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Gefährdete Lebensgrundlage Wasser
Johannes Wallacher, München
veröffentlicht in: Stimmen der Zeit 214 (1996), Heft 4, 219-234
Während die Sorge um andere Rohstoffe - wie etwa Öl - schon lange die Weltpolitik bestimmt, blieb das wichtigste
Element des Lebens - das Wasser - lange Zeit unbeachtet. Der »blaue Planet« Erde schien lange Zeit die Illusion zu nähren,
daß Wasser im Überfluß vorhanden sei und es daher abwegig wäre, daß diese Ressource für die Menschheit zu einem
Problem werden könne. Doch die Verfügbarkeit der Lebensgrundlage Wasser ist begrenzt und zudem regional sehr
ungleich verteilt. Für die Menschen in vielen Teilen der Erde, vor allem in vielen Entwicklungsländern, ist der Kampf um
das tägliche Wasser zum Überlebenskampf geworden. In eigentlich wasserreichen Gebieten - wie beispielsweise in Europa
- bedroht die fortschreitende Verschmutzung der Vorräte die Wasserversorgung.
Diese Tatsachen haben das öffentliche Interesse auf sich gezogen und zu einer verstärkten Diskussion über Ursachen und
mögliche Wege aus der Wasserkrise geführt. (1) Verschiedene Organisationen haben dieses grundlegende Problem in das
Zentrum ihrer Aktivitäten gestellt. So hat die Weltbank in ihrem Weltentwicklungsbericht 1992 der Sicherung der
Wasserversorgung erste umweltpolitische Priorität eingeräumt. (2) Die Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen
FAO hat 1994 Wasser als Thema des Welternährungstages gewählt. Das Bischöfliche Hilfswerk Misereor widmet sich in
ihrer diesjährigen Fastenaktion »Jeder Tropfen zählt« dem Wasserproblem und betont die Notwendigkeit, jedem Menschen
die zum Überleben notwendige Wassermenge zur Verfügung zu stellen. Allen diesen Initiativen geht es darum, die
lebensnotwendige Bedeutung von Wasser hervorzuheben, aus diesem Bewußtsein heraus zu einem neuen Verhältnis im
Umgang mit Wasser zu kommen und zugleich den Menschen in den wasserarmen Regionen zu helfen, ihr Recht auf
Wasser zu verwirklichen.
Die Wasserressourcen der Erde
Die Erdoberfläche wird zu 71 Prozent von Wasser bedeckt, und das Gesamtvolumen der auf der Erde befindlichen
Wasserressourcen beträgt zirka 1360 Millionen Kubikkilometer. Es ist kaum zu glauben, daß diese Ressource bei einer
solch großen Menge knapp werden kann. Doch befinden sich mehr als 97 Prozent davon als Salzwasser in den
Weltmeeren. Von den verbleibenden knapp 3 Prozent Süßwasser sind der größte Teil in Polarkappen und Gletschern (68,7
Prozent) sowie in unzugänglichen Grundwasserbeständen (30,1 Prozent) gebunden. Lediglich 126.000 Kubikkilometer,
also etwas mehr als 0,34 Prozent der Süßwasservorräte, sind in Flüssen, Seen und Sümpfen direkt zugänglich. Ein Teil
davon wird durch den natürlichen Wasserkreislauf zwischen Ozeanen, Atmosphäre und Boden ständig erneuert und stellt
die jährlich erneuerbare Wassermenge von durchschnittlich 40.000 Kubikkilometer oder etwa 7400 Kubikmeter pro Kopf
dar. Teile der Niederschläge, die der Wiederauffüllung der Vorräte dienen, fallen jedoch über Ozeanen und wenig
besiedelten Gebieten. Etwa zwei Drittel fließen nach Überschwemmungen ungenutzt in die Meere ab, so daß der
Menschheit jährlich nur 9000 Kubikkilometer oder 1800 Kubikmeter pro Kopf an erneuerbaren Vorräten direkt und
zuverlässig zur Verfügung stehen. Derzeit wird weltweit etwas mehr als ein Drittel davon - zwischen 600-800 Kubikmeter
pro Kopf - jährlich verbraucht. Mit steigenden Bevölkerungszahlen sinkt jedoch die verfügbare Wassermenge pro Kopf,
welche einen allgemeinen Indikator für die Wassersicherheit darstellt.
Wasser ist damit im hydrologischen Kreislauf der Erde eigentlich in genügenden Mengen vorhanden, doch sind die
nutzbaren Wasserreserven geographisch und saisonal höchst unterschiedlich verteilt, so daß in vielen Regionen der Welt
Wasser schon von Natur aus knapp ist. Der Ferntransport von ausreichend Wasser über große Entfernungen ist nur sehr
eingeschränkt möglich, da es im Unterschied zu anderen Ressourcen vom Menschen in so großen Mengen benötigt wird.
Wasserversorgung und damit verbundene Probleme bleiben deshalb immer an die regionale Situation gebunden. Nach einer
hydrologischen Faustregel gilt ein Land als wasserarm, wenn das jährliche Wasseraufkommen aus inländischen Quellen
unter 1000 Kubikmeter pro Kopf liegt. Unter 500 Kubikmetern spricht man von absolutem Wassermangel. Ein deutliches
Zeichen einer zunehmenden Wasserverknappung ist die wachsende Zahl von wasserarmen Ländern. Während im Jahr 1975
20 Länder, vorwiegend im Nahen Osten, in Nord- und Subsahara-Afrika, von chronischem Wassermangel betroffen waren,
waren es 1992 bereits 26 Länder. Für das Jahr 2010 werden 34 wasserarme Länder prognostiziert.
Wasser strömt über politische Grenzen hinweg. Dadurch hängen flußabwärts gelegene Länder, soweit sie keine
ausreichenden eigenen Quellen besitzen, von ihren flußaufwärts gelegenen Nachbarn ab. Einen großen Teil der
Wasservorräte müssen sich mehrere Staaten teilen. Mindestens 214 Flüsse sind internationale Gewässer mit zwei (155
Flüsse), drei (36 Flüsse) und vier bis zwölf (23 Flüsse) Anliegerstaaten. Dies bedeutet, daß über 40 Prozent der
Menschheit in grenzüberschreitenden Flußeinzugsgebieten leben. Mit steigendem Bedarf und zunehmendem
Bevölkerungsdruck haben die internationalen Spannungen um Wasser in den letzten Jahren stetig zugenommen. Fehlen
internationale Abkommen, so steigt das Konfliktrisiko. Vor allem im Nahen Osten prägen Wasserstreitigkeiten den
politischen Alltag. Für die beteiligten Länder geht es bei der Verteilung der lokalen Wasserreserven sowohl um die
Grundversorgung der Bevölkerung als auch um die agrarische und industrielle Entwicklung. Im
palästinensisch/arabisch-israelischen Konflikt sind die Aufteilung der Wasserressourcen des Jordanbeckens und die
nationale Sicherheit der betroffenen Staaten eng miteinander verknüpft. Damit war eine Einigung über das Wasser des
Jordans und dessen Zuflüsse ein zentraler Schlüssel für die Friedensgespräche und -abkommen in diesem Gebiet. Der Nil
als längster Strom der Erde versorgt insgesamt neun Länder mit Wasser, wobei Ägypten an letzter Stelle steht. Konflikte
um die Aufteilung des Nilwassers belasten immer wieder vor allem das Verhältnis zwischen Ägypten, dem Sudan und
Äthiopien. Im Euphrat-Tigris-Becken haben türkische Staudammprojekte am Euphrat zu Spannungen mit Syrien und dem
Irak geführt. Aber auch in allen anderen Kontinenten kommt es aufgrund der Wasseraufteilung unter den Anrainerstaaten
zu vielfältigen Konflikten, wie zum Beispiel im Fall des Ganges zwischen Indien und Bangladesh, beim Colorado zwischen
den Vereinigten Staaten und Mexiko, bei der Donau zwischen der Slowakei und Ungarn. Das internationale Wasserrecht
bietet gegenwärtig kaum Hilfen für die Lösung solcher Probleme.
