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Jenseits der Arbeitsgesellschaft?
Sozialethische Maßstäbe für eine Zeit des Umbruchs
Johannes Wallacher, München
veröffentlicht in: Herderkorrespondenz 52 (1998), Heft 11, 576-580
Arbeit ist für den Menschen nicht nur das wichtigste Mittel der
individuellen Existenzsicherung, sondern auch für sein
Selbstverständnis und seine gesellschaftliche Anerkennung von großer
Bedeutung. Arbeit ist damit wesentlicher Bestandteil eines sinnvollen
Lebensvollzuges. Die anhaltend hohe Massenarbeitslosigkeit deutet
daraufhin, daß sich die traditionelle Arbeitsgesellschaft in den
Industrieländern in einem tiefem Umbruch befindet. Aber auch in den
Entwicklungsländern im Süden und den Transformationsländern im Osten
stellen Arbeitslosigkeit und die damit verbundene Armut die zentrale
wirtschaftliche und soziale Herausforderung dar. Für die betroffenen
Menschen bedeutet Arbeitslosigkeit einen Sinnentzug und eine Verminderung
ihrer Lebensqualität. Das traditionelle Konzept, Arbeitslosigkeit vor
allem durch wirtschaftliches Wachstum zu bekämpfen, erweist sich immer
mehr als unzureichend, wie das Phänomen des »jobless growth«
zeigt. Zudem ist ein wachstumsorientiertes Lösungsmodell nicht weltweit
übertragbar, weil der damit verbundene Ressourcenverbrauch die
natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen zerstören würde.
Daher ist auch im Hinblick auf die globale Dimension der
Arbeitslosigkeit nach neuen Wegen zu suchen, wie die gesellschaftliche
Zuordnung und Verteilung von Arbeit gestaltet werden kann. Welcher
Begriff von Arbeit ist einer solchen Neuorientierung zugrundezulegen?
Welche anthropologischen und sozialethischen Maßstäbe müssen dabei
berücksichtigt werden, und welche politischen Handlungsperspektiven
ergeben sich daraus? Das Forschungs- und Studienprojekt der
Rottendorf-Stiftung an der Hochschule für Philosophie in München hat
sich auf dem wissenschaftlichen Symposion »Arbeit im Umbruch:
Sozialethische Maßstäbe für die Arbeitswelt von morgen« am 26./27.
Juni 1998 unter der Leitung von Norbert Brieskorn S.J.
(Professor für Sozial- und Rechtsphilosophie, München) mit diesen
Fragen befaßt und im interdisziplinären Gespräch nach möglichen
Antworten gesucht.
Gerd Haeffner S.J. (Professor für Philosophische
Anthropologie, München) skizzierte in seinem Eröffnungsvortrag einige
grundlegende Elemente einer Anthropologie der Arbeit. Ausgangspunkt
seiner »anthropologischen Besinnung« bildete die Erarbeitung
einer Definition von Arbeit, da das Wort »Arbeit« inklusiv der
verschiedenen Abwandlungen sehr vielfältig verwendet wird. Das Subjekt
der Aussagen philosophischer Anthropologie ist der einzelne Mensch, so
daß die »menschliche Tätigkeit« die Basis eines solches Begriffes
darstellt, den Haeffner folgendermaßen einführte: »Eine regelmäßig
in sehr ähnlicher Weise vollzogene, oft mühevolle menschliche
Tätigkeit, die einen beträchtlichen Teil der aktivitätsfähigen
Lebenszeit ausfüllt und die primär um eines ihr äußeren Zweckes willen
getan werden muß«. Die so bestimmte Arbeit umfaßt sowohl die
Erwerbsarbeit als auch die verschiedensten Formen der
Nichterwerbsarbeit wie Haus- oder Erziehungsarbeit und kann von Weisen
des Untätigseins sowie von anderen Formen menschlicher Tätigkeiten wie
der Muße unterschieden werden.
