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Institut für Gesellschaftspolitik

Widerhaken der »Individualisierung«

Eine Auseinandersetzung mit dem gleichnamigen Theorem Ulrich Becks

 
                     von Michael Hainz SJ
                Institut für Gesellschaftspolitik
           an der Hochschule für Philosophie, München

Zusammenfassung: Individualisierung, d.h. die Auf- und Ablösung industriegesellschaftlicher Lebensformen durch andere, in denen die einzelnen ihre Biographien unter sozialstaatlichen Rahmenbedingungen selbst herstellen müssen, ist zu einer Schlüsselkategorie soziologischer Gegenwartsdeutung geworden. Der weiten, auf intuitiver Plausibilität beruhenden Verbreitung des Individualisierungsthereoms stehen seine begrifflichen Unschärfen, seine theoretischen Ungeklärtheiten und Mängel sowie seine darstellungsmäßig und weltanschaulich bedingten Einseitigkeiten gegenüber. Diese Schattenseiten des Theorems werden im folgenden kritisch entfaltet. Damit soll ein Beitrag zu größerer Bedachtsamkeit bei der Verwendung des Individualisierungskonzepts und zu seiner theoretischen Fortentwicklung geleistet werden.


Im folgenden werden einige Grenzen, Schwächen und Einseitigkeiten des Individualisierungstheorems diskutiert, das Ulrich Beck seit 1983 in die wissenschaftliche Debatte eingebracht hat und das seitdem zu einem wichtigen Bezugspunkt der sozialwissenschaftlichen Gegenwartsanalyse geworden ist. Im Gegensatz zu mancher euphorischen, allzu glatten Rezeption dieses Theorems betonen meine Ausführungen hier die kritischen Aspekte. Damit soll keineswegs das fruchtbare heuristische oder vielleicht sogar Erklärungspotential des Beckschen Theorieansatzes geleugnet werden. Anliegen dieser Überlegungen ist vielmehr, zur Nachdenklichkeit sowie zu einer möglichen Weiterentwicklung der Theoriebildung anzuregen.

(1.) Viele seiner Kritiker - aber auch Beck selbst - weisen auf die mangelnde Präzision des Individualisierungsbegriffs, aber auch anderer zentraler Begriffe (Freisetzung, Enttraditionalisierung) hin. Ganz allgemeine Schwierigkeiten bereiten zunächst der teilweise inkonsistente Sprachgebrauch und der journalistisch-spritzige, aber dadurch manchmal auch überzogen-knallige Stil des Münchener Soziologen, der Plausibilität erheischt durch anschauliche Einzelbeispiele, der sich aber insgesamt zu wenig um eine wissenschaftlich exakte Terminologie und um eine systematische Durchdringung und analytisch unterscheidende Darlegung der gewiß vielschichtig verwobenen Problemaspekte müht.

Dem damit zusammenhängenden Vorwurf der Kritiker, die enorme synthetische Kraft, Griffigkeit und »Anschlußfähigkeit« des Individualisierungsbegriffs sei durch seine Unschärfe und Mehrdeutigkeit erkauft, ist Beck durch neuere Klarstellungen zumindest teilweise begegnet. So hat er beispielsweise das Mißverständnis ausgeräumt, »Individualisierung« sei mit »Vereinzelung« oder mit »Autonomie« gleichzusetzen, und hat damit zumindest vordergründig auf einen Differenzierungsvorschlag von Honneth reagiert.

Das Problem der Unschärfe und Mehrdeutigkeit des Individualisierungsbegriffs besteht aber in mehrfacher Hinsicht fort:

(a) Weil das bisherige Beckschen Begriffssystem die subjektive Seite von Individualisierung, also die Art des individuellen Umgangs mit der Optionsvielfalt, vernachlässigt, können damit zum einen ein von außen auferlegter Traditions- und Gemeinschaftsverlust und die Selbsterarbeitung neuer Freiräume durch »Veränderung der Gemeinschaft und Umarbeitung der Tradition« nicht auseinandergehalten werden, so daß »Freisetzung« und »Enttraditionalisierung« als wesentliche Dimensionen von »Individualisierung« schillern. Zum anderen wird mit dieser makrosoziologischen Einseitigkeit der Zugang zu wesentlichen Fragen verstellt: Wie ist Identitätsbildung in modernen Gesellschaften möglich? Wie lassen sich die Sonnen- und die Schattenseiten von Individualisierung aus Sicht der Individuen bilanzieren?