Vielfältige Nachfrage nach Wasser
Im Laufe der vergangenen Jahrhunderte stieg der globale Wasserverbrauch in recht bescheidenem Maße an. Erst in diesem
Jahrhundert änderte sich dies mit der fortschreitenden Industrialisierung, einem rapiden Anwachsen der Bevölkerung und
einer stetigen Zunahme der Bedürfnisse vor allem in den entwickelten Regionen. Zwischen 1900 und 1940 stieg der
Verbrauch weltweit von 400 auf 900 Kubikkilometer, obwohl die Bevölkerung in dieser Zeit nur um 40 Prozent
gewachsen ist. 1950 betrug der Weltwasserverbrauch bereits 1360 Kubikkilometer. Bis zum Jahr 1990 hat er sich auf etwa
4130 Kubikkilometer verdreifacht. Eine nochmalige Verdoppelung würde sehr weitreichende Folgen haben, da
geographische Beschränkungen es nicht erlauben, das Äquivalent von rund 90 Prozent der global verfügbaren
Abflußmenge zu verbrauchen. Bis zum Jahr 2000 werden jedoch jährliche Steigerungsraten von 2-3 Prozent
prognostiziert. Während sich der Verbrauch in den Industrieländern seit 1980 auf sehr hohem Niveau stabilisiert hat, wird
in den Entwicklungsländern, vor allem in den Gebieten raschen Bevölkerungswachstums und wachsender
Wirtschaftstätigkeit, weiter mit hohen Steigerungsraten gerechnet.
Entscheidende Faktoren für den Wasserverbrauch sind die Wirtschaftsstruktur und der Entwicklungsstand des jeweiligen
Landes. Die Wassernachfrage nimmt dabei tendenziell mit steigendem Urbanisierungsgrad und wirtschaftlichem Wachstum
zu. Während der Pro-Kopf-Verbrauch der Haushalte in den USA nach Schätzungen der Vereinten Nationen etwa 630
Liter pro Tag beträgt, sind es in der Bundesrepublik immerhin 143 Liter, in Tanzania jedoch nur 65 und in Indien 55 Liter
pro Tag. (3) Rechnet man den Verbrauch von Industrie und Landwirtschaft hinzu, liegt der Pro-Kopf-Verbrauch in den USA
bei 7200 und in Indien bei 1500 Liter pro Tag. Zudem wird das Wasserproblem in vielen Entwicklungsländern durch
anhaltend hohen Bevölkerungszuwachs verschärft. Sollten die Bevölkerungsprognosen zutreffen, wird das weltweit
verfügbare Pro-Kopf-Wasserangebot bis zum Jahr 2000 um etwa 24 Prozent abnehmen.
Der sozioökonomische Entwicklungsstand eines Landes bestimmt weitgehend die sektorale Aufteilung des
Wasserverbrauchs. Die Landwirtschaft benötigt mit rund 70 Prozent weltweit die größte Menge. In wenig entwickelten
Ländern, vor allem in den Trockengebieten der Erde, ist dieser Anteil besonders hoch, da große Teile der Anbauflächen
künstlich bewässert werden müssen, um die Nahrungsmittelversorgung bei hohem Bevölkerungswachstum zu sichern. In
Asien und Afrika liegt der Anteil der Landwirtschaft am Wasserverbrauch bei über 85 Prozent, in Ägypten beispielsweise
bei 98 Prozent, in Indien und China bei 90 Prozent. Der industrielle Bereich ist weltweit mit etwa 25 Prozent der
zweitwichtigste Nachfrager, wobei dieser Anteil je nach Entwicklungsstand stark variiert - in den Industrieländern liegt er
zwischen 60 bis 80 Prozent, in vielen Entwicklungländern unter 10 Prozent. Im Gegensatz zur Landwirtschaft und den
Haushalten mit überwiegend konsumptiver Verwendung kann in der Industrie das meiste Wasser in geschlossenen
Kreisläufen oder durch Rückgewinnungsanlagen wieder genutzt werden. In den Industrieländern ist durch verschärfte
Abwasserbestimmungen und wirtschaftliche Anreize zur rationelleren Nutzung der Wasserreserven der Verbrauch im
industriellen Sektor in den letzten Jahren zurückgegangen. Im Süden ist vor allem in den Ballungsräumen weiterhin mit
hohen Steigerungsraten zu rechnen. Der Anteil der Privathaushalte am Wasserverbrauch ist mit etwa 8 Prozent eher
gering, doch ist dieser regional sehr unterschiedlich und hängt vom Einkommen, von den Bedürfnissen und von der Art der
Wasserbereitstellung ab.
Quantitativ wie qualitativ gefährdetes Angebot
1. Die zunehmende quantitative Verknappung der Ressource Wasser hat viele Ursachen. Sie wird einerseits durch
natürliche Faktoren wie Trockenheit und Dürre bedingt. Die natürlichen Grenzen der quantitativen Verfügbarkeit von
Wasser sind jedoch im Laufe der Zeit verstärkt von Faktoren überlagert worden, die der Mensch zu verantworten hat.
Die Ausweitung der landwirtschaftlichen Anbaufläche, vor allem die intensive künstliche Bewässerung in Trockengebieten,
trägt wesentlich zur Wasserverknappung bei. Zunehmende Urbanisierung und steigende Industrieproduktion erhöhen den
Verbrauch vor allem in den Entwicklungsländern. In vielen Ländern stellt das hohe Bevölkerungswachstum ein
besonderes Problem dar. Dort hat die Bevölkerung bereits jetzt die Größe überschritten, die sich mit der verfügbaren
Wassermenge auf Dauer problemlos versorgen läßt. Menschliche Eingriffe in den Naturhaushalt, vor allem Abholzen von
Wäldern und Überweidung, die in vielen Ländern durch zunehmende Verarmung der Bevölkerung mit hervorgerufen
werden, verursachen Bodenerosion, Dürre oder auch Überschwemmungen und tragen damit indirekt zur Verringerung der
verfügbaren Wassermenge bei. Daneben werden durch überaltete Versorgungssysteme, mangelnde Erfassung des
Wasserverbrauchs, nicht kostendeckende Wasserpreise, unzureichende Zuweisung von Nutzungsrechten oder exzessivem
Verbrauch in Haushalten oder im kommerziellen »Erlebnisbereich« erhebliche Wassermengen vergeudet.
