Jahresbericht 2001
Jahresbericht 2001
INHALT
0. Leitartikel: Dialog der Zivilisationen
1. Interdisziplinäres Symposion »Globale Solidarität durch weltweite Kommunikation?«
2. Vorlesungszyklus »Fremde Religionen und Kulturen«
3. EUROJESS-Tagung 2001
0. Leitartikel: Dialog der Zivilisationen
Das Jahr 2001 war von den Vereinten Nationen zum internationalen Jahr des »Dialogs zwischen den Zivilisationen« erklärt worden. Vor dem Hintergrund der Attentate vom 11. September und der vielen Konflikte und Bürgerkriege mit ethnonationalen und kulturell-religiösen Merkmalen, die heute den Frieden bedrohen, könnte dieses Motto kaum aktueller sein. Doch worauf lässt sich ein solcher Dialog gründen?
Kulturen sind keine eindeutigen und unveränderlichen Größen, sondern sie stehen in einem ständigen Prozess der Anpassung an neue Herausforderungen, die von innen wie von außen kommen. Darum sind Konflikte im Ringen um eine möglichst gute gesellschaftliche Ordnung kein Übel, sondern im Gegenteil notwendig, um überlebensfähig zu bleiben. Dies gründet auch darin, dass jede Kultur ambivalent ist, also Werte und Sozialformen umfasst, die einerseits ein humanes Zusammenleben fördern, andererseits aber auch das Miteinander der Menschen gefährden. Daher kann keine Zivilisation allein gültiger Maßstab sein. Vielmehr ist jede Kultur der Korrektur bedürftig und kann bereichert werden: die westliche Kultur nicht weniger als jene der Entwicklungs- und Transformationsländer. Eine von dieser Einsicht getragene Einstellung ist für einen Dialog der Kulturen sehr wichtig, denn sie verbietet jede Überheblichkeit und Bevormundung und erleichtert gegenseitige Toleranz.
Auch Religionen gibt es nie in Reinform, sondern nur in bestimmter kultureller Gestalt, denn Menschen können nur auf diese Weise denken nd miteinander sprechen. Auch der Islam ist eine äußerst vielfältige Religion mit ganz unterschiedlichen religiösen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen. Die Vielfalt von Religionen wie ihre inneren Konflikte und Spaltungen zeigen, dass auch sie sich in stetigem Wandel befinden und zumindest in ihrer gesellschaftlichen Gestalt vieldeutige Phänomene sind. Besonderes Gewicht erhält diese Vielfalt durch den Wahrheitsanspruch der Religionen, der sich auf eine absolute Autorität beruft. Dies macht interreligiöse Konflikte noch gefährlicher als solche zwischen Kulturen. Nur allzu leicht werden religiöse Unterschiede zu einem Kampf der Religionen hochstilisiert. Das Wissen um die kulturell bedingte und darum unvermeidbare Ambivalenz jeder Religion kann dagegen die gegenseitige Achtung und das Miteinander der Religionen als Teils des Dialogs zwischen den Kulturen sehr erleichtern. Dabei kann auf starke und (auch im Islam) weit verbreitete religiöse Traditionen zurückgegriffen werden, die sich in den Dienst einer humanen Welt stellen.
Die Globalisierung verstärkt interkulturelle wie interreligiöse Kontakte. Dies betrifft nicht nur die Nationalstaaten, sondern verschiedenste Akteure, angefangen von zivilgesellschaftlichen Gruppierungen bis hin zu Terroristen. Sie alle stehen dabei einem widersprüchlichen Effekt gegenüber: Einerseits fördert die Globalisierung den Trend zur Universalisierung, andererseits aber auch die Pluralisierung der Gesellschaften, denn man lernt neue Weltbilder, Werte und Lebensformen kennen, welche die bisherigen Maßstäbe relativieren und neue Wahlmöglichkeiten eröffnen. Dies birgt ein erhebliches Konfliktpotenzial in sich, wie die kulturell-religiöse Debatte und teils Polarisierung nach dem 11. September zeigen. Das Fremde wird als etwas interpretiert, das die eigene Identität bedroht, und nur allzu schnell wird von einem »Kampf der Kulturen« gesprochen. Nicht selten mündet dies in einen Fundamentalismus, der wenig Toleranz kennt und seine Ziele notfalls mit Gewalt durchzusetzen versucht. Kulturelle wie religiöse Identitäten lassen sich, da sie starke Emotionen auslösen können, besonders leicht für solche Konflikte missbrauchen, meist ohne ihre eigentliche Wurzel zu sein.
