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Jahresbericht 2002

 

INHALT

0. Leitartikel: Nachhaltige Entwicklung:
1. Tagung:
»Dienst am gerechten Frieden. Regionale Konflikte als globale Herausforderung«
2. Interdisziplinäres Symposion
»Überfordert die Zukunft den Menschen? Naturgegebene Grenzen und politische Chancen globaler Solidarität«
3. Informations- und Diskussionsveranstaltung
»Nach dem UN-Gipfel in Johannesburg - Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung«
4. Vorlesungszyklus »Fremde Religionen und Kulturen«
5. JESPHIL-Treffen 2002


0. Leitartikel: Nachhaltige Entwicklung

Vom 26. August bis 4. September 2002 fand in Johannesburg ein »Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung« statt. Diese Konferenz der Vereinten Nationen zog zum einen eine kritische Bilanz der auf dem Umweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro verabschiedeten Agenda 21. Zum anderen behandelte sie eine ganze Reihe von heute drängenden Themen wie: Schutz der natürlichen Ressourcen, Energiepolitik, Wasserpolitik und Gesundheit, Armutsbekämpfung und Umweltschutz, Globalisierung und nachhaltige Entwicklung, institutionelle Stärkung der Vereinten Nationen in Umweltfragen.

Seit Rio hat sich durchaus etwas getan. Es gibt eine Reihe völkerrechtlich verbindlicher Konventionen, zu deren Umsetzung regelmässig Vertragsstaatenkonferenzen abgehalten werden, so etwa das Abkommen zum Schutz der Artenvielfalt (Biodiversität) oder das Rahmenübereinkommen zum Schutz des Weltklimas (Kyoto-Protokoll). Dennoch sind viele der in Rio geplanten Maßnahmen bisher bestenfalls halbherzig umgesetzt, viele Staaten ratifizieren nur ihnen genehme Konventionen, und eine ganze Reihe von Problemen sind überhaupt noch nicht in Angriff genommen worden.

Die Gefahr eines globalen ökologischen Kollapses ist daher trotz aller Fortschritte alles andere als gebannt. So stellt der Bericht »Globale Umwelt - GEO 2000« des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) fest, dass die globale Erwärmung und als Folge davon mehr und größere Naturkatastrophen nicht mehr aufzuhalten seien. Als wichtigste Ursachen für die Umweltzerstörung nennt er die »fortdauernde Armut der Mehrheit der Weltbevölkerung und das exzessive Konsumverhalten der Minderheit«.

Nicht zu bestreiten ist, dass die Entwicklungsländer selbst immer mehr und immer häufiger zu Opfern ihrer Umweltprobleme werden, die nicht nur die Gesundheit der dort lebenden Menschen bedrohen, sondern auch die längerfristige wirtschaftliche Entwicklung gefährden. Ein Verzicht der Länder der Dritten Welt auf Umweltpolitik würde daher ihren Eigeninteressen widersprechen und wäre sehr kurzsichtig. Viele ärmere Länder befinden sich freilich in einer »ökologischen Armutsfalle«, weil sie wegen ihrer Armut nicht die nötigen Mittel für eine angemessene Umweltpolitik haben. Dieser Falle können sie aus eigener Kraft kaum entkommen.

Im Unterschied dazu sind die Umweltprobleme in den Industrieländern zum größten Teil eine Folge ständig wachsenden Wohlstands. Gleichwohl haben sie die von ihnen in Rio gegebenen Zusagen einer ökologischen Umorientierung nicht eingehalten. Dies gilt besonders für die Vereinigten Staaten, die sogar aus dem Kyoto-Protokoll ausgestiegen sind, mit der Begründung, diese laufe ihren vor allem wirtschaftlichen Interessen zuwider. Kernproblem sind falsche Signale, die von den politischen Rahmenbedingungen für Wirtschaft wie Weltwirtschaft ausgehen. Wenn heute Flüge teils billiger sind als schon reduzierte Bahnreisen, dann werden sich Kunden kaum für letztere entscheiden. Dies ist u.a. eine Folge davon, dass auf Flugbenzin keine Steuer erhoben wird, was eine verdeckte Subvention darstellt. Ähnliches gilt für die Abkommen unter dem Dach der Welthandelsorganisation (WTO), die kaum mit den internationalen Umweltabkommen abgestimmt sind, so dass letztere oft wenig wirksam sind.

Schon diese wenigen Fakten zeigen, dass der Erhalt des globalen ökologischen Gleichgewichts und der lebensnotwendigen Umwelt für alle Menschen, künftige Generationen eingeschlossen, ein schwieriges weltweites Verteilungsproblem ist, das ohne einschneidende Reformen vorrangig in den Industrieländern nicht lösbar ist. GEO 2000 stellt dazu fest: »Der momentane Kurs ist nicht haltbar und das Handeln weiter hinauszuzögern ist auch keine Option mehr«. Notwendig ist globale Solidarität in Form einer Umwelt- und Entwicklungspartnerschaft zwischen reichen und ärmeren Ländern, die von ersteren einen gewandelten Lebensstil besonders in den Konsumgewohnheiten verlangt. Allein mit einer umweltfreundlichen Technologie, so unverzichtbar sie ist, lassen sich die Probleme jedenfalls nicht lösen. Völlig unglaubwürdig machen sich die reichen Länder dagegen, wenn sie den weit ärmeren Ländern im Süden einseitig und ohne Gegenleistungen Umweltklauseln verordnen wollen, was letztere zu Recht als Umweltimperialismus und versteckten Protektionismus ablehnen.

Es gibt eine Vielzahl von Studien mit wichtigen Anstößen und vernüftigen Vorschlägen, die allerdings meist schnell wieder in Vergessenheit geraten. So hat etwa der »Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen« (WBGU) letztes Jahr ein Sondergutachten veröffentlicht, das »Entgelte für die Nutzung globaler Gemeinschaftsgüter« vorschlägt, z.B. für Luft und Meere. Andere Vorschläge zielen auf eine Stärkung von UNEP. Manche denken auch an eine Weltorganisation für Umwelt und Entwicklung nach dem Muster der WTO mit weit reichenden Kompetenzen.

Johannesburg hat, wie im Grunde kaum anders zu erwarten, kaum mehr als ziemlich unverbindliche Erklärungen gebracht. Sie weisen aber in die richtige Richtung. Echte Fortschritte lassen sich aber nur durch institutionelle Reformen und verbindliche Abkommen erzielen, die vor allem für ökonomisch wirksame Rahmenbedingungen richtige Anreize geben und einen heilsamen Druck zu einem Wandel ausüben.

