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Projektleitlinien alt

Stand 1996

 

Das Forschungs- und Studienprojekt der Rottendorf-Stiftung an der Hochschule für Philosophie hat sich in den ersten ca. 15 Jahren seines Bestehens schwerpunktmäßig mit fremden Ländern und Kulturen sowie mit der Rolle der Religionen in einer entstehenden Weltkultur auseinandergesetzt. Seit ca. 15 Jahren setzt es sich – in Anknüpfung an diesen ersten Schwerpunkt – vorrangig mit dem neuen Schwerpunktthema »Globale Solidarität – Schritte zu einer neuen Weltkultur« auseinander. Die 1996 für die neue Projektausrichtung verfassten Leitlinien sind im Folgenden dokumentiert.

I Beschreibung des Kontextes

1. Die Menschheit steht derzeit vor zwei globalen Herausforderungen. Zum einen ist die heutige Weltlage von einem zunehmenden Wohlstandsgefälle zwischen Nord und Süd gekennzeichnet, zu dem nun noch ein wachsendes West-Ost-Gefälle hinzukommt. Dieses Gefälle hat wesentlich strukturelle Ursachen, wie vor allem die Mechanismen der bestehenden Weltwirtschaftsordnung zeigen. Die Industrieländer sind dafür mitverantwortlich, weil sie diese Ordnung, oft zu Lasten der Armen in der Dritten Welt, aus kurzsichtigem nationalen Egoismus aufrechterhalten, wie Protektionismus, Zins- oder Schuldenpolitik belegen.

2. Als zweite Herausforderung stellt sich immer mehr die weltweite Bedrohung der natürlichen Lebensgrundlagen dar. Ressourcenverschwendung und Schädigung der Umwelt als Folge des westlichen Zivilisationsmodells wie auch der Armut im Süden sind Probleme, die sich nicht nur in den jeweiligen Regionen, sondern auch global auswirken, wie dies etwa der Treibhauseffekt mit den daraus resultierenden weltweiten Klimaveränderungen zeigt.

3. Das westliche Zivilisationsmodell, insbesondere der damit verbundene Wohlstand, übt große Anziehungskraft auf die Menschen in den Entwicklungsländern aus, was zum Ziel einer »nachholenden Entwicklung« geführt hat. Dieses Paradigma wird auch vom Norden aus eigennützigen Gründen propagiert. Die Idee der »nachholenden Entwicklung« erweist sich jedoch nicht nur faktisch für die meisten Länder immer mehr als Illusion, sondern auch grundsätzlich als unhaltbar, da eine Universalisierung dieser Lebensweise unvermeidlich zu einem globalen ökologischen Kollaps führen würde. Ein primär an einem quantitativen Wachstum orientiertes Wirtschaften ist schon heute nicht mehr weltweit tragfähig, geschweige denn ein Modell für die Zukunft und die Länder des Südens. Die Vorstellung, dass es nach dem Zusammenbruch des Sozialismus keine Alternative zum westlichen Zivilisationsmodell gebe und damit das Ende der Geschichte (F. Fukuyama) eingeläutet sei, scheint aufgrund dieser Tatsachen sehr fragwürdig.

4. Angesichts dieser Situation stellt sich die Aufgabe einer sowohl sozial als auch ökologisch verträglichen Lebensweise, einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Entwicklung (sustainable development). Die Befriedigung der elementaren Bedürfnisse der ärmsten Menschen und Völker sowie die langfristigen Interessen künftiger Generationen stehen auf dem Spiel. Soll es nicht zu einer dauerhaften Spaltung zwischen Arm und Reich kommen, die längerfristig wohl nur mit militärischen Mitteln aufrechtzuerhalten wäre, braucht es einen gemeinsamen Dialog und eine partnerschaftliche Zusammenarbeit aller, um die notwendigen Lösungen zu erarbeiten und zu verwirklichen. Aufgrund ihrer politisch, wirtschaftlich und soziokulturell dominanten Rolle kommt den Industrieländern (und den Reichen im Süden) dabei eine besondere Verantwortung zu. Nur sie können ihren Lebensstandard einschränken, ohne ihren Wohlstand aufgeben zu müssen. Neben der Änderung der Lebensweise der Einzelnen sind strukturelle Reformen notwendig, die dies ermöglichen und fördern. Dies erfordert eine weitsichtige und vorausschauende Politik, die nicht nur kurzfristige Interessen verfolgen darf, sondern zu einer Querschnittsaufgabe aller Politikbereiche werden muss. Langfristiges Ziel muss es sein, weltweite Reformen im Sinne einer globalen Strukturpolitik bzw. »Erdpolitik« (E.U. von Weizsäcker) vorzunehmen, die eine sozial- und umweltweltverträgliche Entwicklung ermöglichen.