Gravierend ist zudem die Plünderung der Grundwasserreserven in vielen Teilen der Erde. Dies bringt mehrere Probleme
mit sich. Wird über eine längere Zeit mehr Wasser entnommen als wieder zurückfließt, fällt der Grundwasserspiegel und
der Boden sinkt ab. Mexico City bezieht beispielsweise 70 Prozent seines Wasser aus Grundwasservorräten, deren
Bestände jährlich um 50 bis 80 Prozent überzogen werden. Durch diesen extremen Verbrauch senkte sich das Erdreich
während der achtziger Jahre jährlich um bis zu 30 Zentimeter. Dieses Problem trifft jedoch nicht nur die
Entwicklungsländer. Im hessischen Ried wurde in der Vergangenheit soviel Wasser aus den Grundwasservorräten
entnommen, daß der Grundwasserspiegel in dieser Region stark absank und es zu Rissen an zahlreichen Häusern kam. Aus
diesem Grund mußte in Frankfurt am Main, das ein Großteil seines Wassers aus diesen Reservoirs bezieht, in den
Sommermonaten der letzten Jahre der Wassernotstand ausgerufen werden. In Küstenregionen gelangt durch die extensive
Nutzung vielfach Salzwasser in die Grundwasservorräte, was zur Versalzung der Böden führt. So ist in den
Küstenregionen Israels Meerwasser in die Reservoirs nachgeflossen und hat 20 Prozent der Brunnen so versalzen, daß das
Wasser inzwischen sogar für die Landwirtschaft unbrauchbar geworden ist. Grundwasser erneuert sich zudem sehr viel
langsamer als andere Wasserquellen. Während sich das Wasser der Seen im Durchschnitt alle 17 Jahre erneuert, braucht
das Grundwasser im Mittel dazu 1400 Jahre. Langfristig besonders fatal ist jedoch die Plünderung von fossilen
Grundwasservorkommen. Die vor mehreren tausend Jahren entstandenen, tief unter der Erde liegenden Reservoirs werden
durch keine natürlichen Zuflüsse mehr erneuert. Die Wasserversorgung von Libyen und Saudi-Arabien, aber auch von
Teilen der Vereinigten Staaten, insbesondere die intensive künstliche Bewässerung der landwirtschaftlichen Anbaugebiete,
beruht zu mehr als 80 Prozent auf der Nutzung solcher fossiler Quellen. Schätzungen gehen davon aus, daß diese
wichtigen Wasservorräte innerhalb der nächsten 100 Jahre erschöpft sind, wenn sie weiter so beansprucht werden wie zur
Zeit.
2. Sorge bereitet zunehmend auch die Qualität des Wasser, welche sowohl für die Industrie- als auch die
Entwicklungsländer zu einem der dringendsten Umweltprobleme geworden ist. Die Quellen weisen stellenweise extreme
Belastungen mit Schadstoffen vielfältigster Art auf, die in vielen Fällen, insbesondere beim Grundwasser, nahezu
irreversibel sind. In den Industrieländern konnten in den letzten 20 Jahren zwar Verbesserungen der Wasserqualität bei
vielen großen Flüssen erzielt werden, die Grundwasserbelastung hat jedoch weiter zugenommen. In den
Entwicklungsländern hat durch die ungeklärte Einleitung von Industrie- und Haushaltsabwässern die Verschmutzung der
Flüsse ein bedrohliches Ausmaß angenommen. Weltweit werden jedes Jahr schätzungsweise 450 Kubikkilometer
Abwässer ungeklärt in Flüsse eingeleitet. Pestizide, Nitrate und Phosphate, die vor allem durch die Massentierhaltung mit
entsprechend massenhaftem Gülle-Aufkommen entstehen, verunreinigen das Grundwasser großflächig. Zudem führt der
unsachgemäße Umgang und die übermäßige Verwendung von Düngemitteln und Pestiziden zu hohen Belastungen.
Luftschadstoffe verunreinigen die Gewässer in Form von saurem Regen. Fehlerhafte Bewässerungstechnik führt in vielen
Ländern zu großflächiger Übernässung, Versalzung und Versauerung der Böden; die Schätzungen bewegen sich in der
Größenordnung von 1 bis 1,5 Millionen Hektar pro Jahr weltweit, wodurch jährlich zwischen 0,07 und 0,1 Prozent der
landwirtschaftlichen Nutzfläche verloren gehen.
Die Erschließung von Flußbecken zur agroindustriellen Nutzung galt lange als unerläßliche Vorraussetzung für eine
rasche Entwicklung. So wurden die großen Ströme dieser Erde in den vergangenen Jahren fast ausnahmslos umgeleitet,
begradigt oder aufgestaut. Die Zahl der Großdämme (4) wuchs zum Beispiel von 5000 im Jahr 1950 auf heute über 38.000.
Mehr als 85 Prozent der großen Staudämme wurden damit in den letzten 45 Jahren errichtet. Die weltweit aufgestaute
Wassermenge liegt inzwischen bei etwa 6000 Kubikkilometern, was 15 Prozent der jährlich erneuerbaren Wasserreserven
der Erde ausmacht. Die Konsequenz ist, daß mehr und mehr Flüsse bei Erreichen der Mündung kaum oder gar kein
Wasser mehr mit sich führen. Der Colorado, einer durch menschliche Eingriffe sehr stark veränderte Fluß, führt im
Mündungsdelta im amerikanischen Südwesten nur noch in Jahren extremen Hochwassers Wasser mit sich. Nach dem Bau
des Assuan-Staudamms ist die Wassermenge, die das Nildelta erreicht, von 38 auf knapp 2 Prozent der durchschnittlichen
Durchflußmenge abgesunken. Besonders gravierend wirkt sich die Umleitung und Ausbeutung von Flüssen aus, die
Binnenseen oder -meere speisen. Das Sterben des Aralsees in Zentralasien stellt eine ökologische Katastrophe dar. Durch
die Umleitung der beiden Hauptzuflüsse, Amudarja und Syrdarja, zur Bewässerung der umliegenden Wüstengebiete hat
der Aralsee, einstmals das viertgrößte Süßwasserreservoir der Erde, drei Viertel seines Volumens verloren und sein
Salzgehalt ist auf das Dreifache angestiegen. Dies stellt eine verheerende Umweltkatastrophe dar, weil von den ehemals 24
Fischarten 20 verschwunden sind. Die Fischindustrie in dieser Region, die in den fünfziger Jahren noch 60.000 Menschen
Arbeit geboten hat, existiert inzwischen nicht mehr. Durch die übermäßige Schädigung der Flüsse und ihrer natürlichen
Umgebung werden vor allem die Menschen bedroht, die in vielfacher Weise - auch wirtschaftlich - von diesen
Ökosystemen abhängen.