Johannes Müller SJ

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1. Tagung: »Dienst am gerechten Frieden. Regionale Konflikte als globale Herausforderung«

Gemeinsame Tagung von Misereor, der Katholischen Akademie in Bayern und des Rottendorf-Projekts am 15./16. Februar 2002.

Nach dem Ende des Ost-West-Gegensatzes kam die Hoffnung auf, dass ein weltweiter, dauerhafter Frieden verwirklicht werden könnte. Während die Zahl der bewaffneten zwischenstaatlichen Konflikte seit 1993 zurückgegangen ist, haben jedoch innerstaatliche Auseinandersetzungen stark zugenommen. Vorwiegende Ursachen für diese Konflikte, die in einigen Fällen zum Auseinanderbrechen der Nationalstaaten geführt haben, sind ethnisch-religiöse oder nationalistische Spannungen sowie fundamentalistische Bewegungen, denen oft soziale Konflikte zugrunde liegen. Nicht selten werden dabei sozio-kulturelle Traditionen und Spannungen politisch instrumentalisiert.

In einer Zeit, in der die weltweiten Vernetzungen immer mehr wahrgenommen werden und zunehmend von wechselseitiger Verantwortlichkeit innerhalb der Weltgesellschaft die Rede ist, erscheinen diese regionalen Konflikte als eine neue globale Herausforderung für die internationale Gemeinschaft. Anlässlich der Eröffnung der Misereor Fastenaktion 2002 in der Erzdiözese München und Freising hat das Rottendorf-Projekt diese Thematik aufgegriffen und am 15./16. Februar 2002 zusammen mit dem Bischöflichen Hilfswerk Misereor und der Katholischen Akademie in Bayern eine Tagung zu dem Thema »Dienst am gerechten Frieden. Regionale Konflikte als globale Herausforderung« veranstaltet.

In einem ersten Schritt der Tagung wurde eine theoretische Reflexion von Konflikttypen und -mechanismen geleistet. Theodor Hanf (Professor für wissenschaftliche Politik an der Universität Freiburg) analysierte insbesondere die politischen Mechanismen in Konfliktsituationen und betonte, dass zur friedlichen Konfliktlösung der Aufbau demokratischer Strukturen besonders wichtig sei. Bertha Amisi (wissenschaftliche Beraterin in der Nairobi Peace Initiative) analysierte konkrete Konfliktsituationen in Uganda und Kenia und arbeitete dabei die regionale Abhängigkeit von Konfliktstrukturen heraus. Der erste Tag wurde abgerundet durch ein Konzert der UNESCO-Musikpreisträgerin 2001 Oumou Sangaré aus Mali.

Am Vormittag des zweiten Tages wurden in fünf Arbeitsgruppen unterschiedliche Möglichkeiten der Friedensvermittlung und Versöhnung vorgestellt und diskutiert. Dabei ging es um die Landminenproblematik in Kambodscha, die Traumaarbeit in Uganda, unterschiedliche Formen interreligiösen Dialogs zur Konfliktlösung, die Arbeit in der Wahrheitskommission in Guatemala und das Problem der Kleinwaffen in Liberia. Für die Arbeitsgruppen waren verschiedene internationale Gäste eingeladen, wie z.B. Bischof Enrique Figaredo SJ aus Kambodscha, Prof. Ridwan al-Sayyid aus Beirut und Bischof Michael Francis aus Liberia.

Im dritten und letzten Schritt der Tagung wurde auf einer Podiumsdiskussion danach gefragt, welche Handlungsmöglichkeiten für Menschen in Deutschland bestehen, sich aktiv an einer Konfliktlösung zu beteiligen. TeilnehmerInnen dieses Podiums waren Dr. Martin Bröckelmann- Simon (Geschäftsführer von Misereor), Dr. Barbara Huber-Rudolf (Leiterin der Christlich-Islamischen Begegnungs- und Dokumentationsstelle), Uli Jäger (Verein für Friedenspädagogik) und Weihbischof Engelbert Siebler. Dabei wurde deutlich, dass angefangen von Spenden, über konkretes Engagement in Alltagssituationen bis hin zu politischer Bewußtseinsbildung sich sehr viele Formen zeigen lassen, durch die Konfliktlösungen in und von Deutschland aus gefördert werden können.

Michael Reder

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2. Interdisziplinäres Symposion: »Überfordert die Zukunft den Menschen? Naturgegebene Grenzen und politische Chancen globaler Solidarität«

am 7./8. Juni 2002.

Angesichts der bekannten weltweiten Probleme scheint aus politischer Sicht klar, dass globale Solidarität zwischen allen Menschen der Weltgesellschaft notwendig ist, um sich den heutigen Herausforderungen zu stellen. Doch aus wissenschaftlicher Perspektive ist zuvor zu klären, ob diese politisch gewonnene Intuition erstens überhaupt eine sinnvolle Option ist, und ob sie zweitens realisierbar erscheint. Eine solche wissenschaftliche Reflexion wird dabei besonders zu berücksichtigen haben, dass globale Solidarität heute vor ganz neuen Herausforderungen steht: Die moderne Welt erscheint nicht nur zeitlich (Zukunft) und räumlich (Geographie) unüberschaubar, was die Wahrnehmungsfähigkeit und das Handeln der Menschen überfordern könnte, sondern der moderne Fortschritt birgt überdies große Risiken in sich, deren Folgen heute noch kaum absehbar und abschätzbar sind.

Im interdisziplinären Wissenschaftsdiskurs wird von unterschiedlichster Seite aus die Forderung nach globaler Solidarität kritisch angefragt. Von Seiten der Bio-, aber auch mancher Humanwissenschaften wird auf einer grundsätzlichen Ebene die Frage gestellt, ob und inwieweit der Mensch überhaupt die notwendigen Voraussetzungen und Anlagen besitzt, um in einer komplexen und unüberschaubaren Situation wie der heutigen ethisch verantwortlich handeln zu können. Vertreter dieser Disziplinen fragen somit nach den - zumindest möglicherweise - durch die Natur gegebenen Grenzen zukunftsfähigen solidarischen Handelns in einer globalisierten Welt. In den Industrieländern wird diese Frage besonders in Bezug auf die ökologische Verantwortung für künftige Generationen diskutiert: Inwieweit ist der Mensch überhaupt fähig nachhaltig bzw. zukunftsfähig zu handeln, inwieweit ist der Mensch fähig sich einschneidende Selbstbeschränkungen aufzuerlegen, um das Überleben zukünftiger Generationen zu ermöglichen? Oder ist es vielmehr so, dass die Zukunft den Menschen aufgrund naturgegebener (anthropologischer, biologischer oder psychologischer) Grenzen überfordert? Diese in den letzten beiden Fragen ausgedrückte Alternative stand im Mittelpunkt des interdisziplinären Symposions 2002.

