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Jahresbericht 2005

INHALT

0. Leitartikel: Millenniumsziele der Vereinten Nationen

1. Interdisziplinäres Symposion: Globalisierung und Armut. Wie realistisch sind die Millenniums- Ziele der Vereinten Nationen?

2. Wissenschaftliches Kolloquium: Entwicklungspolitik im Fadenkreuz der Sicherheitspolitik. Welche entwicklungspolitische Strategie verfolgt die Europäische Union?

3. Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen«

4. JESPHIL-Treffen 2005

 

 

0. Leitartikel: Millenniumsziele der Vereinten Nationen

In den letzten Jahrzehnten hat die Zahl absolut armer Menschen zwar prozentual (bezogen auf die Weltbevölkerung) abgenommen, ihre absolute Zahl aber hat sich kaum verändert. Alle internationalen Berichte gehen davon aus, dass noch immer weit über eine Milliarde Menschen, gut 20 Prozent der Weltbevölkerung, in unvertretbarer Armut lebt und mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen muss. Das hat zur Folge, dass die betroffenen Menschen ihre fundamentalen Grundbedürfnisse nicht oder nur unzureichend befriedigen können. Sie leiden unter Hunger, Unterernährung und Krankheit, leben in Elendssiedlungen und haben keine oder nur schlecht entlohnte Arbeit. Armut und sozialer Ausschluss bedeuten meist jedoch auch Mangel an nicht-materiellen Gütern wie Bildung, politischer Partizipation und kultureller Freiheit.

Höchst umstritten ist, ob und inwieweit die Globalisierung die weltweite Einkommenskluft vergrößert und die Armen noch ärmer macht. Neuere empirische Studien kommen zu einem differenzierten Ergebnis. Die positive Nachricht lautet: Die globale Ungleichheit hat seit den 1970er und besonders den 1990er Jahren abgenommen, allerdings hat gleichzeitig die Ungleichheit innerhalb einer Reihe von Ländern zugenommen. Die schlechte Nachricht heißt: Der Anteil der ärmsten 20% der Weltbevölkerung am Welteinkommen ist gesunken und ihre Notlage hat sich zum Teil sogar verschärft. Dies bestätigt die These, dass die Globalisierung viele Gewinner hat, ausgerechnet aber die Ärmsten zu Verlierern macht. Ein wesentlicher Grund dürfte darin liegen, dass die Dynamik der Globalisierung zumindest tendenziell zum Ausschluss schwächerer und weniger leistungsfähiger Menschen, Gruppen und Regionen weltweit führt.

Angesichts dieser und ähnlicher Tatsachen haben sich die Vereinten Nationen beim Millenniumsgipfel im Jahr 2000 zur »Halbierung von Armut und Hunger« in den Jahren 1990-2015 verpflichtet. Sie haben dazu einen Katalog von acht Zielen mit detaillierten Vorgaben (Millennium Development Goals) erstellt. Sie beziehen sich vor allem auf Bildung und Gesundheit und betonen dabei die Gleichstellung der Geschlechter. Sie umfassen aber auch entwicklungsförderliche Rahmenbedingungen wie Schuldennachlass und besseren Marktzugang für Entwicklungsländer. Angestrebt ist der »Aufbau einer weltweiten Entwicklungspartnerschaft«, die zumindest eine Verdoppelung der Entwicklungshilfe von derzeit 68 auf 135 Milliarden US-Dollar verlangt.

Eine erste Bilanz beim UN-Gipfel im September 2005 in New York fiel insgesamt eher enttäuschend aus: Es gibt zwar eine Reihe von erfreulichen Fortschritten, gleichzeitig wächst aber die Sorge, dass die Ziele bei weitem nicht erreicht werden. Während Asien weitgehend auf Kurs liegt, kommt besonders Afrika südlich der Sahara kaum voran. Die Gründe sind vielfältig, u.a. interne Konflikte oder eine schlechte Regierungsführung. Ebenso zu beklagen ist jedoch die fehlende Bereitschaft der meisten reichen Länder, die nötigen Mittel aufzubringen und notwendige Reformen einzuleiten. Gleichzeitig wird ein Vielfaches an Geld für Sicherheitspolitik und den Kampf gegen Terrorismus ausgegeben.

Noch besteht jedoch die realistische Hoffnung, dass die angestrebten Ziele erreicht werden können, wenn man die verbleibende Zeit entschlossen nutzt und die notwendigen Maßnahmen ergreift. Man kann daher nur begrüßen, dass eine Vielzahl von Akteuren der Zivilgesellschaft, nicht zuletzt kirchliche Gruppen und Hilfswerke, sich mittels Kampagnen für die Anliegen der Ärmsten einsetzt und die Regierungen der reichen Länder an ihre Verantwortung und ihre Versprechen zu erinnern versucht.

Dies allein reicht jedoch nicht. Die Zielvorgabe Halbierung der Armut impliziert nämlich, dass auch im Jahr 2015 eine Zahl von etwa 500 Millionen Menschen in extremer Armut in Kauf genommen wird. Dies mag politisch realistisch sein, ist aber angesichts wachsenden Wohlstands in der Welt dennoch beschämend. Will man die Armut wirklich beseitigen, dann muss man auch den Zusammenhang zwischen Reichtum und Armut thematisieren, den eine einseitig ökonomische Sichtweise nicht angemessen erfassen kann. Nicht weniger wichtig sind die sozio-kulturellen Hintergründe sowie das Verständnis und die Bewertung von Reichtum inmitten von Armut. Nicht zuletzt geht es dabei um eine Verteilungs- und damit auch Machtfrage. Umso wichtiger ist es, dass die Politik überall auf der Welt wieder mehr ihre Grundaufgabe wahrnimmt, nämlich das Gemeinwohl und nicht irgendwelche partikulare Interessen zum Maßstab ihres Handelns zu machen. Auch das Symposion des Forschungs- und Studienprojekts der Rottendorf-Stiftung im Jahr 2005 hat versucht, im interdisziplinären Dialog dazu einen kleinen Beitrag zu leisten.

