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Nichtökonomische Aspekte der Globalisierung
I. »Globalisierung«: Begriff und Phänomen
(1) Man kann heute kaum eine Zeitung öffnen, ohne auf den Begriff der Globalisierung zu stoßen, der die einen geradezu
in Euphorie verfallen läßt, während er bei anderen ebenso große Ängste auslöst. Bei dieser ambivalenten Reaktion handelt
es sich in beiden Fällen um Werturteile, die nur sehr bedingt durch die realen Fakten gedeckt sind. Primär wird der Begriff
im Zusammenhang mit der weltwirtschaftlichen Verflechtung verwendet, die im Prinzip jedoch nichts Neues darstellt, da
schon immer Güter und Dienstleistungen zwischen verschiedenen Staaten und Völkern ausgetauscht werden. Der
internationale Handel hat sich im Lauf der Jahrhunderte immer wieder verändert und vor allem seit der Entdeckung der
»neuen Welt« sowie der kolonialen Expansion kontinuierlich zugenommen. Da Bedeutung und Reichweite der als
»Globalisierung« bezeichneten Prozesse umstritten sind und eine allgemein akzeptierte Definition dafür bisher nicht
existiert, ist es vor einer Bestandsaufnahme und einer Bewertung dieses Phänomens hilfreich, eine begriffliche Abgrenzung
vorzunehmen.
(2) Grenzüberschreitende wirtschaftliche, politische und soziale Aktivitäten wurden bisher vorwiegend mit anderen
Begriffen wie Internationalisierung, Transnationalisierung oder Multinationalisierung bezeichnet. Diese Prozesse
unterscheiden sich jedoch, sowohl was die Konzepte und zentralen Akteure als auch was die Konsequenzen für die
beteiligten Gesellschaften betrifft, von dem Phänomen der Globalisierung, auch wenn die Begriffe in der öffentlichen
Diskussion irrtümlicherweise häufig als Synonyme verwendet werden. Nach Kaufmann (1998, 21) sollte man von
»Internationalisierung« sprechen, »wenn soziale Beziehungen die nationalstaatlichen Grenzen überschreiten und damit
deren Durchlässigkeit erhöhen, ohne diese jedoch selbst in Frage zu stellen«. Der grenzüberschreitende Austausch wird
dezentral dadurch verstärkt, daß die Staaten ihre Beziehungen durch bi- oder multilaterale Vereinbarungen bzw. Verträge
regeln. Unter den Begriff der »Transnationalisierung« fallen Prozesse, bei denen »mit Bezug auf bestimmte Sachverhalte
bisher staatenbezogene Kompetenzen an staatenübergreifende Einheiten übergeben« werden mit dem Ziel, »größere
Handlungseinheiten für bestimmte politische oder ökonomische Aufgaben« (ebd.) zu schaffen. Grenzüberschreitende
Beziehungen werden in diesem Fall im zentralisierenden Sinne intensiviert, um größere Einflußmöglichkeiten zu gewinnen.
Dazu zählen die Gründung von supranationalen Organisationen wie der NATO oder der EU, aber auch die Aktivitäten von
transnationalen Unternehmen. Im Gegensatz dazu bedeutet die »Multinationalisierung« der Gesellschaft, »daß soziale
Akteure (Universitäten, Zeitungen, Kirchen, Gewerkschaften) oder soziale Institutionen und Systeme (das
Erziehungswesen, die Lebensformen und Wertesysteme) in der Lage sind, sich in anderen nationalen Kontexten zu
etablieren und sie von innen her zu verändern, während sie ihre Eigenschaften bewahren. Umgekehrt sind sie aber auch
selbst den Einflüssen, Veränderungen und der Kontrolle anderer nationaler Akteure ausgesetzt« (Die Gruppe von Lissabon
1997, 47).
(3) In den letzten 15--20 Jahren haben die internationalen Austauschbeziehungen eine Dynamik in bisher nicht gekanntem
Ausmaß erreicht, was vor allem auf den wissenschaftlich-technischen Fortschritt im Transport- und
Telekommunikationssektor zurückzuführen ist. Dadurch haben Prozesse eingesetzt, die anscheinend unaufhaltsam alle
Lebensbereiche durchdringen und zur alltagsweltlich erfahrbaren Wirklichkeit geworden sind. Der Begriff der
Globalisierung beschreibt die Tatsache, daß »eine Vermehrung und Verdichtung grenzüberschreitender Interaktionen«
stattgefunden hat, »die fast alle Gesellschaften, Staaten, Organisationen, Akteursgruppen und Individuen - freilich mit
unterschiedlichem Tiefgang - in ein komplexes System wechselseitiger Abhängigkeiten verwickeln« (Messner/Nuscheler
1997, 29). Diese Interdependenzen werden oft nicht erkannt und in vielen Fällen auch nicht bewußt angestrebt. Wirtschaft
und Finanzmärkte operieren immer mehr jenseits nationaler Grenzen, und die Weltwirtschaft wird zunehmend von
transnationalen Unternehmen als »global players« bestimmt. Die modernen Medien verbreiten sowohl den Wunsch nach
Menschenrechten und Demokratie als auch die Markenartikel und Konsummuster der Industrieländer in alle Welt. Dieses
(faktisch) normative Leitbild trifft in anderen Kulturkreisen auf tief verwurzelte Weltbilder und Wertordnungen, was nicht
selten zu kulturellen Konflikten führt. Der Massentourismus erlaubt Millionen von Menschen Reisen in fernste Länder und
das Internet scheint die Welt zum »global village« (McLuhan) zu machen.
(4) Primärer Orientierungspunkt der Globalisierung mit all ihren Komponenten sind nicht mehr die Nationalstaaten,
sondern die Welt als Einheit. Mit dem quer zu den Nationalstaaten verlaufenden Strömen von Gütern, Kapital, Wissen und
Menschen wächst auch das Bewußtsein für weltweite Herausforderungen wie die globalen Umweltprobleme oder das
Wachstum der Weltbevölkerung. Diese verschiedenen Globalisierungsprozesse, welche sowohl die ökonomische, die
sozio-kulturelle als auch die politische Dimension der Gesellschaft beeinflussen, verlaufen in ihrer Reichweite und ihrer
Tiefenwirkung vielschichtig und nicht nach einem einheitlichen Muster. In jedem Feld sind aber neben Tendenzen der
Ausbreitung und Vereinheitlichung immer auch gegenläufige Prozesse des Ausschlusses von Menschen,
Bevölkerungsgruppen und ganzen Regionen festzustellen. Um Standorte für transnationale Konzerne konkurrieren nicht
mehr Nationalstaaten, sondern Nationalstaaten übergreifende Gebiete oder »Global Cities«. Der überwiegende Teil der
internationalen Handels- und Kapitalströme fließt zwischen den drei entwickeltesten Regionen der Welt (Japan und in
dessen Gefolge die Länder Ostasiens, Westeuropa sowie Nordamerika), während viele Regionen wie nahezu alle Länder
Afrikas, Zentral- und Südasiens sowie bestimmte Bevölkerungsgruppen (Arme, gering qualifizierte Arbeitskräfte) vom
weltwirtschaftlichen Integrationsprozeß ausgeschlossen bleiben, d.h. Opfer seiner negativen Folgen sind. Dies gilt selbst
für die Industrieländer. Daher wird in diesem Zusammenhang häufig auch von »Rumpfglobalisierung« oder »Triadisierung«
gesprochen (Die Gruppe von Lissabon 1997, 108-112).
(5) Eng verbunden mit dieser Entwicklung ist eine gegenläufige Tendenz der Partikularisierung. Geertz (1996, 69) weist
auf dieses Paradox hin, daß nämlich die Globalisierung in einigen Lebensbereichen mit einer wachsenden Fragmentierung
einhergeht und dadurch die Bedeutung der Ethnien und regionalen Einheiten wächst. Einerseits werden
Produktionsstandards und Konsummuster immer mehr angepaßt und das »Stichwort ›Globalisierung‹ zeichnet das Bild
einer sich vereinheitlichenden Welt. Aber während die Oberfläche der einen Welt immer einförmiger wirkt, stoßen darunter
heftiger als je zuvor die unterschiedlichen Lebenswelten der einzelnen aneinander« (Lepenies 1996, 116).
