium des Bösen endgültig rational fassen zu können. Prof. Laube ging mit uns den Weg einer gelungenen Gratwanderung zwischen der Entmythologisierung des Bösen einerseits und der Zurücknahme wissenschaftlicher Engführung andererseits. Das Missverständnis des substantivierten Bösen als unabhängige dunkle Macht wurde ausgeräumt und es zeigte sich, dass die Auseinandersetzung mit dem Bösen notwendig unser Selbstverständnis betrifft. Eine Einsicht von der man/frau sich in diesen Tagen nur wünschen kann, dass sie tiefere realpolitische Implikationen hätte.
Daniela Waldmann
Prof. Dr. Johannes Müller SJ u.a., München, Seminar: Interdisziplinäre Zugänge zum Problemfeld »Gewalt«, Sommersemester 2004.
Fundamentalismus, Terrorismus, »neue Kriege« oder der Irakkrieg haben eine neue, sehr intensive Diskussion über die Wurzeln der Gewalt, die Prävention von Gewalt und die Rechtmäßigkeit von Gegengewalt ausgelöst. Diese Debatte scheint umso wichtiger, als eine »Globalisierung von Gewalt und Gegengewalt« die Gefahr mit sich bringt, dass die stets begrenzten Mittel für eine menschliche Entwicklung vorrangig unter sicherheitspolitischer Rücksicht (nicht zuletzt für militärischen Schutz) vergeben werden.
Diese neue Form eines Seminars war eng mit dem Interdisziplinären Symposion 2004 verknüpft (siehe Seite 8). Die jeweiligen Blockveranstaltungen wurden daher auch von verschiedenen Dozenten und Professoren verantwortet und geleitet. Im Einzelnen beinhalteten sie die folgenden Themen:
Gewalt als Thema der Politischen Philosophie (Prof. Dr. Norbert Brieskorn SJ),
Gewalt und Medien (Prof. Dr. Rüdiger Funiok SJ),
Terrorismus und seine Bekämpfung (Prof. Dr. Johannes Müller SJ) und
Religion und Gewalt (Dr. Stefan Bauberger SJ).
Prof. Dr. Johannes Laube, München, Vorlesung: Maßgebliche Persönlichkeiten der Geistesgeschichte Ostasiens, Wintersemester 2004/05
Trotz des anscheinend erdrückenden Einflusses naturgegebener Gesetzmäßigkeiten und gesellschaftlicher Bewegungen bestimmen die Individuen durch ihre Entscheidungen im Denken und Handeln das Geschick ihrer Völker und Kulturen. Wie die Kulturen des sog. Westens haben auch diejenigen des sog. Ostens ihre Vordenker und ihre Helden des Handelns. Selbst wenn die Zeugnisse von ihnen oft ein viel verzweigtes Gewächs von Legenden, Idealisierungen und Typisierungen mit einem kaum erkennbaren historischen Kern ihrer Taten und Reden darstellen, lohnt die Auseinandersetzung mit diesen Zeugnissen, da sie gerade so erst recht den die Geschichte bestimmenden »Geist« der betreffenden Kultur ausdrücken.
Die Vorlesung behandelte ca. 30 maßgebliche Persönlichkeiten der Geistesgeschichte Chinas, Koreas und Japans, in ihrer Gliederung angelehnt an die Überblicksdarstellung von Collinson/Plant/Wilkinson, Fifty Eastern Thinkers, London/New York 2000.
Prof. Dr. Gerhard Grohs, München, Seminar: Religion und Krankheit in Afrika am Beispiel von HIV/AIDS, Wintersemester 2004/05.