Ethnische, kulturelle und religiöse Unterschiede sind ein Merkmal menschlicher Gemeinschaften. Ihre einseitige Hervorhebung missachtet aber die Tatsache, dass es zahllose Beispiele für ein friedliches Neben- und Miteinander auf der Basis wechselseitiger Akzeptanz der Unterschiede gibt. Die Begegnung und der Austausch bieten nämlich auch die Chance, sich gegenseitig zu unterstützen und zu bereichern. Die Erfahrung in kulturell und religiös pluralen Gesellschaften hat gezeigt, dass dies am besten dort gelingt, wo man sich für gemeinsame menschliche Anliegen einsetzt, etwa den Kampf gegen die Armut. Solche Zusammenarbeit macht eine positive Wahrnehmung der Anderen und damit den Dialog wesentlich leichter. Außerdem handelt es sich dann nicht um wirklichkeitsferne und folgenlose Gespräche, sondern um Dialoge der Tat. Ohne ein solches Mindestmaß an interkulturellem Verständnis und einem daraus erwachsenden Weltethos werden sich die großen weltweiten Herausforderungen heute kaum bewältigen lassen.
Auf dieser Grundlage lassen sich auch leichter politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen schaffen, die ein friedliches Miteinander ermöglichen und Raum für Dialog schaffen. Für den Dialog zwischen Islam und Christentum und zwischen den Kulturen, die durch diese Religionen geprägt sind, ist dies heute besonders wichtig. Es sind Formen und Ansätze des Dialogs zu entwickeln, die jeder einfachen Polarisierung entgegenwirken, die humane Traditionen der Religionen nutzen und so ein friedliches Miteinander fördern.
Johannes Müller SJ
1. Interdisziplinäres Symposion
»Globale Solidarität durch weltweite Kommunikation?«
am 18./19. Mai 2001
Die Verschiedenheit der Gesprächspartner hinsichtlich ihrer Sprache und kulturellen Voraussetzungen lässt globale Kommunikation sehr komplex werden. Verständnisschwierigkeiten und Missverständnisse sind fester Bestandteile globaler Kommunikation. Diese kann daher als ein komplexer, aus überlappenden Teilbereichen bestehender und äußerst brüchiger Versuch gegenseitigen Austausches interpretiert werden.
Unabhängig vom Gelingen der Kommunikation ist der rapide Anstieg der kommunikativen Vernetzungen ein zentrales Kennzeichen der Globalisierung. Voraussetzung sind die rasanten Entwicklungen der Kommunikations- und Informationstechnologie. Jedes Jahr kommen neue Kommunikationsmodule auf den Markt, durch das Internet werden ungeahnte Informationsmöglichkeiten erschlossen, und auch die klassischen Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen bauen ihr Potenzial erheblich aus. Dies alles sind Anzeichen einer wachsenden weltweiten Kommunikation. Diese ist sowohl Ursache als auch zentraler Bestandteil von Globalisierung.
Die neuen technischen Errungenschaften bieten die Möglichkeit, durch den medial vermittelten interkulturellen Austausch ein Gespür für die Erfahrungen anderer Bevölkerungsgruppen zu entwickeln. Durch einen interkulturellen Dialog kann wechselseitig nicht nur Interesse, sondern auch weltweit Solidarität gefördert werden. Diese Chancen werden bisher allerdings nur teilweise genutzt. Der Frage, ob und unter welchen Bedingungen Informationsaustausch und Kommunikation globale Solidarität fördern, war zentrale Fragestellung des interdisiplinären Symposions 2001.