Die Lebenskonzepte des Menschen waren schon immer eng mit der Wertung
der verschiedenen menschlichen Tätigkeiten verbunden. So diente nach
Aristoteles das Herstellen (poiesis) den Sklaven und niederen Freien
zum notwendigen Lebenserwerb, während das ethisch-politische Handeln in
der Öffentlichkeit (praxis) und das wissenschaftliche Erkennen
(theoria) seinen Sinn in sich selbst trugen und dem freien Mann
vorbehalten blieben. Andere antike Philosophen, die dem Adel verbunden
waren, konzipierten das Leben von der Muße her, was mit einer
Mißachtung der Arbeit verbunden war. In der »Arbeitsgesellschaft«
modernen Zuschnitts ist die Verteilung gesellschaftlicher Güter,
gesellschaftlichen Ansehens und des individuellen Selbstwertgefühls
vorwiegend an die Erwerbsarbeit geknüpft. Aus der Tatsache, daß \glqq
die Arbeit Halt verleiht, indem sie die Zeit gliedert, dem Dasein
jeweils Ziele und damit Sinn gibt«, läßt sich ein objektives
menschliches Bedürfnis nach Arbeit ableiten. Da menschliche Freiheit in
ihrem vollen Umfang erst durch die Fähigkeit erreicht wird, die eigene
Umwelt zu gestalten und sich damit selbst zu verwirklichen,
gehört Arbeit (auch) ganz maßgeblich zum Wesen des Menschen.
Karl Marx stellt den Aspekt »der Tätigkeit des Menschen als
Erfinder« in das Zentrum seiner Wertung von Arbeit und verbindet damit
die Hoffnung, daß der Mensch die Natur zur Menschenwelt \glqq
humanisiert«, wenn er sich selbst realisiert. Dieses »Ideal der
Selbstherstellung des Menschen durch den technischen Umbau der Natur«,
dessen Wurzeln sich bis in die Antike zurückverfolgen lassen, hat sich
jedoch in der Moderne verselbständigt »zu einem immer
gigantischeren und verzehrenden Wettlauf«. Die Arbeit hat nicht die
erhoffte »Erlösung aus der Knechtschaft« gebracht, im Gegenteil
desorientiert der hohe Rationalisierungs- und Flexibilisierungsdruck
der Arbeit »auf lange Sicht jedes Handeln, löst Bindungen von
Vertrauen und Verpflichtungen und untergräbt die wichtigsten Elemente
der Selbstachtung«, wie es Richard Sennett in seinem aktuellen Buch
»Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus«
formuliert. Mit der Vita activa, die von Heideggers
Distanzierung zur Marxschen Arbeitsdeutung beeinflußt ist, setzt
Hannah Arendt einen Gegenpol zur der einseitigen Betonung der Arbeit
in der modernen Anthropologie und Gesellschaftstheorie. Bereits die
benediktinische Regel des »ora et labora« enthält Elemente der
Arbeit und der Muße und drückt damit aus, daß beide nicht als Gegensatz
zu verstehen sind. Dieses Konzept gibt eine Ahnung davon, an welchen
Existenzdimensionen der Mensch partizipiert und was für ein gelungenes
Leben in eine sinnvolle Balance zu bringen ist. Wenn man, so Haeffner,
»die durch die Arbeitsbelastung früher vernachlässigten
Lebensbereiche« neu entdeckt und den gesellschaftlichen Wert der
nicht-erwerbstätigen Arbeit wie Haus- und Erziehungsarbeit anerkennt
und dementsprechend entlohnt, kann der Umbruch der Arbeitswelt neue
Chancen für eine »Humanisierung« der Arbeit eröffnen. Dazu gelte
es vor allem auch, »den inneren Wert des schlichten ›Daseins‹
neu zu lernen«.
Angesichts der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit und der Diskussion um
das drohende Ende der Arbeitsgesellschaft hält es auch Dietmar
Mieth (Professor für Theologische Ethik, Tübingen) für dringend
geboten, bei der Suche nach möglichen Auswegen aus der Arbeitskrise die
Frage nach dem Sinn menschlichen Tätigseins in das Zentrum zu stellen.