Die soziobiologische Perspektive auf das Thema eröffnete Volker Sommer, Professor für Evolutionäre Anthropologie am University College, London. In seinem Beitrag »Zwischen Kooperation und Konkurrenz. Erkenntnisse der Biologie über naturgegebene Grenzen von Solidarität« erörterte er dabei die verschiedenen Interpretationsmuster von vermeintlich altruistischem Verhalten, um aufzuzeigen, dass aus der Perspektive der Soziobiologie hinter altruistischem Verhalten eigentlich fast immer ein Eigennutzen steht. Seine Grundthese war, dass alle Organismen über Verhaltensprogramme verfügen, die dem Eigennutz dienlich sind. Begründet wird diese These mit dem Argument der natürlichen Auslese: Lebewesen, die um anderer willen auf Vorteile verzichten, hinterlassen weniger Nachkommen als Egoisten. Deshalb kann sich Selbstlosigkeit nicht in einer Population ausbreiten. Sommer zeigte in seiner Analyse, die immer wieder auf unterschiedliche Bereiche der Tierforschung rekurrierte, verschiedene Formen von Altruismus auf: Ein phänotypischer Altruismus liegt beispielsweise vor, wenn dem vermeintlichen Altruisten unter dem Strich sehr wohl ein konkreter Netto-Nutzen entsteht. Ein reziproker Altruismus ist wiederum eine Verhaltensform, die altruistisch wirkt, die aber nur aufgrund bestimmter zu erwartender Gegenleistungen sich altruistisch zeigt. Auch ist denkbar, dass Altruismus nur durch soziale Manipulationen hervorgerufen werden. Zuletzt kann der Altruismus in einigen wenigen Fällen auch als Maladaptation interpretiert werden, d.h. als eine Mutation, die aber aufgrund keines Eigengewinns letztendlich aussterben wird. Für Sommer bietet der evolutions- bzw. soziobiologische Blick also wenig Ansatzpunkte für ein rein altruistisches Verhalten.

Die psychologische Perspektive auf das Thema erschloss Bernhard Grom SJ, Professor für Religionspsychologie und Religionspädagogik an der Hochschule für Philosophie in München, mit seinem Beitrag »Voraussetzungen und Grenzen von ›Makrosolidarität‹. Sozial- und umweltpsychologische Überlegungen«. Ausgangspunkt seiner Überlegungen waren empirische Untersuchungen, die belegen, dass in der deutschen Bevölkerung sowohl die Unterstützungsbereitschaft für staatliche Entwicklungszusammenarbeit größer ist als im Regierungshandeln zum Ausdruck kommt, als auch Umweltschutz nach wie vor stark im gesellschaftlichen Bewusstsein als notwendige Aufgabe eingeschätzt wird. Grom fragte, welche intrapsychischen und psychosozialen Bedingungen Fern- und Entwicklungssolidarität vorhersagen lassen, d.h. konkret, wodurch prosoziales Denken, Fühlen und Verhalten geographische und zeitliche Distanz überwinden kann. Mit Rekurs auf verschiedene psychologische Modelle unterschied er in Bezug auf die Entwicklungshilfe folgende Faktoren: Wahrnehmung von Not, Erkenntnis von Notlinderungsmöglichkeiten, Einsicht in die eigene Verantwortung und schließlich Verantwortungsübernahme, die wiederum an verschiedenen Lernmodellen verdeutlicht werden kann. Verantwortung für die Umwelt ist von ähnlichen Faktoren abhängig. Groms Analysen münden in die Schlussfolgerung, dass einerseits ein »radikaler Sozialpessimismus« keineswegs belegbar ist und dass andererseits die Sozialpsychologie Einsichten über menschliches Verhalten erschließt, die zur weiteren Förderung von regionen- und generationenübergreifender Makrosolidarität führen können.

Aus ethischer und wissenschaftstheoretischer Perspektive ging Eve-Marie Engels, Professorin für Ethik in den Biowissenschaften an der Universität Tübingen, in ihrem Beitrag der Frage nach den »Grenzen solidarischen Handelns« nach. Im Anschluss an die Explikation des Menschenbildes der Soziobiologie und deren wissenschaftstheoretischen Voraussetzungen beschrieb Engels den Menschen als Zwitterwesen, als einen, der sowohl Natur- wie Kulturwesen in sich vereint. Angesichts dieser beiden Pole sowie der Komplexität des menschlichen Genoms sei die Reduktion menschlichen Verhaltens auf ein »egoistisches Gen« durch die Soziobiologie naiv - diese kann nicht die Phänomenologie menschlichen Erlebens erklären. In einem kurzen Ausblick am Ende des Vortrags auf die Naturethik forderte Engels angesichts der globalen Herausforderungen u.a. eine systematische Natur- und Umwelterziehung, das Fördern umweltgerechten Verhaltens durch externe Anreize und Sanktionen sowie ein grundlegendes Umdenken in Richtung eines environmental sensitivity-Konzepts.