II. Erscheinungsformen der Globalisierung: Sozio-Kultur
(1) Kulturen sind in langen geschichtlichen Prozessen entstanden, sie entwickeln sich ständig weiter, und sie prägen durch
ihre materiellen (Technik, Handwerk, Kunst) wie nicht-materiellen Elemente (Weltbild, Religion, Tradition, Werte,
Wissenschaft) die Lebensweise menschlicher Gemeinschaften. Sie sind nach Geertz (1987, 52ff) der notwendige
Orientierungsrahmen, der dem Leben der Menschen einen Sinn verleiht (hermeneutische Funktion) und ihrem Handeln die
Richtung weist (ethische Funktion). Kulturen sind nicht unsichtbare, vom Alltagsleben der Menschen völlig abgehobene
Realitäten, sondern sie manifestieren sich in deren Einstellungen und Verhaltensweisen, in den sozialen Strukturen sowie in
zahllosen Institutionen, die ihr Zusammenleben regeln. Als solche haben sie stets einen spezifischen Charakter und
unterscheiden sich in vieler Hinsicht voneinander.
Kulturen sind aber offene Systeme, die viel Handlungsspielraum bieten und ganz unterschiedliche und sogar gegenläufige
Entwicklungen hervorbringen können. Außerdem haben die meisten Kulturen schon immer Kontakte mit anderen Kulturen
geknüpft und sich so gegenseitig beeinflußt. Alle großen Kulturen mit ihrem Reichtum sind aus solchen »Vermischungen«
hervorgegangen. Nicht selten haben aber auch »überlegene« Zivilisationen »primitive« Kulturen geringgeschätzt oder sogar
zerstört, wie gerade die Geschichte der europäisch-überseeischen Kulturbegegnung schmerzhaft lehrt (Bitterli 1991). Die
zunehmenden internationalen Verflechtungen, die vor allem durch die modernen Transport- und Kommunikationsmittel
ermöglicht wurden, haben dazu geführt, daß all dies heute in bisher nicht gekanntem Ausmaß zutrifft. Dadurch ist es zu
einem immer schnelleren und intensiveren Kulturaustausch in vielfältigen Formen und auf verschiedenen Ebenen
gekommen.
(2) Die vom westlichen Zivilisationsmodell geprägten Kulturen gelten heute weltweit als »trendsetting societies«. Mit
anderen Worten, die globalisierte Welt wird vorwiegend vom Leitbild westlicher Kultur geprägt. Dieses Modell läßt sich
als individuell-materiell charakterisieren, da die persönliche Selbstverwirklichung und die aktive Gestaltung der Welt einen
klaren Vorrang vor der Gemeinschaft und vor der religiösen Dimension haben. Die damit verbundene Entmythologisierung
von Natur und Gesellschaft, die nicht mehr als numinos und unveränderlich betrachtet werden, sondern als Objekte, die der
Mensch erforschen kann und verändern darf, hat zum einen den wissenschaftlich-technischen Fortschritt und seine
Anwendung in Wirtschaft und Industrie hervorgebracht, zum anderen hat sie die Selbstbestimmung des Menschen
gefördert (Demokratie, Pluralismus, Menschenrechte). Dieses Modell war und ist sehr erfolgreich und übt, vor allem
aufgrund des hohen Wohlstands, eine große Anziehungskraft in aller Welt aus - zumal nach dem Zusammenbruch des
realsozialistischen Modells.
Dieses westliche Zivilisationsmodell steht heute zunehmend unter dem Diktat wirtschaftlicher Werte und rein individueller
Interessen, was sich in der Kommerzialisierung nahezu aller Lebensbereiche und in einer starken Konsumorientierung
zeigt. Die Schattenseiten dieser Entwicklung, wie etwa Rücksichtslosigkeit und extremer Individualismus einerseits,
Konsum ohne Rücksicht auf die Umweltkosten und eine oft sehr eng verstandene Zweckrationalität andererseits, sowie die
damit verbundenen psycho-sozialen Schäden (Vereinsamung, Orientierungslosigkeit usw.) und gesellschaftlichen Probleme
(Wohlstandskriminalität, Extremismus usw.) sind im Westen wohl bekannt. Dieses Modell und vor allem die mit ihm
verbundenen Konsummuster werden durch die modernen Medien in alle Welt verbreitet, wobei die negativen Seiten meist
ausgeblendet bleiben.
(3) Die technischen Fortschritte im Kommunikationsbereich ermöglichen einen Informationsaustausch in bisher nicht
gekannter Qualität. Damit stellt die Kommunikation ein wesentliches Instrument für den Austausch zwischen Kulturen dar.
Das Bild der vernetzten Welt oder die Rede vom »globalen Dorf« spiegeln das Ausmaß der Globalisierung gut wider. Der
Bereich der Telekommunikation und der elektronischen On-line-Netze hat in den letzten Jahren enorm an Bedeutung
gewonnen und verspricht auch für die nächste Zukunft eine enorme Expansion. Das Internet als verbreitetestes
elektronisches Netz mit On-line-Zugriff wird bei einer monatlichen Zuwachsrate von 15% weltweit inzwischen von über
40 Millionen Menschen genutzt (Becker 1997, 379). Die räumliche Verteilung der Rechner mit Basisdatenbankmaterial
(Hosts), die einen Zugang zum Internet ermöglichen (im Jahr 1995: Nordamerika 64%, Westeuropa 22%, Australien 4%,
Asien 3,5%, Osteuropa 1%, Afrika 0,6%, Mittlerer Osten 0,3% und Lateinamerika 0,5%), zeigt jedoch eine deutliche
Asymmetrie. Eine noch extremere Ungleichheit ergibt sich bei der Quantität der über das Internet beförderten
Informationsflüsse, da Schätzungen zufolge 85% des weltweiten Internetverkehrs allein auf die USA entfallen (ebd., 385).
Ähnlich ungleich verteilt ist die Telefondichte. Während in den Entwicklungsländern auf 100 Einwohner 5,2
Telefonanschlüsse kommen, die zudem noch überwiegend auf die städtischen Zentren konzentriert sind, sind es in den
Industrieländern 52 (ebd., 382).
Angesichts all dieser Fortschritte wird freilich die Kehrseite der globalen Vernetzung allzuleicht übersehen. Der
überwiegende Teil der Bevölkerung der Entwicklungsländer ist davon faktisch weitgehend abgekoppelt. Schon aufgrund
der mangelnden medialen Infrastruktur und hoher Nutzungsgebühren bleiben die meisten Menschen von den neuen
Kommunikationstechnologien ausgeschlossen. Noch bezeichnender ist die Tatsache, daß fast eine Milliarde Menschen
Analphabeten sind und darum von vornherein bestenfalls drittklassige Bürger des »globalen Dorfes« sind. Zugleich
stagnieren in vielen Entwicklungs- und Transformationsländern jene traditionellen Kommunikationsbereiche, die für eine
breite Bildung der Bevölkerung besonders wichtig sind, wie das Bibliotheks- oder das Verlagswesen. Auch in den
Industrieländern ist in den vergangenen Jahren ein erheblicher Rückgang der klassischen Printmedien zu verzeichnen
gewesen. So ist die Auflage der Tageszeitungen in den USA und der EU zwischen 1991 und 1995 um jeweils 4%
zurückgegangen (ebd., 380).
Die Verbreitung von Radio- und TV-Geräten hat innerhalb der letzten Jahre weltweit stetig zugenommen. Obwohl die
Entwicklungsländer dabei überproportionale Steigerungsraten verzeichnen konnten - so hat sich die Zahl der Radiogeräte
in Afrika und Asien von 1970 bis 1992 vervierfacht und die Zahl der TV-Besitzer in allen Entwicklungsländern im selben
Zeitraum von 40 auf 200 Millionen verfünffacht -, bleibt ein beträchtliches Nord-Süd-Gefälle bestehen (ebd., 380f).
Zusammenfassend bleibt festzuhalten, daß die neuen Medien nicht notwendigerweise zum globalen Informationsaustausch
beitragen, sondern auch desintegrierende Wirkung haben. Durch mangelnde mediale Infrastruktur im
Telekommunikationsbereich und bei den elektronischen On-line-Netzen sowie durch die abnehmende Bedeutung
traditioneller Printmedien werden große Teile der Weltbevölkerung vom globalen Informationsaustausch ausgeschlossen,
so daß zu befürchten ist, daß der Abstand zwischen den »information rich« und den »information poor« in Zukunft eher
noch zunehmen wird. Das moderne Marktangebot ist offensichtlich auch in diesem Bereich nicht auf die drängenden realen
Grundbedürfnisse der Armen ausgerichtet.