Nicht nur die Besorgung der Mittel zur Existenzerhaltung, sondern auch
die anderen menschlichen Grundbedürfnisse - das Bedürfnis nach
sozialer Anerkennung, das Bedürfnis nach persönlichen Beziehungen sowie
das Bedürfnis nach Sinn - suchen in den verschiedenen Formen
menschlicher Tätigkeit Erfüllung zu finden. Ein Blick auf biblische
Schöpfungsüberlegungen verdeutlicht, daß die mühevolle Arbeit,
die der Mensch zur Sicherung seiner Existenz erbringen muß, Teil der
»Begrenztheit des Geschaffenen« darstellt und »unter dem
Fluch der Sünde« steht. Ebenbild Gottes ist der Mensch nicht als
Arbeiter, der »im Schweiße seines Angesichtes« das Notwendige
besorgen muß, sondern im schöpferischen Wirken in der Welt gibt
er seinem Leben Sinn. Dadurch verwirklicht er sich selbst und vollzieht
so die Gottesebenbildlichkeit. Ausgehend von dieser Deutung entwickelte Mieth
ein ebenso weitgespanntes wie miteinander verzahntes ethisches
Kriteriengefüge, um damit mögliche Lösungen bewerten und den Umbruch
der Arbeit in einer sozialen und umweltverträglichen Weise gestalten zu
können.
In der katholischen Soziallehre werden im Zusammenhang mit der Arbeit
vor allem zwei Prinzipien besonders herausgestellt, das
Personprinzip, welches den Vorrang der Arbeit vor anderen
ökonomischen Faktoren wie dem Kapital betont, sowie das
Solidaritätsprinzip, welches die »Option für das beschädigte
Leben« bzw. die »Option für die Armen« einschließt. Der \glqq
Vorrang der Arbeit« umfaßt zugleich das Arbeiten und das Wirken und
ist in dem Sinne zu interpretieren, daß »die Definitionsmacht des
Kapitalverwertungsprozesses für Investitionen und technologische
Vorgänge zugunsten der Menschenwürde in der Tätigkeit eingeschränkt
werden muß«. Die Option für die Benachteiligten läßt sich durch das
sogenannte Differenzprinzip umsetzen, welches der liberale
Gesellschaftsphilosoph John Rawls im Rahmen seiner Theorie der
Gerechtigkeit entwickelt hat. Danach muß die Zunahme des
gesellschaftlichen Wohlstands vor allem den bisher am schlechtesten
Gestellten zugute kommen. Das Kriterium der Subsidiarität
beinhaltet den prinzipiellen Vorrang des Einzelnen vor der Gemeinschaft
und stellt damit ein Hilfsprinzip sowohl für die Solidarität als auch
für die Personalität dar. Danach hat die Consolidarität der
Betroffenen Vorrang und im Bedarfsfall muß die Prosolidarität der
Gesellschaft hinzutreten. Um künftigen Generationen die Lebensgrundlage
zu sichern, muß das Kriterium der Ökologieverträglichkeit diese
klassischen Prinzipien der Soziallehre ergänzen. Bei der derzeitigen
gesellschaftlichen Organisation von Arbeit wird die Partizipation an
der Gesellschaft und die Möglichkeit, sich seine eigene Subsistenz
selbst mitverdanken zu dürfen, vor allem durch die Teilhabe an den
Arbeitsprozessen gesteuert. Aus dem Grundrecht auf Selbstverwirklichung
läßt sich daher ein moralisches Recht auf Arbeit ableiten.