Die Frage, ob Politik globale Solidarität mit künftigen Generationen organisieren kann, versuchte Markus Vogt, Professor für Christliche Sozialethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benediktbeuern, in seinem Beitrag von ethischer und politikwissenschaftlicher Perspektive aus zu beantworten. Ausgangsthese von Vogt war, dass moderne Gesellschaften sich »durch wissenschaftliche, technische und wirtschaftliche Innovationen von vielen der natural vorgegebenen Grenzen und Lebensrhythmen emanzipiert und so neue Spielräume der Freiheit gewonnen« haben. Damit steigt jedoch auch der Bedarf an ethischer Reflexion – ein Preis, den die Moderne zahlen muss. Die Politik kann jedoch in den komplexen Strukturen nur noch begrenzt eingreifen, überzogene Erwartungen an die Politik führen deshalb nach Vogt nur zu »deklamatorischer Verantwortungsüberlastung«. Hauptaufgabe der ethischen Reflexion ist für Vogt ein Nachdenken über den Nachhaltigkeitsbegriff. Zentral ist für ihn dabei eine Vernetzung ökologischer, sozialer und ökonomischer Aspekte von Nachhaltigkeit, wobei Nachhaltigkeit dabei ein offener Suchprozess ist, für den es keine eindeutigen Handlungsanweisungen gibt. Die ethische Reflexion sollte dabei das Konzept der Nachhaltigkeit in der Debatte um Gerechtigkeit verankern. Vogt entfaltete hierbei ethische Grundpostulate, wie beispielsweise ein Verständnis von Gerechtigkeit als intergenerationeller Gerechtigkeit oder als gleiches Recht für die Nutzung natürlicher Ressourcen. Aufgrund dieser ethischen Reflexion ergaben sich für Vogt einige politische Konsequenzen wie die Notwendigkeit zu globalem Klimaschutz, zu Armutsbekämpfung und dem Aufbau einer ökologisch-sozialen Marktwirtschaft auf Weltebene. Allerdings war für ihn klar, dass »die Hoffnung, dass Politik globale Verantwortung mit künftigen Generationen organisieren könne, falsch adressiert ist. Es wäre eine Entmündigung, dies allein von der Politik zu erwarten. Jeder ist gefragt. Nicht zuletzt philosophische Ethik. Durch eine Reflexion der dem Konzept der Nachhaltigkeit zugrundeliegenden Werte und seine Konsequenzen für ein gewandeltes Verständnis von Fortschritt in allen Bereichen könnte sie auf neue Weise gesellschaftliche Relevanz gewinnen.«

Im letzten Beitrag des Symposions stellte Lothar Kuld, Professor für Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, ein erlebnispädagogisches Schulprojekt vor, durch das solidarisches Lernen praktisch eingeübt werden soll. »Ziel des Projekts ist die Entwicklung sozialverpflichtender Haltungen wie Hilfsbereitschaft, Kommunikation, Kooperation und Solidarität mit Menschen, die aus welchen Gründen auch immer auf die Hilfe anderer angewiesen sind.« Dazu gehen Schüler für ca. zwei Wochen in soziale Einrichtungen, um dort solidarisches Verhalten praktisch einzuüben. Die Erfahrungen werden anschließend in der Schule gemeinsam ausgewertet und reflektiert. Der Name des Projekts - Compassion - soll die Einübung in eine bestimmte Geisteshaltung bzw. Tugend zum Ausdruck bringen, nämlich die, dass sich Leiden nicht einfach hinnehmen lässt, sondern zu engagierter Mitmenschlichkeit auffordert. Kuld zeigte auf, von welchen (Vor-) Bedingungen der Erfolg des Projekts abhängt und welche Motive sich bei den beteiligten SchülerInnen finden ließen. Daneben erläuterte er genderspezifische Aspekte des Projekts und den Einfluss von Sozialisationseffekten bei beteiligten Jugendlichen. Die Auswertung der Ergebnisse stimmen nach ihm für die Zukunft positiv: »Die direkte Begegnung und Kommunikation zwischen Menschen, die auf Kooperation und wechselseitige Hilfe angewiesen sind, festigt die Bereitschaft zu Prosozialität und wirkt ihrer möglichen Ermüdung oder Abschwächung entgegen, ja sie vermag die Entwicklung sogar umzukehren.«

Michael Reder

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3. Informations- und Diskussionsveranstaltung: »Nach dem UN-Gipfel in Johannesburg - Perspektiven für eine nachhaltige Entwicklung«

am 14. November 2002.

Der UN-Weltgipfel zur nachhaltigen Entwicklung, oder, so der offizielle englische Titel World Summit on Sustainable Development, der vom 26. August bis zum 4. September 2002 in Johannesburg stattfand und an dem laut UN-Angaben mehr als 22.000 Menschen teilnahmen, stand unter einer doppelten Thematik: Zum einen sollten die letzten 10 Jahre, die seit der UNCED-Konferenz in Rio de Janeiro 1992 vergangen waren, kritisch reflektiert werden, zum anderen ein globales Aktionsprogramm zum Erreichen dieser Ziele entwickelt und - im Idealfall völkerrechtlich verbindlich - beschlossen werden.

Auch das Ziel der Informations- und Diskussionsveranstaltung war ein doppeltes: zum einen sollte mit dem Abstand einiger Monate eine kritische Rückschau auf den Gipfel erfolgen, zum anderen nach den Perspektiven gefragt werden, die das Konzept des sustainable development angesichts oder vielleicht trotz der für viele ernüchternden Ergebnisse in Johannesburg hat. Die beiden eingeladenen Referenten, Dr. Martin Maier SJ und Dirk Reinhard, beide während des Gipfels anwesend, erzählten sehr persönlich, wie Sie aus ihren je unterschiedlichen Perspektiven - als Vertreter eines transnational operierenden Unternehmens bzw. als Journalist und Mitglied einer internationalen Jesuitendelegation - die Veranstaltung erlebten.

Sehr plastisch wurde die Struktur einer derartigen Großveranstaltung: der lange Vorlauf in den sogenannten PrepComs, die internen Abläufe, die den Kreis derer, die zu Wort kommen bzw. Gehör finden, extrem einschränken, der massive politische Druck, der z.T. ausgeübt wird, die Anstrengungen der verschiedenen Lobby-Organisationen etc.

In einer engagierten und zugleich sehr nüchtern-realistischen Diskussion wurden im Anschluss an die Kurzreferate Perspektiven des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung erörtert. Fazit eines interessanten Abends: Erstens die nicht ganz neue, aber in ihrer Eindringlichkeit immer stärker zu Tage tretende Erkenntnis der Interdependenzen zwischen den verschiedenen globalen Herausforderungen und zweitens, dass Veränderungen eines langen Atems bedürfen, auch auf UN-Ebene und mit viel gutem Willen.

Mattias Kiefer

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4. Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen«

Struktur des Vorlesungszyklus

In der Satzung des Rottendorf-Projektes heißt es: »Zweck des Projektes ist es, ... den interkulturellen Dialog auf einer wissenschaftlichen, speziell philosophisch-theologisch inspirierten Basis zu fördern. Dabei geht es sowohl um das internationale Gespräch zwischen den großen Kulturen von Ost und West, von Nord und Süd, als auch um die Integration der wissenschaftlich-technischen Kultur mit der wertbestimmten Kultur der Tradition.« Dieses Anliegen wurde in den vergangen Jahren durch viele Vorlesungen und Seminare aufgegriffen.

Um dieses Angebot zu systematisieren, werden seit nunmehr eineinhalb Jahren diese Fragen in einem zweijährigen Vorlesungszyklus diskutiert. Die Veranstaltungen sollen einführen in die Denkmuster fremder Kulturen, religiöse Vorstellungen verdeutlichen und gesellschaftliche Entwicklungen verständlicher machen. Damit soll ein Schritt zu einer neuen Weltkultur im Sinne einer »Einheit in Vielfalt« bereitet werden.