Johannes Müller SJ

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1. Interdisziplinäres Symposion: Globalisierung und Armut. Wie realistisch sind die Millenniums- Ziele der Vereinten Nationen?

am 3./4. Juni 2005.

 

Trotz jahrzehntelanger Entwicklungspolitik und Entwicklungszusammenarbeit hat sich das Ausmaß weltweiter Armut bestenfalls sehr bedingt vermindert. Alle Berichte von Organisationen wie den Vereinten Nationen oder der Weltbank gehen davon aus, dass noch immer weit über eine Milliarde Menschen in unvertretbarer Armut lebt. Der Prozess der Globalisierung verschärft nach Meinung vieler Menschen (vor allem in der Dritten Welt und in den Transformationsländern, aber auch in den Wohlstandsländern) die­se Notlage. Viele Fakten deuten in der Tat darauf hin, dass die Globalisierung weltweit zum wachsenden Ausschluss Schwächerer führt. Das hat zur Folge, dass die betroffenen Menschen ihre fundamentalen Grundbedürfnisse nicht oder nur unzureichend befriedigen können. Sie leiden unter Hunger, Unterernährung und Krankheit, leben in völlig unzulänglichen Elendssiedlungen und haben keine oder nur schlecht entlohnte Arbeit. Armut und sozialer Ausschluss als menschliche Phänomene erschöpfen sich jedoch nicht darin, sondern bedeuten meist auch Mangel an nichtmateriellen Gütern wie Bildung, politischer Partizipation und kultureller Freiheit.

Angesichts dieser Tatsache haben die Vereinten Nationen anlässlich ihres Millenniumsgipfels im Jahr 2000 so genannte Millenniums-Entwicklungsziele (Millennium Development Goals - MDGs) für das Jahr 2015 formuliert, und die UN-Vollversammlung im Herbst 2001 hat einen detaillierten »Kompass für die Umsetzung« verabschiedet. Er umfasst Ziele wie Frieden und Sicherheit ebenso wie Armutsbekämpfung, Umweltschutz, Menschenrechte, Schutz der Schwächeren und die besonderen Bedürfnisse Afrikas. Schon heute wächst freilich die Sorge, dass diese Ziele nicht erreicht werden, weil es mächtige Kräfte, Ideologien und Interessengruppen gibt, die eine ganz andere Agenda haben. Umso wichtiger ist es, die oben genannten Ziele auch im Hinblick auf ihre normativen Grundlagen zu reflektieren und diskutieren.

Das Forschungs- und Studienprojekt der Rottendorf-Stiftung weiß sich schon von seinem Programm her dem Ziel globaler Solidarität und einer »vorrangigen Option für die Armen« in besonderer Weise verpflichtet. In diesem Sinn wollte das Symposion diese Thematik aufgreifen, indem es aus interdisziplinärer Perspektive Fragen nachging wie: Welche Ursachen hat die Armut? Wird sie durch Globalisierung verringert oder verschärft? Wie lässt sich Armut sozio-kulturell erklären? Wie beeinflusst sie das Verhalten der Armen? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Reichtum und Armut? Was sagen Sozialphilosophie und Sozialethik zur Verteilungsgerechtigkeit? Wie lassen sich die Millenniums-Ziele wirksam umsetzen? Welche Rolle sollen dabei Akteure wie Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft spielen? Welchen Beitrag können Religionen leisten?

Diskutiert wurden Themen wie die Wechselwirkung zwischen Globalisierung und Armut (Stephan Klasen, Göttingen), die »Kultur der Armut« zwischen Mythos und Wirklichkeit (Johannes Müller SJ, München), Ansprüche der Armen und Probleme der Analyse globaler Hilfspflichten (Markus Stepanians, Saarbrücken) sowie der Versuch einer Zwischenbilanz der bisherigen Umsetzung der MDGs (Klemens van de Sand, Bonn). Die jeweiligen Diskussionen nach den Referaten wurden kenntnisreich bereichert durch einen »Gesprächspartner aus der entwicklungspolitischen Praxis« (Thomas Fues, Bonn).

Die maßgeblich auf die ökonomische Empirie gestützte Analyse von Stephan Klasen begann mit der Unterscheidung zwischen Globalisierung als Prozess und Globalisierung als Programm. Zu ersterer gibt es keine echten Alternativen, in der Ausgestaltung letzterer ist die internationale Staatengemeinschaft relativ frei, was viele Handlungsoptionen eröffnet und einem weit verbreiteten Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber Globalisierungsprozessen entgegen steht. Dass global eine eklatante ökonomische Ungleichheit zu verzeichnen ist, ist empirisch evident und unbestritten. Schwieriger ist laut Klasen, die weit verbreitete Armut als direkte Folge der Globalisierung zu interpretieren. So lautete eine seiner zentralen Thesen, dass die heutige Ungleichheit fast ausschließlich ein Resultat des Kolonialismus (ca. 1820 - 1950) ist, dessen damaliger Stand bis heute auf einem durchschnittlich ähnlich hohen Niveau blieb. Geändert hat sich nur die Verteilung. Von der Handelsliberalisierung der letzten Jahrzehnte haben überwiegend die Industrieländer profitiert, die Länder des Südens – mit wenigen Ausnahmen (u.a. Brasilien, Indien, China) – dagegen kaum. Vor allem Afrika droht, von der globalen ökonomischen Entwicklung völlig abgekoppelt zu werden. Die Implikationen dieser Analyse liegen für Klasen auf der Hand: Der Einfluss der Globalisierung auf die Armutsentwicklung hängt wesentlich davon ab, was die Industrieländer bereit sind, für Afrika zu tun: Neben ökonomischen Mitteln (z.B. Ausbau der Importsubventionen) gehört für Klasen dazu auch unverzichtbar der politische Wille zu militärischem Eingreifen, um Afrika zu befrieden und so die Voraussetzung für echte, armen-orientierte Entwicklung zu schaffen.