Obwohl die Wasserbereitstellung von der regionalen Situation abhängt, stellt sie nicht nur ein lokales Problem dar. Dies
wird an zahlreichen Problemfeldern deutlich, wie zum Beispiel dem »heimlichen« Wasserverbrauch von Industrieländern in
Entwicklungländern - sei es durch Ferntourismus oder durch die intensive künstliche Bewässerung für den Anbau von
Produkten wie Südfrüchte, die vorwiegend für den Export in Industrieländer bestimmt sind. Aber auch die bisher noch
nicht abschätzbaren Folgen der globalen Klimaveränderungen auf das Wasserangebot oder die Verschmutzung der
Weltmeere mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Anrainerstaaten zeigen eine globale Dimension der Wasserkrise.
Zudem weisen die Ursachen für Wassermangel und Umweltzerstörung und die Erscheinungsformen der Krise in den
einzelnen Regionen deutliche Parallelen auf.
Lebensgrundlage Wasser
1. Wasser ist das wichtigste »Lebensmittel«. Die Versorgung mit sauberem Trinkwasser ist ein menschliches
Grundbedürfnis. Der physiologische Wasserbedarf liegt je nach Jahreszeit zwischen 3 und 4 Litern pro Tag. Derzeit haben
jedoch etwa 1,2 Milliarden Menschen keinen Zugang zu hygienisch einwandfreiem Trinkwasser, etwa 1,4 Milliarden sind
ohne hygienisch einwandfreie Entsorgung. Die Vereinten Nationen verkündeten die achtziger Jahre zur »Internationalen
Dekade für Trinkwasserversorgung und Abwasserbeseitigung« mit dem ehrgeizigen Ziel »Sauberes Wasser und
angemessene sanitäre Einrichtungen für alle bis 1990« bereitzustellen. Jeder Mensch sollte über eine Trinkwasserquelle im
Umkreis von 200 Metern und eine einfache Toilette verfügen. Am Ende der Dekade war die Bilanz jedoch mehr als
ernüchternd. Die Trinkwasserversorgung in städtischen Gebieten konnte zwar um zwei Prozent und die Versorgung mit
Sanitäreinrichtungen um elf Prozent gesteigert werden, die absolute Zahl der Menschen ohne Zugang zu sauberem
Trinkwasser hat jedoch aufgrund der wachsenden Bevölkerungszahlen zugenommen.
2. Die ausreichende Versorgung mit sauberem Trinkwasser und die hygienisch einwandfreie Entsorgung sind Bedingung
für den Erhalt der Gesundheit. Ist dies nicht gewährleistet, kommt es zu immensen Problemen. Rund 80 Prozent aller
Krankheiten in den Entwicklungsländern sind auf mangelnden Zugang zu sauberem Trinkwasser zurückzuführen, weltweit
sind 1 Milliarde Menschen infolge Wasserverschmutzung krank. Jährlich sterben zirka 5 Millionen Menschen an Cholera,
Typhus, Diarrhoe, Dysenterie und anderen durch unsauberes Wasser übertragenen Erregern - vor allem in den Slums der
Großstädte im Süden. Dazu kommen die schädlichen Folgen unzureichend geplanter Bewässerungsprojekte. Durch
Wohngebiete verlaufende Bewässerungskanäle, in denen das Wasser oft lange Zeit steht, erhöhen das Risiko dieser
Krankheiten für jene, die dort wohnen oder arbeiten. Es ist zu befürchten, daß sich die Ausbreitung wasserhygienisch
bedingter Krankheiten in Zukunft noch weiter verstärken wird.
3. Wasser ist gleichzeitig Grundlage der Nahrungsmittelversorgung einer weiter zunehmenden Weltbevölkerung. Bei
einer prognostizierten Bevölkerungszahl von 8 Milliarden im Jahr 2015 ist eine durchschnittliche Ertragssteigerung von
zwei Prozent im Jahr für die gesamte Landwirtschaft - und rund drei Prozent für die bewässerte Landwirtschaft, die
weltweit 16 Prozent (5) der landwirtschaftlichen Anbaufläche ausmacht - notwendig, um in den Entwicklungsländern die
Ernährung zu sichern. Ein ausreichendes Wasserangebot ist zudem Voraussetzung für viele Bereiche industrieller
Produktion und damit für das wirtschaftliche Wachstum eines Landes.
4. Wasser ist zentraler Bestandteil des globalen Ökosystems. Wasserkreislauf und Energietransport im Wasserdampf
haben maßgeblichen Einfluß auf das globale Klima. Darüberhinaus ist Wasser an der Bodenbildung beteiligt und formt
Landschaften. Eingriffe in den natürlichen Wasserhaushalt haben Folgen für den gesamten Naturhaushalt. Sie können dazu
beitragen, das lokale und regionale Klima zu verändern, den Boden durch Auswaschung und Versalzung zu schädigen, den
Grundwasserspiegel abzusenken und das Artenspektrum von Pflanzen und Tieren zu verschieben. Jede Wassernutzung
muß diese komplexen Zusammenhänge im Blick haben und hat darauf zu achten, die natürlichen Systeme, so gut es geht,
zu schützen.
Ethische Kriterien einer Wasserpolitik
Thales von Milet (6. Jahrhundert vor Christus) hat Wasser als Urgrund aller Dinge angesehen und darauf aufbauend seine
Naturphilosophie entwickelt. (6) Aus dieser vermutlich auf vorderorientalische Schöpfungsmythen zurückgehenden
Vorstellung hat sich im Laufe der Zeit ein unerschöpfliches Reservoir von Symboliken entwickelt, anhand derer die
überragende Bedeutung des Wassers für das menschliche Leben deutlich wird. Neben der Verwendung zum Trinken und
Reinigen, zum Befahren mit Schiffen und Nutzen für technische Zwecke haben alle Kulturen zu jeder Zeit das Wasser auch
religiös und literarisch gedeutet und darin seine zentrale Bedeutung zur Erhaltung allen Lebens auf der Erde zum Ausdruck
gebracht. (7) Auch die Bibel thematisiert in einer Vielzahl von Erzählungen des Alten und Neuen Testamentes die
lebensstiftende Bedeutung von Wasser - zum Beispiel im Schöpfungsbericht, der Wasser als den Urgrund des Lebens
beschreibt (Gen 1,6f.) oder in der Begegnung Jesu mit der Samariterin am Jakobsbrunnen, wo Wasser als Zeichen des
gekommenen Heils gedeutet wird (Joh 4,10-14).