Das Seminar begann mit einem Überblick über die Verbreitung von HIV/AIDS in der Welt. Hier zeigte sich, dass die »Entwicklungsländer« mit 90% der weltweit 38 Millionen infizierten Menschen am stärksten betroffen sind. Afrika südlich der Sahara ist mit 25 Millionen Infizierten die am stärksten betroffene Region; HIV/AIDS ist hier die häufigste Todesursache geworden. Im Anschluss wurden einige medizinische Aspekte, Therapie-, Versorgungs- und Präventionsmöglichkeiten behandelt. »AIDS« ist die letzte Phase einer HIV-Krankheit. Das HI-Virus schwächt das Immunsystem, die Folge ist eine Vielzahl von Infektionskrankheiten, die die eigentliche AIDS-Erkrankung darstellen. Eine Heilung von HIV/AIDS ist derzeit nicht möglich. Es existiert jedoch eine Therapie mit sog. antiretroviralen Medikamenten, die die Vermehrung des Virus weitgehend unterdrücken. Allerdings haben nur weniger als 1% aller Bedürftigen in Afrika Zugang zu dieser Therapie; darüber hinaus fehlt meistens auch eine ädaquate Behandlung der Infektionskrankheiten in Folge von HIV. Pharmaunternehmen haben aufgrund öffentlichen Drucks und der Konkurrenz von Nachahmerprodukten die Preise für afrikanische Länder um bis zu 90% gesenkt, allerdings ist auch dieser Preis für die Mehrzahl der Betroffenen nicht bezahlbar. Prävention erhält angesichts dieser schlechten medizinischen Versorgung eine noch größere Bedeutung.
HIV/AIDS bedeutet nicht nur das Leiden an der Krankheit, sondern bringt weitere Auswirkungen sowohl für die Kranken als auch für ihre Angehörigen und die Gesellschaft im Ganzen mit sich. Krankheit und Tod bedeuten auch einen Verlust an Arbeitskraft der Kranken und ihrer Angehörigen, die Pflege leisten und Kosten für die medizinische Betreuung tragen. Ein großes Problem stellen die 12 Millionen Kinder dar, die in Afrika aufgrund von AIDS zu Waisen geworden sind. Die traditionelle Versorgung der Waisen in den Großfamilien ist durch das Ausmaß der Epidemie häufig nicht mehr möglich, so dass viele von ihnen als Straßenkinder oder in Kinder-Haushalten zusammen mit ihren Geschwistern leben.
Ein weiteres Thema war die Rolle der Kirchen in Afrika: Viele Krankenhäuser und Gesundheitszentren in Afrika werden von Kirchen unterhalten; der Glaube ist hier viel stärker als in Europa ein Teil des täglichen Lebens, weshalb die Kirchen einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung nehmen können. Traditionelle afrikanische Krankheitsvorstellungen wurden vor allem am Beispiel der Luo in Kenia und Tansania behandelt, die traditionell Tabubrüche und Verwünschungen als Ursachen für Krankheiten betrachten. Weitere im Seminar behandelte Themen waren die AIDS-Politik in Südafrika, Uganda und Senegal, der Beitrag internationaler Organisationen und die Rolle von Frauen in der Bekämpfung von HIV/AIDS.
Felix Müller
Dr. Johannes Herzgsell SJ, München, Vorlesung: Ein erster Blick auf die Weltreligionen: Hinduismus, Judentum, Buddhismus, Christentum und Islam, Wintersemester 2004/ 05.
Die Vorlesung hatte zum Ziel, ein erstes Grundwissen über die genannten Religionen zu vermitteln, vor allem über ihren Glauben und ihre Lehre(n), aber auch über ihre Gründergestalten und ihre Entstehung, über ihre Geschichte und ihre Richtungen sowie über ihre Gemeinschaft(en), Riten und Feste. Bei der Darlegung des Christentums lag der Schwerpunkt auf der Darstellung des historischen Jesus und der Deutung von Person und Wirken des Jesus als Christus.
Dr. Christian M. Rutishauser SJ, Bad Schönbrunn/Schweiz, Vorlesung: Einführung in Kultur und Religion des Judentums, Wintersemester 2004/05.