Vorlesungen zum Islam, Buddhismus und Hinduismus werden in der Regel in einem einjährigen Turnus gehalten. Die anderen Vorlesungen (z.B. zur Kultur und Philosophie Chinas und Japans, zur Kulturanthropologie Lateinamerikas oder zur politischen und kulturellen Geschichte Afrikas) finden nach Möglichkeit in einem zweijährigen Rhythmus statt. Die Veranstaltungen werden wie bisher von Kennern der jeweiligen Kultur und Religion, zumeist von auswärtigen Wissenschaftlern, abgehalten. Bei den Veranstaltungen handelt es sich in der Regel um Vorlesungen, teilweise werden sie aber auch in Seminarform durchgeführt.

 

Zertifikat »Fremde Kulturen und Religionen«

Nicht nur im wissenschaftlichen Diskurs sind Kenntnisse über fremde Kulturen und Religionen relevant. Auch im interkulturellen Management, in der Erwachsenenbildung oder im Journalismus sind derartige Kenntnisse heute von großer Bedeutung und können beruflich von Vorteil sein. Deshalb bietet das Rottendorf-Projekt Studierenden der Hochschule seit dem Wintersemester 2001/02 ein qualifiziertes Zertifikat an, mit dem diese Kenntnisse nachgewiesen werden können.

Bedingungen für den Erwerb des Zertifikats:
1. Einschreibung an der Hochschule für Philosophie als ordentlicher Student bzw. ordentliche Studentin oder als Gasthörerin bzw. Gasthörer.
2. Im Laufe von zwei Jahren werden mindestens vier Veranstaltungen des Vorlesungszyklus besucht, davon mindestens eine aus dem Bereich der Kulturen und eine aus dem Bereich Religionen.
3. Im Laufe von zwei Jahren werden mindestens zwei qualifizierte Scheine erworben (mündliche Prüfung als Abschluss von Vorlesungen, Hausarbeit als Abschluss von Seminaren), davon einer im Bereich Kulturen und einer im Bereich Religionen.

Werden diese Bedingungen erfüllt, stellt die Hochschule für Philosophie, vertreten durch das Rottendorf-Projekt, auf Wunsch ein Zertifikat über die qualifizierte Teilnahme am Vorlesungszyklus aus.


Veranstaltungen 2002 im Rahmen des Vorlesungszyklus »Fremde Kulturen und Religionen«

Dr. Hubert Hänggi SJ, Zürich, Vorlesung: Einführung in den Hinduismus: Krischna, Sommersemester 2002.

Hauptanliegen von Dr. Hänggi war es, mit seiner Vorlesung einen theologischen wie kulturellen Einblick in den Hinduismus und die ihn lebenden Gesellschaften zu geben.

Zunächst erfolgte in einem grundlegenden Zugang die Klärung elementarer Begriffe und Sichtweisen. Im Verlauf der Vorlesung wurden verschiedene Schriften des Hinduismus eingehender betrachtet, wobei deutlich wurde, dass dieser - wie wohl jede große Religion - es verstand, uralte Mythen zu integrieren. Vor allem die Schöpfungsgeschichten, die von der immer wieder erfolgenden Zerstörung und Neuschöpfung der Erde berichten - ausgelöst durch die Nichtbeachtung göttlicher Gebote seitens der Menschen -, standen dabei im Zentrum. Zentrale Figur dieser Erzählungen ist der Gott Krischna, dessen Explikation im Verlauf der Vorlesung dementsprechend einen gewissen Schwerpunkt bildete.

Religionsgeschichtliche Erkenntnisse wie die Übernahme vieler hinduistischer Ansichten und v.a. Meditationsrituale durch den Buddhismus helfen heute, den Hinduismus als eine Religion zu verstehen, die weit über Indien als seinem Hauptverbreitungsgebiet hinausgeht. Die Tatsache, dass bei den religiösen Ritualen im Laufe der Zeit die Bezugspunkte der konkreten Götter, für welche die jeweiligen Rituale vollzogen wurden, an Bedeutung verloren und die Art des Opfers in den Vordergrund rückte, kann verstanden werden als grundlegende Offenheit des Hinduismus für kulturelle Einflüsse.

Dementsprechend wurde im Lauf der Vorlesung auch die kulturelle Bedeutung des Hinduismus betrachtet: Von der Entstehung vor ca. 4000 Jahren, als Hirtenvölker im heutigen Iran die ersten hinduistischen Lehren formulierten bis zur Problematik des Kastenwesens im heutigen Indien, die Bedeutung von Religion für Fragen der Bevölkerungsentwicklung und andere Fragen der Entwicklungszusammenarbeit wurde ein weiter Bogen gespannt, der die Wichtigkeit und Implikationen religiöser Lehren verdeutlichte.

Dr. Hänggi verstand es, einen strukturierten Einblick in die Welt des Hinduismus zu vermitteln, in der Tausende von Göttern, Geschichten und Ansichten nebeneinander bestehen. Er weckte Interesse, sich intensiver mit dieser Religion zu beschäftigen.

Daniel Bracko

 

Prof. Dr. Johannes Laube, München, Vorlesung: Einführung in das Denken maßgeblicher Persönlichkeiten der japanischen Religions- und Philosophiegeschichte, Sommersemester 2002.

Das Denken und Verhalten fast aller Japaner wird bestimmt durch Konfuzianismus, Shintoismus und/oder Mahayana-Buddhismus. Auch gibt es einen meist unausgesprochenen Einfluss des Taoismus in Verbindung mit allen drei anderen. Diese drei rieben, ja bekämpften sich sogar streckenweise in der Geistesgeschichte Nippons. Andererseits bereicherten sie sich gegenseitig. Auch lassen sich die drei Strömungen nicht eindeutig voneinander trennen, sondern sind gerade in den »neuen Religionsgemeinschaften« des 19. und 20. Jahrhunderts Verbindungen eingegangen.

Sehr transparent herausgearbeitet wurde der zentrale Unterschied zwischen fernöstlichem und westlichem Denken: Das Weltbild Japans ist ein monistisches, besonders im Mahayana-Buddhismus. Alles bildet eine unendliche, ständig sich in Bewegung befindliche Einheit (Einheit des »ewigen Jetzt«), die in sich allerdings pluralistisch ist. Der westliche, dualistische Gegensatz von vollkommenem Schöpfergott und von ihm geschaffener und abhängiger Welt ist japanischem Denken fremd.