(b) Den Vorwurf, daß mit dem Individualisierungsbegriff »zu viele unterschiedliche Phänomene gemeint sind«, könnte man, nachdem Beck neuerdings einzelne Erkennungszeichen von Individualisierung, eine Art qualitative Eigenschaften des »eigenen Lebens«, deutlicher voneinander abgegrenzt hat, zunächst dadurch auszuräumen versuchen, daß man diese einzelnen Dimensionen, z.B. eine experimentelle Lebensführung oder eine aktive, individualistische Erzählform, operationalisiert und empirisch testet. Dann jedoch taucht die von Beck noch nicht beantwortete Frage auf, wie denn diese einzelnen Elemente theoretisch miteinander zusammenhängen und in ihrem gegenseitigen Verhältnis zu gewichten sind. Wäre in einer bestimmten Situation dann immer noch von »Individualisierung« zu sprechen, wenn im empirischen Test zum Beispiel sechs von zehn Individualisierungsmerkmalen nachzuweisen wären, bei vier anderen Faktoren aber gerade die »individualisierungsabgewandte«, gegenteilige Ausprägung anzutreffen wäre?

(c) Die Schwierigkeit, das Individualisierungstheorem zu falsif izieren, wird jetzt schon sichtbar, weil es - wie Beck selbst zugibt - in sich ein Paradox enthält, den Gegensatz nämlich zwischen der Selbstzuständigkeit des Individuums für die eigene Biographie einerseits und der in sie hineinregierenden und sie dadurch standardisierenden gesellschaftlichen Institutionen andererseits. Aus einem Paradox läßt sich alles folgern, und jedes beliebige Phänomen ließe sich dann als »Bestätigung«, aber auch als Widerlegung des Theorems interpretieren. Mit »Individualisierung« ließe sich gleichzeitig alles erklären - und nichts! Im Anschluß an Burkart ist zu Recht zu fordern, daß in Zukunft das Verhältnis von sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen, kulturellen Selbstverständlichkeiten, biographischen Zwangsläufigkeiten, makrosozialer Pluralisierung von Lebensformen, Optionsvielfalt, individueller Entscheidungszuständigkeit und Handlungsautonomie theoretisch gründlicher geklärt werden müßte.

Beim jetzigen dilemmabehafteten Zustand der Theorie erscheint im Hinblick auf eine empirische Überprüfung des Individualisierungstheorems kurzfristig folgender Ausweg gangbar: Beck kann - und will vielleicht! -, zumindest solange er Theorie betreibt, weder in gegenwartsbezogen-statischer noch in historisch-dynamischer Hinsicht bilanzierende Aussagen machen hinsichtlich eines etwaigen »Zuwachses an Freiheit« im Vergleich zu den Zwängen eines Vergleichszustands. Er behauptet vielmehr einen Gestaltwandel dieses Paradoxons im Zeitablauf:

»Die Moderne löst soziale Kontrolle nicht auf, verändert aber ihre Gesicht, ihre Form.«

Im familiensoziologischen Kontext formuliert er diesen Sachverhalt folgendermaßen:

»Traditionale Ehe und Familie und individualisiertes Ringen um Ehe und Familie stehen sich nicht gegenüber wie Zwang und Freiheit. Vielmehr wird eine Mischform von Zwang und Freiheit durch eine andere ersetzt, allerdings durch eine, die Freiheiten und Zwänge offenbar jünger, attraktiver mischt, den Herausforderungen der Zeit angemessener, was sich nicht zuletzt daran zeigt, daß bei aller Nervigkeit für sich selbst kaum jemand zurück will.«

Mit anderen Worten: Um herauszufinden, ob individualisierte Lebensformen vorliegen, sollte man nicht nach einem »Zuwachs an Freiheit« suchen, sondern - so behaupte ich - nach zwei anderen Arten von Kriterien: Als eher »subjektseitige« Individualisierungsindikatoren sind zum einen die schon mehrfach angesprochenen genannten qualitativen Eigenschaften des »eigenen Lebens« anzusehen, wie eine experimentelle Lebensführung und eine aktive und individualistische Erzählweise.