II Leitlinien der Projektarbeit

1. Vor dem Hintergrund der dargestellten Problemlage und angesichts der massiven Risiken, die aus diesen globalen sozialen und ökologischen Konflikten für die Menschheit erwachsen und deren Fortbestand gefährden, will sich das Projekt der Frage nach der menschlichen Verantwortung stellen. Praktische Rezepte für einen Weg aus der Krise können dabei nicht erwartet werden. Statt dessen sollen die philosophischen Grundlagen aufgezeigt werden, auf deren Basis die nötigen Reformen möglich sind: Ansätze der Ethik, der Sozialethik, insbesondere der Wirtschafts- und Umweltethik, der Anthropologie oder der Geschichtsphilosophie. Eine solche Auseinandersetzung erfolgt nicht gleichsam im »luftleeren Raum«, sie muss nicht bei einem Nullpunkt beginnen, sondern erfolgt immer schon vor dem Hintergrund ethischer Vorentscheidungen. Diese sind bewusst zu machen. Eine solche Reflexion wird es als ihr Anliegen betrachten, individuelle und gesellschaftliche Verhaltensweisen und Lebenseinstellungen zu beeinflussen. Grundsätzliche Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen, sind u.a.:

Die Frage nach dem Handeln und den Handelnden.

a) Gibt es in der derzeitigen Weltsituation freies Handeln oder sind die Abläufe systematisch vorbestimmt? Unter welchen Voraussetzungen kann man von sittlich verantwortbarem Handeln sprechen? Welche Rolle spielen die so genannten Sachzwänge? Ist der handelnde Mensch dabei Akteur oder lediglich fremdbestimmter Agent?

b) Liegt den Handlungen in dieser Lage ein Menschenbild zugrunde? Wenn ja, wie sieht dieses konkret aus? Ist es das des »homo oeconomicus«?

c) Welches sind die handelnden Akteure (Individuen, kollektive Gemeinschaften oder eine Kombination von beidem)? Wie ist im Falle von kollektiven Akteuren Verantwortung zu verstehen? Welches Handlungsmodell ist für solche Probleme mit individuellen und kollektiven Akteuren geeignet?

Die Frage nach der Begründung.

d) Durch welche Prinzipien kann eine angesichts der geschilderten Problemlage verantwortbare Lebensweise begründet werden? Vor wem ist eine solche Lebensweise zu verantworten?

Die Frage nach solidarischem Handeln.

e) Ist Solidarität mit Menschen in weit entfernten Ländern in allen Fällen geboten oder entpflichten uns bestimmte Situationen von solidarischem Handeln?

f) Von besonderer Bedeutung ist die Frage nach der Reichweite und der Wirkung von Handlungen und der damit verbundenen sittlichen Probleme.

g) Ist der Einsatz für eine bestimmte Entwicklung oder Entwicklungspolitik in diesem Sinne überhaupt menschlicher Auftrag oder sittliche Aufgabe? Wie ist es mit der Machbarkeit bestellt? (Sind wir Opfer eines Machbarkeitswahns?)

2. In diesem Rahmen ist somit nach Begründungen einer Lebensführung zu fragen, in der persönliche Freiheit und universale Solidarität in Einklang zu bringen sind, nach einem Zivilisationsmodell, das individuelle Wahlmöglichkeiten und gesellschaftliche Strukturen miteinander verknüpft. In jedem Falle ist es dabei notwendig, einerseits die Einstellungen des einzelnen mit gesamtgesellschaftlichen Strukturen zu vermitteln, andererseits kulturelle Unterschiede konstruktiv aufzunehmen und von daher Alternativen »gelungenen Lebens«" zu entwickeln; das heißt aber auch: die Monoperspektive des abendländischen Wohlstandsmodells ist zu überwinden. Dies darf jedoch nicht auf Kosten der persönlichen Wahlfreiheit im Sinne einer Ökodiktatur gehen. Dazu ergeben sich aus der Verbindung von Sozialwissenschaften und Sozialethik folgende Fragen:

a) Welche Entwicklung ist sowohl sozial als auch ökologisch verträglich und damit zukunftsfähig?

