Zum Jubiläum
50 Jahre Heinrich Pesch Haus
Der Anfang: Das Heinrich Pesch Haus in Mannheim
Schon 1932 plante P. Franz X. Hayler, Provinzial der Oberdeutschen Provinz, ein Sozialinstitut gründen. Seine Pläne scheiterten an den politischen Umständen. Angestoßen durch die 29. Generalkongregation 1946 schrieb P. General Johann Baptist Janssens 1949 einen Brief über das Soziale Apostolat, was zur Errichtung einer ganzen Reihe von Sozialinstituten weltweit führte. 1954 begann P. Felix zu Löwenstein im Auftrag von P. Provinzial Otto Faller die Idee eines Sozialinstitutes in Angriff zu nehmen. Der Plan, dies in interprovinzieller Zusammenarbeit zu tun, ließ sich nicht realisieren. Am 18. Januar 1956 fand die Eröffnungsfeier des Heinrich Pesch Hauses in Mannheim als einem Werk der Oberdeutschen Provinz statt. Es sollte sich sowohl der sozialwissenschaftlichen Forschung wie der sozialen Bildungsarbeit widmen. 1959 konnte ein Haus in der Werderstraße bezogen werden. Die Direktoren waren: 1956-1964 P. Felix zu Löwenstein, 1964-1967 P. Heinrich Krauss, der spätere Provinzial, und 1967-1971 P. Hans Zwiefelhofer. Weitere Jesuiten mit längerer Tätigkeit am HPH waren: P. Alban Müller, P. Gabriel Tegyey und P. Sigismund Praschma. Später recht bekannte Laienmitarbeiter waren u.a.: Peter Molt, Bernhard Vogel und Franz Nuscheler.
Als wesentliche Aktivitäten aus dieser Zeit sind das Soziale Seminar, das Kommunalpolitische Seminar und die Jugendbildungsarbeit zu nennen. 1960 wurde der Pesch-Haus Verlag gegründet, in dem die Schriftenreihen Freiheit und Ordnung und Kirche und Entwicklung erschienen. Bekannt wurde das HPH auch durch Civitas - Jahrbuch für Sozialwissenschaften. Ein wichtiger Schwerpunkt war fast von Anfang an die Entwicklungspolitik, was dem Weitblick von P. Krauss zu verdanken war.
1971 zog der sozialwissenschaftliche Teil mit der Bibliothek nach München und wurde als »Institut für Gesellschaftspolitik« der Hochschule für Philosophie als eigenständiges Institut angegliedert. Die soziale Bildungsarbeit zog Ende 1972 unter der Leitung von P. Karl Weich in das heutige Heinrich Pesch Haus in Ludwigshafen, das die Diözese Speyer zur Hälfte mit Mitteln des Landes Rheinland Pfalz wie eigener Mittel baute und den Jesuiten anvertraute.
Das Institut für Gesellschaftspolitik an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten
Im Herbst 1971 hat das Institut (IGP) mit einem guten Teil der Bibliothek des alten HPH im Gepäck seine Arbeit in München aufgenommen. Heute verfügt es über eine sozialwissenschaftliche und entwicklungspolitische Fachbibliothek, die mehr als 35.000 Bände, 100 laufende Zeitschriften sowie Berichte und Dokumente internationaler Organisationen umfasst.
Aus Mannheim kam auch P. Hans Zwiefelhofer nach München,
der von 1971-1976 als Leiter des Instituts verantwortlich
zeichnete. Sein Nachfolger war P. Walter Kerber (1976-1986), den
dann P. Johannes Müller ablöste. Am Institut arbeiten
gegenwärtig vier Jesuiten und sieben Laien (meist auf
Teilzeitbasis). Einige sind zusätzlich Mitglieder des
Lehrkörpers der Hochschule.
Ziel der Arbeit des Instituts ist der »Einsatz für
Gerechtigkeit« als Dimension des »Dienstes am
Glauben« durch die Förderung der Verwirklichung der
Menschenrechte, weltweiter Solidarität und einer
umweltgerechten Entwicklung. Das IGP bemüht sich um eine
universale Sichtweise, interdisziplinäres Vorgehen und
Praxisorientierung. Es will in die Öffentlichkeit hineinwirken
und politische Anstöße geben, vor allem auch in den
kirchlichen Bereich hinein.
Zu seinen Kernaufgaben gehört es, Lehrveranstaltungen, vorrangig im Rahmen der Hochschule, anzubieten. Seit einigen Jahren bietet es ein Zusatzstudium »Grundlagen der Sozialwissenschaften« an. Einige Mitarbeiter lehren auch an anderen Hochschulen, teils auch in Osteuropa und der Dritten Welt. Hinzu kommen zahlreiche Vorträge und Seminare, meist in Zusammenarbeit mit anderen Bildungsträgern. Auch das Forschungs- und Studienprojekt »Globale Solidarität – Fragen einer neuen Weltkultur« an der Hochschule wird seit mehr als 20 Jahren maßgeblich vom Institut mitgestaltet. All diese Tätigkeiten sind verbunden mit sozialwissenschaftlichen Publikationen, darunter regelmäßige Beiträge in den Zeitschriften des Ordens, vor allem den »Stimmen der Zeit«.