Wasser bildet mit anderen Elementen des Naturhaushalts - wie Luft, Boden und Vegetation - ein vielfältig vernetztes
natürliches Ökosystem. Wasser beeinflußt so viele elementare Bereiche menschlichen Lebens wie kaum eine andere
Ressource. Das Recht auf angemessene Lebensverhältnisse, die ein gesundes Leben ermöglichen und unter anderem eine
Versorgung mit Nahrungsmitteln und medizinische Betreuung einschließen, ist in der Allgemeinen Erklärung der Vereinten
Nationen aus dem Jahre 1948 in Artikel 25 festgeschrieben. Damit enthält dieser Abschnitt implizit ein Menschenrecht auf
Wasser. Der Alltag vieler Menschen in den Entwicklungsländern zeigt, wie wichtig es ist, den Anspruch auf sauberes
Trinkwasser zu verwirklichen. Der Umgang mit dieser immer knapper werdenden Ressource wird daher nicht nur die
Qualität, sondern letztendlich auch das Überleben zumindest eines Teiles der Menschheit bestimmen.
Die westlich geprägte Wasserkultur moderner Industriegesellschaften hat jedoch weitgehend den Bezug zu diesen
grundlegenden Eigenschaften des Wassers verloren. Es wird zumeist als eine unter vielen Ressourcen angesehen, die sich
nach Belieben aufstauen, umleiten und vermehren läßt. Daß unser eigenes Schicksal eng mit dem des Wassers verknüpft
ist, daß der menschliche Körper selbst zu 60 Prozent aus Wasser besteht, wird dabei häufig mißachtet. Diese Tatsachen
verbieten es, Wasser zu »objektivieren«, es zu einer dem Menschen gegenüberstehenden Sache zu verfremden. Die
verschiedenen Nachfrager konkurrieren nicht nur um eine Ressource, sondern sie sind mit den Ökosystemen um sie herum
verflochten und hängen von ihnen ab. Der ungeheure Reichtum von Wassermythen, -bildern und -symbolen in allen
Kulturen und Religionen bezeugt, daß die Menschen diesen grundlegenden Zusammenhang seit frühester Zeit gekannt und
damit gelebt haben. Ein Sprichwort der Inkas »Kein Frosch trinkt den Tümpel leer, in dem er lebt« drückt dies sehr
anschaulich aus. Von besonderer Wichtigkeit ist es daher, die Pluralität von verschiedenen Wasserkulturen wahrzunehmen
und anzuerkennen. Die westlich geprägte Kultur mit ihrem sehr hohen Verbrauch sollte nur als eine unter vielen
Lösungsansätzen für die Wasserprobleme der Welt angesehen werden. Sie darf daher nicht ohne weiteres als Vorbild für
andere Regionen angesehen und auf diese übertragen werden. Vielmehr sollten historisch gewachsene Systeme der
verschiedenen Kulturen wieder neu entdeckt und für heutige Situationen weiterentwickelt werden. Moderne
Wassertechniken wie Wasserklosett und zentrale Schwemmkanalisation sind beispielsweise nicht ohne weiteres weltweit
übertragbar. So ist es in Monsunländern mit extremen Regenfällen seuchenhygienisch eher sinnvoll, Fäkalien zu
kompostieren und nicht mit Wasser in Berührung zu bringen.
Ein ethischer Grundimperativ jeder »Wasserpolitik« muß daher sein, jedem Menschen den zum Überleben notwendigen
Grundbedarf an Wasser zur Verfügung zu stellen und damit das Menschenrecht auf Wasser zu ermöglichen. Dies muß
jedoch so erfolgen, daß die ökologischen Funktionen, von denen alles Leben abhängt, geschützt werden. Diese beiden
Kriterien finden sich auch im Aktionsprogramm »Agenda 21« der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und
Entwicklung (UNCED), die 1992 in Rio de Janeiro stattgefunden hat, im Abschnitt »Schutz der Wasserressourcen« an
oberster Stelle. (8) Um dies zu realisieren, muß die betroffene Bevölkerung, insbesondere die Frauen, die in vielen
Entwicklungsländern für die Wasserbeschaffung zuständig sind, bei der Planung, Durchführung und Wartung der
Versorgungs- und Entsorgungssysteme beteiligt werden. Dies schließt aber auch den Grundsatz der gerechten Verteilung
des zur Verfügung stehenden Angebots ein, insbesondere zwischen Ländern, die gemeinsame Wasserquellen - Flüsse oder
Seen - teilen müssen.
Eine solche Ethik ist Bestandteil einer Strategie der nachhaltigen Entwicklung (sustainable development (9)). Eine
nachhaltige Wassernutzung bedeutet in diesem Zusammenhang, die gegenwärtigen Bedürfnisse der Menschen zu
befriedigen, ohne die zukünftigen zu gefährden. Eingriffe in den natürlichen Kreislauf sind auf ihre Umweltverträglichkeit
zu überprüfen, und ökologische Nachhaltigkeit muß zu einem Schlüsselkriterium der Wasserwirtschaft werden.
Handlungsfelder einer nachhaltigen Wassernutzung
Als Weg zur Sicherung der Wasserversorgung wurde lange Zeit angesehen, durch gezielte Eingriffe in den natürlichen
Kreislauf die für den Menschen potentiell verfügbare Wassermenge zu erhöhen. Erfahrungen haben jedoch gezeigt, daß die
vorgeschlagenen Methoden technisch sehr aufwendig sind und eine zum Teil erhebliche Schädigung der natürlichen
Ökosysteme darstellen. Das Verfahren der »Wolkenimpfung« zur Erzeugung von künstlichen Niederschlägen ist
beispielsweise nur in sehr ausgewählten Regionen möglich. Das Entsalzen von Meerwasser ist sehr aufwendig und teuer
und kommt daher für die meisten von Wasserknappheit betroffenen Länder nicht in Frage. In einigen Ländern des Nahen
Ostens wird der Ferntransport von Wasser mit Tanklastwägen oder Pipelines praktiziert, was allerdings nur in sehr
beschränktem Maße möglich ist. In bestimmten Regionen können solche Verfahren, besonders die Meerwasserentsalzung,
partiell zur Minderung der Wasserknappheit beitragen. Global betrachtet ist jedoch festzustellen, daß das zur Verfügung
stehende Angebot beschränkt ist und sich auch durch die Erschließung neuer Quellen nur sehr begrenzt erweitern läßt. Der
Schwerpunkt muß daher auf eine nachfrageorientierte Strategie gelegt werden, d.h. die Wassernachfrage muß durch
geeignete Maßnahmen reduziert werden. Dies bedeutet, den globalen Wasserverbrauch den von der Natur festgelegten
Grenzen des Angebots anzupassen und sich von einer »Illusion des Überflusses« zu verabschieden. Ein solches Konzept ist
umweltverträglich und damit auch zukunftsfähig.