Aufgrund der Zweideutigkeit der Arbeit, welche einerseits derzeit die
Voraussetzung für die Teilhabe an der Gesellschaft darstellt,
andererseits aber auch immer mehr den Sinn menschlicher Tätigkeit
verfehlt, weil durch erhöhten Leistungs- und Flexibilisierungsdruck die
Wirkelemente entfallen, plädierte Mieth dafür, bei der Lösung der
aktuellen Probleme eine Doppelstrategie zu verfolgen. In einer
kurzfristigen Perspektive sollte unter gegenwärtigen Bedingungen
gehandelt werden. Dies bedeutet, möglichst viel humane
Erwerbsarbeitsplätze zu schaffen und eine gerechte Verteilung von
Erwerbsarbeit anzustreben. Im Hinblick auf die globale Dimension der
Arbeitslosigkeit kann man jedoch nicht dauerhaft auf dieses
Arbeitsplatzmodell bauen. Daher sollte gleichzeitig in einer
weitergreifenden Strategie der Übergang in eine neue Form von
Tätigkeitsgesellschaft eingeschlagen werden, in der nicht mehr alles über
das Modell der Erwerbsarbeit gesteuert wird. Alle Menschen müssen die
Möglichkeiten haben, ihr Existenzminimum zu sichern und Subjekte ihrer
eigenen Lebensführung sein zu können. Dies würde die Chance zu einer
neuen Zeiteinteilung des Alltags eröffnen und die Möglichkeit bieten,
Arbeit als eine Form menschlicher Tätigkeit im Wechsel mit Beziehungs-,
Weiterbildungs- und Regenerationszeiten in die Lebenszeit zu
integrieren. Als Gegengewicht gegen ein unreflektiertes
Fortschrittsparadigma, das davon ausgeht, alle möglichen Folgeprobleme
auch lösen zu können, formulierte Mieth ein Prinzip der
Folgenabschätzung, das sich aus der ethischen Verantwortung für die
Handlungsfolgen ergibt: »Löse Probleme nicht so, daß die Probleme,
die sich aus den Problemlösungen ergeben, größer sind, als die
Probleme, die gelöst werden.«
Karl Georg Zinn (Professor für Volkswirtschaftslehre, Aachen)
widersprach den gängigen Thesen von dem »rapiden Verschwinden der
Erwerbsarbeit« und dem »Ende der Arbeitsgesellschaft«. Die
gegenwärtigen Veränderungen in der Arbeitswelt sind seiner Meinung nach
nicht fundamental neu und überraschend, sondern durch langfristige Prozesse
zu erklären, »die auch schon vor längerer Zeit in ihren
wesentlichen Zügen klar analysiert und prognostiziert worden waren«.
Die Wirtschaftstheorie und die Wirtschaftspolitik haben diese Signale
jedoch ignoriert und die notwendige Gegensteuerung unterlassen, was
die Arbeitsgesellschaft in ihre derzeitige Krise geführt hat.
Die Rationalisierung bildet seit der Industrialisierung die wesentliche
Grundlage für das Produktivitätswachstum, was seitdem ein intensives
Wachstum ermöglicht hat. Dieses intensive Wachstum ist unabdingbar mit
einem wirtschaftlichen Strukturwandel verbunden, der sowohl durch
den produktivitätssteigernden technischen Fortschritt als
auch durch ein verändertes Konsum- und Sparverhalten verursacht
wird. In Zeiten der Vollbeschäftigung verläuft der Strukturwandel
allmählich und kann durch begleitende sozialpolitische Maßnahmen
abgefedert werden. Als Resultat eines sich selbst verstärkenden
Prozesses von steigender Arbeitslosigkeit, mangelnder Nachfrage und
Investitionszurückhaltung hat sich jedoch die Situation der
Massenarbeitslosigkeit eingestellt. Der kaufkraftbedingte
Nachfragemangel der Arbeitslosen trifft in reifen Volkswirtschaften
auf eine sättigungsbedingte Nachfrageschwäche der Mittel- und
Oberschichten, welche den Kreislauf weiter verstärkt. Ein
sättigungsbedingter Nachfragerückgang führt dazu, daß nur noch ein
Teil des Einkommens für Konsum und Investition verwendet wird. Die
daraus resultierende Arbeitslosigkeit bewirkt einen einkommensbedingten
Nachfrageausfall bei den Arbeitslosen, was die Arbeitslosigkeit weiter
anstärken läßt usw.