Nach Klasens primär ökonomisch-empirischer Analyse stand im Mittelpunkt des Referats von Johannes Müller SJ die sog. »Kultur der Armut«. Der hinter diesem Ansatz stehende Kulturbegriff hat folgende Merkmale: Es handelt sich um ein kollektives kognitiv-ethisches System, das offen und deshalb nie deterministisch ist. Es ist beobachtbar und insofern einer »dichten Beschreibung« (Clifford Geertz) zugänglich, und es ist nie frei von Ambivalenzen. Begriffsgeschichtlich steht der »Kultur der Armut« (Oscar Lewis) die »Kultur des Schweigens« (Paolo Freire) nahe. Beiden gemeinsam ist die These, dass Kulturen der Armut häufig Folgen sozialer Strukturen von Not sind. Bei der Interpretation von wahrgenommener Wirklichkeit steht häufig einer Mikrosicht der Armen eine Makrosicht der Eliten gegenüber. Bereits aus diesen Befunden lassen sich weit reichende Schlussfolgerungen für die Armutsbekämpfung ziehen: Anstatt exklusiv auf Beurteilungen von außen zu setzen ist auf die Armen selbst zu hören; dies setzt eine partizipative Teilnahme an deren realem Leben voraus und fordert eine Armutsbekämpfung von unten. Im zweiten Teil seines Vortrags ging es Müller um das Verhältnis von Religionen und Armut (Religionen als kulturelle Systeme; religiöse Fluchtbewegungen aus der »Kultur der Armut«; religiöse Deutungen von Armut) sowie um die kulturelle Dimension der Globalisierung. Bei letzterer wurde einmal mehr die Ambivalenz der Globalisierung, auch aus Sicht der Armen des Südens, deutlich: Ökonomisch von vielen angestrebt, wird sie doch in ihrer kulturellen Dimension, erlebt als Ausbreitung des westlichen Zivilisationsmodells, eindeutig abgelehnt.

Aus Sicht der analytischen Moralphilosophie untersuchte anschließend Markus Stepanians das Verhältnis von Anspruchsrechten, speziell der Armen, und globalen Hilfspflichten. Ausgehend von den drei Typen moralischer Ansprüche (kommutative Gerechtigkeit, distributive Gerechtigkeit und Nothilfe) kam Stepanians‘ Analyse zu dem Ergebnis: Weil weder die Ansprüche aus der kommutativen, noch die aus der distributiven Gerechtigkeit (incl. der korrelierenden Kooperations-, Ausbeutungs- und Entschädigungsargumentationen) hinreichend überzeugen, bleibt allein der Anspruch auf Nothilfe. Diesem korreliert eine entsprechende Pflicht: Es existiert die moralische Verpflichtung zur Notstandshilfe, unabhängig davon, ob die Not selbst verschuldet ist oder nicht, wobei das moralisch geschuldete Minimum im Erreichen der von ihm sog. »kritischen Schwelle« an materieller Ausstattung liegt.

Im letzten der vier Referate gab der Bundesbeauftragte für die Millenniums-Entwicklungsziele, Klemens van de Sand, eine Zwischenbilanz des MDG-Prozesses aus Sicht der Entwicklungspolitik. Die MDGs als global, d.h. weder regional noch national, aggregierte Entwicklungsziele erfordern zwingend die jeweilige nationale Konkretion. Infolge des den MDGs zugrunde gelegten relativ breiten Armutsbegriffs kann diese sehr unterschiedlich ausfallen. Für alle der nationalen Strategien aber gelten als interne Voraussetzungen für deren Erfolg der entsprechende politische Wille, ein breitenwirksames Wirtschaftswachstum, die Beteiligung (d.h. vorausgehende Motivation) des Privatsektors und die Einbindung aller gesellschaftlichen Kräfte. Aufgabe der Entwicklungspolitik ist dabei, den Partnern beim Entwickeln ihrer Strategie behilflich zu sein sowie an der Generierung des politischen Willens zu arbeiten, jedem Partner beim Ausbau seiner ganz spezifischen Stärken zu unterstützen. Die Risiken des MDG-Prozesses sind laut van de Sand vielfältig: Ihr Nicht-Erreichen kann zu einem Glaubwürdigkeitsverlust der Entwicklungspolitik insgesamt führen; beim Verfolgen der Strategie »Masse statt Klasse« riskiert man Nachhaltigkeit um kurzfristiger Erfolge willen; es besteht die ständige Gefahr einer Performance- anstatt echter Armutsorientierung; und schließlich kann die Überbetonung externer finanzieller Inputs zu Lasten einer Unterbewertung von good governance und dem Schaffen eines entsprechenden Investitionsklimas führen.

Auf dem abschließenden Podium spitzte sich die Diskussion zu auf die Frage nach dem Einflussbereich und Aufgabengebiet der Wissenschaft in der Entwicklungspolitik sowie auf die Frage nach der Motivation entwicklungspolitischen Engagements, v.a. hinsichtlich der größer werdenden Probleme des eigenen Landes.

Die Ergebnisse des Interdisziplinären Symposions werden wie in den vergangenen Jahren in einem Tagungsband veröffentlicht, der voraussichtlich im Mai 2006 als Band 13 in der Reihe »Globale Solidarität« des Kohlhammer-Verlags, Stuttgart, erscheinen wird.