(4) Durch die neuen Kommunikationstechnologien werden ambivalente Inhalte übermittelt, was insbesondere für die
Werbung gilt, der weltweit eine immer wichtigere Bedeutung zukommt. Einerseits eröffnen sich damit neue Chancen wie
die Möglichkeit des »Globalen Lernens mit dem World Wide Web« (epd-Dritte-Welt-Information 9/1998), eine schnelle
weltweite Kommunikation per »electronic-mail« oder die Vernetzung der Zivilgesellschaft, wie das Beispiel Indonesien
verdeutlicht, wo die neuen Kommunikationsmedien wesentlich zum Erfolg der Demokratiebewegung gegen Suharto
beigetragen haben. Andererseits lassen sich die Inhalte, die per Internet übermittelt werden, kaum kontrollieren, so daß
dieses Medium auch die Verbreitung illegaler Inhalte in bisher nicht gekanntem Ausmaß ermöglicht, wie etwa im Fall der
Kinderpornographie oder der Vernetzung rechtsextremer Gruppierungen.
Der weltweite Mediensektor ist inzwischen zum größten Teil privatisiert und damit den Gesetzen und der Machtverteilung
des Marktes unterworfen. Ein verschärfter Verdrängungswettbewerb hat dazu geführt, daß alle Informationssparten wie
Politik, Kultur und Sport kommerzialisiert worden sind und die Berichterstattung von den Einschaltquoten abhängt, die
ihrerseits die Höhe der Werbeeinnahmen bestimmen. Der gesamte Medienmarkt wird von wenigen großen Konzernen
beherrscht, die nahezu alle aus den USA, Europa, Australien und Japan stammen. Die Entwicklungsländer gewinnen in der
globalisierten Medienwelt vor allem als Werbemärkte für westliche Konsummuster eine wichtige Bedeutung, was daran
deutlich wird, daß die Werbemärkte in vielen Entwicklungsländern zweistellige und damit höhere Wachstumsraten
aufweisen als in den Industrieländern. Für die Menschen in den Entwicklungsländern ist der Zugang zum TV-Medium
damit nur sehr bedingt mit einem für sie wirklich nützlichen Informationsgewinn verbunden, da sie einer medialen
Außensteuerung unterworfen sind.
(5) Die modernen Transporttechnologien haben die Kosten der Raumüberwindung erheblich gesenkt und dadurch nicht
nur den schnellen und flexiblen Austausch von Waren und Dienstleistungen ermöglicht, sondern auch die Mobilität von
Menschen rapide erhöht. Die Liberalisierung des internationalen Luftverkehrs hat den Massentourismus und insbesondere
den Ferntourismus anwachsen lassen. So hat sich von 1985 bis 1994 die Zahl der jährlichen Ankünfte deutscher Touristen
im Ausland nach Schätzungen der Welttourismusorganisation von 44,9 auf 73,3 Millionen nahezu verdoppelt, wobei die
Zahl der Fernreisen ins außereuropäische Ausland von 2,4 auf 6,4 Millionen überproportional angestiegen ist (HIZ, Band
12, II A 30 12). Der Ferntourismus ermöglicht nicht nur das Kennenlernen fremder Kulturen, sondern trägt als
Massenphänomen (neben anderen Faktoren wie sozialen Mißständen oder Resistenzbildungen gegen Impfstoffe) auch zur
weltweiten Ausbreitung neuer (besonders AIDS) oder bereits besiegt geglaubter Krankheiten wie Cholera, Pest, Pocken
oder Gelbfieber (Schadewaldt 1994) bei.
Mit dem Ausbau von Transport- und Kommunikationssystemen werden jedoch nicht nur der Massentourismus sowie der
weltweite Güter- und Kapitalmarkt gefördert, sondern auch die Kriminalität wird zu einem wichtigen Merkmal der
Globalisierung, wie die Zunahme des Drogen-, Kinder- und Frauenhandels, des Sextourismus und ähnlicher illegaler
Geschäfte verdeutlicht.
(6) Die Werbung weckt zwar weltweit den Wunsch nach westlichem Wohlstand, die reale Verteilung der Güter privilegiert
aber eine reiche Minderheit und trägt zumindest indirekt zur wachsenden Verarmung in vielen Regionen bei.
Die in den armen Ländern mit einer »nachholenden Entwicklung« verbundene Hoffnung auf eine Annäherung an den
Lebensstandard der Wohlstandsländer ist aber nicht nur faktisch eine Illusion. Das Modell der westlichen Zivilisation ist
vielmehr, was weit folgenreicher ist, auch grundsätzlich nicht universalisierbar. Eine weltweite Übernahme der westlichen
Wirtschafts- und Lebensweise würde nämlich, nach unserem heutigen Wissensstand, zum globalen ökologischen Kollaps
führen. Die Erde könnte nicht überleben, wenn alle Menschen auch nur annähernd so leben würden wie der privilegierte
Norden (vgl. UNDP 1998). Mit anderen Worten, die zunehmende Globalisierung, so wie sie sich heute darstellt, ist
entweder nur für eine Minderheit der Menschheit möglich, oder aber sie ist selbstzerstörerisch, weil sie sich im Fall ihres
Erfolges durch die Zerstörung der Umwelt selbst den Boden entziehen würde. Diese Art von Globalisierung ist also - so
paradox dies klingen mag - nicht globalisierbar, zumindest in ihrer heutigen Form.
Gleichwohl leisten sich die Industrieländer weiterhin einen oligarchischen Lebensstil, der knappe Ressourcen verschwendet
und die Hauptschuld an der globalen Umweltzerstörung trägt. Sie machen damit eine Universalisierung ihres
Wirtschaftsmodells noch unmöglicher und verringern zugleich die Entwicklungschancen in anderen Regionen der Welt.
Für die Mehrzahl der Menschen gibt es keine reale, sondern bestenfalls eine virtuelle Globalisierung.
(7) Das normative Leitbild des individualistischen und konsumorientierten westlichen Zivilisationsmodells steht häufig aber
auch im Konflikt mit traditionellen Weltbildern und ihren Wertordnungen, die kulturell und religiös tief verwurzelt sind.
Daher wird es von einer Vielzahl von Menschen als Bedrohung im Sinne eines »Kulturimperialismus« empfunden. Aus
Enttäuschung darüber, daß der durch die Werbung »verheißene Segen« der Globalkultur nicht eingelöst wurde, oder aus
Widerstand gegen eine kommerziell bestimmte Welteinheitskultur, der aus unterschiedlichen Quellen genährt wird,
erwachsen vielfältige gegenläufige Bewegungen in Form von religiösen, kulturellen, nationalen oder ethnischen
Partikularismen, die nicht selten in Fundamentalismus und teils blinde Gewalt umschlagen.
Trotz aller Trends zur Vereinheitlichung und Universalisierung wird es daher auch in absehbarer Zeit keine einheitliche
Weltkultur geben (Kramer 1997, 3), vielmehr wird es zu einer Pluralisierung von Werten und Normen kommen, der sich
heute keine Gesellschaft mehr entziehen kann. Da Pluralität aber stets überkommene und bisher selbstverständliche
Identitäten in Frage stellt, enthält sie unvermeidlich ein nicht geringes Konfliktpotential. Dieser Pluralismus von Werten
und Überzeugungen und ihrer konkreten Ausprägungen ist heute nicht nur ein wichtiges Merkmal moderner
Gesellschaften, sondern betrifft aufgrund der wachsenden weltweiten Interdependenzen auch die Beziehungen zwischen
den Gesellschaften und Völkern (vgl. Berger 1997).
(8) Geradezu symptomatisch für diese Prozesse ist das Problem weltweiter Migration, das den Wohlstandsgesellschaften
große Sorgen bereitet, zumal sie sich häufig illegal abspielt. Während der Austausch von Waren, Gütern und
Dienstleistungen sowie von Kapital im Rahmen der Globalisierung mehr und mehr liberalisiert worden ist, wird die
Mobilität menschlicher Arbeit politisch erschwert. Nur eine Minderheit von hochqualifizierten Wissenschaftlern,
Ingenieuren und Managern genießt weltweite Freizügigkeit, gegenüber dem Gros der ausländischen Arbeitskräfte schotten
sich die meisten Länder dagegen zunehmend ab. Auch wenn der Großteil der weltweiten Migration immer noch innerhalb
der einzelnen Regionen stattfindet, haben die interregionalen Wanderungsbewegungen in den letzten Jahrzehnten erheblich
an Bedeutung gewonnen. Nach übereinstimmenden Einschätzungen verschiedener Organisationen wie dem
Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen (UNFPA) oder der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ist die Suche
nach Arbeit, oft um erdrückender Armut zu entgehen, das wichtigste Motiv für Migranten. Ihre Gesamtzahl wurde Mitte
der neunziger Jahre weltweit auf mindestens 125 Millionen geschätzt (Rheims 1997, 97).