Eine Analyse der globalen Kommunikationsstrukturen nahm zuerst Jörg Becker, Geschäftsführer des KomTech-Instituts für Kommunikations- und Technologieforschung (Solingen) und Honorarprofessor am Institut für Politikwissenschaften an der Universität Marburg, aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive vor. Seine Ausgangsthese war, dass die Diskussion über Globalisierung und ihre Folgen zu oft harmonistische Züge annimmt. Durch eine selektive Wahrnehmung werden die asymmetrischen Machtverhältnisse meist nicht angemessen thematisiert und die vereinheitlichenden Tendenzen in der Begegnung der Kulturen zu stark hervorgehoben. Auch die populäre These von der Hybridisierung der Medien teilte Becker nicht. Dieser epistemologisch ausgerichtete Ansatz blendet nicht nur die für eine umfassende Reflexion wichtige Sozial- und Moralphilosophie aus, sondern er leugnet auch die imperialistischen Tendenzen in den medialen Strukturen.
Ausgehend von Johann Galtung und dessen Gewaltverständnis charakterisierte Becker dagegen die globale Medienlandschaft als eine neue Form des Imperialismus: Die Informationswege verlaufen hierarchisch vom Norden in den Süden. Der Norden ist das Kommunikationszentrum, über das der Großteil der Kommunikation zwischen der Peripherie läuft. Dabei werden die Medienstrukturen von den Industrieländer bzw. genauer gesagt von den USA dominiert. Deshalb können die neu entstandenen globalen Kommunikations- und Informationsstrukturen als stark asymmetrisch bezeichnet werden. Der Medienimperialismus ist ein festes Strukturmoment der neuen globalen Ordnung geworden.
Die kulturwissenschaftliche Perspektive auf das Thema erschloss Dieter Kramer, Oberkustos am Museum der Weltkulturen in Frankfurt am Main und außerordentlicher Professor am Institut für europäische Ethnologie an der Universität Wien. Insbesondere ging er der Frage nach, welche kulturellen Implikationen die aktuellen Entwicklungen im Kommunikationssektor beinhalten. Die kulturelle Differenzierung ist aus seinem Blickwinkel ein notwendiger Bestandteil menschlicher Lebenspraxis. So wie die kulturellen Prägungen die Menschen unterscheiden, so bieten sie jedoch gleichzeitig viele Anknüpfungspunkte für eine Vernetzung untereinander. Daraus kann ein Dialog der Kulturen entstehen. Beispiele für diesen Dialog gibt es in unterschiedlichen Bereichen, sei es in der Weltliteratur, der interkulturellen Philosophie oder der Musik. Auch wenn scheinbar die westlich geprägte Pop- Kultur die Musiklandschaft weltweit prägt, so zeigt beispielsweise ein genauer Blick die Vielfalt der Musikszene und ihre wechselseitigen Beeinflussungen.
Darüber hinaus zeigte Kramer auf, dass kulturelle Unterschiede immer häufiger Anlass gewalttätiger Auseinandersetzungen sind. Ausgelöst durch den Zerfall der ordnenden Staatsgewalt werden kulturelle, religiöse und sprachliche Unterschiede immer häufiger für Konflikte instrumentalisiert. 1993 waren weltweit 49, größtenteils innerstaatliche Konflikte mit ethnischer Komponente zu verzeichnen. Für ein gewaltfreies Miteinander sind nach Kramer im internationalen Dialog - und nicht zuletzt durch die Kommunikationsmöglichkeiten - neue Formen und Formeln zu entwickeln, um die Vielfalt und Andersheit der Kulturen zu akzeptieren und gleichzeitig die Verantwortung für die Eine Welt wahrzunehmen.