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2. Wissenschaftliches Kolloquium: Entwicklungspolitik im Fadenkreuz der Sicherheitspolitik. Welche entwicklungspolitische Strategie verfolgt die Europäische Union?

am 25. November 2005.

In den letzten Jahren sind Sicherheit und Entwicklung in der Politik zunehmend zu eng verflochtenen und voneinander abhängigen Zielen geworden. Dafür lassen sich gute Gründe ins Feld führen: Einerseits erfordert Entwicklung ein Mindestmaß an Sicherheit, denn interne Konflikte und organisierte Kriminalität, welche die staatliche Ordnung untergraben, lassen jede Entwicklungsmaßnahme scheitern. Andererseits gibt es aber ohne Entwicklung auch kaum eine Chance auf dauerhafte nationale wie internationale Sicherheit. Mangelnde Entwicklungsperspektiven und anhaltende Verarmung tragen nämlich nicht nur zum Zerfall von Staaten bei, sondern sind auch der Nährboden für globale Probleme wie den grenzüberschreitenden Handel mit Drogen, Waffen und zunehmend auch Menschen sowie den transnationalen Terrorismus.

Freilich kann eine solche Sicht der Dinge leicht dazu führen, dass die Entwicklungspolitik der Sicherheitspolitik und den Sicherheitsbedürfnissen der reichen Länder untergeordnet wird, und zwar zu Lasten der Armutsbekämpfung. Die extrem hohen Ausgaben für sicherheitspolitische Ziele (z.B. den Krieg im Irak) einerseits, und die völlig unzureichenden Mittel im Hinblick auf die UN-Millenniums-Ziele zur Halbierung der Armut andererseits sind ein deutlicher Hinweis auf ein erhebliches Missverhältnis in der Zuordnung von Sicherheits- und Entwicklungspolitik. Die entwicklungspolitischen Akteure beobachten diese Tendenz begreiflicherweise mit Sorge und befürchten, dass die Entwicklungspolitik ihren eigenständigen Charakter verlieren könnte.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Europäische Union, gerade nach ihrer Erweiterung, ihre Außen- und besonders ihre Nord-Süd-Beziehungen konzeptionell und praktisch ausrichten will. Einen ersten wichtigen Beitrag lieferte der Entwurf für eine gemeinsame Sicherheitsstrategie des Hohen Vertreters der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP), Javier Solana, vom Dezember 2003. Auch im »Vertrag über eine Verfassung für Europa« finden sich Anknüpfungspunkte, die allerdings recht offen gehalten sind und weiterer Konkretisierung bedürfen, v.a. was die Aufgaben und Ziele der Sicherheits- und Entwicklungspolitik anbelangt. Ziel des Wissenschaftlichen Kolloquiums war, dieses Spannungsfeld zwischen Sicherheits- und Entwicklungspolitik mit zwei profilierten Vertretern ihrer Zunft zu diskutieren.

Klaus-Dieter Schwarz, Mitarbeiter der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin, ging der Frage nach, ob bzw. inwiefern die EU als ein globaler sicherheits- und entwicklungspolitischer Akteur zu sehen ist. Nach ihm ist die EU in erster Linie ein ökonomischer Akteur, dessen Mittel die Wirtschaftspolitik ist. Leitbild ist das der »Zivilmacht Europa« als Ausdruck des Versuchs, EU-interne Funktionsmechanismen nach außen zu transformieren; es bestimmt und beschränkt den Einsatz militärischer Macht. Entwicklungspolitik ist weithin Sache der einzelnen Mitgliedsstaaten, der Union kommen primär Koordinierungsaufgaben zu.

Häufig hat diese Struktur einer Union mit sehr starken Mitgliedsstaaten Schwäche und Schwerfälligkeit auf der internationalen Ebene zur Folge. Ihr versucht man seit einigen Jahren durch die Entwicklung hin zu einer stärker gemeinsam gestalteten europäischen Außen- und Verteidigungspolitik (GASP) bzw. seit Dezember 2003 mit einer gemeinsamen Europäischen Sicherheitsstrategie (ESS) entgegen zu wirken. Zentrale Elemente der ESS sind dabei eine »neue europäische Nachbarschaftspolitik«, d.h. Integrationspolitik über neue Mitgliedsstaaten und Stabilitätspolitik mit den Nachbarstaaten (u.a. über den Barcelona-Prozess mit den Mittelmeeranrainern, sowie EU-Engagement im Nahost-Konflikt) und ein »effektiver Multilateralismus«, d.h. die EU-Kooperation mit den UN, der NATO, der WTO, der KSZE, und ein neues Verhältnis auf Augenhöhe mit dem transatlantischen Partner USA. Die zur Umsetzung der ESS erforderlichen Herausforderungen werden in ihr überschrieben mit »aktiver, mehr Handlungsfähigkeit, mehr Kohärenz«.

Im Umgang mit bestehenden Konflikten sieht die GASP u.a. humanitäre Hilfe, Konfliktbegrenzung, Demobilisierung, Ausbildung einheimischer Sicherheitskräfte, Post-Konflikt-Stabilisierung und nation-/state-building vor. Praktisch umgesetzt werden diese Ziele u.a. mittels EU-Polizisten, Rechtsexperten, Fachpersonal und mobilen militärischen Einsatzkräften.

Zentrales Problem all dieser neuen Konzepte ist nach Schwarz die mangelnde Mitwirkung der Mitgliedsstaaten. So lautet denn auch sein Fazit: Bei der EU handelt es sich um einen globalen wirtschaftspolitischen und einen regionalen sicherheitspolitischen Akteur, dessen Handlungsfähigkeit vom Wollen der Mitgliedsstaaten abhängt.