Mit dem Phänomen der Migration wird immer häufiger die Furcht vor kultureller Überfremdung und die Bedrohung der
inneren und äußeren Sicherheit durch Import von schwerster Kriminalität verbunden, so daß Abwehrmaßnahmen wie die
Einschränkung des Asylrechts und der Aufenthaltsbedingungen sowie verschärfte Visabestimmungen und Grenzkontrollen
den Umgang mit Migranten dominieren.
(9) Die Tendenz zur Abgrenzung wird häufig mit dem Verweis auf den Schutz der eigenen kulturellen Identität
vorangetrieben. Nicht selten handelt es sich dabei jedoch um eine Instrumentalisierung von Kultur, hinter der andere
Beweggründe wie der Erhalt politischer Hegemonie oder wirtschaftlicher Dominanz stehen. Nach dem Ende des
Ost-West-Konfliktes sind zahlreiche neue Szenarien entworfen worden, in deren Zentrum die Rivalität der Kulturen steht.
So hat Fukuyama schon 1992 vom »Ende der Geschichte« gesprochen und eine zunehmende Verwestlichung der Welt
(Demokratie und Markt) aufgrund der faktischen Überlegenheit der westlichen Kultur prognostiziert. Besonders großes
öffentliches Interesse fand das von Huntington entworfene Szenario vom »Kampf der Kulturen«, das auf der These
gründet, daß künftige Konflikte und gewaltsame Auseinandersetzungen und damit die Weltpolitik nicht mehr von
Nationalstaaten, sondern vom Zusammenprall kulturell abgegrenzter Blöcke bestimmt sein werden. Beide Szenarien sind
nicht unwidersprochen geblieben (vgl. etwa Senghaas 1998). Nach Einschätzung von Lepenies (1996, 115) sind sie nichts
anderes als »weitgehend emotionale Reaktionen auf Verlusterfahrungen der westlichen Moderne«. Sie gründen in der
Angst vor dem gewachsenen Selbstbewußtsein anderer Kulturen, insbesondere der asiatischen, »offensiv und quietistisch
das eine, defensiv und nervös das andere« (Fukuyama bzw. Huntington).
Nach einem anderen Szenario von Barber stehen sich weltweit künftig die Kräfte des »Djihad« als »Rückentwicklung in
das neue Stammesbewußtsein [...] mit Krieg und militanten Fundamentalismen« (Kramer 1997, 18) und »McWorld«, eine
durch die globale Integration des Marktes bestimmte Kultur, gegenüber. In einer weiteren polarisierenden These unterstellt
Rufin eine künftige Zweiteilung der Welt, in der sich der zivilisierte Norden von Regionen der Barbarei im Süden abhebt,
»denen es an Zivilisation gebricht und denen gegenüber das Reich eine imperiale und humane Verantwortung besitzt«
(ebd., 19).
(10) Diese Szenarien sind aufgrund ihrer inhaltlichen Verkürzung äußerst umstritten. Außerdem mißachtet die einseitige
Hervorhebung der kulturellen Differenzen die Tatsache, daß es zahlreiche Beispiele für das friedliche Neben- und
Miteinander verschiedener Kulturen bei wechselseitiger Akzeptanz der Differenzen gibt. Die ethnisch-kulturelle
Differenzierung ist eine notwendige Besonderheit menschlicher Gemeinschaften, die nicht geleugnet werden kann und
daher auch nicht tabuisiert werden sollte. Die Begegnung und der Austausch verschiedener Kulturen bietet aber auch eine
positive Chance zur Verständigung auf gemeinsame Lösungen der globalen Herausforderungen und zur gegenseitigen
Bereicherung, wie die Kulturgeschichte zeigt. So interpretiert Krotz (1997, 56ff) den Kulturenreichtum als Vielfalt von
Glücksexperimenten der verschiedenen Völker auf der Suche nach »dem guten und richtigen Leben«. Eine friedliche
Bewältigung normativer Auseinandersetzungen verlangt daher eine nüchterne Analyse der jeweiligen Konflikte und
konstruktive Lösungsansätze, die von gegenseitiger Toleranz geprägt sind.
III. Erscheinungsformen der Globalisierung: Politik
(1) Der Zusammenbruch des realexistierenden Sozialismus und das Ende des kalten Krieges im Jahr 1989 haben vielerorts
die Hoffnung genährt, daß mit der Globalisierung des westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells auch deren
zentrale Errungenschaften wie Demokratie und Menschenrechte universalisiert würden. Von der weltweiten Vernetzung
versprach man sich einen mächtigen Impuls hin zu universalem Frieden. Die Realität hat diese Hoffnungen freilich schnell
eingeholt.
Die neuen Kommunikationsmöglichkeiten erlauben zwar einen staatlich immer weniger kontrollierbaren
Informationsaustausch zwischen den Demokratiebewegungen und haben das Entstehen einer globalen Zivilgesellschaft
wesentlich gefördert. Die weltweite Vernetzung konnte jedoch das Ausbrechen neuer gewalttätiger Auseinandersetzungen
nicht verhindern. Die Zahl der bewaffneten zwischenstaatlichen Konflikte ist zwar seit 1993 deutlich zurückgegangen,
innerstaatliche Auseinandersetzungen verbunden mit schweren Menschenrechtsverletzungen haben jedoch zugenommen.
In einigen Regionen, insbesondere in Afrika südlich der Sahara, in Südasien, auf dem Balkan sowie in Teilen der GUS
haben sie sogar ein bedrohliches Ausmaß erreicht (vgl. Debiel u.a. 1997). Vorwiegende Ursachen für diese Konflikte, die
teilweise zu einem Auseinanderbrechen von Nationalstaaten geführt haben, sind ethnisch-religiöse oder nationalistische
Streitigkeiten sowie fundamentalistische Bewegungen, also partikularistische Strömungen.
(2) Die Globalisierungsprozesse, die auf die Welt als Einheit ausgerichtet sind, führen zu einer Abnahme der Rolle der
Nationalstaaten, die bisher die Basis gesellschaftlicher und politischer Entwicklung darstellten. Einzelne gesellschaftliche
Bereiche verselbständigen sich zunehmend gegenüber der nationalstaatlichen Politik und bilden neue grenzüberschreitende
Verbindungen. Dies ist angesichts der verheerenden Folgen eines blinden Nationalismus im 20. Jahrhundert nur zu
begrüßen. Andererseits aber vermag der politische Integrationsprozeß nicht mehr mit dem globalen Integrationsprozeß
Schritt zu halten. Da der Einfluß der Nationalstaaten bei der Lösung globaler wie global verursachter Probleme schwindet,
wird auch das Konzept der nationalstaatlichen Souveränität, auf dem die Weltpolitik bisher beruhte, zunehmend in Frage
gestellt. Gleichwohl muß man sich davor hüten, vorschnell von einem »Ende der Nationalstaaten« zu sprechen, da diese
wohl noch lange in einer wie immer gestalteten Struktur internationaler Beziehungen eine wichtige Rolle spielen werden.
Wenn auch die Handlungsmöglichkeiten der Einzelstaaten durch die Globalisierungsprozesse abgenommen haben, so
werden sie für lokale Probleme doch weiter den zentralen Bezugspunkt darstellen.
(3) Eine der großen Errungenschaften der Neuzeit in der westlichen Welt sind demokratische Staatsformen. Demokratien
sind jedoch bisher an die Nationalstaaten gebunden. Sie sind auf »aktive Partizipation, ein Mindestmaß an sozialer
Kohäsion und die Vitalität moralischer Ressourcen wie Gemeinsinn und Solidarität angewiesen« (Messner/Nuscheler 1997,
27). Da der Gestaltungsspielraum nationalstaatlicher Politik abnimmt und übernationale, demokratisch nicht oder nur
schwach legitimierte Institutionen wichtige Aufgaben übernehmen, drohen diese Werte auch in den westlichen
Gesellschaften an Bedeutung zu verlieren, was die Gefahr einer tendenziellen Aushöhlung der Demokratie mit sich bringt.
Problematisch ist auch, daß das politische System immer mehr von ökonomischen Interessen bestimmt wird, denen die
politischen Ziele funktional untergeordnet werden. Aufgrund des Konkurrenzdrucks durch die globalen Interdependenzen
besteht die Gefahr, daß sich die nationalstaatliche Politik ihrer Verantwortung unter Hinweis auf internationalen
Abstimmungsbedarf entzieht, auch wenn ihr eigentlich genügend Handlungsspielraum geblieben ist, wie etwa die
Diskussion um eine Energiesteuer zeigt. Verstärkt werden solche Tendenzen durch den enormen Einfluß der Medien, die
auch von der Politik primär unter der Rücksicht von Einschaltquoten berichten. Die Folge ist ein Verfall politischer Kultur,
was die politische Glaubwürdigkeit mindert und zu einer weitverbreiteten Politik- und Staatsverdrossenheit in der
Bevölkerung geführt hat.