Zum anderen läßt sich der Gestaltwandel der »Mischform von Freiheit und Zwang« an zwei wichtigen strukturellen Unterschieden zwischen »früher« und heute festmachen: Eine erste Differenz besteht in einer Veränderung des Stellenwerts der für das Individuum zentralen Institutionen, nämlich in der Bedeutungsverschiebung weg von meso-sozialen, »gemeinschaftlichen« Institutionen (Klasse, Familie, Gemeinde) hin zu gesamtgesellschaftlichen Institutionen (Arbeitsmarkt, soziale Sicherung, Bildungsystem). Unterschiedlich sind zweitens die Art der Vorgaben dieser jeweiligen Institutionen: Sie haben sich verändert von einer genauen inhaltlichen Festlegung dessen, was im einzelnen zu tun oder ausdrücklich nicht zu tun war, hin zu einer handlungsoffeneren Kombination von freilich ebenfalls begrenzenden Rahmenbedingungen einerseits und der darin »enthaltenen« abstrakten Forderung an jedes Individuum andererseits, sein eigenes Leben selbst in die Hand zu nehmen.

(d) Um aber unter empirischer Rücksicht diesen »Ausweg« aus dem Paradox von »Freiheit und Zwang« tatsächlich beschreiten zu können, ist der zeitliche Bezug von Individualisierung zu präzisieren: Es darf nicht einerseits ganz allgemein vom Übergang traditionaler Verhältnisse in die Moderne die Rede sein und andererseits - wie meist - von Nachkriegsentwicklungen bzw. der Ablösung industriegesellschaftlicher Lebensformen durch andere, »in denen die einzelnen ihre Biographie selbst herstellen, inszenieren, zusammenschustern müssen«. Auch diese letzteren Umbrüche verdienen - je nach Lebensbereich (z.B. Erwerbsarbeit, Familie), auslösendem Faktor der Individualisierung und nach der von ihr betroffenen Gruppierung oder Region - eine weitere zeitliche Spezifizierung.

(e) Um längerfristig die Mehrdeutigkeiten aus dem Paradox zwischen der Mächtigkeit von Institutionen (und der Standardisierung als ihrer Folge) und der Eigenzuständigkeit des Individuums zu eliminieren und die »vagen«, theoretisch nicht weiter geklärten Sprachregelungen zum Paradoxon weiter zu klären, reicht es nicht, in eher journalistischer Manier die Zusammenhänge an einzelnen Beispielen (Arbeitsmarkt, Sozialrechte, Fernsehen) zu illustrieren. Vonnöten sind vielmehr systematische Differenzierungen, um etwa in folgender Art hinsichtlich der Wirkungsweise von Institutionen auf die Entscheidungen von Individuen mehrere Aspekte zu unterscheiden: Mutet eine Institution dem Individuum zusätzliche Entscheidungen als solche zu? Erhöht sie die Zahl der pro Entscheidung zur Verfügung stehenden Alternativen beziehungsweise Handlungsinstrumente? Erlegt sie dem Individuum Restriktionen auf, die - so ist weiter zu differenzieren - entweder mögliche Alternativen ausschließen und somit Entscheidungen vereinfachen oder die einen differenzierteren Instrumenteneinsatz verlangen und somit Entscheidungen verkomplizieren? Liefert sie Ziele, Sinnbezüge oder praktische Hilfestellungen, die dem Individuum helfen, seine Entscheidungen zu treffen? Für derartige Fragestellungen müßte das Individualisierungstheorem um eine Entscheidungstheorie ergänzt werden.

(2.) Weiterer Klärungsbedarf besteht auch hinsichtlich des Zusammenhangs zwischen Individualisierung und Vereinzelung. Gegen die ihn mißverstehenden Kritiker betont Beck ausdrücklich, daß »Individualisierung« nicht »Vereinzelung« bedeute. Wenn er aber vier Absätze später von der »Individualisierungstheorie« behauptet, sie besage die Auflösung der »›Meso-Ebene‹ sozialer Milieus (Klassenkulturen, Familien- und Geschlechterrollen)«, also Freisetzung, dann liegt hier eine Spannung vor, die Beck hierbei nicht weiter reflektiert.