Franz Nuscheler, langjähriger Direktor des Instituts für Frieden und Entwicklung (INEF), Duisburg, ging in seinem Referat vom prioritären EU-Ziel Armutsbekämpfung aus und fragte dann nach den sicherheitspolitischen Herausforderungen der Entwicklungspolitik. In Übereinstimmung mit dem Befund »Sicherheit ist eine Voraussetzung für Entwicklung« (ESS) ist nach Nuscheler eines der entwicklungspolitischen Hauptprobleme das der failed states. Der Versuch der Sicherheitspolitik, diesen »neuen Bedrohungen« mittels eines neuen »erweiterten Sicherheitsbegriffs« zu begegnen, der Sicherheit umfassender definiert als rein militärische Sicherheit und demnach auch auf einen Instrumentenmix setzt, überschätzt allerdings nach ihm das Potenzial der Entwicklungszusammenarbeit. Ein Beleg hierfür: Die weltweite ODA (official development assistance – staatliche Entwicklungshilfe) zusammen genommen ist bislang kaum höher als der EU-Agrarhaushalt.

Zu der Frage Instrumentalisierung der Entwicklungspolitik durch die Sicherheitspolitik versus sinnvolle Schnittstellen zwischen beiden Politikbereichen betonte Nuscheler die Eigenständigkeit der Entwicklungspolitik, weshalb es auch innerhalb der GASP nicht zu ihrer Unterordnung kommen dürfe. Dies ist umso dringender, als es nach dem Ende des Kalten Krieges zu einer dramatischen Umorientierung der EU-Entwicklungshilfe von Süd nach Ost und damit zu einem sich verstetigenden Prozess des Vorrangs der Sicherheitspolitik gekommen ist. Angesichts der Gefahr der schleichenden Umverteilung der Mittel ist immer wieder auf das EU-Ziel Priorität der Armutsbekämpfung hinzuweisen.

Punkte, die u.a. in der lebhaften anschließenden Diskussion zur Sprache kamen: die Forderung nach einer Vergemeinschaftlichung der Verteidigungspolitik innerhalb der EU; der von vielen geteilte Befund, dass die gesellschaftliche legitimatorische Basis für Entwicklungshilfe immer stärker erodiert; sowie der gegenwärtig zu beobachtende Trend, das Völkerrecht zunehmend unter strafrechtlichen Prämissen zu sehen (Kategorie der unterlassenen Hilfeleistung für Staaten). Sehr umstritten war die Logik der Deduktion »Wenn ich für nation-building bin, impliziert dies die Unterstützung des staatlichen Gewaltmonopols; dann aber muss ich auch Rüstungslieferungen zustimmen«.

 

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3. Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen«

Veranstaltungen im Rahmen des Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen« 2005

1) Dr. Markus Hünemörder, München, Vorlesung: Einführung in die Kultur, Politik und Gesellschaft der USA, Sommersemester 2005.

Ist Amerika ein Land der unbegrenzten Widersprüche? Einerseits die größte Ökonomie der Welt, weisen die USA doch andererseits nur eine verhältnismäßig schwach ausgeprägte Sozialstaatlichkeit auf. Ebenso unvermittelt steht die i.d.R. geringe Wahlbeteiligung dem Status als weltweit älteste Verfassungsdemokratie entgegen. Wie ist Guantanamo Bay mit der US-Tradition der bürgerlichen Freiheitsrechte in Einklang zu bringen? Warum spielt der die Politik durchwirkende Gottesbezug eine so große Rolle – angesichts der strikten Trennung von Kirche und Staat? Die Palette von Fragen ist beliebig erweiterbar.

Ziel dieser Vorlesung war, Einblicke in den American Way of Life zu vermitteln und so einige der (vermeintlichen) Widersprüche aufzulösen.

Nach einer Zeitreise in Form von Zitaten von John Winthrop (1587-1649), Thomas Jefferson (1743-1826), Alexis de Tocqueville (1805-1859), Abraham Lincoln (1809-1865), Thomas Woodrow Wilson (1856-1924), Franklin Delano Roosevelt (1882-1945), John F. Kennedy (1917-1963), Martin Luther King jr. (1929-1968), George W. Bush (*1946) und anderen Persönlichkeiten aus Kultur, Gesellschaft und Politik behandelte die Vorlesung als ersten Themenblock die politische Entwicklung von der Kolonialzeit bis heute unter ausführlicher Behandlung des Checks-and-Balances-Systems, innerhalb dessen sich die einzelnen Verfassungsorgane (Kongress mit Repräsentantenhaus und Senat, Präsident und Exekutive, und die Bundesgerichte) gegenseitig kontrollieren.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Themenbereich Wahlen und politische Parteien der USA. Auch hier ermöglichte ein Blick auf die Geschichte (Parteiensystem, Jacksonian Democracy, Progressive Movement etc.) eine fundiertere Einschätzung der historischen Genese und der Unterschiede zu Europa. Die Bedeutung der Wahlen wird insbesondere deutlich, bedenkt man, dass etwa 500.000 Amtsträger in den USA durch Wahlen zu öffentlichen Ämtern kommen und hierbei die Medien schon immer eine starke und in Zukunft wohl noch einflussreichere Rolle spielen. Gerade im letztgenannten Junktim Medien und Politik finden sich auch im Europa der vergangenen Jahrzehnte US-amerikanische Anklänge wider.