Ein Bündel von verschiedenen Sparmaßnahmen bildet den Kern einer solchen Strategie. Es gilt, die Vergeudung von
Wasser zu beenden und die Produktivität des eingesetzten Wassers zu erhöhen, d.h. den Nutzeneffekt jedes verbrauchten
Liters zu steigern. In Anlehnung an den im Energiesektor von von Weizsäcker geprägten Begriff der Energieeffizienz (10)
gilt es hier, die Wassereffizienz durch den Einsatz geeigneter Techniken zu erhöhen. So können mit teilweise sehr
einfachen Methoden die Verluste in Versorgungssystemen beträchtlich reduziert werden. Durch unterirdische
Vorratsbehälter lassen sich Verdunstungsverluste erheblich verringern. Nicht jede Wassernutzung bedarf der gleich hohen
Wasserqualität. Nutzungshierarchien, wie zum Beispiel die landwirtschaftliche Wiederverwertung des in Städten
gebrauchten Wassers zur Düngung des Bodens, oder Kreislaufsysteme des eingesetzten Wassers bieten enorme
Einsparpotentiale. Verschiedene Strategien und Techniken zur Verringerung der Nachfrage durch Sparmaßnahmen und
eine rationelle Wassernutzung sind bekannt. Sie müssen lediglich sinnvoll kombiniert, regional optimiert und geschickt
angepaßt werden.
1. Die Landwirtschaft hat weltweit den größten Anteil am Wasserverbrauch. Zudem liegt der Wirkungsgrad des für die
Bewässerung eingesetzten Wassers lediglich bei etwa 35 Prozent, was bedeutet, daß der größte Teil ungenutzt abfließt.
Damit bietet dieser Bereich das größte Einsparpotential. Schätzungen zufolge würde eine Erhöhung der
Bewässerungseffizienz um 10 Prozent weltweit bereits ausreichen, um den gesamten städtischen Wasserbedarf zu decken.
Dies legt den Schluß nahe, daß die Verbesserung bestehender Bewässerungssysteme gegenüber der Realisierung neuer
Projekte Vorrang haben sollte.
Israel, das heute die effizienteste Bewässerungswirtschaft der Welt aufweist, entwickelte in den vergangenen Jahrzehnten
sogenannte Tropf- oder Mikrosysteme. Dabei wird das Wasser über ein Netz von durchlöcherten Kunststoffschläuchen
direkt dem Wurzelbereich der Pflanzen zugeführt, was die Verdunstungs- und Sickerverluste extrem niedrig hält und
zudem der Versalzung und Vernässung der Böden wirksam vorbeugt. Der Wirkungsgrad solcher Tropfsysteme liegt bei
bis zu 95 Prozent. Des weiteren lassen sich historische Systeme verschiedener Kulturen wie zum Beispiel der Nabatäer in
der Wüste Negev oder vieler Stämme Afrikas aufgreifen, die schon vor mehreren tausend Jahren in Gebieten extremer
Wasserknappheit einen erstaunlich hohen Wirkungsgrad erzielt haben. Dies sind zumeist kleine, angepaßte Lösungen, die
von den Bauern ohne großen technischen Aufwand selbst angelegt und betrieben werden können. Die Verbesserung
solcher einfacher und angepaßter traditioneller Verfahren kann zu einer erheblichen Steigerung der
Nahrungsmittelproduktion und damit auch der Lebensverhältnisse der Bevölkerung in Trockengebieten führen. Die
Beteiligung und Initiative der betroffenen Bevölkerung, vielfach unter Federführung humanitärer
Nichtregierungsorganisationen (NRO), ist dabei oftmals ein Schlüssel für den Erfolg von Bewässerungsprojekten. Ein
hervorragendes Beispiel dafür ist das »Watershed Development Program« (11), das im indischen Bundesstaat Maharasthra
unter der Leitung einer lokalen NRO, des von dem Schweizer Jesuitenpater Hermann Bacher gegründeten »Social Centre«,
durchgeführt wurde. Dieses vom Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe bestimmte Projekt hat durch einfache Maßnahmen das
anfallende Regenwasser effektiv genutzt (sogenannte »Regenwasserernte«) und damit auch gleichzeitig der Boden- und
Winderosion vorgebeugt. Es verdankt seinen Erfolg der vielfältigen Beteiligung der Bevölkerung, was die eigenen
Lebensgrundlagen schützt und eine nachhaltige Entwicklung dieser Region fördert. Auch in den Richtlinien der Weltbank
(12) wird inzwischen solchen kleinen, umweltverträglichen Lösungen im Sinne einer umweltverträglichen Wasserwirtschaft
Vorrang eingeräumt gegenüber Großprojekten, wie etwa dem Bau von großen Staudämmen.
Eine weitere Möglichkeit, den Wasserverbrauch in der Landwirtschaft zu senken, ist die Anwendung standortgerechter
Anbautechniken und die verstärkte Züchtung von Trockenlandpflanzen, die dem trockenen Klima optimal angepaßt sind
und in kurzer Zeit reifen. So werden in Israel seit längerer Zeit mit Erfolg Pflanzen gezüchtet, die sehr salzresistent sind
und teilweise mit Meerwasser bewässert werden können.
Vorsichtige Schätzungen gehen davon aus, daß durch den geeigneten Einsatz solcher Methoden der landwirtschaftliche
Wasserbedarf insgesamt zwischen 10 und 40 Prozent gesenkt werden könnte, ohne Ertragseinbußen zu erleiden. (13) Eine
angepaßte Bewässerung trägt jedoch nicht nur zur Reduzierung des Wasserverbrauchs bei, sondern schützt die Böden
zudem noch vor Erosion, vor Vernässung und Versalzung.
2. Im industriellen Bereich wird nur ein sehr kleiner Teil des eingesetzen Wassers tatsächlich verbraucht. Außerdem ist
für die Wassernutzung - vor allem für die Kühlung - keine Trinkwasserqualität erforderlich. Daher kann das Brauchwasser
in geschlossene Kreisläufe zurückgeführt und wiederverwendet werden (»Wasserrecycling«). Vor allem den
Entwicklungsländern müssen beim Aufbau neuer Infrastrukturen im industriellen Bereich entsprechende Techniken
zugänglich sein. Damit lassen sich laut Prognosen im industriellen Sektor, der vor allem in den urbanen Zentren schnell
weiter wachsen wird, bis zu 90 Prozent Wasser sparen. Ein beträchtliches Einsparpotential für Wasser und auch andere
Ressourcen bietet zudem der Ausbau des Produktrecyclings. So kann beispielsweise bei der Herstellung von einer Tonne
Aluminium aus Aluminiumabfall im Vergleich zur Herstellung aus dem Grundrohstoff der Wasserbedarf um 97 Prozent
gesenkt werden. (14)
3. Im Vergleich zur industriellen Wassernutzung und zur Bewässerung in der Landwirtschaft ist der Wasserverbrauch der
Privathaushalte relativ niedrig. Dafür ist Bereitstellung und Aufbereitung aufgrund der höheren Qualitätsanforderungen
sehr viel teurer. Das Sparpotential durch eine sorgfältigere Wassernutzung ist beträchtlich. Durch technisch verbesserte
Geräte und Einrichtungen, wie sparsamere Toiletten, Badeeinrichtungen, Wasch- und Spülmaschinen lassen sich vor allem
in den Industrieländern erhebliche Einsparungen erzielen, ohne die Lebensqualität einzuschränken. Die Genehmigung von
Anlagen mit besonders intensivem Gebrauch, wie Ziergärten oder private Schwimmbecken, sollte überprüft und - falls
notwendig - an Auflagen gebunden werden.