Freisetzung kann - zumindest vorübergehend, aber auch ständig - mit einer gewissen Vereinzelung verbunden sein, die freilich »dann« wieder durch den Aufbau selbstgewählter Netzwerke kompensiert werden kann, aber nicht notwendigerweise in gleichem Ausmaß kompensiert werden muß. All dies wird neuerdings von Beck nicht mehr thematisiert.

Hinzu kommt eine weitere Unterlassung: Beck behauptet, daß einerseits im Zuge des großen Individualisierungsschubes ein mit Freisetzung verbundener Kontinuitätsbruch stattgefunden habe, daß andererseits »Individualisierung« nicht »Vereinzelung« bedeute. Will er beides zugleich argumentativ rechtfertigen, dann müßte er systematisch die Kriterien dafür angeben, wie industriegesellschaftliche Vergemeinschaftungsformen von neuen, selbstgewählten Formen sozialer Einbindung zu unterscheiden sind.

Dies tut er bislang nicht, so daß man zunächst auf die mehrfach erwähnten qualitativen Eigenschaften des »eigenen Lebens« zurückgreifen wird. Diese aber sind vornehmlich Kriterien für die individuelle Existenzform. Stärker gruppenbezogene Gesichtspunkte, wie zum Beispiel die im Zuge von Individualisierungsprozessen »eigentümliche Pluralisierung von Konfliktlinien und -themen«, finden sich nur vereinzelt und verstreut in Becks Opus.

Mit dem Gesagten hängt ein grundsätzliches Problem zusammen: Wie ist eine Form sozialer Einbindung denkbar, die, sobald sie über eine minimale Dauer hinausreicht, die Selbstzuständigkeit des Subjekts für seine eigene Biographie (»Wahlbiographie«) nicht antastet, sie also durch einen neuen Anpassungsdruck, durch neue Sozialkontrolle nicht doch wieder zumindest teilweise aufhebt? Auch eine grün-alternative Bürgerinitiative wird auf Dauer ihre Selbstverständlichkeiten, Riten und Prägungen entwikeln und - vielleicht ganz unbemerkt - den in ihr zusammengeschlossenen Individuen ihren Stempel aufdrücken und ihre Verpflichtungen auferlegen. Reicht es, um von »Individualisierung« reden zu können, wenn nur der Zugang zu einer Gruppierung aus eigener Entscheidung erfolgte? Oder müßte eine kontiniuerliche Selbstzuständigkeit des Individuums für seine soziale Einbindung verlangt werden? Im zweiten Fall wäre nochmals zu unterscheiden: Müßte diese Selbstzuständigkeit als bloße Einwilligung zum gemeinsamen Geschehen oder aber als dessen aktive Mitgestaltung verstanden werden? Wäre der letztgenannte Anspruch aber nicht doch überfordernd, so daß Becks Standardformulierung »das Individuum wird zum Akteur und Inszenator seiner Biographie und sozialen Einbindungen« präziser bestimmt und eingegrenzt werden müßte?

(3.) Beck räumt zwar ein, daß verschiedene Gruppen, Milieus und Regionen in unterschiedlichem starkem Maße von Individualisierungsprozessen betroffen sein können. Dies scheint aber eher ein verbales und randständig angesiedeltes Zugeständnis an seine Kritiker zu sein, um sein Theorem gegenüber deren Differenzierungs- und - letztlich - Widerlegungsversuchen unangreifbarer zu machen. Denn Becks Theoriebildung beeinflußt es bislang nicht erkennbar.

Zum einen fehlt ihr eine systematische und für eine empirische Überprüfung hinreichend operationalisierte Herausarbeitung der Verursachungsfaktoren von Individualisierung. Die bisher dazu vorliegenden Aussagen lassen allenfalls erste grobe Gewichtungen (zugunsten der Einflüsse des Arbeitsmarktes und der sozialstaatlichen Regelungen) erkennen, sind aber weder hinreichend spezifiziert, noch werden die wechselseitige Beziehungen und der jeweilige Stellenwert der Einzelkomponenten deutlich. Dem theoretischen Status seiner Bemühungen tut Beck zudem dadurch Abbruch, daß er etliche Verursachungselemente oder »Medien« von Individualisierung additiv, ungewichtet und mit der Tendenz zur beliebigen Vermehrbarkeit anfügt.