Dass es dennoch auch Parallelen gibt, zeigen u.a. die drei Grundübel, die der Buddhismus nennt: Gier, Zorn und Torheit, eine Erkenntnis, die auch der christlich-abend- ländischen Weltsicht zu eigen ist. Ebenso hat sich trotz des monistischen Weltbildes im Buddhismus eine latente Endzeitvorstellung entwickelt, die jedoch gerade in Krisenzeiten für das Denken und Handeln vieler Japaner virulent wurde und werden kann.

Die Vorlesung war für Einsteiger wie Fortgeschrittene eine Bereicherung, die Lust auf weitere Vertiefung machte. Deutlich wurde auch, dass die Kenntnis der jeweiligen Sprache das wirkliche »Eindringen« in eine Religion, Philosophie und/oder Kultur nachhaltig erleichtern und fördern würde.

Gerald H. Mann

 

Prof. Dr. Stefan Krotz, Mérida (Mexiko), Vorlesung: Kultur, Kulturenvielfalt, Interkulturalität - Theoretische Konzeptionen verdeutlicht an Beispielen aus Mittel- und Südamerika, Sommersemester 2002.

Der Begriff »Kultur« wird in heutiger Zeit sehr häufig verwendet, auch und gerade dann, wenn andere Begriffe fehlen. »Kultur« taucht als Modebegriff mitunter in eher unvermuteten Kontexten auf. Es ist beispielsweise die Rede von »Unternehmenskultur«, »Badekultur« und dergleichen mehr.

Prof. Krotz ging in seiner Vorlesung zusammen mit den Hörern den Fragen nach: Was heißt eigentlich »Kultur«? Auf welche Dimension der sozialen Wirklichkeit bezieht sich dieser Begriff? Warum gibt es so viele verschiedene Definitionen von »Kultur«? Wie erforscht man kulturelle Phänomene?

In den einführenden Stunden wurde der Kulturbegriff anhand allgemeiner Kennzeichen verdeutlicht und von fälschlichen Ideen sowie durch Gegenbegriffe abgegrenzt. Kultur zeigt sich zunächst immer als etwas spezifisch Menschliches, das nur als jeweils bestimmte Form auftritt, sowie stets als kollektive Symbolwelt. Eine Fehlidee wäre, Kultur als limitiertes Phänomen zu begreifen, das man »haben« kann oder nicht. Ebenso erweisen sich die tradierte Vorstellung einer »natürlichen« Hierarchie unter den Kulturen und die Idee einer »reinen« oder »ursprünglichen« Kultur als nicht haltbar. Es wurde deutlich, dass Kultur ein Phänomen ist, das einerseits stets im Plural existiert, also auch nur aus dem Horizont weltweiter Kulturenvielfalt heraus verstehend anzugehen ist, andererseits immer etwas Werdendes, nichts Statisches ist. Prof. Krotz zeigte auf, was unter »Kultur(en)-anthropologie« zu verstehen ist und wie sich ihr Selbstverständnis mit der Idee ihres Gegenstandes im Laufe der Geschichte wandelte, welche Kulturbegriffe namhafter Vertreter der ethnologischen Kulturanthropologie konkurrieren und sich ergänzen.

Zentrale Themen der Vorlesungen waren der Kulturkontakt, der Aspekt der Alterität, der Kulturrelativismus, das Verhältnis von Kultur und Natur, von Kultur und Ideologie, von Kultur und Sprache, das Verstehen von Kultur als Interpretation im Nachvollzug des kulturellen Selbstverständnisses, Kulturentwicklung und -diffusion, die Globalisierung und interkulturelle Lernprozesse. Zu jedem Thema wurden ausgesuchte Texte zur Vorbereitung ausgeteilt und besprochen. Zur weiteren Beschäftigung wurden ausreichend Literaturhinweise gegeben.

Der engagierte und sehr aufschlussreiche Vortrag von Prof. Krotz war sowohl dicht als auch gut verständlich. Die theoretischen Ausführungen fanden immer Beispiele aus dem Kulturkontakt mit der Lebenswelt indigener Völker. Sinnvoll ergänzt wurde das Konzept der Vorlesung, welches gekennzeichnet war durch den kritischen Blick auf unser Verständnis und unsere Rezeption anderer Kulturen, durch das Angebot eines Ausstellungsbesuches im Museums für Völkerkunde und im Jagd- und Fischereimuseum, jeweils mit anschließender Diskussion. Mit seiner fundierten Einführung gelang es Prof. Krotz, ein dialogisches Konzept der Kulturbegegnung vorzustellen und wichtige Impulse und Grundkenntnisse zu diesem Themenkomplex zu vermitteln. Es wurde ein Verständnishorizont von Interkulturalität eröffnet, welcher in Philosophie, praktischer Entwicklungsarbeit und Kulturpolitik zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Alexander Förster

 

Prof. Dr. Stefan Krotz, Mérida (Mexiko), Seminar: Utopie als Gesellschaftskritik und als Gesellschaftsanalyse, Sommersemester 2002.

Im Seminar von Prof. Krotz wurde »Utopie« [griechisch: Noch-Nicht- Ort] nicht nur inhaltlich bestimmt, sondern vor allem auch unter der Rücksicht ihres kritischen und interpretierenden Verhältnisses zum sozio-politischen Hintergrund ihrer Entstehung gelesen. Die verschiedenen Utopieentwürfe können in dieser Sicht als vorwissenschaftliche Form von Soziologie angesehen werden.

Für die Bestimmung von Utopie lassen sich generell vier Merkmale feststellen: Erstens das Gewahrwerden von Wirklichkeit - im entworfenen Alternativbild einer erhofften besseren Welt kommt die Gegenwart als Negativfolie zur Sprache; zweitens der Aspekt der radikalen Kritik von marginalisierten Gesellschaftsschichten an den bestehenden Zuständen - die Ursachen für das Schlechte auf der Welt werden in ihrer Gesamtheit abgelehnt; drittens die Gegenüberstellung vom Chaos des Bestehenden und einer Ordnung, wie sie durch den Heilsentwurf zu erwarten ist; viertens der nach seinem Glück suchende Mensch - hierbei ist nicht nur ein passives Abwarten gemeint, sondern auch die aktive Tätigkeit auf ein Erhofftes hin, ohne dass dadurch die Ungewissheit der Hoffnung aufgelöst würde.