(4) Während der Trend zu Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung weltweit ungebrochen ist, sind gleichzeitig
erhebliche und teils wachsende Defizite der internationalen Politik festzustellen. Sie ist weithin nicht in der Lage, durch
entsprechende Rahmenbedingungen den Wettbewerb in einer sozial und ökologisch verträglichen Weise zu steuern und ihn
gegen Konzentration, Korruption und Ausbeutung zu schützen. Wenn auch supranationale Institutionen, wie das System
der Vereinten Nationen mit seinen Unter- und Sonderorganisationen, an Bedeutung gewinnen, vermögen sie nach ihrer
derzeitigen Konzeption nicht, eine entsprechende Weltordnungspolitik durchzusetzen. Noch völlig ungelöst ist vor allem
das von Messner/Vobruba (1998) als »Globalisierungsdilemma« beschriebene Problem: Die durch die wirtschaftliche
Integration erwarteten Wohlfahrtsgewinne werden gesamtgesellschaftlich nur dann wirksam, wenn die durch die
Globalisierung bedingte Ungleichheit durch eine entsprechende Sozialpolitik aufgefangen wird. Erfolgreiche Globalisierung
untergräbt aber den nationalen Wohlfahrtsstaat, ohne einen entsprechenden Ersatz zu schaffen.
(5) Als Reaktion auf die Politikverdrossenheit haben sich fast überall auf der Welt zivilgesellschaftliche Institutionen
herausgebildet, die durch neue und konstruktive Formen politischen Engagements in vielen Politikbereichen als
Korrekturinstanz zu den staatlichen Institutionen agieren und damit einen immer wichtigeren Beitrag zur politischen Kultur
und Steuerung leisten. Angesichts der abnehmenden Einflußmöglichkeiten nationalstaatlicher Politik auf internationaler
Ebene spielt die grenzüberschreitende Vernetzung von Nichtregierungsorganisationen eine wichtige Rolle. Diese globale
Zivilgesellschaft ist vorwiegend aus dem Bewußtsein entstanden, daß weltweiten Herausforderungen nur in gemeinsamer,
staatenübergreifender Zusammenarbeit begegnet werden kann. Nichtregierungsorganisationen nehmen in der nationalen
und internationalen Politik nach Messner/Nuscheler (1996, 7) höchst unterschiedliche Funktionen wahr:
* »Sie können in Problemfeldern tätig sein, die der Staat nicht adäquat oder noch gar nicht aufgegriffen hat.
* Sie können gegründet werden, um den Staat aus bestimmten Problemfeldern herauszuhalten; er kann sich dann auf die
Ergebniskontrolle beschränken.
* Sie können gegenüber staatlichen Steuerungsansprüchen Kontroll- und Korrektivfunktionen wahrnehmen.
* Sie etablieren sich als wichtige ›Mitspieler‹ in der Welt-Gesellschaft; entwicklungspolitische Gruppen, Menschenrechts-
und Umweltorganisationen tragen zur Herausbildung einer internationalen Öffentlichkeit bei«.
Gleichwohl sollte man sich vor einer Romantisierung der zivilgesellschaftlichen Akteure hüten. Die Zivilgesellschaft bietet
zwar neue Chancen, sie hat aber auch ihre unübersehbaren Grenzen. Eine genauere Analyse und nüchterne
Bestandsaufnahme, welche die spezifischen Defizite und Schwächen der Zivilgesellschaft nicht ausblendet, kann vielmehr
helfen, die Wirksamkeit der zivilen Akteure zu verbessern. Die Unübersichtlichkeit der Nichtregierungsorganisationen hat
zu einer Zersplitterung geführt, die ein koordiniertes Vorgehen häufig erschwert. Mit ihrem wachsenden Einfluß ist auch
die Gefahr des Mißbrauchs sowie der Abhängigkeit von staatlichen Interessen gestiegen. Außerdem verfügen sie nur sehr
bedingt über eine demokratische Legitimation.
Eine umfangreiche, international vergleichende Studie zu den normativen Bruchlinien innerhalb und zwischen
Gesellschaften hat das für manchen vielleicht überraschende Ergebnis gebracht, daß es weithin dieselben Institutionen sind,
die sowohl polarisierend wie vermittelnd wirken, und daß dies ganz besonders für die Zivilgesellschaft und ihre Akteure
gilt. Als entscheidender Faktor für die Fähigkeit einer Institution, in Konflikten vermittelnd zu wirken, werden von Berger
(1997, 596), dem Leiter der Studie, die »Ideen und Werte« angesehen, »von denen sie inspiriert wird«.
IV. Sozialethische Reflexion
(1) Die genannten Fakten und Trends zeigen, daß die Globalisierung mit ihren verschiedenen, eng miteinander verwobenen
Komponenten ein sehr ambivalentes Phänomen darstellt. Sie ist weder ein Quasi-Naturgesetz, wie eine neoliberale
Marktideologie zu suggerieren versucht, noch ist alles Globale nützlich und dem Lokalen stets überlegen. Daher ist ein
Fatalismus, der sich dem globalen Markt und seinen Regeln für hilflos ausgeliefert hält, wie manche Politiker zu glauben
scheinen, in keiner Weise gerechtfertigt. Ebenso fragwürdig ist eine Fundamentalopposition, die in der Globalisierung die
Wurzel aller Übel sieht und meint, eine Umkehr zu lokalen Wirtschaftskreisläufen sei die Lösung aller sozialen und
ökologischen Probleme. Angesichts dieses Sachverhalts braucht es Lösungsansätze und politische Entscheidungen, welche
in der Lage sind, diese Fehlentwicklungen auf der Basis sozialethischer Prinzipien zu korrigieren.
(2) Die christliche Soziallehre ist einer vorrangigen Option für die Armen verpflichtet, die darauf abzielt, »Ausgrenzungen
zu überwinden und alle am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen« (EKD/DBK 1997, Rz 107). In der Perspektive dieser
Option besonders besorgniserregend und nicht hinnehmbar ist die Tendenz, daß der weltweite Wohlstandszuwachs durch
die Globalisierung zu erheblichen Umverteilungen zu Lasten ärmerer Bevölkerungsschichten und niedrig qualifizierter
Arbeitskräfte sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern führt, ganze Regionen und Bevölkerungsgruppen von
den Wohlfahrtsgewinnen ausschließt und immer mehr Menschen zu Verlierern der Globalisierung macht. All jene
Menschen, Gruppen und Organisationen, die sich dieser Option verpflichtet wissen, müssen deshalb versuchen, den
Ausgeschlossenen eine Stimme zu verleihen und ihre Interessen anwaltschaftlich wahrzunehmen, vor allem indem sie
verantwortliche Lösungen mitzuentwickeln versuchen.
(3) Die Option für die Armen gründet letztlich im Prinzip der Personalität, d.h. in der allen Menschen gemeinsamen
Würde, die besonders für jene eingeklagt werden muß, denen sie faktisch verweigert wird, indem man ihnen nicht einmal
die Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse ermöglicht. Maßstab allen Handelns muß dabei das Ziel einer »umfassenden und
ganzheitlichen Entwicklung aller Menschen« sein. Ohne ein gleiches Recht auf Entwicklung für alle Völker ist diese
Forderung nicht zu verwirklichen. Man kann in diesem Zusammenhang auch vom Leitziel der Befreiung des Menschen
vom Leid sprechen. Das Leid und - eng damit verbunden - die Fähigkeit zum Mit-Leiden (compassion) als Ausgangspunkt
einer sozialethischen Reflexion bietet den Vorteil, daß es von einer allen Menschen zugänglichen Erfahrung ausgeht, was
in einer weltanschaulich und ethisch pluralen Weltgesellschaft wichtig ist. Auch die Menschenrechte lassen sich von hierher
leichter in andere Kulturen vermitteln (vgl. Müller 1997, 98-120). Dieser Ansatz ist aber auch offen für eine spezifisch
christliche Begründung (Metz 1997).
(4) Eine menschenwürdige Entwicklung erfordert die Ausrichtung auf das Gemeinwohl der ganzen Menschheit, künftige
Generationen eingeschlossen. Die wachsenden weltweiten Interdependenzen sowie die damit verbundenen sozialen und
ökologischen Herausforderungen erfordern als Antwort ein Bewußtsein weltweiter Solidarität. Nach Papst Johannes Paul
II. sollten die Christen »der Globalisierung des Profits und des Elends eine Globalisierung der Solidarität entgegenhalten«
(Herderkorrespondenz 8/1998, 391). Eine Möglichkeit der Umsetzung bietet das sogenannte Differenzprinzip, welches der
liberale Gesellschaftsphilosoph John Rawls (1975) im Rahmen seiner »Theorie der Gerechtigkeit« entwickelt hat. Danach
muß die Zunahme des gesellschaftlichen Wohlstands vor allem den bisher am schlechtesten Gestellten zugute kommen.