Zum anderen ist über diese unzureichende theoretische Fassung der Entstehungsfaktoren von Individualisierung hinaus anzumerken, daß der Münchener Soziologe zwar einerseits die unterschiedliche Betroffenheit einzelner Gruppen, Milieus und Regionen von Individualisierung verbal zugesteht, andererseits aber die Verlaufsdynamik von Individualisierungsprozessen begrifflich noch zu wenig einholt. Seine Ausführungen über die vermehrte Entscheidungszuständigkeiten der »Individuen« bzw. der »einzelnen« und über den Wandel von der »Normalbiographie« zur »Wahlbiographie« transportieren vielmehr die Vorstellung eines gesellschaftsweit gleichzeitigen und gleichartigen Vorgangs, der die gesamte Lebensführung von Individuen gleichermaßen betreffe. Derartige Vereinfachungen sind im Falle des hier diskutierten makrosoziologischen und synthetisch-abstrakten Individualisierungstheorems zunächst freilich nicht verwunderlich und teilweise wohl auch nicht vermeidbar, aber sie werden von Beck auch nicht als solche, in ihrer Vorläufigkeit benannt.

Der Realität angemessener und Becks genanntem Zugeständnis gerechter wird eine Weiterentwicklung des Theorems, die unterschiedliche Phasen, Geschwindigkeiten, Stärke- und Institutionalierungsgrade von Individualisierungsprozessen unterscheiden und in einen theoretischen Zusammenhang bringen kann. Um dies kurz am Beispiel unterschiedlicher Institutionalisierungsgrade von Lebensformen anzudeuten: Je weniger institutionelle Lösungen für einen fragwürdig gewordenen und neu zu gestaltenden Lebensbereich zur Verfügung stehen, um so offener und individuell schwieriger ist der entsprechende Such- und Entscheidungsprozeß. Das gilt derzeit z.B. für Frauen, bei denen sich die »doppelte Lebensführung«, die Verbindung von Erwerbsautonomie und Präsenz in der Familie, als Leitbild zwar durchgesetzt hat, für dessen Ausgestaltung aber noch »kein ausgearbeitetes Verlaufsmodell« und keine institutionellen Hilfen bereitstehen.

Einzubeziehen wären deshalb zum einen sozialwissenschaftliche Innovationstheorien, um dann Fragen beantworten zu können wie die, was die persönlichen Merkmale von Individualisierungsinnovatoren und -»nachholern« und was die situativen Bedingungen für die »Erfindung« und die weitere Verbreitung von Individualisierung sind. Zum anderen ist der weitere Ausbau der Theorie der »reflexiven Modernisierung« von Nutzen, um von einem derartigen Rahmen her diejenigen Elemente der Lebensführung zu prognostizieren, deren Wandel von der selbstverständlichen gesellschaftlichen Vorgegebenenheit hin zur individuellen Selbstentscheidung ansteht.

(4.) Schließlich sind in der Auseinandersetzung mit Ulrich Beck einige von dessen Einseitigkeiten anzusprechen, die teils darstellungsmäßig bedingt und teils weltanschaulich-ideologischer Natur sind.

Zur Akzentuierung eines Kontinuitätsbruchs, also der Zuständigkeitsverlagerung von der »Meso-Ebene« stabiler, geschlossener Vergemeinschaftungsformen hin zum Individuum, überzeichnet Beck beide »Enden« seiner Betrachtung. Was den Rückblick auf die Vergangenheit angeht, so hat schon Joas die Becksche Darstellung der »Geschlossenheit und Bindungskraft« der proletarischen Klassenmilieus der Arbeiterschaft als »übertrieben« bezeichnet. Bezüglich der Betrachtung der »dörflichen Gemeinschaft«, wie sie von Beck als eines der untergehenden Meso-Gebilde ausdrücklich angesprochen und tituliert wird, sei nur auf die klassische deutsche Dorfuntersuchung verwiesen: Wurzbacher/Pflaum (1954) zeigen die infolge der Verkehrsaufschließung und Industrialisierung hervorgetretene Differenzierung der Landgemeinde Herchen (Siegkreis, Nordrhein-Westfalen) auf und sprechen schon damals von der »Individualisierung« (!) der Dorfbewohner. Darauf wird in meiner Dissertation noch zurückzukommen sein.