Aus philosophischer und medienethischer Perspektive fragte Rüdiger Funiok, Professor für Kommunikationswissenschaft, Pädagogik und Erwachsenenpädagogik an der Hochschule für Philosophie, München, danach, inwieweit und auf welche Weise globale Solidarität als normative Leitidee im Bereich der Medien eine Rolle spielen kann. Die Aufgabe der Medienethik sah Funiok darin, moralische Anforderungen an diejenigen zu richten, die in der Medienkommunikation eine zentrale Rolle spielen. Für Medienschaffende ist eine berufsethische, für Besitzer und Betreiber von Massenmedien eine institutionen- bzw. wirtschaftsethische und für Mediennutzer eine publikumsethische Reflexion an- zustoßen. Zentrale Normen dieser ethischen Diskurse sind beispielsweise die Veröffentlichungspflicht, Wahrheitspflicht, Freiheit und Gerechtigkeit.
Solidarität bezieht sich nach Funiok auf alle Akteure der Medienlandschaft. Sie impliziert eine moralische Appellfunktion, die sich an die einzelnen Individuen richtet und versucht, »an vorhandene Fürsorgebereitschaft, Freundlichkeit, Höflichkeit, Versöhnlichkeit zu appellieren.« Die Voraussetzung von Solidarität ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich in gemeinsamen Interessen und Idealen ausdrückt. Als konkrete Beispiele untersuchte Funiok den »Public Journalism« oder das Ansprechen von Mitleidsmotiven in der Werbung (Beispiel Benetton). Wie diese Beispiele belegen, ist Solidarität eine inspirierende Leitidee für den Medienbereich.
Eine politikwissenschaftliche Perspektive auf die Entwicklungen im Bereich der Kommunikation und Information erschloss schließlich Hans J. Kleinsteuber, Professor für politische Wissenschaft und für Journalistik an der Universität Hamburg. Zuerst untersuchte er die verschiedenen Formen globaler Kommunikation und ihre technische Realisierung. Er unterschied drei Formen globaler Kommunikation: 1. Glokale Kommunikation, die aufgrund von Profitmaximierung auf die Erschließung eines transnationalen Kommunikationsmarktes hinarbeitet und monologisch ausgerichtet ist. 2. Interkulturelle Kommunikation, die von der Unterscheidbarkeit der Kulturen ausgeht und Anknüpfungspunkte, aber auch Missverständnisse bei kulturübergreifender Kommunikation thematisiert. 3. Transkulturelle Kommunikation, die auf die quer zu kulturellen und nationalsstaatlichen Grenzen sich eröffnenden Räume des Austausches abzielt, dialogisch ausgerichtet ist und vor allem im Internet verwirklicht wird. Hinsichtlich der technischen Voraussetzungen spielt besonders die Entwicklungen der Satellitenübertragung, die aufgrund der hohen Kosten v.a. von Staaten bzw. großen Medienunternehmen vorangetrieben wurde, und die Entwicklungen des Internets eine wichtige Rolle.
Handlungsoptionen, die sich aus den Veränderungen medialer Kommunikation ergeben, zeigte Kleinsteuber am Beispiel der Deutschen Welle auf. Der Sender betreibt bisher eine einseitige Informationsübermittlung von Deutschland ins Ausland und nutzt dazu v.a. das Radio und Fernsehen. Für eine zeitgemäße Positionierung der Deutschen Welle, die sich an transkultureller Kommunikation orientieren sollte, schlug Kleinsteuber vor, auf Informationen und Darstellungsformen zu setzen, die sich bewusst von kommerzorientierten Nachrichtensendern absetzen. Dazu sollten die kulturellen Wissensressourcen der Mitarbeiter der Deutschen Welle genutzt werden, und nicht nur Informationen aus Deutschland ins Ausland transportiert, sondern eine wechselseitige transkulturelle Kommunikation der Kulturen angestoßen werden.
Außerdem wurde während der Tagung der Film »Einmal Deutschland Ruanda und zurück... Videobriefe von Jugendlichen - ein Weg zur Völkerverständigung« von Stefanie Landgraf und Johannes Gulde vorgeführt, in dem beispielhaft globale Solidarität durch moderne Kommunikationsmittel dargestellt wird. Mittels des Mediums Video tauschen eine Schulklasse in Deutschland und in Ruanda Videobriefe aus, in denen sie sich gegenseitig ihren Schul- und Lebensalltag vorstellen. Die Reaktionen der Schüler zeigt, dass eine medial vermittelte Kommunikation einen intensiven interkulturellen Austausch anstoßen und damit globale Solidarität fördern kann.