4. Ein weiteres Handlungsfeld ist der Umgang mit naturbedingten Risiken, insbesondere von Dürren und
Überschwemmungen. Die Häufigkeit von Dürrekatastrophen hat im Lauf der Geschichte durch menschliche Eingriffe
deutlich zugenommen. Daher besteht ein hoher Bedarf nach einem »Dürre-Management«, d.h. nach besserer Anpassung an
Dürren und Wüstenbildungen und rechtzeitiger Prävention solcher Katastrophen. Diese sind zuallererst Symptome der
Wasserknappheit, nicht deren Ursache. Zudem werden Überschwemmungen zunehmend durch menschliches Verhalten
mitverursacht. Auch auf diesem Gebiet ist eine vorausschauende Planung und Prävention von Schäden notwendig.
Instrumente einer Wasserpolitik
Die Weltbank räumt in ihrem Weltentwicklungsbericht 1992 - Entwicklung und Umwelt - dem Bereich der Versorgung
und Entsorgung von Wasser entwicklungs- und umweltpolitisch höchste Priorität ein. Aus der Erkenntnis, daß Wasser
integraler Bestandteil des Ökosystems, Rohstoff und zugleich soziales und ökonomisches Gut ist, zieht sie den Schluß, den
Schwerpunkt künftig auf eine integrierte Wasserbewirtschaftung zu legen. Dies bedeutet, Wasserpolitik als einen voll
durchformulierten und strukturierten Politikbereich aufzufassen, der auch sektorübergreifende Überlegungen sozialer,
wirtschaftlicher und ökologischer Art einbezieht. Das beinhaltet eine systematische Auseinandersetzung mit diesem Feld
nicht nur auf der lokalen und nationalen, sondern auch auf der regionalen und globalen Ebene. Die spezifischen
Instrumente einer Wasserpolitik sind in den verschiedenen Ländern und Regionen unterschiedlich, so daß jedes Land eine
eigene Wasserpolitik formulieren muß. Sie sollten sich jedoch an den elementaren Kriterien einer nachhaltigen
Wassernutzung, der Deckung menschlicher Grundbedürfnisse und dem Schutz der betroffenen Ökosysteme orientieren.
Eine nachfrageorientierte Strategie zur Lösung der Wasserprobleme sollte möglichst auf marktkonforme
Rahmenbedingungen setzen. Der derzeitige Wasserpreis liegt jedoch in vielen Ländern weit unter dem eigentlichen Wert
und drückt damit die Knappheit dieser Ressource nicht aus. Wasser wird vielfach immer noch als öffentliches Gut
angesehen, das in unbegrenzten Ausmaß vorhanden ist, teilweise auch aus einer falsch verstandenen religiösen oder
kulturellen Tradition. Die zu niedrigen Preise führen zu Fehlallokationen und ineffizientem Gebrauch. So werden
Bewässerungsprojekte in wasserarmen Ländern häufig subventioniert. In Ägypten zum Beispiel wird das Wasser den
Bauern kostenlos zur Verfügung gestellt. Aus einer Untersuchung über die von der Weltbank finanzierten kommunalen
Wasserprojekte in Entwicklungsländern geht hervor, daß der erhobene Wasserpreis im Durchschnitt nur etwa 35 Prozent
der Kosten deckte. (15)
Eine sparsame, umweltverträgliche und langfristig stabile Form der Wassernutzung setzt daher wesentliche Veränderungen
der Bewertung, Zuteilung und des Managements der Ressource Wasser voraus. Diese muß als wirtschaftliches Gut
angesehen werden, dessen Preis die sozialen, ökologischen und generationenübergreifenden Kosten besser erfassen muß.
Durch sachgerechte Rahmenbedingungen wie Anreize zum Wassersparen muß ein effizienter Gebrauch gefördert werden.
Die Wasserverschmutzung kann durch die konsequente Anwendung des Verursacherprinzips eingeschränkt werden.
Dienstleistungen der Versorgung und Entsorgung von Wasser sowie Entscheidungen der zuständigen Einrichtungen
könnten dezentralisiert werden, um das Management zu verbessern und die betroffene Bevölkerung besser zu beteiligen.
Vor allem für die Armen kann damit eine bessere Versorgung erreicht werden. Es ist zu überprüfen, ob es nicht von
Vorteil ist, einen Teil dieser Dienstleistungen, die in der Regel in der alleinigen Verantwortung des Staates liegen, privaten
Unternehmen zu übertragen. Wassermärkte, d.h. die Übertragung von Wassernutzungsrechten von einem Verkäufer an
einen Käufer, werden dazu als erfolgversprechendes Instrument angesehen. (16) Die staatlichen Rahmenbedingungen sind
jedoch so festzulegen, daß die Bevölkerung und dabei besonders die Allerärmsten vor einer monopolistischen Kontrolle
eines lebensnotwendigen Gutes geschützt werden. Dazu könnten sozial gestaffelte Tarife eingeführt werden. Das heißt,
daß den Verbrauchern eine zum Überleben notwendige Menge zu niedrigsten Preisen zur Verfügung gestellt wird, für
zusätzliche Mengen jedoch der volle Preis zu entrichten ist. (17) Eine Untersuchung der Weltbank in einigen
Entwicklungsländern hat gezeigt, daß die Bevölkerung in den allermeisten Fällen für die Bereitstellung angemessener und
zuverlässiger Dienstleistungen zu zahlen bereit ist. Für die Grundwasserentnahme, vor allem für Gebiete mit sinkendem
Grundwasserspiegel, sind Rahmenbedingungen festzulegen, um die Gesamtentnahme auf die durchschnittliche Rate der
Grundwasserneubildung zu beschränken. Dazu könnten beispielsweise Entnahmemengen, die die natürliche Auffüllung
übersteigen, besteuert oder gesetzlich untersagt werden. Insgesamt erscheint es notwendig, Preise, Märkte und
Vorschriften zu einer integrierten Strategie zu bündeln, die gewährleistet, daß der Wasserverbrauch in ökologisch
vertretbaren Grenzen bleibt und die natürlichen Wassersysteme geschützt werden.