Im Hinblick auf die Gegenwart ist Beck dann versucht, heutige meso-soziale Gesellungsformen zugunsten seiner Konzentration auf das Individuum wahrnehmungsmäßig tendenziell auszublenden. So erwähnt er die in den letzten Jahrzehnten entstandenen neuen sozialen Bewegungen nur beiläufig, rezipiert auch nicht die inzwischen dazu vorliegende Literatur, obwohl diese Gruppierungen in den letzten Jahrzehnten »an Zahl, und wohl auch an Bedeutung ... eher zu- als abgenommen« haben. Symptomatisch für diese geradezu scheuklappenmäßige Einseitigkeit Becks ist seine Reaktion auf die Entscheidung der Firma Shell vom 25.6.1995, die Ölplattform »Brent-Spar« doch nicht in der Nordsee zu versenken: Er betont überschwenglich die politischen Einflußmöglichkeiten der einzelnen Bürger, die - in diesem Fall - nur ihre Tankgewohnheiten kurzfristig zu ändern brauchten. Die notwendige Voraussetzung eines solchen Tuns, nämlich die öffentlich wahrnehmbare Definition des Umweltproblems und Propagierung eines entsprechenden Handelns durch den meso-sozialen Akteur Greenpeace, und daraus sich möglicherweise ergebende bedenkliche Folgen (z.B. daß »Leidenschaften der Straße unmittelbar auf die Politik durchschlagen«) werden von Beck nur zum Teil und sehr kurz erwähnt, nicht aber konzeptionell wirklich einbezogen, geschweige denn zu Ende gedacht.

Die Überakzentuierung individueller Handlungsmöglichkeiten geht einher mit Becks ausgeprägter Auffassung von der menschlichen Freiheit - verstanden als Entscheidungmöglichkeit und -notwendigkeit, nicht als Autonomie -, der eine tendenziell optimistische und mitunter schwärmerische Note und insgesamt eine große Radikalität zu eigen sind. Dies kommt beispielsweise in folgender zukunftsbezogener »Trendaussage« zum Ausdruck:

»Der Mensch wird (im radikalisierten Sinne Sartres) zur Wahl seiner Möglichkeiten, zum homo optionis. Leben, Tod, Geschlecht, Körperlichkeit, Identität, Religion, Ehe, Elternschaft, soziale Bindungen - alles wird sozusagen bis ins Kleingedruckte hinein entscheidbar, muß, einmal zu Optionen zerschellt, entschieden werden.«

Beck wagt auch folgende kühne Formulierung:

Die »Ebene von vorbewußten ›kollektiven Habitualisierungen‹, von Selbstverständlichkeiten ist es, die mürbe wird, ins Denken und Verhandeltwerdenmüssen zerstaubt. Die Tiefenschicht von Entscheidungsverschlossenem wird in die Entscheidung gedrängt.«

Hierbei zeigt sich wiederum die makrosoziololgische Flächigkeit des Beckschen Denkens, das nicht genügend berücksichtigt, daß sich auch in neuen, historisch noch nicht dagewesenen Entscheidungssituationen bald Absprachen, Konventionen, Standards und Zwänge herausbilden, die entscheidungserleichternde »Geländer« oder auch ganz handfeste Entscheidungsvorgaben und -zwänge für die Lebensführung der betroffenen Individuen darstellen.

Becks Freiheitsauffassung bestimmt die Blickrichtung seines wissenschaftlichen Arbeitens (seine Welt-Anschauung) und stellt seine persönliche Bewertungsbasis (seine Weltanschauung) dar. Sie liegt an der Nahtstelle zwischen der nüchternen, sachbezogenen Analyse und dem subjektiven, weltanschaulichen Werturteil.

In diesem Zusammenhang stellen sich zwei grundlegende Fragen:

(a) Inwieweit sind die Aussagen, die Beck macht, und die Formulierungen, in die er sie kleidet, Ergebnis wissenschaftlichen Umgangs mit Fakten und mit der Theorie, und inwieweit schlagen sich in ihnen des Autors persönliche Werte und Ideale, etwa sein Freiheitspathos, nieder?