Michael Fleck
2. Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen«
Neustrukturierung des Vorlesungszyklus
In der Satzung des Projektes heißt es: »Zweck des Projektes ist es, den interkulturellen Dialog auf einer wissenschaftlichen, speziell philosophisch- theologisch inspirierten Basis zu fördern. Dabei geht es sowohl um das internationale Gespräch zwischen den großen Kulturen von Ost und West, von Nord und Süd, als auch um die Integration der wissenschaftlich-technischen Kultur mit der wertbestimmten Kultur der Tradition.« Dieses Anliegen wurde in den vergangen Jahren durch viele Vorlesungen und Seminare aufgegriffen.
Um dieses Angebot zu systematisieren, werden in Zukunft diese Fragen in einem zweijährigen Vorlesungszyklus diskutiert. Die Veranstaltungen sollen einführen in die Denkmuster fremder Kulturen, religiöse Vorstellungen verdeutlichen und gesellschaftliche Entwicklungen verständlicher machen. Damit soll ein Schritt zu einer neuen Weltkultur im Sinne einer »Einheit in Vielfalt« getan werden.
Vorlesungen zum Islam, Buddhismus und Hinduismus werden in der Regel in einem einjährigen Turnus gehalten. Die anderen Vorlesungen (z.B. zur Kultur und Philosophie Chinas und Japans, zur Kulturanthropologie Lateinamerikas oder zur politischen und kulturellen Geschichte Afrikas) finden nach Möglichkeit in einem zweijährigen Rhythmus statt. Die Veranstaltungen werden wie bisher von Kennern der jeweiligen Kultur und Religion, zumeist von auswärtigen Wissenschaftlern abgehalten. Bei den Veranstaltungen handelt es sich in der Regel um Vorlesungen, teilweise werden sie aber auch in Seminarform durchgeführt.
Zertifikat zum Vorlesungszyklus
Nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs sind Kenntnisse über fremde Kulturen und Religionen relevant. Auch im interkulturellen Management, in der Erwachsenenbildung oder im Journalismus sind derartige Kenntnisse heute von großer Bedeutung und können beruflich von Vorteil sein. Deshalb bietet das Rottendorf-Projekt Studierenden der Hochschule ab dem Wintersemester 01/02 ein qualifiziertes Zertifikat an, mit dem diese Kenntnisse nachgewiesen werden können.
Bedingungen für den Erwerb des Zertifikats
Einschreibungen an der Hochschule als ordentlicher Student bzw. ordentliche Studentin oder als Gasthörerin bzw. Gasthörer.
- Im Laufe von zwei Jahren werden mindestens vier Veranstaltungen des Vorlesungszyklus besucht, davon mindestens eine aus dem Bereich der Kulturen und eine aus dem Bereich Religionen.
- Im Laufe von zwei Jahren werden mindestens zwei qualifizierte Scheine erworben (mündliche Prüfung als Abschluss von Vorlesungen, Hausarbeit als Abschluss von Seminaren), davon einer im Bereich Kulturen und einer im Bereich Religionen.
Werden diese Bedingungen erfüllt, stellt die Hochschule für Philosophie vertreten durch das Rottendorf-Projekt auf Wunsch ein Zertifikat über die qualifizierte Teilnahme am Vorlesungszyklus aus.
Veranstaltungen im Rahmen des Vorlesungszyklus 2001
Prof. Dr. Gerhard Grohs, München, Vorlesung: Einführung in die neuere politische und kulturelle Geschichte Afrikas südlich der Sahara, Wintersemester 2000/2001.
Schwerpunkt der Vorlesung war die Geschichte Afrikas südlich der Sahara im 20. Jahrhundert. Dabei stand die Entwicklung des Kontakts von afrikanischen zu europäischen und arabischen Staaten und der daraus resultierende Einfluss auf die Geschichte Afrikas, sowohl in der Kolonialzeit als auch in der Zeit danach, im Vordergrund.