b) Was ist das langfristige Ziel von Entwicklung, insbesondere auch einer Entwicklung in den Industrieländern? Worin soll dieses Ziel bestehen?

c) Bedarf es eines qualitativen oder »neuen Wohlstandsmodells«, das durch Einschränkungen zugleich die Chance für mehr Lebensqualität bietet und angesichts der globalen Herausforderungen verantwortbar ist?

d) Wie können solche Lebensweisen aussehen, die nicht dem rein ökonomistischen Ideal eines permanenten quantitativen Wachstums verpflichtet sind?

e) Ist die einseitig vom Individualismus geprägte Moderne fähig, zur Realisierung solcher Lebensweisen beizutragen? Welche besonderen Hindernisse legt sie ihr dabei in den Weg?

f) Was können wir für solche Lebensweisen von anderen Kulturen lernen?

3. Ein Ethos, das heute angesichts globaler Herausforderungen des Lebens und Überlebens notwendig ist, steht vor dem Problem, im Individuum nicht emotional verankert, nicht mit seiner überschaubaren Sphäre der Interessen vermittelt zu sein. Hinzu kommt, dass die Menschen durch die komplexe Problemlage überfordert scheinen und dabei häufig resignieren. Daher ist nach Werten zu suchen, die ein Zusammenleben unter globaler Rücksicht begründen und ermöglichen helfen. Können Psychologie und Religionsphilosophie tragfähige Motivationshilfen aufzeigen? Die Kommunikationswissenschaften sind zu befragen, wie ein solches Zusammenleben zu vermitteln ist und wodurch es unterstützt werden kann. Dabei verdienen die Werte und Traditionen demokratisch verfasster Gesellschaften eine besondere Berücksichtigung.

a) Wie kann eine zukunftsfähige Lebensführung, eine gerechte globale Ordnung motiviert werden?

b) Welche Wertvorstellungen können tragende ethische Pfeiler eines solchen Modells begründen?

c) Aus welchen Quellen weltanschaulicher oder anderweitiger Art können derartige Werte und aus ihnen abgeleitete Normen geschöpft werden?

d) Welche religiösen Zugänge sind dabei hilfreich? Können die verschiedenen Formen asketischen Lebens, die in allen Religionen zu finden sind, ein Weg zu einer solchen Lebensführung sein?

e) Gibt es im abendländischen Kulturkreis oder in anderen Quellen ethische und religiöse Werteressourcen, die eine ganzheitlich umfassende Verantwortung aller Menschen und damit eine weltweite und Generationen übergreifende Solidarität fördern?

f) Was wäre zu einer Motivation solidarischen Handelns von den Kulturen außerhalb des abendländischen Kulturkreises zu lernen?

4. Im Gespräch zwischen Sozial- und Naturwissenschaften, Psychologie und Verhaltensforschung, Philosophie und Theologie will sich das Rottendorf-Projekt diesen Fragen stellen und in interdisziplinärer Zusammenarbeit Antwortmöglichkeiten formulieren. Die methodische Ausrichtung muss neben der interdisziplinären (Gespräch verschiedener Wissenschaften) auch die interkulturelle (Vielfalt der Kulturen und Religionen) und die globale Perspektive im Blick haben. Diese Auseinandersetzung wird nie auf einem ethisch oder weltanschaulich »neutralen Boden« stattfinden.

5. Damit bleibt das Rottendorf-Projekt dem Versuch verpflichtet, sowohl die geistigen Grundlagen einer »neuen Weltkultur« zu formulieren, als auch die Fundamente des sittlichen Handelns und des »guten Lebens« zu erarbeiten. Die Projekt-Arbeit soll bereits vorhandene Ansätze kritisch reflektieren, an die Öffentlichkeit vermitteln in der Absicht, Aufbrüche zu fördern und Hoffnung zu vermitteln in einer für die Menschheit bedrohlichen Situation.

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