Unter der Bedingung der Massenarbeitslosigkeit führt der
Strukturwandel, der derzeit eine Verlagerung der Beschäftigung vom
industriellen Sektor in den Dienstleistungsbereich bewirkt, zu rapiden
Veränderungen. Die Arbeitnehmer und die Gewerkschaften sind durch die
Arbeitslosigkeit in die Defensive geraten, mit der \glqq
propagandistisch zu einem Mythos hochstilisierten« Globalisierung wird
eine Bedrohungskulisse aufgebaut, mit dem niedrigere Löhne und der
Abbau von sozialstaatlichen Interventionen gerechtfertigt wird.
Nach Zinn wird es trotz anhaltender Rationalisierungprozesse
auch in den nächsten Jahrzehnten nicht zur Auflösung der
Arbeitsgesellschaft kommen. Auch in Zukunft wird die Erwerbsarbeit das
zentrale Element der Existenzsicherung darstellen, und wenn der gesamte
Arbeitsbedarf vernünftig umverteilt werden kann, wird auch künftig
für alle Arbeitssuchenden genügend Erwerbsarbeit zur Verfügung stehen.
Allerdings wird sich der seit etwa 100 Jahren abzeichnende Trend einer
deutlichen Verringerung der Arbeitszeit vermutlich weiterentwickeln.
Für die ersten Jahrzehnte des 21.~Jahrhunderts läßt sich eine Art \glqq
Entwicklungskorridor« angeben, innerhalb dessen der sozialökonomische
Prozeß verlaufen wird. Nach dieser Prognose wird sich der Prozeß der
Tertiarisierung, d.h. der Anteilsgewinn des
Dienstleistungsbereiches bei Abnahme des sekundären Sektors, auf jeden
Fall fortsetzen. Wenn die »neoliberalistische Ideologie des
Konkurrenzegoismus« weiter vorherrscht und die \glqq
Entsolidarisierung der Gesellschaft und die ökonomische und soziale
Spaltung« fortgeführt wird, wird die Dienstleistungsgesellschaft
nach Zinn in eine »tertiäre Krise« münden, worauf die
Verhältnisse in den USA einen Vorgeschmack geben. Das
Beschäftigungswunder der letzten 15 Jahren wurde dort mit wachsender
sozialökonomischer Ungleichheit und hoher sozialer Armut erkauft. Um
die Tertiarisierung in die Richtung einer »tertiären
Zivilisation« zu lenken, muß die wohlfahrtsstaatliche Politik der
ersten Nachkriegsjahre wiederbelebt werden. Der »Rückgriff auf den
sozial- und beschäftigungspolitischen Interventionismus« bietet die
Chance, zur Vollbeschäftigung zurückzukehren, soziale Errungenschaften
zu bewahren bzw. wiederzubeleben und durch sukzessive
Arbeitszeitverkürzungen die Frage der Beschäftigung vom
Wachstumsparadigma zu trennen, das auf Dauer nicht umweltgerecht ist.
Da diese Maßnahmen im Zeitalter der Globalisierung auf nationaler Ebene
nur beschränkt möglich sind, bedarf es dazu einer Wohlfahrtspolitik auf
internationaler Ebene, die durch grenzüberschreitende Zusammenarbeit der
Gewerkschaften einzufordern und zu unterstützen ist.
Bernd Guggenberger (Professor für Politikwissenschaften, Berlin)
vertrat dagegen die These, daß die Arbeitsgesellschaft der Neuzeit
dem Ende entgegen gehe. Diese Entwicklung sollte jedoch nicht beklagt,
sondern als »Chance einer aktiven persönlichen wie
gesellschaftlichen Lebensgestaltung« erkannt und genutzt werden.