Utopische Anklänge lassen sich seit der Antike feststellen. Bei Platon ist es die Trauer um die vergangene Größe eines Goldenen Zeitalters samt des mit ihm verlorenen Geheimnisses idealer Gesetze. In der jüdischen Tradition des Alten Testaments findet sich dieser Gedanke eines verlorenen Paradieses wieder, wird aber durch das Versprechen eines Erlösers gemildert. Im christlichen Chiliasmus besteht die Aufgabe des Menschen darin, sich im Warten auf ein Jenseits zu reinigen, würdig zu werden. In der Neuzeit, wie bei Thomas Morus, rückt der Mensch ins Zentrum der Utopien, er errettet sich selbst im Diesseits und wird nicht durch einen außen stehenden Gott erlöst. Das 18. Jahrhundert entwickelt diesen Gedanken weiter, bereichert ihn um eine geschichtliche Dimension, die Zukunft kann vom Menschen schrittweise in Richtung Utopie verändert werden. Im 19. Jahrhundert wird die Aufwertung von Naturwissenschaft und Technik zum eigentlichen Fundament für utopische Konstruktionen. In der Moderne bis heute entwickeln sich verschiedene Richtungen, die Bandbreite reicht von negativen Utopien eines totalen Staates wie bei Orwell bis hin zu ökologischen Vorstellungen vom Menschen im Einklang mit seiner Umwelt.

Hans Holleis

 

Prof. Dr. Stefan Krotz, Mérida (Mexiko), Übung: Klassiker der Anti-Utopie im Film, Sommersemester 2002.

Ein Teilbereich utopischer Literatur, nämlich der Gegen- bzw. Anti-Utopien, wurde von Prof. Krotz als Ergänzung zu seinem Seminar in einer Übung anhand drei berühmter Verfilmungen veranschaulicht: François Truffauts Fahrenheit 451 (GB, 1966) nach dem gleichnamigen Roman von Ray Bradbury, Michael Redfords Fassung von George Orwells 1984 (GB, 1984) sowie Volker Schlöndorffs Geschichte der Dienerin (USA/D, 1990) nach einer Vorlage von Margaret Atwood. Die Filme wurden jeweils eingeführt, anschließend zusammen gesehen und dann ausführlich diskutiert.

Ungeachtet erheblicher Besonderheiten jedes einzelnen von ihnen haben alle drei gemeinsam, dass sie eine in jeder Hinsicht grauenhafte zukünftige Gesellschaft beschreiben, wenn das auch den in ihr lebenden Menschen aufgrund verschiedener Mechanismen nur ausnahmsweise bewusst wird. Die frösteln machenden Zukunftsbilder beruhen großteils auf für jeden Zuschauer plausiblen, weil im Ansatz gut bekannten technischen Fortschritten und auf dem qualitativen und quantitativen Anwachsen unerfreulicher bzw. bedrohlicher aktueller Situationen. Dieser auch »negative Utopie« genannte Zweig zeigt sich als einfache Projektion oder Fortschreibung unheilvoller Gegenwartsmomente, wobei diese häufig in ausdrücklicher Übereinstimmung mit vielen futurologischen Aussagen aus der Zeit der Entstehung der jeweiligen Romanvorlagen bzw. der Dreharbeiten des jeweiligen Films stehen.

Ob man diese Filme nun versteht als unter dem Strich zynische Botschaft, die gegenwärtige Welt sei angesichts einer in jeder Hinsicht unerfreulichen Zukunft noch die beste aller schlechten möglichen Welten, oder ob man sie sieht als verzweifelte Warnschreie, als Aufforderungen, eine nahe gerückte entsetzliche »neue Welt« abzuwehren, bleibt letzten Endes der Interpretation des Zuschauers überlassen.

Mattias Kiefer

 

Dr. Christian M. Rutishauser SJ, Bad Schönbrunn/Schweiz, Vorlesung: Angesichts der Gabe der Tora, Wintersemester 2002/2003.

Jüdische Identität und Wirklichkeitsauffassung unter den Bedingungen der Moderne: worin machen sie sich fest? - Ein Zugang dazu ist zu begreifen, welches Verständnis von Offenbarung im Judentum herrscht und dabei die Unterschiede zum (scheinbar wohlvertrauten) christlichen Offenbarungsverständnis herauszuarbeiten.

In einem ersten Schritt wurde geklärt, wie die Tora entstanden ist, was sie umfasst (Kanonbildung) und in welchem historischen Kontext sie verortet werden kann. Das nach Babylon deportierte Volk Gottes findet seine Heimat im Text der Tora. In der Mitte der Tora steht das Heiligkeitsgesetz (Levitikus) und der Versöhnungstag. Bis heute beginnt der Unterricht junger Juden mit dem Buch Levitikus, und Jom Kippur ist der wichtigste Feiertag im Judentum. Damit wird deutlich: Gerechtigkeit ist das Leitthema der Tora.

Im zweiten Schritt wurden dieselben Klärungen für den Talmud vorgenommen: Entstehung, Struktur, historischer Kontext. Der Talmud umfasst Kommentare zur Tora, die selbst wiederum kommentiert werden. Das Layout einer Talmud-Seite - in der Vorlesung ausführlich erklärt - macht diesen Prozess des Kommentars zum Kommentar deutlich: es ist ein Diskurs »durch Raum und Zeit«. - Der Talmud wird zum »portativen Vaterland« (Heinrich Heine).

So erschloss Dr. Rutishauser den Teilnehmern an der Vorlesung eine Reihe neuer Einsichten:

Doppelte Tora: In der talmudisch- rabbinischen Auffassung hat die Offenbarung zwei Teile: die schriftliche Tora des Mose und die mündliche Tora, den Talmud. Dabei kommt dem »Urtext« keine prinzipiell höhere Autorität zu als dem Kommentar, im Gegenteil: der Kommentar hat Priorität. - Heutige Exegese, auch im christlichen Bereich, betont die Urtext-Treue. Dies ist aber eine Entwicklung, die erst mit der Aufklärung eingesetzt hat: erst dort wurde die Absicht des Autors entscheidend. Die historisch-kritische Forschung ist ein Projekt der Moderne. Davor, und so eben auch im Talmud, waren immer mehrere Schriftsinne und Deutungen im Text zulässig.

Imperativ zur Interpretation: Das Kommentieren der Tora und früherer Kommentare ist Teil der Offenbarung. Der Text tritt in Interaktion mit dem Menschen. Mit dem Schock der Moderne wird der Talmud »eingefroren« und festgeschrieben, obwohl er prinzipiell offen ist. Erst heute wird wieder versucht, den Talmud weiter zu kommentieren.