Mit der Vorlesung angezielt war, einen kritisch-reflektierten Überblick über die Geschichte des jüdischen Volkes sowie über religiöse Grundvollzüge und philosophische Ideen des Judentums zu geben. Im Einzelnen ging es um: die Geschichte des Frühjudentums und die Entstehung der hebräischen Bibel; Talmud, Midrasch und Halacha; die jüdische Philosophie und Theologie im Mittelalter und der Moderne; die Entwicklung von der klassischen Kabbala zum Sabbatianismus; den Themenkomplex Aufklärung, Assimilation und Zionismus; die Verbindungen zwischen Antijudaismus, Antisemitismus und der Shoa; das Verhältnis von Monotheismus und Bilderverbot; die Heiligung des göttlichen Namens als Fluchtpunkt jüdischer Ethik; das liturgische Jahr; die Gestaltung des Lebenszyklus von der Geburt bis zum Tod.
Prof. Dr. Raif Georges Khoury, Heidelberg/Paris, Seminar: Die vielfältigen Richtungen im Islam. Gemäßigte und fundamentalistische Tendenzen gestern und heute, Wintersemester 2004/05.
Verschiedene Richtungen innerhalb des Islam, in der Fachliteratur des islamischen Mittelalters als Gruppen (Firaq) bezeichnet, sind früh, d.h. seit dem Ende der Dynastie der Orthodoxen Kalifen im 7. Jahrhundert, als politische Gruppierungen entstanden. Viel später und unter der Wirkung der Verbreitung neuer theologisch-philosophischer Methoden entwickelten sie sich immer mehr zu echten religiösen Richtungen. Das Seminar thematisierte die wichtigeren dieser Richtungen, indem ihre politisch-religiösen Ursprünge und ihre spätere Entwicklung bis zum heutigen Tag nachgezeichnet wurden. Die einzelnen Schritte beim Nachvollzug dieser Entwicklungsgeschichte waren dabei:
Die Entstehung der politischen und religiösen Gruppen im 7. islamischen Jahrhundert - der Kampf um das Kalifat und Imamat; Rationalisten und Fundamentalisten im Frühislam; Sunniten und Schiiten - Gemeinsamkeiten und Unterschiede; orthodoxe und übertreibende schiitische Tendenzen; die Fatimiden und ihre Rolle bei der Entstehung von extremistischen Tendenzen im Islam; die Rolle der mystischen Bruderschaften im islamischen Mittelalter und in der Neuzeit; die Moslembrüder - Entstehung, Ausbreitung ihrer Ideologie und ihre jetzige Rolle.
4. JESPHIL-Konferenz 2004: »Relativism and Utilitarianism«
28.8.-1.9.2004, Pieštany (Slowakei)
Auch 2004 unterstützte das Rottendorf-Projekt den alle zwei Jahre stattfindenden JESPHIL-Kongress, an dem dieses Jahr 33 im Bereich Philosophie arbeitende europäische Jesuiten teilnahmen:
The structure of the meeting was defined by four plenary sessions, three workshops with four sessions each and a session for the presentation of short papers. The four plenary sessions were the following: Paul Valadier S.J. (Centre Sèvres, Paris): Utilitarisme et Relativisme: Raisons d'une actualité: Essai de diagnostic; Louis Caruana S.J. (Gregoriana, Rome): Science and Ethics: Tracing parallels and contrasts between Science, Relativism and Utilitarianism; Gerald Hughes S.J. (Campion Hall, Oxford): Sense, Calculation or Insight? and Friedo Ricken S.J. (Hochschule für Philosophie, München): ‘Mensch’ und ‘Person’. The three workshops were the following: Hugo Roeffaers S.J. (Heverlee, Belgium): Document of the European Provincials on ‘Faith and Culture’; François Marty S.J. (Paris): Kant devant le défi du relativisme (et du pluralisme) contemporain and Heinrich Watzka S.J. (Frankfurt): Aspekte des heutigen Skeptizismus.
