Politik als Beruf - Gestern und heute
Öffentliches Kolloquium: Politik als Beruf – Gestern und heute am 9. November 2009.
„Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich.“ Mit diesen Worten charakterisierte Max Weber 1919 seinen Zuhörern bei einer Münchner Studentenverbindung den Beruf des Politikers. Das politische „Bohren von harten Brettern“ ist nicht das einzige Zitat aus Webers Rede zu „Politik als Beruf“, das zu einem geflügelten Wort geworden ist. Die politischen Gäste beim diesjährigen Kolloquium konnten sich damit identifizieren, dass Politik vor allem „Leidenschaft – Verantwortungsgefühl – Augenmaß“ erfordere. Erstmals an die Hochschule gekommen waren die beiden Landtagsabgeordneten Dr. Günther Beckstein (CSU), 15 Jahre bayrischer Innenminister und Ministerpräsident von 2007-2008 und Ulrike Gote, derzeit Parlamentarische Geschäftsführerin und damit Mitglied im dreiköpfigen Fraktionsvorstand von Bündnis 90/DIE GRÜNEN.
Max Weber wollte mit seinem Vortrag nicht nur ein Berufsbild charakterisieren. Zudem wollte er nach dem verlorenen Krieg, dem Russischen und Bayrischen Revolutionsherbst (1917 bzw. 1918) zur politischen Orientierung und Berufsfindung der jungen Zuhörer beitragen. Die angemahnte Leidenschaft ist für Weber nicht „eine ins Leere verlaufende ‚Romantik des intellektuell Interessanten’ ohne alles sachliche Verantwortungsgefühl“. Vielmehr ist sie eine Art Sachlichkeit. Prof. Brieskorn erläuterte von wissenschaftlicher Seite her Webers berühmt gewordene Unterscheidung von Verantwortungs- und Gesinnungsethik. Der Verantwortungsethiker ist sachlicher als der Gesinnungsethiker. Hinter der Gesinnungsethik stehen die Ideale der Bergpredigt. Sie fragt nicht nach den Folgen eines Tuns, beharrt kompromisslos auf Prinzipien und erträgt die Irrationalität der Welt nicht. Insgesamt sieht Weber den Gesinnungsethiker in der Politik als einen einseitigen Fanatiker. Eine Leidenschaftlichkeit, die Weber ablehnt, weil sie unsachlich ist. „Politik wird mit dem Kopfe gemacht, nicht mit anderen Teilen des Körpers oder der Seele.“ Weber akzeptiert nur die Leidenschaft des Verantwortungsethikers und sein „starkes langsames Bohren“. Der Verantwortungsethiker spielt mit den diabolischen Mächten der Welt mit. Er nimmt Rücksicht auf die ihm anvertrauten Menschen, kalkuliert die möglichen Folgen seiner Handlungen mit ein und schließt Kompromisse. Die beiden Politiker Gote und Beckstein konnten sich mit dieser Charakteristik des Verantwortungsethikers identifizieren.
Im Hintergrund verstehen Gote und Beckstein unter dem Geschäft der Politik etwas Verschiedenes. Max Weber definierte den Staat nicht von den Zielen her: Frieden, Freiheit und Wohlfahrt. Solche Ziele werden auch von anderen Verbänden verfolgt. Ein Staat zeichnet sich Weber zufolge vor allem durch ein Mittel aus: das Ausüben von Gewalt. Der Politiker ist folglich derjenige, der danach strebt, Macht auszuüben. Günther Beckstein widersprach dieser These: das Ausüben von Macht sei nur Mittel zum Zweck, damit es den Bürgern wohl ergeht. Ulrike Gote gab zu, dass es jedem, der in die Politik geht, darum gehe, Macht auszuüben – auch in der Opposition.
Als Diskussionsleiter Prof. Wallacher danach fragte, ob Politik im Sinne Webers ein Interessenbetrieb sei, zeigten sich gegensätzliche Einstellungen der beiden Politiker noch klarer. Gote versteht sich als Interessenvertretung, freilich nicht in einem abwertenden Sinn. Man könne auch Interessenvertreterin der Umwelt, des Klimaschutzes oder vernachlässigter Menschen sein. Jede Partei finde ihre Wähler dadurch, dass sie gewisse Interessen vertrete. Wichtig sei vor allem die Transparenz bzgl. der Interessen, die man vertritt. Beckstein widersprach: Er sei nicht in die Politik gegangen, um Interessen zu vertreten, sondern mit dem Idealismus, die Welt zu gestalten: Menschenwürde oder eine gute Ordnung seien keine Interessen. Er wolle „im metaphysischen Sinne gut und richtig handeln“.
Prof. Brieskorn bemerkte, dass der idealistisch motivierte Berufspolitiker zur Zeit Max Webers ein auslaufendes Modell war. „Wir hatten Abgeordnete, die für die Politik lebten, wir bekommen Abgeordnete, die von der Politik leben.“ Beckstein betonte entsprechend das Dilemma einer Politikerkarriere. Kaum jemand, der sich nicht über Jahre in der Politik bewährt hat, hat die Chance, selbst eine führende Position einzunehmen. Dann hat er oft keinen Beruf oder kann nicht mehr in seinen alten Beruf einsteigen. Hat jemand aber zunächst einen Beruf erworben, in den er ohne weiteres zurückkehren könnte, ist er in der Partei zu wenig angesehen, um in ein höheres Amt gewählt zu werden.
Beide Referenten konnten auf Nachfrage nicht gänzlich abstreiten, dass Politiker, wie schon Max Weber schreibt, zumindest unter dem Fraktionszwang in vielen Fällen „nichts andres als gut diszipliniertes Stimmvieh sind“. Was die parteiinterne Auseinandersetzung betrifft, betonte Frau Gote aber das bei den Grünen immer noch hochgehaltene Prinzip von Basisdemokratie. Beckstein legt ein größeres Gewicht auf parteiinterne Loyalität.
Was ist die Todsünde eines Politikers? Wann fehlt es ihm am meisten an Leidenschaft und Augenmaß? Ulrike Gote erschrickt vor persönlicher Bereicherung und Unehrlichkeit. Günther Beckstein antwortet überraschend im Weberschen Paradigma der Logik von Macht und Gewalt: Was sich ein Politiker auf keinen Fall leisten darf, sei Erfolglosigkeit. Bei Max Weber ist dem Politiker eigene „Sünde wider den heiligen Geist“ die Eitelkeit. Eitelkeit ist „die Todfeindin aller sachlichen Hingabe und Distanz“. Das könnte schon der Sokrates der Apologie zu den Politikern gesagt haben. Auch wenn es gewisse Übersetzungs-Schwierigkeit zwischen der wissenschaftlichen Sprache Max Webers und der aktuellen Sprache der Politiker gab: Eitelkeit kann man den beiden geladenen Politikern nach diesem Gespräch gewiss nicht nachsagen. Vielmehr haben sie den Mut bewiesen, sich auf den für sie ungewohnten inhaltlichen Diskurs mit der Wissenschaft einzulassen und auch den Fragen des Auditoriums mit großer Offenheit zu stellen. (mr)