Mit dem Begriff der Arbeitsgesellschaft wird weniger eine strukturelle
als vielmehr eine Wahrnehmungstatsache ausgedrückt, da die
Arbeitsgesellschaft nicht durch die Arbeit an sich definiert wird,
sondern durch deren Stellung und Sichtweise in der Gesellschaft. Die
Neuzeit hat eine bisher nicht gekannte »Entfesselung« der Arbeit
bewirkt und den materiellen Produktionsprozeß und damit das
Hervorbringen in der Arbeit in das Zentrum des Lebensvollzuges
gestellt. Das Zeitalter der Industrialisierung wird durch die dominante
menschliche Eigenschaft des Fleisses (lat. industria) charakterisiert,
wobei neben dem »schicksalshaften Lastfleiß« zur Sicherung der
Existenz immer mehr der »Lustfleiß der Akkumulation« in den
Vordergrund tritt. Die spezifisch moderne Arbeitsbesessenheit hat
nicht nur die sichtbare Schädigung der natürlichen Lebensgrundlagen des
Menschen hervorgebracht, sondern auch zu psychischen und sozialen
Schäden beim Menschen selbst geführt und damit eine Krise der sozialen
Gemeinschaft und des menschlichen Selbstbewußtseins ausgelöst.
Die durch die hohen Produktivitätsfortschritte ausgelösten
Rationalisierungsschübe werden, so Guggenberger, eine erhebliche
Verkürzung der Arbeitszeiten notwendig machen. Die daraus erwachsende
zentrale Herausforderung besteht darin, das geistige, kulturelle
und psychologische Kreisen der Gesellschaft um das Zentrum der Arbeit
zu überwinden. Da der bisherige »Arbeitnehmer« nicht gewohnt
ist, mit der neuen Freizeitfreiheit umzugehen, steht er in der Gefahr,
zum »betreuungsbedürftigen Zerstreuungspatienten« zu werden, wenn
er sich fast blind »den Freizeit-Gehilfen« der modernen
Freizeit- und Unterhaltungsindustrie anvertraut. Der fremdbestimmte
Freizeitkonsum erweist sich quasi als das »alter ego« der
Arbeitszentrierung, wenn der Freizeitnehmer auch in seiner Freizeit
unbewußt »unter dem Deckmantel der Unterhaltung und des
Nervenkitzels nach der arbeitsbegleitenden Routine und der
entscheidungsentlastenden Sicherheit im Rhythmus der Arbeitsmonotonie«
sucht. Angesichts dieser Entwicklung ist die »Pflicht zur Muße«
aktueller als das »Recht auf Arbeit«. Da die Arbeit nicht mehr
den einzigen gesellschaftlichen Ordnungsfaktor darstellen wird und der
Mensch in der Arbeit auch nicht seine volle Identität erfahren kann,
werden die Menschen in der Gesellschaft nach der Arbeitsgesellschaft
vor allem eines benötigen: »den Mut und die Muße, an sich selbst
interessiert zu sein.«
Die Tatsache, daß die Arbeitsbesessenheit kein Spezifikum der
abendländischen Tradition darstellt, verdeutlichen die gefesselten
Hände (vincula manuum), die in der persischen Kultur ein
uraltes Freiheitssymbol ausdrücken. Dieses Symbol deutet daraufhin, daß die
unentwegt emsig tätigen Hände erst in Fesseln gelegt werden müssen,
damit der Mensch den verinnerlichten, »naturgeschichtlichen«
Arbeitszwang bezwingen und auf diese Weise frei werden kann.
Die vincula manuum der späteren Arbeitsgesellschaft sind nicht
Handschellen, sondern die Befreiuung von der Arbeitszentrierung, als
welche die ungeheuren Fortschritte in der Arbeitsproduktivität
angesehen werden sollten. Wenn die Produktion einer in
vielen Bereichen immer intelligenter werdenden Technik überlassen wird,
kann die frei werdende Zeit zur individuellen und kollektiven
kulturellen Vervollkommnung genutzt werden. Damit dies auf lange Sicht
allen gesellschaftlichen Schichten ermöglicht werden kann, sollten
die Anstrengungen im Bildungsbereich intensiviert und die Beteiligung am
Produktivvermögen breiter gestreut werden.
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