Die USA waren seit jeher ein Land der Immigration: Beginnend mit der Kolonialisierung, setzt sie sich fort in der großen Einwanderungswelle vor dem Bürgerkrieg (v.a. Iren und Deutsche), der chinesischen und japanischen Einwanderung ca. 1850-1890 und der »Neuen Immigration« (1895-1920) aus Süd- und Osteuropa. Letztere rief in verstärktem Maße Gegenbewegungen in der Bevölkerung hervor, die sich in rassistischen Übergriffen bis hin zu Morden ausdrückten. Unter anderem hieraus resultierten dann auch die Immigrationsbeschränkungen nach Ursprungslandquoten von 1921-1965. Der seit der Lockerung der Gesetze Mitte der 70er Jahre zu verzeichnende Andrang v.a. aus asiatischen und lateinamerikanischen Ländern wird wohl eine der bedeutendsten zukünftigen Herausforderungen der USA sein. Eng verbunden mit Themen wie Immigration und Ethnizität sind die Rassenfrage und die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung. Nach einigen Ausführungen zur Sklaverei in den USA und zu Strömungen des Abolitionismus (Abschaffung der Sklaverei) wurde in der historischen Analyse deutlich, dass der Bürgerkrieg (1861-1865) zwischen Nord- und Südstaaten keine langfristige Verbesserung der Situation für die untersten Bevölkerungsschichten mit sich brachte. Das 1896 erlassene »Separate but Equal«-Prinzip, das die Rassentrennung politisch legitimierte, wurde erst 1954 als verfassungswidrig beanstandet. Gewaltfreie Aktionen des Widerstands (z.B. Martin Luther King jr. und dessen schon historisch gewordene »I have a Dream«-Rede 1963) sind auch Europäern gut vertraut. Nach einem erneuten Aufflammen der Konflikte Mitte der 1960er Jahre lässt sich heute ein differenziertes Bild zeichnen, dessen Schattierungen von Ethnie zu Ethnie, von Region zu Region (und hier vorwiegend bestimmt durch Faktoren wie Einkommen und Bildung) unterschiedlich ausfallen.

Religionen und Utopien sind seit Anfang an ein bestimmendes Thema in den USA: Von der Kolonialzeit (Religionsfreiheit als Einwanderungsgrund) über die beiden Wellen der Great Awakenings (ca. 1730-1760 bzw. 1800-1840) – die einerseits viele Reformbewegungen inspirierten (z.B. die Temperenz-, Abolitionismus- und prämillenniale Dispensationalismus-Bewegung), anderseits die religiöse Vielfalt massiv verstärkten und die regional etablierten Kirchen in ihrer Dominanz schwächten – bis hin zur heutigen Situation einzelner Gruppierungen wie den Quäkern und Mormonen. Ein besonderes Augenmerk der Vorlesung lag auf dem bis heute starken evangelikalen Fundamentalismus und dem in den USA allgegenwärtigen Phänomen der Zivilreligion: der religiösen Konnotation säkularer Elemente in der politischen Kultur (z.B. werden Unabhängigkeitserklärung und Verfassung zu quasi-»heiligen Schriften«, oder Friedhöfe und Denkmäler werden zu »Kultorten«). Über 90% der US-Amerikaner geben an, an Gott oder ein höheres Wesen zu glauben. Schätzungen von 1998 ergeben für die vielen protestantischen Gruppen insgesamt 130 Mio. Mitglieder, die katholische Kirche ist mit etwa 60 Mio. Mitgliedern die größte einheitliche Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten. Nicht nur in religiöser, sondern v.a. auch in (außen)politischer und kultureller Hinsicht spielen Juden (ca. 3,5 Mio.) eine große Rolle.

Die Außenpolitik der USA pendelte im Lauf ihrer Geschichte immer zwischen den Polen American Exceptionalism und Isolationismus. Erstere erkennt den USA weltweit Vorbildfunktion zu und kennzeichnet in seinem Anspruch auf Verbreitung von Demokratie und Freihandel auch heute noch die politischen Grundzüge. Im 19. Jahrhundert offizielle Doktrin und auch heute noch in der öffentlichen Meinung präsent (die reale Außenpolitik jedoch nicht mehr prägend) ist der Isolationismus, also die außenpolitische Abschottung der USA von allen übrigen Ländern. Die US-Außenpolitik unter George W. Bush nach dem 11. September 2001 ist als Position des »konservativen Internationalismus« mit liberalen (weil von W. Wilson vertreten, auch: wilsonian) Elementen zu charakterisieren. Klar beherrschend ist die Verfolgung von US-Interessen auf internationaler Bühne, wobei der Fokus auf wirtschaftlicher und militärischer Macht liegt. Als liberale Elemente gelten (im Gegensatz zum konservativen Unilateralismus) multilaterale Verträge und eine Fokussierung auf kollektive Sicherheit, die durch internationale Institutionen sichergestellt wird. Besondere Berücksichtigung erfuhr in diesem Kapitel der Vorlesung der Kalte Krieg und die Lage im Nahen und Fernen Osten.

Als Supermacht aus dem Kalten Krieg hervorgegangen setzen die USA auch heute noch die Bewohner anderer Staaten (auch in Old Europe) in Erstaunen und stellen sie vor so manches Rätsel. Einige davon konnten in dieser Vorlesung gelöst werden.

Robert Paulus

 

2) Dr. Hubert Hänggi SJ, Zürich, Vorlesung: Einführung in den Hinduismus: Rama, Sommersemester 2005.

Da das indische Epos Ramayana, das im Zentrum der Vorlesung stand, wie kaum ein anderes Epos die Hindugesellschaft prägt, eröffnet der Blick auf die Lebensgeschichte Ramas einen guten Zugang zum Glauben und Leben der Hindus. Berücksichtigt wurden in der Vorlesung neben der klassischen Version des Valmiki das eher philosophisch abgefasste Adhyatma Ramayana und das spirituelle Gedicht Ramacaritmanasa des Tulsidas.