Mehrere Mitarbeiter arbeiten vor allem in weltkirchlichen Gremien mit. Dies umfasst Beratertätigkeit bei der »Kommission X Weltkirche« der DBK, Studien im Rahmen der Sachverständigengruppe »Weltwirtschaft und Sozialethik«, Forschungsprojekte, Mitarbeit in der Deutschen Kommission Justitia et Pax, in kirchlichen Hilfswerken wie Misereor und Missio wie in regionalen und diözesanen Sachausschüssen für »Mission, Entwicklung, Frieden«.
Intensive Zusammenarbeit besteht auch mit anderen Institutionen des Ordens. Dies gilt vor allem für den JRS (Flüchtlingsdienst der Jesuiten) und seine Aktivitäten, die von Anfang an wesentlich durch das IGP mitgetragen wurden. Auch zur Missionsprokur in Nürnberg gibt es intensive Beziehungen. Hinzu kommen regelmäßige SJ-Treffen auf Welt-, europäischer und Assistenzebene (z.B. Sozialsekretariat in Rom, Eurojess) und deren Vorbereitung. Im September 2006 wird das IGP gemeinsam mit dem SCRIBANI-Netzwerk in Antwerpen eine internationale Konferenz zum Thema »Africa and Europe. Cooperation in a Globalised World” an der Hochschule in München durchführen.
Sehr positiv hat sich die Zusammenarbeit mit dem HPH in Ludwigshafen entwickelt. Beide Institutionen haben schon länger gemeinsame Projekte wie die Seminarreihe »Soziale Netze in Europa«, die »Ludwigshafener Gespräche« zu Fragen des interkulturellen Zusammenlebens für Multiplikatoren aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kirche oder das E-Learning-Projekt »Globalisierung«, dem nun ein weiteres Projekt »Katholische Soziallehre« folgen soll.
All dies sind nicht mehr als Stichpunkte. Wer mehr zur Arbeit des IGP wissen soll, kann auf Wunsch den Jahresbericht 2005 zugesandt bekommen oder sich selbst im Internet informieren unter der Homepage: http://www.hfph.mwn.de/igp/igp.htm.
Das Heinrich Pesch Haus – Die Katholische Akademie Rhein-Neckar
Seit seinen Anfängen ist die Bildungsarbeit des Heinrich Pesch Hauses (HPH) dem Dialog zwischen Kirche und Gesellschaft vor dem Hintergrund der christlichen Sozialethik verpflichtet. Den Grundstein haben P. Karl Weich und P. Jörg Dantscher gelegt, die gemeinsam mit P. Benno Krämer den Umzug von Mannheim nach Ludwigshafen zu bewältigen hatten. P. Weich war Direktor 1972-1980 und nochmals 1985-1987, P. Dantscher 1980-1984. Die folgenden Jahre 1987-2003 lag die Leitung in den Händen von P. Hans Joachim Martin, dem es maßgeblich zu verdanken ist, dass das HPH nach einer großen Renovierung weiter von Jesuiten geführt wird.
2003 übernahm P. Tobias Karcher das HPH. Seitdem wurde das Bildungsangebot neu strukturiert und profiliert. Schwerpunkt ist nun der Themenbereich »Angewandte Ethik«, der die Teilbereiche »Bioethik und Biomedizin«, »Wirtschafts- und Gesellschaftsethik«, »Ethik des interkulturellen Zusammenlebens« sowie »Gender-Ethik« umfasst. Dafür konnte das HPH wichtige Kooperationspartner in der Rhein-Neckar-Region gewinnen. Auf diese Weise wird das HPH auch seinem neuen Auftrag als bistumseigene Akademie gerecht, der ihm im Sommer 2005 durch das Bistum Speyer übertragen wurde. Im Bereich berufliche Kompetenz stehen neben Angeboten zu Führung, Kommunikation und Konfliktmanagement die Seminare zum Arbeits- und Mitarbeitervertretungsrecht der Kirche (MAV) im Vordergrund. Im Bereich Theologie und Glaube konzentriert sich das HPH auf die Heilige Schrift und zentrale Glaubensfragen. Als neuer Bereich kristallisiert sich »Ethik und Spiritualität in Pflege und sozialem Handeln« heraus, gemeinsam mit Sozialeinrichtungen und Krankenhäusern in der Region.
Die 34. Generalkongregation war ein wichtiger Anstoß, in den vergangen Jahren einen Schwerpunkt christlich-islamischer Dialog aufzubauen. Fragen wie Moscheebau, Kopftuch oder islamischer Religionsunterricht werden in Beratungsgesprächen wie Veranstaltungen erörtert. Auch gelingt es dem HPH zunehmend, sich als Veranstaltungsort anderer Religionsgemeinschaften zu profilieren.