Für die Entwicklungsländer muß die Versorgung mit sauberem Trinkwasser und angepaßter sanitärer Einrichtungen
einschließlich Entsorgung Priorität haben. Besonders für die ärmsten Bevölkerungsschichten sind entsprechende
Dienstleistungen bereitzustellen. Die Entwicklungsländer müssen selbst Verantwortung für den Schutz ihrer
Wasserressourcen übernehmen und mehr personelle und finanzielle Mittel für diese Aufgaben bereitstellen. Durch
geeignete Maßnahmen ist die Effizienz der Bewässerung in der Landwirtschaft zu erhöhen. Länder mit besonders hoher
Wasserarmut sollten überprüfen, ob es nicht günstiger ist, Nahrungsmittel zu importieren anstatt Bewässerungsprojekte
zur Intensivierung der Landwirtschaft zu subventionieren. So hat Ägypten in den achtziger Jahren Milliardensummen zur
Bewässerung der Anbaufläche für Weizen ausgegeben, das man zu einem Viertel dieses Betrages hätte importieren
können. Saudi-Arabien hat sich durch seine intensive Bewässerung vom Weizenimporteur zum sechstgrößten
Weizenexporteur entwickelt. (18)
Für die Industrieländer steht die Reduzierung des hohen Pro-Kopf-Wasserverbrauchs durch wirksame Marktmechanismen
an oberster Stelle. Das westliche Zivilisationsmodell, insbesondere der damit verbundene Wohlstand, übt große
Anziehungskraft auf die Länder des Südens aus. Dies läßt den Industriestaaten eine besondere Verantwortung zukommen.
Da der hohe Wasserverbrauch aufgrund des begrenzten Angebots nicht auf die gesamte Welt übertragen werden kann,
müssen die Länder des Nordens zu einem Umgang mit der knappen Ressource kommen, die auch für andere Regionen und
Kulturen richtungweisend sein kann. Dazu zählt auch die Einschränkung des hohen Wasserverbrauchs, der durch den
stetig wachsenden Tourismus in Länder mit großer Wasserknappheit hervorgerufen wird. Diese Länder sind finanziell dazu
in der Lage, durch den Einsatz geeigneter Mittel den Wasserverbrauch einzuschränken und die Verschmutzung von
Grund- und Oberflächenwasser zu reduzieren. Begleitend sollte auf allen Ebenen die Forschung, Entwicklung und
Einführung billiger Technologien zur Einsparung und Qualitätsverbesserung des Wassers gefördert und ausgebaut werden.
Eine weitere Bedingung einer Lösung der globalen Wasserprobleme ist eine verstärkte und verbesserte Kooperation.
Dazu zählen international funktionierende Mechanismen zum Schutz, zur Verbesserung und zur Wiederherstellung der
Wasserqualität und der wasserabhängigen Ökosysteme. Ein wichtiges Element sind Umweltverträglichkeitsprüfungen bei
allen Vorhaben, die Wasserressourcen beeinträchtigen können. Für Kreditgeber, wie Regierungen oder Weltbank, muß der
Schutz der Ökosysteme ein Schlüsselelement der Investitionspolitik werden. Daneben ist finanzielle Unterstützung, der
Transfer von Know-how und angepaßter Technologie für Länder notwendig, die von besonderer Wasserarmut betroffen
sind. Bei der Entwicklungszusammenarbeit ist Wasser noch mehr als bisher als Entwicklungsfaktor anzusehen.
Zudem erfordert es völkerrechtlich verbindliche Abkommen, um die Konflikte um internationale Wasserressourcen zu
regeln. Auf internationaler Ebene wurde bisher versäumt, das Management grenzüberschreitender Wasserreserven
angemessen zu berücksichtigen. Den Konfliktpartnern müssen Möglichkeiten der Zusammenarbeit aufgezeigt werden, die
für beide Seiten gewinnbringend sind. Ein Beispiel, daß solche Abkommen mehr als Null-Summenspiele darstellen können,
ist eine Regelung, die bei den Friedensverhandlungen zwischen Israel und Jordanien vereinbart wurde. (19) Danach stellt
Israel den jordanischen Bauern seine effizienten Bewässerungstechniken zur Verfügung, wodurch die für Bewässerung
verbrauchte Wassermenge schätzungsweise um ein Drittel reduziert werden kann. Als Gegenleistung für die technische
Unterstützung erhält Israel einen Teil des eingesparten Wassers, und damit profitieren beide Staaten von der Kooperation.
1. Eine Einführung in dieses Thema geben u.a. S. Postel, Die letzte Oase, Frankfurt/M. 1993; R. Clarke, Wasser, München
1994; Jürg A. Hauser, Bevölkerungs- und Umweltprobleme der Dritten Welt, Band 1, Bern-Stuttgart 1990, S. 177-203.
Die im folgenden verwendeten Daten sind überwiegend diesen Werken entnommen.
2. Vgl. dazu Weltentwicklungsbericht 1992, Washington 1992.
3. Vgl. dazu epd - Dritte Welt-Information, Lebensspender in Not. Sauberes Wasser wird zur Mangelware, (1990), Nr.
9-10.
4. Dies sind Dämme mit einer Staumauerhöhe von mehr als 15 Metern und einer Speicherkapazität des durchschnittlichen
Durchflusses der aufgestauten Flüsse von mehreren Monaten oder Jahren.
5. Vgl. dazu: S. Postel, Waters of Strive, in: Ceres, 27 (1995), No. 6, S. 19-24.
6. Vgl. dazu F. Ricken, Philosophie der Antike, Stuttgart 1993, S. 18-20.
7. Vgl. H. Böhme, Kulturgeschichte des Wassers, Frankfurt/M. 1988.
8. Das Aktionsprogramm »Agenda 21« findet sich zum Beispiel in: Handbuch für Internationale Zusammenarbeit, Teil III,
Baden-Baden 1993.
9. Zum Begriff vgl. Stiftung Entwicklung und Frieden, Globale Trends 93/94 (hrsg. von I. Hauchler), Frankfurt/M. 1993,
S. 294f.
10. Vgl. E. U. von Weizsäcker, Erdpolitik, Darmstadt 1992, S. 71-79.
11. Vgl. dazu C. Lobo/G. Kochendörfer-Lucius, »The Rain decided to help us«. An Experience in Participatory Watershed
Development in Maharasthra State, India, Ahmednagar-Stuttgart 1992.
12. Vgl. dazu G. Feder/G. Le Moigne, Umweltverträgliche Wasserwirtschaft, in: Finanzierung und Entwicklung 31 (1994),
Nr. 2, S. 24-27.
13. Vgl. J. A. Hauser, a.a.O., S. 194.
14. Ebd., S. 199.
15. G. Feder/G. Le Moigne, Umweltverträgliche Wasserwirtschaft, in: Finanzierung und Entwicklung 31 (1994), Nr. 2, S.
24-27.
16. Vgl. L. D. Simpson, »Wassermärkte«: Ein gangbarer Weg?, in: Finanzierung und Entwicklung 31 (1994), Nr. 2, S.
30-32.
17. Vgl. G. Feder/G. Le Moigne, a.a.O., sowie J. Briscoe, Armut und Wasserversorgung: Der Weg voran, in: Finanzierung
und Entwicklung 29 (1992), Nr. 4, S. 16-19.
18. Vgl. dazu G. Gardner, Wasser unter der Wüste, in: World Watch, 4 (1995), Nr. 4, S. 38-42.
19. Vgl. S. Postel, Die letzte Oase, a.a.O., S. 161.
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