(5) Wenn der Mensch Ausgangspunkt und Ziel aller Entwicklung ist, so verlangt dies primär eine »Entwicklung von
unten«. Genau dies besagt das Prinzip der Subsidiarität, das den Einzelnen und untergeordnete gesellschaftliche Ebenen
(Familie, Kommune, Nichtregierungsorganisationen usw.) vor der Allmacht des Staates und bürokratischem Zentralismus
schützt, das umgekehrt aber auch ein Handeln der übergeordneten Ebene einfordert, wo erstere sich nicht selbst helfen
können. Dies gilt auch für die Gestaltung der globalen Gesellschaft. Alle Maßnahmen einer Weltordnungspolitik sollten
daher primär Hilfe zur Selbsthilfe leisten und zunächst die »Consolidarität« der Betroffenen zur gemeinsamen
Überwindung der Benachteiligung unterstützen, wozu dann im Bedarfsfall, wo dies nicht möglich ist, die »Prosolidarität«
der (Welt-)Gesellschaft hinzukommen muß. Sowohl die Consolidarität der als auch die Prosolidarität für die Betroffenen
ist durch strukturelle und institutionelle Regelungen abzusichern bzw. zu fördern.
(6) Das Postulat der intergenerationellen Solidarität bzw. Gerechtigkeit fordert, daß die ökonomischen und sozialen
Herausforderungen der Gegenwart nicht getrennt von der Frage der Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen für
künftige Generationen bewältigt werden dürfen. Daraus folgt, daß die Bemühungen zum Schutz der Umwelt ebenso
integraler Bestandteil der Weltordnungspolitik sein müssen wie die ökonomische und soziale Entwicklung. Die Erkenntnis,
daß diese gesellschaftlichen Teilziele weder voneinander abgespalten noch gegeneinander ausgespielt werden dürfen, liegt
dem Konzept der »dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung« (sustainable development) zugrunde, das seit der Konferenz
der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED) 1992 in Rio de Janeiro von der internationalen
Staatengemeinschaft als verbindliches Leitbild für die Umwelt- und Entwicklungspolitik anerkannt wird.
Das umweltethische Kriterium, das diesem Leitbild zugrunde liegt, ist das Prinzip der »Retinität«, vom lateinischen »rete«
(das Netz) abgeleitet. Es bringt zum Ausdruck, daß der Mensch seiner Verantwortung für die Natur nur dann gerecht
wird, wenn er die Dynamik seiner zivilisatorischen Tätigkeiten an die Tragekapazität des ihn umfassenden Netzwerks der
Natur anpaßt, die sich ihrerseits dynamisch verändert (Vogt 1998). Dieses Prinzip vermeidet (im Gegensatz zu
biozentrischen Ansätzen) eine Quasipersonalisierung der Natur und trägt dadurch sowohl der natürlichen Dimension
personal-sozialer Existenz als auch der Autonomie und ethischen Verantwortung der Person Rechnung. Es ergänzt somit
als eigenständiges Prinzip die klassischen Sozialprinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität und ermöglicht es,
die ökologische Frage aus ihrer Isolation zu befreien und Umweltpolitik als Querschnittsaufgabe für eine dauerhafte
Entwicklung moderner Gesellschaften zu verstehen.
(7) In einer pluralen Welt bewegt sich jede ethische Reflexion im Spannungsfeld von Universalität und Partikularität. Das
Dilemma besteht darin, daß eine partikulare Begründung konkreter, in die jeweiligen kulturellen Kontexte eingebunden
und damit für die Menschen nachvollziehbarer ist, andererseits aber eine geringere Reichweite besitzt als universale
Normen.
Einen möglichen Ausweg bietet der Ansatz von Michael Walzer (1996, 12), der zwischen zwei Typen von Moral
unterscheidet, einer »dichten« und »dünnen« Moral, die »auf eine ganz andere Weise geformt und miteinander verbunden
sind«. Die dichte oder maximale Moral ist die in den einzelnen Kulturen ausgebildete und lebendige partikulare Moral. Sie
ist nach Walzer der »eigentliche« Ort aller Ethik und bildet das Fundament der dünnen bzw. minimalen, universal gültigen
Moral. Letztere ist also »keine freischwebende Moral. [Sie] ... bezeichnet lediglich einige immer wieder auftauchende
Merkmale bestimmter dichter oder maximaler Moralauffassungen« (ebd., 25). »Der Minimalismus wird gewissermaßen
freigesetzt und tritt erst im Laufe persönlicher oder gesellschaftlicher Krisen bzw. politischer Konfrontationen [...] in
verschiedenen Graden von »Dünnheit« selbständig hervor« (ebd., 15).
Walzer geht genau umgekehrt vor als sonst übliche ethische Ansätze, die eine universal gültige »Kernmoral« konstruieren,
die in den verschiedenen kulturellen Kontexten eine je unterschiedliche Ausprägung erfahren können. Er beschreibt damit
eine bestimmte Art von Universalismus, den Rottländer (1997, 136) als »analogen Universalismus« bezeichnet, weil damit
»Einheit und Differenz zusammengedacht werden können«. Auf diese Weise läßt sich eine »dünne weltweite Solidarität«
begründen, die auf einer partikularen »dichten Solidarität« gründet, aber dennoch universelle Gültigkeit besitzt und bei
wechselseitiger Akzeptanz der Unterschiede einen Ausgangspunkt für eine interkulturelle Kommunikation über ethische
Fragen darstellt. Sie beläßt darüber hinaus jeder Kultur die Möglichkeit, kontextuell verwurzelte moralische
Überzeugungen zu haben, vorausgesetzt sie stehen nicht im Widerspruch zu universalen Normen.
(8) All diese Prinzipien verlangen, sollen sie tatsächlich wirksam werden, zweifellos entsprechendes individuelles Verhalten
und persönliches Engagement. Sie erfordern aber vor allem eine Umsetzung nach den Maßstäben einer Institutionenethik,
d.h., es braucht institutionalisierte Formen sozial verantwortlicher und demokratisch kontrollierter politischer Macht auf
globaler Ebene. Wie es im Zeitalter der Nationalökonomien Aufgabe des Staates war, durch Rahmenbedingungen den
Markt so zu steuern, daß er zum Nutzen aller wirksam werden kann, so bedarf es heute weltweiter Abkommen und
Institutionen, um dieses Leitbild der sozialen Marktwirtschaft in eine Globalökonomie einzubringen. Da auch globale
Entwicklungen und alles politische Handeln sozio-kulturelle Wurzeln haben, muß auch eine Weltordnungspolitik, zumal
wenn sie ethisch verantwortbar sein soll, diese Dimension einbeziehen und sozio-kulturelle Ressourcen nützen.
V. Handlungsoptionen
(1) Die Ökonomie und die das wirtschaftliche Handeln bestimmenden Werte und Regeln haben sich als die treibenden
Kräfte der Globalisierung erwiesen und weltweit die größten gesellschaftlichen Umwälzungen seit der industriellen
Revolution ausgelöst. Dabei wird immer offensichtlicher, daß die verschiedenen Globalisierungsprozesse mit all ihren
ambivalenten Folgewirkungen die Handlungsmöglichkeiten klassischer nationalstaatlicher Politik überfordern. Das
international de facto dominante Steuerungsprinzip, nämlich die Mechanismen eines zunehmend deregulierten und
liberalisierten Markts und Wettbewerbs, erweist sich als unfähig, wirtschaftliche Effizienz, soziale Gerechtigkeit,
ökologische Zukunftssicherung, Frieden, politische Demokratie und kulturelle Vielfalt auf eine verträgliche Weise
miteinander zu verbinden. Daher wird der Ruf nach einer neuen Weltordnung immer lauter, die sich nicht allein am Markt
und Wettbewerb orientiert. Entsprechende Institutionen, Verfahren und Regeln der politischen Steuerung müssen auf
derselben Ebene wie die globalisierte Wirtschaft operieren, um eine Steuerung der Globalisierungsprozesse in Richtung
einer dauerhaft sozial- und umweltgerechten Entwicklung zu ermöglichen.