 

3) Prof. Dr. Raif Georges Khoury, Heidelberg, Vorlesung: Die Bedeutung des islamischen Mittelalters für die kulturelle Entwicklung Europas, Sommersemester 2005.

Die Vorlesung stellte die großen islamischen Errungenschaften des Mittelalters vor und zeigte die Bezüge zur Entwicklung europäischer Kultur- und Wissenschaftsgeschichte auf. In einem zweiten Schritt wurde das Verhältnis der heutigen arabisch-islamischen Welt ihrer eigenen Vergangenheit gegenüber analysiert. Zahlreiche Verweise auf die aktuelle Politik stellten einen hohen Gegenwartsbezug her.

Gegliedert war die Vorlesung in folgende Punkte: Historische Einbettung der islamischen Kulturgüter und -träger im Osten wie Westen (v.a. Südspanien); inhaltliche und methodologische Erneuerungen in den Naturwissenschaften, der Theologie und Philosophie; deren Wirkungsgeschichte; Schwärmerei oder Vergessen? Zum Verhältnis der heutigen islamisch-arabischen Welt zu ihrer Vergangenheit.

 

4) Prof. Dr. Johannes Laube, München, Seminar: Der Weg des Mitleidens – das religiös-ethische Ideal des Boddhisattva im Mahayana-Buddhismus, Sommersemester 2005.

Ausgehend vom Beispiel der Boddhisattvas wurde in diesem Seminar die Eigenart der mahayana-buddhistischen Ethik und ihre Begründung aufgezeigt. Zentrale Fragestellung war, ob bzw. inwiefern der Begriff der »Ethik« aus dem europäisch-theologischen bzw. -philosophischen Kontext herausgelöst und univok auf das Ethik-Verständnis des Mahayana-Buddhismus angewendet werden kann. Ein Ziel des Seminars war somit das Einüben in das Fragen nach den systematischen Konsequenzen aus der Erkenntnis der Verschiedenheit der Ethikbegründungen in den Religionen.

 

5) Prof. Dr. Johannes Müller SJ, DDr. Johannes Wallacher u.a., München, Seminar: Interdisziplinäre Zugänge zum Problemfeld »Globalisierung und Armut«, Sommersemester 2005.

In enger Verknüpfung mit dem Symposion »Globalisierung und Armut« erweiterte dieses Seminar aus interdisziplinärer Perspektive und deshalb geleitet von verschiedenen Dozenten die Symposionsthematik um folgende Themen: Empirischer Befund und methodologische Aspekte globaler Ungleichverteilung; »Kultur der Armut«; Aristoteles‘ Theorie der Sklaverei in der »Politeia«; politische Utopien als Reaktionen auf zeitbedingte Armutserfahrungen.

 

6) Prof. Dr. Johannes Müller SJ, München, Vorlesung: Sozio-kultureller Wandel in der Dritten Welt (Schwerpunkt Südostasien). Soziologische und kulturanthopologische Grundprobleme, Sommersemester 2005.

Den Hintergrund der Vorlesung bildete der heute weithin herrschende Konsens, dass ohne einen grundlegenden strukturellen und institutionellen Wandel keine echte und dauerhafte Entwicklung möglich ist.Voraussetzung für entsprechende Reformen ist eine genaue Kenntnis der stets spezifischen sozio-kulturellen Bedingungen in den jeweiligen Gesellschaften. Die Vorlesung, deren Fallbeispiele sich überwiegend auf Südostasien bezogen, umfasste folgende Bestandteile: die sozio-kulturelle Dimension der Entwicklung; Südostasien und Europa im interkulturellen Vergleich; gesellschaftlicher Wandel zwischen Tradition und Moderne; Religion als Hindernis und Anstoß echter Entwicklung; soziale Grundstrukturen in Entwicklungsländern; Frauen und Entwicklung in der Dritten Welt; indigene Bevölkerungen und ethnisch-kulturelle Minderheiten.

 

7) Dr. Johannes Herzgsell SJ, München, Vorlesung: Religionsphilosophie: Weltreligionen – Wesen der Religion – Religionen im Vergleich, Wintersemester 2005/06.

Die religionsphänomenologisch ausgerichtete Vorlesung bot in ihrem ersten Teil eine Einführung in die fünf Hochreligionen Hinduismus, Judentum, Buddhismus, Christentum und Islam. Neben Entstehungskontext, den Gründergestalten, den heiligen Schriften und den verschiedenen Richtungen der Religion ging es in diesem Teil v.a. um Glauben und Lehre(n) der jeweiligen Religion. In einem zweiten Teil entfaltete die Vorlesung systematisch eine Definition des Wesens von Religion: von ihrem Grund, ihrem Sinn und ihren Grundphänomenen.

 

8) Prof. Dr. Raif Georges Khoury, Heidelberg, Vorlesung: Kultur und Aufklärung in der islamischen Welt: Zur Rolle der modernen Reformatoren, Wintersemester 2005/06.

Im Mittelalter erlebte die islamisch geprägte Kultur einen einmaligen Höhenflug, der auf vielfältige Weise die europäische Renaissance beeinflusste, die in vielen Punkten von dieser »Befreiung des Geistes« profitierte. Der Aufstieg Europas seit der Renaissance ging einher mit einem zunehmenden politischen wie kulturellen Niedergang der islamischen Welt. Dieser war von vielen Autoren bereits im ausgehenden Mittelalter antizipiert und vorwegnehmend analysiert worden. Die Reformansätze gegen wahrgenommene Dekadenzerscheinungen waren i.d.R. fundamentalistischer Natur. Die Vorlesung bettete namhafte Reformatoren, v.a. seit dem 18. Jahrhundert, in diesen Kontext ein und ging ihrer Wirkgeschichte bis heute nach. Eine Sonderstellung nahm dabei die Kultur als »Basis der Aufklärung« ein. So begann die Vorlesung mit einem Überblick über fundamentalistische Ansätze des Mittelalters, deren Einfluss bis in die Moderne reicht. Anschließend wurden Reformatoren aus Saudi-Arabien, dem Sudan, dem Jemen und Ägypten vorgestellt und schließlich nach deren heutiger Bedeutung gefragt.