Nach einem kurzen Überblick über die politischen und gesellschaftlichen Strukturen in Afrika zur Zeit der Karawanenstraßen wurden die Vorläufer des Imperialismus u.a. an Hand von geographischen und missionarischen Expeditionen ins »Innere« Afrikas dargestellt. Für die Kolonialzeit wurde neben dem zeitlichen Verlauf vor allem auf die unterschiedlichen Formen der Kolonialpolitik eingegangen. Dies wurde an Hand des Verwaltungsaufbaus und der Rolle von Bildung und Religion während dieser Zeit beschrieben und ihre Folgen für die afrikanische Bevölkerung besprochen.
Einen wesentlichen Platz in der Vorlesung nahm die Darstellung der Unabhängigkeitsbewegungen in den verschiedenen Ländern ein. Es wurden die intellektuellen Wurzeln des afrikanischen Nationalismus und die religiöse Begründung des Panafrikanismus aufgezeigt. Außerdem wurde auf die Rolle von afroamerikanischen und anderen afrikanischen Bewegungen außerhalb Afrikas hingewiesen und die einzelnen länderspezifischen Wege der Staatenbildung verfolgt. Die Vorlesung schloss mit einem Überblick über verschiedene historische Stationen des Einflusses von Europa auf die heutige Situation in Afrika südlich der Sahara mit besonderem Augenmerk auf die Unterschiede zwischen anglophonen und frankophonen Teilen Afrikas.
Der fundierte und sehr dichte Vortrag wurde an allen Stellen ergänzt durch eine Vielzahl von Literaturhinweisen sowohl zu einführenden und vertiefenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen als auch zu afrikanischer Belletristik. Im Rahmen der Vorlesung wurden zwei Exkursionen angeboten, eine in die Afrikaabteilung des Völkerkundemuseums München, eine zweite zur Ausstellung Fritz König Afrikanische Kunst in Landshut. Durch den außergewöhnlich engagierten Vortrag von Prof. Grohs entstand ein dichtes Bild der Entwicklungen in Afrika in den vergangenen hundert Jahren.
Julia Inthorn
Dr. Bruno Öhrig, München, Vorlesung: Geschichte und Kultur des Nahen Ostens und Nordafrikas, Sommersemester 2001.
Im Sommersemester 2001 hielt Dr. Öhrig vom Münchener Völkerkundemuseum eine Vorlesung über die historische und kulturelle Entwicklung des Nahen Ostens und Nordafrikas. Dabei lag der Schwerpunkt auf dem Nahen Osten, welcher Dr. Öhrigs Spezialgebiet ist.
Die Analyse begann mit der Ausbreitung des Islam und endete bei der Gründung der Nationalstaaten nach dem Ende der Kolonialzeit. Die verschiedenen Reichsbildungen, die frühen islamischen Feldzüge, die Einflüsse aus dem Osten (Dschingis Khan) und Westen (Abendland), das Osmanische Reich und die verschiedenen Unabhängigkeitsbewegungen bildeten die zentralen Themen der Vorlesung
Darüber hinaus erläuterte Dr. Öhrig auch die Verschränkung der kulturellen mit den religiösen Aspekten im Islam.
Eine weitere zentrale Frage der Vorlesung waren die Auswirkungen historisch relevanter Ereignisse, gesellschaftlicher Strömungen und kultureller Begegnungen auf die Weltanschauung des »kleinen Mannes«. Dr. Öhrig betonte, dass es besonders auf dieser Ebene sehr verschiedene gesellschaftliche Strömungen innerhalb des Islams gibt, die nur schwer fixiert werden können. Auch im Islam des Nahen Ostens existieren verschiedene Denkrichtungen. Kulturelle, politische oder ökonomische Gesichtspunkte spielen diesbezüglich eine ebenso wichtige Rolle wie in anderen Religionen auch.