(2) Die international besetzte »Commission on Global Governance« hat 1995 in ihrem Bericht »Our Global
Neighbourhood« mit »Global Governance« ein »Leitbild zur Rückgewinnung politischer Steuerungsfähigkeit in der
interdependenten Welt« und damit ein mögliches Modell für eine Weltordnungspolitik in einer globalisierten Welt
vorgelegt (vgl. Messner/Nuscheler 1996). Global Governance ist weder als Weltregierung (Global Government) im Sinne
einer hierarchischen »top-down«-Steuerung der Weltgesellschaft zu verstehen noch als bloße Aggregation
nationalstaatlicher Aktivitäten, da beide Konzepte nicht dazu in der Lage sind, der zunehmenden Ausdifferenzierung
politischer Handlungsebenen in der Weltgesellschaft gerecht zu werden. Das Leitbild wird vielmehr durch ein
Ordnungsmodell konkretisiert, in dessen Zentrum die Zusammenarbeit zwischen staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren
auf den verschiedenen Handlungsebenen (lokal, regional, national, global) in einem kooperativen Politikprozeß steht.
Ordnungspolitik bzw. Governance ist die Gesamtheit der zahlreichen Wege, auf denen Individuen sowie öffentliche und
private Institutionen ihre gemeinsamen Angelegenheiten regeln [...] Auf globaler Ebene hat man unter Ordnungspolitik
bisher vorwiegend das System der zwischenstaatlichen Beziehungen verstanden, doch heute müssen auch
Nichtregierungsorganisationen, Bürgerbewegungen, Multinationale Konzerne und der globale Finanzmarkt miteinbezogen
werden. Mit diesen Gruppen und Institutionen interagieren globale Massenmedien, deren Einfluß dramatisch gewachsen
ist« (ebd., 3).
(3) Ein solches Ordnungsmodell erfordert ein verändertes Verständnis der Rolle des Nationalstaates und insbesondere
traditioneller nationalstaatlicher Souveränität, die, »verstanden als selbstbestimmte Herrschaftsgewalt nach innen und
außen, durch die Globalisierungsprozesse unterminiert wird« (ebd., 4). Die Verdichtung transnationaler Interaktionen und
Interdependenzen erfordert ein föderatives System geteilter Souveränitäten, in dem Kompetenzen auf die entsprechenden
Handlungsebenen übertragen werden, ohne den notwendigen Grad an Einheit aufzugeben. Trotz Souveränitätseinbußen
bleibt der Nationalstaat die tragende Säule der Global-Governance-Architektur, da er eine »unverzichtbare
Scharnierfunktion« zwischen den verschiedenen Handlungsebenen einnimmt. Als demokratisch legitimierter Rechtsstaat
bleibt er das entscheidende Organ, das für die gesellschaftliche Gestaltung und die Gewährleistung des Gemeinwohls
zuständig ist. Allerdings verändert sich seine Rolle grundlegend. In vielen Problemfeldern vermag der Staat nicht mehr in
alleiniger Regie Problemlösungen zu erarbeiten, sondern ist auf die Koordination mit zivilgesellschaftlichen Gruppen
angewiesen. Er ist verantwortlich für den Interessenausgleich zwischen den verschiedenen Akteuren und die Umsetzung
der auf der internationalen Ebene vereinbarten Abkommen.
(4) Die Ausdifferenzierung der politischen Handlungsebenen erfordert subsidiäre Strukturen im globalen Maßstab.
Angesichts der parallel zur Globalisierung verlaufenden Tendenzen zur Regionalisierung und Partikularisierung gewinnen
die Regionen und Kommunen an Bedeutung. Daher kommt der Lokal- und Regionalpolitik in einem föderativen
Ordnungssystem eine wichtige Bedeutung zu. Die subsidiäre Übertragung von Handlungskompetenzen von der nationalen
auf die regionale Ebene sichert den Regionen den notwendigen Freiraum zur Eigeninitiative und damit für
problemadäquate Lösungen. Die Global-Governance-Architektur kann auf regionale Integrationsprojekte (EU, ASEAN
u.a.) aufbauen, die in unterschiedlichen Graden der Integration bereits in vielen Regionen der Welt anzutreffen sind. In
diesen »regionalen Kernen« fällt es den Mitgliedsstaaten aufgrund gemeinsamer Traditionen und korrespondierender
Wertesysteme im allgemeinen leichter, Teile ihrer Souveränität abzutreten und zu kooperieren, was ihre Handlungs- und
Einflußmöglichkeiten erweitert. Dadurch kann die Fähigkeit zu Global Governance eingeübt werden. Bürokratisierung,
Demokratiedefizite und nationale Engstirnigkeiten in der EU, dem fortgeschrittensten Integrationsprojekt, machen jedoch
auch die Probleme solcher Konzepte sichtbar.
(5) Neben den supranationalen Institutionen, in deren Zentrum das System der Vereinten Nationen steht, werden {\bf
internationale Regime} wie das der WTO oder der verschiedenen Klimakonventionen zu immer wichtigeren globalen
Steuerungsinstrumenten im Rahmen von Global Governance. Die Regeln dieser Regime gestalten die
Nichtregierungsorganisationen, die bereits einen hohen Grad an internationaler Vernetzung erreicht haben, politisch aktiv
mit.
(6) Eine globale Steuerung im Rahmen des Global-Governance-Konzepts wird nur dann erfolgreich sein, wenn sich die
Staatengemeinschaft auf eine grundlegende internationale Rechtsordnung mit entsprechenden Rechtsprinzipien
verständigen kann. Dazu bedarf es der Stärkung globaler Rechtsstaatlichkeit mit klaren Gesetzesregeln,
Konfliktregulierungs- und Sanktionsmechanismen. Der oben genannte Kommissionsbericht betont in diesem
Zusammenhang die Notwendigkeit der Aufwertung des Internationalen Gerichtshofs (IGH) in Den Haag und »die
Anerkennung der verbindlichen Rechtsprechung durch den internationalen Gerichtshof« (ebd., 8). Die Akzeptanz globaler
Rechtsstaatlichkeit und verbindlicher internationaler Rahmenbedingungen erfordert ein Mindestmaß an gemeinsam
geteilten Werten und Vermittlungsverfahren im Fall normativer Konflikte.
(7) Alle Kulturen sind unter normativer Rücksicht ambivalent, denn jede Kultur enthält sowohl positive Elemente, die für
ein humanes Zusammenleben unerläßlich sind, wie auch negative Elemente, die ein menschenwürdiges Leben erschweren.
Die spezifischen Stärken und Schwächen einer Kultur sind meist sogar eng verflochten. Damit kann aber keine Kultur
allein universaler Maßstab oder allgemeines Entwicklungsmodell sein (vgl. Müller 1997, 111, 141f). Diese Tatsache
verbietet auch jede kulturelle Bevormundung.
Lepenies (1996, 114) warnt darum zu Recht vor allem die europäischen Gesellschaften als »Zeitgeber der Modernisierung«
vor kultureller Überheblichkeit und einer bloßen »Rhetorik der Anerkennung«, die »das Fremde [...] als prinzipiell Fremdes
definiert und damit genauso von der Vollmitgliedschaft in der Moderne« (ebd. 115) ausgrenzt wie früher. Im Grunde »sind
die europäischen Kulturen Belehrungskulturen geblieben. Ihre Zukunft wird nicht zuletzt von ihrer Fähigkeit abhängen, zu
Lernkulturen zu werden« (ebd., 114).
Der interkulturelle Dialog über gemeinsam geteilte Werte als Fundament gemeinsamen Handelns wird nur dann gelingen
und Erfolg haben, wenn ihm die gegenseitige Anerkennung der jeweiligen Andersheit zugrunde liegt und die einzelnen
Kulturen bereit sind, sich im Fortgang des dialogischen Prozesses aufeinander einzulassen. Nur so können sie von einer
asymmetrischen Lehrgemeinschaft zu einer gemeinsamen Lerngemeinschaft gelangen. Ein solcher Dialog stellt nach Berger
(1997, 601-608) eine besonders anspruchsvolle Form der Vermittlung dar, weil es sich dabei im Unterschied zu den
möglichen Alternativen (imperative und pragmatische Vermittlung) um einen »ideenbildenden Kompromiß« handelt.