In der Jugendbildung kooperiert das HPH mit über 30 Schulen in der Rhein-Neckar-Region zu den Themen wie Schülermitverantwortung, Gewalt, Zivilgesellschaft, Demokratie und Europa. Die Mitarbeit am »Magis-Projekt« des Weltjugendtages 2005 in Köln haben neue Impulse gegeben. So ist für 2006 eine Akademie zur Ignatianischen Spiritualität geplant, gemeinsam mit den Akteuren des Magis-Projektes in der Region. Dann lädt das HPH, gemeinsam mit den Sozialzentren der Jesuiten in Europa zu einer Sommeruniversität nach Venedig ein mit dem Motto »Politics – a question for faith«.
Das HPH konnte die finanzielle Krise der deutschen Kirche dank seines profilierten Programms bisher nicht nur relativ unbeschadet überstehen. Der Einrichtung wurden auch neue Aufgaben übertragen, neben der Diözesanen Akademie auch die katholische Familienbildung in Ludwigshafen. Es weist einen strukturell gesunden Haushalt auf: 40% der Mittel werden selbst erwirtschaftet, 28% macht der Zuschuss der Diözese Speyer aus und 32% sind Drittmittel. Dass all dies gelingt, verdankt das HPH seinem engagierten Team von 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich trotz der unsicherer Zeiten für das Haus, sein Profil und seinen Service einsetzen.
Zusammenarbeit von Heinrich Pesch Haus und Institut für Gesellschaftspolitik
Sehr lebendig und kreativ hat sich in den letzten Jahren die Zusammenarbeit zwischen dem HPH in Ludwigshafen und dem IGP in München entwickelt. Die drei wichtigsten Projekte sind:
Seminarreihe »Soziale Netze in Europa«
Seit 10 Jahren führt das HPH, unterstützt durch das IGP sowie durch Sozialzentren des Ordens in einigen Ländern Europas, diese Seminare für Studierende der katholischen Fachhochschulen für Sozialpädagogik und Sozialarbeit von Paderborn bis Benediktbeuern durch. Ziel ist es, die Themen Sozialstaat, soziale Arbeit und die Auswirkungen des europäischen Einigungsprozesses im sozialen und politischen Kontext ausgewählter Länder (Großbritannien, Schweden, Frankreich, Litauen) aufzugreifen. Gespräche mit Fachleuten und Besuche sozialer Einrichtungen ermöglichen ein Kennenlernen aktueller sozialer Probleme, des Fachdiskurses der Sozialarbeit sowie ganz unterschiedlicher sozialpolitischer Konzepte und Reformansätze. Dies schärft den Blick für Möglichkeiten einer gemeinsamen europäischen Sozialpolitik.
Ludwigshafener Gespräche
Mit den Ludwigshafener Gesprächen hat das HPH ein Forum für Fragen des interkulturellen Zusammenlebens eröffnet. Fragen, die für die Rhein-Neckar-Region von Belang, die aber auch für die Gesellschaft in Deutschland und für das globale Miteinander von Bedeutung sind. Ziel der Gespräche ist es, Akteure und Entscheidungsträger aus der Rhein-Neckar Region zur Diskussion zusammen zu führen. Die bisherigen Themen: »Von welchem Kapital lebt unsere Gesellschaft?« (2004) »Unternehmensethik im Spannungsfeld der Kulturen und Religionen« (2005) und »Religionen im Spannungsfeld der Globalisierung« (November 2006). Zur Veranstaltung in diesem Jahr werden u. a. Bischof Dr. Reinhard Marx und Prof. Dr. Gesine Schwan, der Befreiungstheologe Paulo Suess aus Brasilien und der Islamwissenschaftler Navid Kermani aus Berlin erwartet.
e-globalisierung
Das HPH hat in Zusammenarbeit mit dem IGP, das die Texte erstellte, ein Online Kursangebot zur Globalisierung entwickelt. E-Globalisierung erschließt Zugänge zu zahlreichen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und politische Aspekten und Herausforderungen, die mit dem Prozess der Globalisierung zusammenhängen und veranschaulicht insbesondere die damit verbundenen ethischen Fragestellungen. Der Onlinekurs eröffnet interessierten Schulen Möglichkeiten der kursgebundenen wie auch kursübergreifenden Auseinandersetzung. Den verantwortlichen Lehrerinnen und Lehrern bietet er zahlreiche Schnittstellen für eine bedarfsgerechte didaktisch-methodische Aufbereitung und Gestaltung von Unterrichtseinheiten. Gegenwärtig bereiten das HPH und das IGP gemeinsam ein weiteres E-Learning Projekt e-kath vor, das wesentliche Inhalte der Katholischen Soziallehre für eine nachfrageorientierte Auseinandersetzung mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen anbieten wird.
21. Februar 2006, Tobias Karcher SJ und Johannes Müller
SJ