Daniel Bracko
Prof. Dr. Christian W. Troll SJ, Berlin, Vorlesung: Der Islam: Glaube und Praxis. Eine Einführung, Wintersemester 2001/2002
Die Vorlesung von Prof. Troll behandelte in einem ersten Teil die Entstehung und Ausbreitung des Islam. Dabei wurde die Gestalt des Muhammad aus der Perspektive der kritischen Geschichtsschreibung und aus der Glaubensperspektive der Muslime dargestellt. Die grundlegende Schrift der Muslime, der Koran, wurde in seiner literarischen und theologischen Eigenart vorgestellt. Dass der Islam bis heute als eine »Religion des Buches« zu verstehen ist, wurde hierbei deutlich. Der Vorgang der Offenbarung und das Fortwirken des Koran im Denken und Handeln der Muslime bis heute wurde in diesem Zusammenhang erläutert. Auf die Schwierigkeiten der Koranauslegung und auf verschiedene Richtungen in der hermeneutischen Diskussion wurde hingewiesen.
Bei der Darstellung der Hauptlehren des Islam legte Prof. Troll besonderen Wert auf die normative sowie empirische Dimension. Ein tieferes Verständnis der fünf Säulen des Islam (Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Almosenpflicht und Pilgerschaft) wurde anhand des Vergleichs mit jüdischen und christlichen Geboten und Sakramenten vermittelt. Eine Textsammlung mit ausgewählten Koranzitaten diente als Grundlage für die Bestimmung des islamischen Menschenbildes, des Welt- und Rechtsverständnisses und der islamischen Moralvorstellungen.
Im Zentrum der weiteren Vorlesung standen Inhalt und Methode des islamischen Rechtsdenkens. Ausgehend vom Begriff der Scharia, des islamischen Gesetzes, wurde die islamische Religion als »Religion der Orthopraxie« dargestellt. In diesem Zusammenhang wurden die Grundsätze der Rechtsfindung und das System der islamischen Rechtswissenschaften erklärt. Bei der Vorstellung der differenzierten religiösen Pflichtenlehre wurde auf verschiedene Rechtsdelikte und deren Bestrafung eingegangen.
Gegen Ende der Vorlesung wurde eine Einführung in die Erscheinungsformen des zeitgenössischen Islam und seiner vielfältigen Organisationsformen gegeben. Dabei wurde im Besonderen auf verschiedene Richtungen und islamische Organisationen im deutschsprachigen und europäischen Raum hingewiesen. Als ein Zeichen für die religiöse Vielfalt des Islam wurde zuletzt auch die mystische Dimension des Islam mit ihrer Tradition vorgestellt.
Andreas Schwab
Dr. Stefan Bauberger SJ, München, Vorlesung: Sprechen über das Unaussprechliche. Grundlegende Konzepte der Philosophie des Mahayana-Buddhismus, Wintersemester 01/02
Viele asiatische Religionen pflegen einen hohen Standard an philosophischer Reflexion. Diese Philosophien, die eine längere Geschichte haben als die westliche Denktradition, werden im Westen wenig und oft nur sehr schematisch rezipiert. Die Vorlesung »Sprechen über das Unaussprechliche: Grundlegende Konzepte der Philosophie des Mahayana-Buddhismus« behandelte einige wichtige philosophische Strömungen und Vorstellungen des Zen-Buddhismus. Es handelte sich dabei um eine Überblicksvorlesung, die eine elementare Einführung in die behandelten Themen bot.
In der Veranstaltung wurden u.a. die Ideen einiger philosophischer Schulen des Mahayana-Buddhismus behandelt, wie beispielsweise die Grundideen des ursprünglichen Buddhismus, die Madhyamaka-Philosophie, der Sprachgebrauch im Zen, die vier Positionen von Subjekt und Objekt nach Lin-chi und das Konzept von Buddha-Natur.
Eine Leitfrage für die Diskussion der verschiedenen Teilschritte der Vorlesung war, wie über »Transzendenz« und »das Transzendente« gesprochen werden kann, obwohl sich dieses jeder Objektivierung entzieht und scheinbar unaussprechbar bleibt.
Die Themen wurden systematisch behandelt und anhand von Originaltexten vertieft. Außerdem wurde jeweils die Beziehung zu Ideen der abendländischen Philosophie diskutiert.