 

9) Prof. Dr. Peter Opitz, München, Seminar: Grundprobleme der politischen Philosophie im alten China, Wintersemester 2005/06.

Die Jahrhunderte zwischen 551 und 221 v.C. bilden eine der geistig kreativsten Epochen Chinas, die in ihren Auswirkungen das chinesische Denken bis in die Gegenwart maßgeblich geprägt hat. Das Seminar befasste sich mit den fünf einflussreichsten philosophischen Schulen jener Zeit: dem Konfuzianismus, dem Mohismus, dem Taoismus, den Lehren des Yang Chu und dem Legalismus. Geistiger und politischer Horizont jener fünf Schulen – und zugleich Ausgangspunkt des Seminars – war das kosmologische Ordnungsverständnis, wie es sich während der westlichen Chou-Dynastie (1125-770 v.C.) in China durchsetzte. Im ersten Teil des Seminars ging es um die Grundzüge des Welt- und Ordnungsverständnisses im präkonfuzianischen China, anschließend um die politischen und geistigen Umbrüche in der Ch‘un-ch‘iu-Periode (Konfuzius, Meister Mo, Yang Chu), und abschließend um geistige Positionen in der Ch‘an-kuo-Zeit (Menzius, Lao-tzu, Legalisten, Aufstieg des Staats Ch‘in, Shang Yang, Shen Pu-hai).

 

10) Dr. Christian M. Rutishauser SJ, Bad Schönbrunn/Schweiz, Vorlesung: Jüdisches Denken zwischen Philosophie, Theologie und Mystik, Wintersemester 2005/06.

Die Vorlesung gab eine Einführung in die Geschichte jüdischen Denkens, indem zentrale Denkfiguren wie wichtige jüdische Denker von der Antike bis zur Gegenwart vorgestellt wurden. Ein roter Faden war, dass sich jüdisches Denken immer wieder daran entzündet hat, dass die jüdische Tradition des Monotheismus mit den Weltanschauungen anderer Völker in Berührung, wenn nicht gar in Konfrontation gekommen ist. In der Begegnung mit der griechischen Philosophie und dann wieder mit dem modernen Humanismus äußerte sich dies eher philosophisch, in der Auseinandersetzung mit dem Christentum eher theologisch. Die jüdische Mystik dagegen wurde der eigentliche Ort theosophischer Spekulation.

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4. JESPHIL-Konferenz 2005: »The Future of Democracy in Europe«

23.-29.8.2005, Wien.

Auch 2005 unterstützte das Rottendorf-Projekt den alle zwei Jahre stattfindenden Eurojess-Kongress, an dem dieses Jahr etwa 50 im Bereich des Sozialapostolats arbeitende europäische Jesuiten und Mitarbeiter teilnahmen:

European democracy is at a crucial turning point: There are signs of crisis such as the low participation in elections, a lack of confidence in the political world and the so-called democratic deficit. European democracy also needs to adapt to changing circumstances: Among them, the new conditions for political decision-making in a globalised world, the relation between citizens and non-citizens living in a common territory, and the new role of the media and public opinion in the political process. All of these constitute the socio-political background of this year‘s Eurojess-conference.

Its first day was centered around the topic »Present Challenges«: Paolo Foglizzo S.J. (Turin) and Piotr Radomski (Wroclaw) presented the challenges to democracy today in their home countries Italy and Poland, while Pierre Martinot-Lagarde S.J. (Paris) finished off the day’s session by situating these experiences in a more general framework.

As present day challenges to democracy did not arise from nowhere and thus have their origins in the past, the second day focussed on »Historical Realities«. Patrick Riordan S.J. (London) gave a presentation on »The Seeds of the Problems in the Past – To dream the Impossible Dream? Democracy«, while Norbert Brieskorn S.J. (Munich) spoke about »Elements of Utopia in the History of Democracy«.

The third day then allowed for sharing the Society of Jesus’ contributions to building a democratic society: The introductions by Christian Mellon S.J., Giacomo Costa S.J. and Norbert Frejek S.J. into their work in Paris, Palermo and Wroclaw were used as springboard for sharing participants’ own experiences.

In the practices of democracy today there are different contributions to the renewal of the democratic life of Europe. Day four considered some of the most significant examples of these contributions: Participative Democracy (by Guy Cossée de Maulde S.J., Brussels), New Social Movements and Global Democracy (by Noemí de la Fuente, Bilbao), Diversity in Unity - Democracy with Contemporary Christian Values (by David Nazar S.J., Ukraine) and Churches and Democracy: The Social Word Project (by Alois Riedlsperger S.J., Vienna).

The final day reviewed the process and results of the previous days in order to define what proposals and initiatives might emerge for Eurojess re. the future of democracy. Concluding the day, a new steering committee was elected, and possible topics of the next Eurojess-conference in Celje (Slovenia) were discussed.

In addition to the presentations and group discussions various site visits to different organisations and institutions in Vienna were made, focussing, among others, on historical places for Austrian Politics, and »Religion as a factor of integration«.

The conference allowed participants to develop a better understanding of both democracy‘s foundations and aims, at the same time realising the importance of Jesuits working towards true democracy rooted in the gospel.

Compiled by Andreas Gösele S.J.

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