Paul Valadier S.J. asked why it was that Utilitarianism, despite having been often refuted or at least heavily criticised, has nevertheless survived as an important influence in contemporary thinking. His suggested reasons included: its usefulness in economic analysis and practice; and its harmony with the current fashion for value-free tolerance and general liberty. The result is a pluralism amounting to relativism. This general failing, in Paul Valadier's view, is particularly evident in the way in which Utilitarianism in effect seriously underestimates the importance of individual rights. This tendency is reinforced by the emphasis on minimising suffering rather than a positive care for individuals.
The subsequent discussion revealed considerable agreement with Valadier's general analysis. Not all the problems are easily solved, however: in particular, while Valadier is right to deny that the Common Good can be identified with the ‘happiness of the greatest number’, there remain serious problems about justice and the potential conflict between the rights and good of individuals and the rights and good of society as a whole.
Luis Caruana S.J. explored the Utilitarian ideal of making ethics into a science. He argued that this at first sight quite uncompromising aim is perhaps not as ridiculous as it might at first sight appear. Ethics is not nearly as relativist as it might naively be supposed; and science is not as independent of the cultural presuppositions of the scientist as is commonly believed. Caruana himself developed a notion of ‘open objectivity’, which can be looked upon as a version of the case-law approach to the importance of the precedents, or as following in the line of Aquinas’ insistence on the difference between primary and secondary precepts of Natural Law. He pointed out, however, that both in ethics and in science our discussion of particular situations always involves an element of methodological over-simplification; and hence can never be considered complete and immune from further revision.
The discussion showed that there was a general agreement over his attempt to combine a reasonable version of ethical absolutism with a proper flexibility in ethics. Questions were asked about the extent to which precedents were themselves open to further precision - a view which might enhance the parallel between case law and ‘secondary’ moral principles.
Gerard Hughes S.J. agreed with Paul Valadier that the key element in Relativism was the denial of any comparability between different moral codes. Each system of morality is, according to the relativist, defined internally to any given culture, as parallels with examples in sport might illustrate, and as two key examples from recent moral disputes amply showed. While classical writers such as Hume and Bentham, each in his way a kind of utilitarian, certainly intended to be absolutist, it might nevertheless be argued that they left the way open to relativism despite their intentions. The absolutist needs to establish a common moral standard of some kind which can be used as a standard of comparison between apparently different moral codes. Hume’s assumption that we share the disposition to sympathy with others seems far too optimistic; and Bentham’s attempt to be scientific presupposes a shared view both of values and of the canons of moral reasoning; but there is arguably no such shared view. Might some version of Aristotelianism be a more compromising approach?
There was a lively discussion of the extent to which there can be said to be one shared human nature despite the wide varieties of culture; and, if there is, whether it is a rich enough notion to provide more than a very basic ethics.
Friedo Ricken S.J. gave a paper on ‘Human being and Person’, in which some of the issues mentioned earlier on in Paul Valadier's paper were developed in connection with the basis of the right to life. The paper made it very clear how difficult it is to determine whether all humans are persons, and what it is to be a person; and, of course, there are immediate implications in connection with cloning and abortion. Friedo Ricken considers both the Kantian and the Aristotelian approach to these issues, carefully analysing these strands of thought as they are to be found in contemporary discussions of the rights of animals, embryos, foetuses and the very old or mentally handicapped.
There was a wide degree of consensus about Friedo Ricken’s diagnosis of the issues involved, and of what the outlines of a successful solution to the practical problems might be. The issues, however, cannot be settled simply by verbal definitions of ‘soul’ and ‘person’; perhaps the most promising approach is to consider the notion of being responsible for, and before, other humans. We are responsible for other humans irrespective of their mental or physical development, and obliged to help them to develop their mental capacities as far as they can.
Aus dem Konferenzbericht von João Vila-Chã S.J., Braga (Portugal)