Ein Rezensent des Buches »Riskante Freiheiten« weist beispielsweise darauf hin, daß Beck »nicht gänzlich der Gefahr [entgeht], die »Freisetzungsdimension überzubetonen, während (neue) soziale Zwänge und Kontrolle tendenziell unterbelichtet bleiben«. Auch versuche sich Beck

»- anders noch als in der Risikogesellschaft - mehr und mehr nicht nur in der Rolle des messerscharfen Diagnostikers, sondern auch in der des Prognostikers, ja Propheten, was eindeutig zu Lasten der analytischen Dimension seiner Texte geht.«

Seine neuerdings verstärkt hervorgehobene geschichtsphilosophische Überzeugung vom Triumpf der Moderne, nämlich ihrer Weiterführung in Richtung auf »mehr individuelle Entscheidungsmöglichkeiten«, kontrastiert mit vorsichtigeren und analytisch präziseren Äußerungen in seinem vorangegangenen Werk, wo er mit Hilfe des Begriffs der »Gegenmodernisierung« eine mögliche Grenze und (Teil-)Umkehrung der Freiheitsentwicklung markiert hatte.

Die unter dem Titel »Soziale Kontrolle und Individualisierung« erschienene Monographie von Kornelia Hahn (1995) bietet in der Aufarbeitung und Aktualisierung der klassischen soziologischen Theorie sozialer Kontrolle eine Perspektive, in der Individualisierung nicht wie in der Haupttendenz der neueren Aussagen Ulrich Becks einseitig unter dem Gesichtspunkt der Freiheits- bzw. Optionssteigerung erscheint, sondern systematischer als »Ambivalenz der Vergesellschaftung durch Freisetzung und Bindung« verstanden wird. Individualisierung wird von Hahn als »Variante sozialer Ordnungsbildung zur Konstitution komplexer Gesellschaften« begriffen:

»Die sozialstrukturell verankerten abstrakten Handlungskontrollen (Raum/Zeit-Organisation, Institutionen, generalisierte Handungsmedien etc) lassen genau das Maß an persönlicher Handlungsautonomie zu, das notwendig ist, um eine komplexe soziale Struktur durch individuelle Gestaltung zu reproduzieren.«

Weil gleichzeitig die kulturelle Individualisierung, also die starke Betonung des Autonomiewertes, einen ganz selbstverständlichen Anreiz zur Übernahme dieser individuell abzuarbeitenden Kontrolleistung ausübe, komme die Belastung mit dieser »Kontrollarbeit« für den einzelnen gar nicht mehr zum Bewußtsein.

»In der Suche nach persönlicher Individualität und Autonomie werden diese soziale Anforderungen als ›Verwirklichung des eigenen Lebensstils‹ umgedeutet.«

Kurzum: Indem Hahn Individualisierung im Zusammenhang der Theorie sozialer Kontrolle diskutiert, wird ihr es auch ideologisch unvoreingenommener und theoretisch stringenter als dem freiheitspathetischen Beck möglich, in und neben den neuen Optionsräumen die Formen heutiger sozialer Kontrolle in den Blick zu bekommen, z.B. die vom Individuum zu leistende »Kontrollarbeit« beim Erlernen einer Computer-Sprache oder bei der Emotionsarbeit oder die meist unbemerkte Fremdkontrolle durch die unaufdringlich werbende Ratgeber-Literatur. Gleichzeitig kann sie zwischen der Belastung und Entlastung durch soziale Kontrolle bzw. Kontrollarbeit unterscheiden, und erschließt sich damit eine Differenzierung, für die in Becks freiheitspathetischem Zeitgeistsurfen kein Platz bleibt.

(b) Inwieweit sind die Blickrichtung und die Theorie Becks so eindimensional auf »größere Entscheidungsmöglichkeit und -notwendigkeit« fixiert, daß sich bestimmte Fragen nicht mehr stellen oder stellen lassen? Dies gilt beispielsweise für die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit, damit Menschen ihre Entscheidungen sinnvoll treffen können. Anders gesagt: Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Menschen die Vorzugswürdigkeit der einen vor der anderen Alternative herausfinden und somit eine wirkliche, also selbstbestimmte Entscheidung, und das heißt: eine begründete Wahl, treffen können? Wenn nämlich nach Beck mehr und mehr individuell entschieden werden muß und dann eine »strukturelle Entscheidungsüberforderung« sowie mögliche Folgen einer »hergestellten Fraglosigkeit« (z.B. Gewalt, Fundamentalismus) drohen, kann dann das Projekt einer derart verstandenen Moderne (»mehr und mehr Entscheidungen«) unbesehen weiterverfolgt und »empfohlen« werden? Müßte dann nicht auch diesbezüglich, also bezüglich der sinnvollen Möglichkeit der Entscheidung, der Wahl selbst, eine Infragestellung oder - mit Beck eigenem Ausdruck -, eine »Reflexivität« der Moderne einsetzen?