Prof. Dr. Peter J. Opitz, München, Seminar: Grundprobleme der politischen Philosophie im alten China (1025 v.Chr. bis 221 v.Chr.), Wintersemester 2001/2002
Die Jahrhunderte zwischen 551 und 221 v.Chr. bilden eine der geistig kreativsten Epochen Chinas, die in ihren Auswirkungen das chinesische Denken bis in die Gegenwart maßgeblich geprägt habten. Das Seminar befasste sich mit fünf einflussreichen philosophischen Schulen jener Zeit: dem Konfuzianismus, dem Mohismus, dem Taoismus, den Lehren des Yang Chu und dem Legalismus. Geistiger und politischer Horizont jener fünf Schulen - und zugleich Ausgangspunkt des Seminars - war das kosmologische Ordnungsverständnis, wie es sich während der westlichen Chou-Dynasitie (1120- 770 v.Chr.) in China durchsetzte.
Zentrale Themen des Seminars waren: Politischer und geistiger Umbruch in der Ch'un-ch'iu-Periode (Die Liebe zum Altertum: Die Lehre des Konfuzius anhand des Lun-yü; Meister Mo: Zwischen »umfassender Liebe« und Utilitarismus; Yang Chu: Der aufgeklärte Egoismus) bzw. geistige Positionen in der Ch'an-kuo-Zeit (Menzius: Die Erneuerung der Tradition; Lao-tzu: Rückkehr zur Natur; die Revolution der Legalisten).
3.EUROJESS-Tagung 2001
Die vielen Gesichter der Migration
In Frankfurt/Oder versuchen jedes Jahr Tausende von Migranten an der deutsch-polnischen Grenze ihren Traum von einem Leben in der Europäischen Gemeinschaft Wirklichkeit werden zu lassen. Viele werden von Schleppern ausgebeutet, und manche von ihnen werden Opfer tragischer Unfälle: im letzten Jahr sind fast 80 Menschen bei illegalen Einreiseversuchen in der Oder ertrunken. Die Caritas kümmert sich hier intensiv um die Anliegen der sogenannten Illegalen, und gleichzeitig versuchen die deutschen Grenzpolizisten die Migranten aus dem Land herauszuhalten.
Die deutsch-polnische Grenze war nur ein Besuchsziel der ungefähr fünfzig europäischen Jesuiten, die sich Ende August in Berlin zu einem Kongress mit dem Titel »Faces of Migration« zusammengefunden haben. Die Tagung wurde organisiert von EUROJESS, einer Vereinigung, die seit 1960 Jesuiten zusammenbringt, die im sozialwissenschaftlichen Bereich arbeiten.
Die angestellten Reflexionen über Migration reichten von übergreifenden interdisziplinären Theoriereflexionen bis hin zur Analyse von Erfahrungen von Jesuiten, die in ihrer Arbeit Migranten in Gefängnissen, Schulen oder Flüchtlingsheimen treffen. Ein weiteres Besuchsziel während der Tagung war das Abschiebegefängnis in Köpenik am Rande von Berlin.
In den europäischen Ländern ist die Migrationsfrage oft verbunden mit einer großen Angst der Bürger und mit politischen Konzepten, die fast ausschließlich versuchen, das Phänomen so gut wie möglich zu kontrollieren bzw. einzudämmen. Eine »zögerliche Toleranz«, die nur halbherzig versucht, Migranten in die Gesellschaften zu integrieren, muss gewandelt werden in eine Kultur der Offenheit. Eine Gesellschaft, die keinen Respekt zeigt vor den unveräußerlichen Werten jeder Person führt letztlich zu theoretischer und praktischer Gewalt. Besonders wenn Maßstäbe in Migrationsfragen angelegt werden, die diese Werte und damit die biblische Forderung missachten: »Auch ihr sollt die Fremden lieben, denn ihr seid Fremde in Ägypten gewesen.« (Dtn 10,19).
(Antoine Kerhuel SJ, EUROJESS Präsident )