Paradigma für ein jüdisches Selbstverständnis: Das wirklich Spezifische im Judentum ist nicht das Narrative, sondern die Auslegung. Kommentar und Diskurs gelten als die Denkformen im Judentum, Offenbarung wird als Interpretationsprozess verstanden. Der Bezug zur Diskursethik und zur Frankfurter Schule ist deutlich.

Lernen und Gebet: Authentischer jüdischer Selbstvollzug ist das Lernen (vor allem der Tora, von klein auf) - im Unterschied zum christlichen Beten. Bezeichnend dafür sind die Ursprungstexte des rabbinischen Judentums: Esra 7,6-10 und Nehemia 8. Schon bei Maimonides heißt es: Wenn eine Gemeinde ein Lehrhaus und eine Synagoge bauen will und nicht genug Geld für beides hat, so soll sie das Lehrhaus bauen.

Judentum und Christentum: Haben Juden und Christen eine gemeinsame heilige Schrift? - Die hebräische Bibel wird aus der Perspektive des Talmud gelesen; das Alte/Erste Testament der Christen wird vom Neuen Testament her und auf Jesus hin gelesen: entscheidende Unterschiede also.

Die Prägung des Christentums durch das Judentum wurde an zahlreichen Stellen der Vorlesung deutlich, so z.B. im Hinweis auf die Übernahme der Form der Sabbat-Gebete im katholischen Messritus (Gabenbereitung). Aber auch umgekehrt: das europäische Judentum ist wesentlich von christlichem Denken mitgeprägt.

Auch das Auferstehungsverständnis im Judentum wurde erörtert: Rolle der Märtyrer; Schaffung von Gerechtigkeit nach dem Tod; Dtn 6,4-9 (»Höre, Israel«) als zentraler Text; Bezug zur Shoa.

Aktuelle Forschungen: Dr. Rutishauser erläuterte neue Strömungen in der Forschung (Jewish Studies vs. Judaistik) und kommentierte die ausführliche Literaturliste zur Vorlesung.

Didaktik der Vorlesung: Theoretischer Input wechselte sich ab mit Arbeiten an Gleichnissen aus dem Talmud. Dr. Rutishauser ist mit den Feinheiten der hebräischen Sprache sehr gut vertraut und konnte mit diesem Sprachschlüssel den Teilnehmern an der Vorlesung viele Türen öffnen.

Christian Marte SJ

 

Prof. Dr. Gerhard Grohs, München, Seminar: Islam und Christentum in Afrika südlich der Sahara. Eine Einführung, Wintersemester 2002/2003.

Im Mittelpunkt des Seminars von Prof. Grohs stand die Entwicklung der beiden Religionen Islam und Christentum in Afrika südlich der Sahara.

Den Ausgangspunkt des Seminars bildeten die unterschiedlichen Entstehungstraditionen der beiden Religionen. Neben der eingehenden Darstellung der religiösen Lehren wurde unter anderem auch ihr jeweiliges Verhältnis zum Kapitalismus und zum Sozialismus näher betrachtet.

Den zentralen Aspekt des Seminars bildete die Ausbreitung beider Religionen im südlichen Afrika. Im Mittelpunkt der Untersuchungen zur geschichtlichen Ausbreitung und zur gegenwärtigen Situation von Islam und Christentum standen die beiden Länder Nigeria und Senegal. Sie dienten als Beispiele für eine genauere Analyse und Betrachtung der Entwicklung des Islam und des Christentums. Dabei wurde auch auf die Entwicklung der politischen und gesellschaftlichen Strukturen der Länder eingegangen.

Weitere Themen des Seminars bildeten die Betrachtung und Analyse der Missionstätigkeit im Rahmen der Kolonialisierung und danach, sowie heute existierende Konflikte und Dialogversuche zwischen den beiden Religionen. Dabei fanden auch aktuelle Entwicklungen Berücksichtigung, etwa die gewalttätigen Unruhen in Nigeria im Vorfeld der geplanten Miss-Wahlen im November 2002.

Die sehr gute Gliederung des Seminars wurde unterstützt durch eine überzeugende Auswahl der Themen und durch eine Vielzahl von Literaturhinweisen. Dies ermöglichte einen außerordentlich guten und systematischen Zugang zu diesem vielfältigen und spannenden Thema.

Markus Will

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5. JESPHIL-Treffen 2002: Die Rezeption (Interpretation) der christlichen Religion in der Gegenwartsphilosophie

Das zweijährliche Treffen der in der Philosophie tätigen europäischen Jesuiten (JESPHIL) fand dieses Jahr im Diözesanseminar von Antwerpen statt. Etwa 20 europäische Jesuiten hatten sich versammelt.

Paul Gilbert (Paris) sprach über einige italienische Philosophen (Vattimo, Severino, Nardi ...), die sich ausdrücklich mit dem Christentum auseinander setzen, aber in einer eher kritischen Haltung. Jean Verhaeghe (Antwerpen) referierte über die Auffassungen von zwei Löwener Philosophen, De Dijn und Moyaert, über das Christentum. Der Autor des dritten Papiers war Xavier Tilliette (Paris), der Michel Henry, Jean-Luc Marion und andere zeitgenössische französische Philosophen vorstellte, die sich ausdrücklich mit dem Christentum identifizieren und seine Lehren in ihrer Philosophie reflektieren. Harald Schöndorf (München) gab eine Einführung in die Philosophie Ferdinand Ulrichs, eines deutschen Philosophen, dessen Denken ausdrücklich christlich geprägt ist. Außerdem gab es zwei Arbeitsgemeinschaften: Hugo Roeffaers (Löwen) machte einen Teil der Teilnehmer mit den Gedanken von Charles Taylor vertraut, während Paul Favraux (Namur) die andere Gruppe leitet, die Texte von Claude Bruaire erörterte.

An einem Abend fand ein interessantes und offenes Gespräch mit dem Erzbischof von Mecheln und Brüssel, Kardinal Godfried Danneels, statt, und während eines Nachmittags besichtigten die Teilnehmer die Stadt Antwerpen und waren zu Gast in der Jesuitenkommunität. Spezieller Dank gebührt Jean Verhaeghe für die hervorragende Organisation vor Ort.

Das nächste Treffen wird 2004 in Bratislava (Preßburg, Slowakei) zum Thema »Relativismus« stattfinden.

Dankenswerterweise hat das Rottendorf-Projekt maßgeblich zur Finanzierung des Treffens beigetragen.

Harald Schöndorf SJ

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