Wäre in diesem Zusammenhang die Konzeption eines Rolf Dahrendorf nicht hilfreicher, der zur der einen Dimension der Optionen die andere Dimension der »Ligaturen« (Zugehörigkeiten, Bindungen) als notwendige Bedingung mit hinzudenkt, um »Lebenschancen« für alle zu erweitern - »Lebenschancen« eben verstanden als eine »Funktion«, eine »Wechselbeziehung« von beiden, Optionen und Ligaturen?

Dahrendorf geht zunächst wie Beck davon aus, daß Ligaturen »gelöst werden [mußten], um Menschen in die Lage zu versetzen, die Optionen der modernen Gesellschaft wahrzunehmen«. Mit anderen Worten: Die »Reduktion und am Ende Destruktion von Bindungen steigert Wahlmöglichkeiten« - aber nur »bis zu einem gewissen Grade«. Von diesem »optimalen Verhältnis von Optionen und Ligaturen« an, das »möglicherweise in den Gesellschaften der Gegenwart gestört worden ist«, vermindert die einseitige Vermehrung von Optionen die Lebenschancen. Dahrendorf gibt dafür drei Gründe an:

(1) Wenn Wahlentscheidungen »in einer sozialen Wüste«, also von einem völlig von der Gemeinschaft und Tradition abgeschnittenen Individuum stattfinden, dann machen »keine bekannten Koordinaten irgendeine Richtung einer anderen vorziehbar«, dann fehlen genau diejenigen »tiefen kulturellen Bindungen«, eben die Ligaturen, »die Menschen in die Lage versetzen, ihren Weg durch die Welt der Optionen zu finden«. Es ist, mit anderen Worten, der »innere Kompaß« abhanden gekommen, die »Entscheidungshilfe« für die Frage, »welchen Sinn es hätte, diese und nicht jene Option zu wählen«.

(2) Die sich selbst beschleunigende Reduktion und dann »Zerstörung von Bezügen in wichtigen Teilen einiger Gesellschaften« hat in einem Prozeß der Angleichung letztlich aller zugeschriebenen Positionen (»Für manche bedeutet unter diesen Umständen, Christ zu sein, keinen unterscheidbaren Glauben mehr zu haben«) dazu geführt, »Komplexität zu vermindern, was wiederum zu einer Abnahme von Lebenschancen führt: die Wahlmöglichkeiten selbst verschwinden, die die moderne Gesellschaft allen offenbaren sollte«.

(3) Der Abbruch von Ligaturen kann

»am Ende ... den Gesellschaftsvertrag selbst bedrohen und die Rückkehr des Krieges aller gegen alle ankündigen ... Es scheint, daß wir jetzt ... jenen Ekel der Desorientierung erreicht haben, der zu sinnlosen Akten der Identitätssuche führt, zum Terrorismus vielleicht, oder zu jener vertrauteren Reaktion auf Anomie, dem Selbstmord und seinen zahlreichen Präfigurationen, denen wir akzeptable Namen wie Streß, Nervenzusammenbruch und dergleichen gegeben haben. Die Zerstörung von Ligaturen hat menschliche Lebenschancen bis zu dem Punkt reduziert, an dem selbst Überlebenschancen wieder gefährdet sind.«

Dahrendorf plädiert damit nicht für eine Trendwende zurück in das »Gehäuse der Hörigkeit«, sondern zielt ab auf »das komplizierteste aller Ideale«, die »Erweiterung menschlicher Lebenschancen«, die

»die Bildung von Ligaturen ebenso (und vielleicht unter bestimmten Umständen: stärker) im Sinn haben muß wie die Öffnung von Optionen«.

Freilich fehlen auch diesem Ansatz von Dahrendorf eine sowohl für die Theorie notwendige wie für ein empirisches Arbeiten handhabbare Verknüpfung und Operationalisierung beider Dimensionen. Aber er markiert unübersehbar die Ergänzungsbedürftigkeit des Beckschen Individualisierungstheorems.


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Letzte Änderung: 17:17:00 21-Feb-2007

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