(8) Wenn die Überwindung der Ausgrenzung vorrangiger ethischer Maßstab der universellen Verantwortung ist, dann muß
es, neben der Konfliktlösung, primäres Ziel der politischen Steuerung sein, ordnungspolitische Rahmenbedingungen zu
schaffen, welche einen Ausgleich zwischen Gewinnern und Verlierern der Globalisierungsprozesse ermöglichen. Für dieses
Leitbild sozialer Gerechtigkeit stellt wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eine notwendige, jedoch nicht hinreichende
Bedingung dar. Strategien zur Stärkung der ökonomischen Eigeninitiative und Wettbewerbsfähigkeit einerseits und zur
Armutsbekämpfung andererseits sind darum kein Widerspruch an sich, sie bewegen sich aber in einem Spannungsfeld, das
sich manchmal und in bestimmten Bereichen nur durch gezielte politische Maßnahmen reduzieren läßt, etwa um das oben
genannte Globalisierungsdilemma zu umgehen. Wirtschaftliche Entwicklung kommt nur dann allen gesellschaftlichen
Gruppen zugute, wenn Wirtschafts- und Sozialpolitik sich wechselseitig unterstützen und so das durchaus gegebene
Synergiepotential nutzen.
Zu wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die Armut verhindern oder zumindest mindern können, gehören u.a. die
Stabilisierung makroökonomischer Rahmenbedingungen (Unabhängigkeit monetärer Instanzen, strikte Bankenaufsicht,
staatliche Haushaltsdisziplin, Inflationsbekämpfung), eine gerechte und wachstumsfördernde Steuergesetzgebung sowie
eine zukunftsorientierte, breitenwirksame und der jeweiligen Situation angepaßte Technologiepolitik (vgl.
Messner/Vobruba 1998, 30-33). Umgekehrt ist eine Sozialpolitik, die vor allem die Bildung von Humankapital fördert
(Gesundheit, Erziehung, Berufsbildung) die Grundlage für wirtschaftliche Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit (ebd.,
33-37). Die Spielräume für eine soziale Gestaltung der Wirtschaftspolitik einerseits und zur Förderung der
Wettbewerbsfähigkeit durch »soziales Kapital« andererseits gilt es systematisch zu analysieren und nach Möglichkeit zu
nutzen.
Wo diese Maßnahmen nicht greifen oder an ihre Grenzen stoßen, bleibt es auf jeden Fall eine primäre Aufgabe der
Sozialpolitik, die absolute Armut mit allen Mitteln zu bekämpfen, soll die Option für die Armen nicht ein reines
Lippenkenntnis bleiben. Durch kompensatorische Maßnahmen ist daher sicherzustellen, daß zumindest die
Grundbedürfnisse der durch den ökonomischen Globalisierungsprozeß ausgeschlossenen Bevölkerungsgruppen befriedigt
werden können. Die Wirksamkeit nationaler Politikmaßnahmen zur sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung ist heute
jedoch begrenzt. Daher bedarf es zusätzlich einer globalen Steuerung des weltwirtschaftlichen Wettbewerbs auf den
verschiedenen Handlungsebenen des Global-Governance-Konzepts (vgl. Messner 1997), um auf diese Weise zu einem
internationalen sozialen Ausgleich zu gelangen.
(9) Nach dem Konzept der dauerhaft-umweltgerechten Entwicklung dürfen die Ziele der sozialen und wirtschaftlichen
Entwicklung nicht mehr losgelöst von der ökologischen Entwicklung verfolgt werden. Primäre Aufgabe einer globalen
Umweltpolitik ist die Ausbildung einer sowohl sozial wie ökologisch verträglichen Wirtschafts- und Lebensweise. Dabei ist
der Pluralität von Weltanschauungen in modernen Gesellschaften Rechnung zu tragen und eine sozio-kulturell angepaßte
Ausgestaltung anzustreben. Die genannte Zielsetzung erfordert jedoch - bei aller kulturellen Differenzierung - einen
Wechsel vom neuzeitlichen, an einem überwiegend quantitativen Wachstum orientierten Fortschrittsparadigma hin zu einer
»zirkulären Ökonomie«, welche sich an den Stoffkreisläufen und Zeitrhythmen der Natur orientiert. Eine »Entkoppelung
kultureller Zielvorstellungen und Wohlstandsdefinitionen von umweltverbrauchendem Konsum« ist umso mehr möglich, je
mehr »die Ausrichtung an den Entfaltungsbedingungen der Natur sowie die Qualität des natürlichen Lebensraumes des
Menschen auch im gesellschaftlichen Bewußtsein als grundlegende Bestandteile von Lebensqualität wahrgenommen
werden« (Vogt 1998, 501).
Aufgrund ihres hohen, nicht universalisierbaren Ressourcenverbrauchs und ihrer politisch, wirtschaftlich und
sozio-kulturell dominanten Rolle als »trendsetting societies« kommt den reichen Industrienationen wie den Reichen im
Süden dabei eine besondere Verantwortung zu. Nur sie sind in der Lage, diesen Paradigmenwechsel anzustoßen und auf
den Weg zu bringen, weil nur sie ihren Lebensstandard einschränken können, ohne ihren Wohlstand aufgeben zu müssen.
In vielen Entwicklungsländern, wo die Überwindung der Armut in breiten Bevölkerungsschichten im Vordergrund steht,
wird bis auf weiteres ein wirtschaftliches Wachstum verbunden mit einer Erhöhung des Ressourcenverbrauchs
unvermeidlich sein.
(10) Bei der Suche nach einem Mindestmaß an globalen ethischen Standards spielen die großen Weltreligionen eine
wichtige Rolle. Sie können nicht nur wichtige inhaltliche Impulse geben, sondern sie sind auch wichtige Akteure im Prozeß
der Verständigung und Vermittlung. In allen Religionen gibt es Anknüpfungspunkte (manche sprechen von »religiösen
Ressourcen«), die eine umfassende Verantwortung für alle Menschen und damit eine weltweite und
generationenübergreifende Solidarität fördern. Sie haben auch Traditionen, die Zugänge zu verschiedenen Formen der
Selbstbescheidung und Genügsamkeit eröffnen und so Alternativen zum quantitativen Fortschrittsparadigma der Moderne
begründen helfen können. Angesichts der globalen Herausforderungen kommt den Religionen eine besondere
Verantwortung zu, dieses reiche Erbe lebendig zu halten und konstruktiv als Motivationspotential einzubringen.
Dazu müssen die Weltreligionen allerdings gegenseitige Toleranz üben und Formen eines friedlichen Miteinanders
entwickeln. Sie müssen der Versuchung politischer Instrumentalisierung widerstehen, um nicht selbst Ursache für
gewalttätige Auseinandersetzungen zu sein. Die Einsicht, daß es ohne Religionsfrieden keinen Weltfrieden geben wird, war
für Hans Küng (1990) Ausgangspunkt für seine Überlegungen zu einem »Weltethos«. Mit den Globalisierungsprozessen
haben einerseits auch die Berührungsflächen zwischen den einzelnen Religionen zugenommen, andererseits sind sie sich
wieder mehr »ihrer spezifischen regionalen Verankerung« (Kaufmann 1998, 25) bewußt geworden. Die Prozesse der
Modernisierung haben auch außerhalb des christlichen Kulturbereiches ihren Einfluß entfaltet, was dazu beigetragen hat,
daß auch andere Religionen als das Christentum heute deutlicher den Anspruch erheben, Antworten bzw. Wahrheiten
anzubieten, die für alle Menschen gültig sind. So bewegen sich die einzelnen Religionen in einem Spannungsfeld zwischen
partikularem und universalem Anspruch und damit auch in der Spannung zwischen Missionsauftrag und der Notwendigkeit
der Bereitschaft zum Dialog. Ein friedliches Miteinander dürfte umso leichter gelingen, je mehr sich die einzelnen
Religionen auf das ihnen eigene Potential an humanen Werten besinnen, um es für die sozial- und umweltgerechte
Gestaltung der Welt einzubringen. Nur so wird vermutlich auch eine Verständigung auf universal gültige Werte und
Normen im Sinne einer »dünnen Moral« möglich sein, die auf dem Fundament der in den einzelnen Religionen
gewachsenen und lebendigen »dichten Moral« ruht.
Die Aufforderung zur Rückbesinnung auf das eigene Selbstverständnis und die eigenen Quellen gilt in besonderem Maße
auch für die katholische Kirche, die sich seit jeher als Weltkirche versteht und ein weit älterer »global player« ist als alle
transnationalen Unternehmen. Auch sie steht heute mehr denn je im Spannungsfeld einerseits eines universalen Anspruchs,
der auf viele Menschen weltweit große Anziehungskraft ausübt, und andererseits der Angst vor einer »westlich« und
»römisch« geprägten Zentralkirche. Je mehr sich die Weltkirche von einer Lehr- zu einer Lerngemeinschaft entwickelt und
ihr eine positive Synthese zwischen Welt- und Ortskirche gelingt, desto glaubwürdiger wird sie auch die Tradition der
Soziallehre im Prozeß des globalen Wandels zu Gehör bringen können.
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