Diskussion mit Prof. Frick SJ zum Thema Angst
Fernsehgespräch der Eugen-Biser-Stiftung beim BR-alpha Forum Wissenschaft.
Am Mittwoch, den 13.5. um 20.15 Uhr und Donnerstag, den 14.5. um 13 Uhr sendete BR-alpha "Die Dimension Angst - Neue Erkenntnisse aus Forschung und Praxis". Fernsehgespräch der Eugen-Biser-Stiftung beim BR-alpha Forum Wissenschaft.
Hier können Sie die komplette Sendung als Audiodatei nachhören.
Das Thema "Angst" ist in der heutigen Zeit allgegenwärtig. Die Lebensangst des modernen Menschen und Wege aus dieser Angst sind ein wichtiges Anliegen des Theologen und Philosophen Eugen Biser. So sagte er im Januar 1998 im Gespräch mit Hubert Schöne:
"Die Sinn-Not [des modernen Menschen] kommt nicht unmittelbar ins Bewußtsein. Sie wird aber erlebt in jenem deprimierenden Lebensgefühl, von dem Carl Jaspers vor Jahrzehnten schon gesagt hat, daß es zum 'unheimlichen Begleiter' des modernen Menschen geworden sei - heute ist das die so vielfältig grassierende Lebensangst. Gegen diese Angst muß etwas unternommen werden, denn die ist das eigentlich zersetzende Element in der heutigen Lebenswelt. Wer Angst hat, hat keine Ideen, wer Angst hat, hat keine Initiative, er fühlt sich gelähmt, er ist nicht einmal mehr in der Lage, seine Angst wirklich zu artikulieren. Die Kontakte zur Umwelt brechen ab, also all diese Vereinsamungen des heutigen Menschen, seine vielfältige Existenznot, läßt sich zurückführen auf diesen eigentlich zentralen Motivationsgrund, die Angst. Und hier versuche ich anzusetzen."
Über neueste wissenschaftliche Erkenntnisse der "Dimension Angst" sowie Möglichkeiten der Angstbewältigung diskutieren namhafte Experten im Fernsehgespräch der Eugen-Biser-Stiftung beim BR-alpha Forum Wissenschaft.
Moderation:
- Professor Dr. Martin Balle, Verleger und Herausgeber der Gruppe Straubinger Tagblatt / Landshuter Zeitung, Professor an der Fachhochschule Deggendorf für das Fach Journalismus im Fachbereich Medientechnik, Mitglied des Kuratoriums der Eugen-Biser-Stiftung
Diskussionsteilnehmer:
- Professor Dr. Dr. h. c. Gunther Wenz, Direktor des Instituts für Fundamentaltheologie und Ökumene sowie Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie I (mit Schwerpunkt Dogmatik) an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrates der Eugen-Biser-Stiftung
- Professor Dr. Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Verhaltensforscher, Biologe und Humanethologe sowie Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze, unter anderem zur Grenze zwischen angeborenem und erlerntem Verhalten bei Mensch und Tier
- Professor Dr. Dr. Borwin Bandelow, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Diplompsychologe und Psychotherapeut, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Göttingen sowie Präsident der Deutschen Gesellschaft für Angstforschung
- Professor Dr. med. Eckhard Frick SJ, M. A., Professor für Psychosomatische Anthropologie an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München sowie Facharzt für Psychosomatische Medizin, Psychiater und Psychoanalytiker
Aus der Pressemeldung des Bayerischen Rundfunks
In der komplexen Welt von heute begegnet der Mensch immer mehr Formen der Angst, wie Goethes Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht mehr loswird. Das vom Menschen selbst entworfene und konstruierte Bild der Wirklichkeit wird zu einem kaum mehr durchschaubaren System mit unabweisbaren Systemzwängen. Der Mensch erlebt hier eine seiner Urerfahrungen – die Dimension der "Angst". Angst meint mehr als das Gefühl einer Beunruhigung über ein bevorstehendes Übel. Angst wird zu einem existentiellen Gefühl des Bedroht- und Ausgeliefertseins. Jeder zehnte Mensch in Deutschland leidet nach Angaben von Psychiatern und Psychotherapeuten an krankhafter Angst.
Es ist Aufgabe der Psychologie und Psychoanalyse Ängste, wie Ich-Verlust, Isolierung sowie Angst vor Veränderungen oder Unfreiheit zu analysieren und zu therapieren. Eine zentrale Erkenntnis der Angstforschung: Das menschliche Gehirn unterscheidet nicht zwischen der Angst, die man in bestimmten Situationen selbst erfährt, und der Angst, welche durch das Betrachten von Situationen, die Angst erzeugen, ausgelöst wird. Das wurde jüngst durch Hirnscans in den USA nachgewiesen. Doch was erzeugt Angst und welche Formen der Angst gibt es?
Angstforscher haben festgestellt, dass in Deutschland immer häufiger Ängste auftreten - bedingt durch die weltweiten Krisengebiete und immer mehr Szenarien der Bedrohung. So ermittelte das Institut 'Gewis' in einer repräsentativen Umfrage mit 1.032 Personen zu ihren Ängsten, dass bereits jeder dritte deutsche Angst vor einer Verschlechterung der Wirtschaftslage habe. An zweiter Stelle liegt die Angst vor Katastrophen, an dritter Stelle die Angst um seinen Arbeitsplatz, die betrifft jeden fünften Bürger. Die Angst vor Anschlägen liegt bei 19 Prozent, gefolgt von 16 Prozent der Angst vor Krankheiten, 15 Prozent haben Angst vor dem Verlust des Partners. Gesellschaftswissenschaftler, Ärzte und Psychologen stellen übereinstimmend fest, dass sich das Phänomen Angst eher ausbreitet und sich auf alle Sozial- und Altersschichtungen der Gesellschaft überträgt.
Mitten in der existentiellen Angsterfahrung kann die Suche des Menschen nach Orientierung aber auch in Religiosität umschlagen. Das, was Halt gibt, muss notwendigerweise außerhalb des "chaotischen" Weltsystems liegen, in einer Art Fixum, einer Garantie für Wegweisung und Heil. Die Erfahrung von Angst wird durch Religiosität nicht genommen. Wohl aber gibt der Glaube dem Menschen Orientierungsmuster, die das "Überleben" im Gewirr der vielen Heilsangebote einer pluralistischen und damit auch relativistischen Welt erleichtern können. Hier ist für den Menschen auch der Punkt der Entscheidung erreicht, ein Prinzip "Gott" anzuerkennen, oder nicht. Die einen stehen hier am Anfang eines Weges zu religiösem Glauben. Andere, wie Friedrich Nietzsche es formulierte, "stürzen nach allen Seiten und irren wie durch ein unendliches Nichts."
Leben wir in einer "ängstlichen Gesellschaft"? Wie und warum entstehen Formen existentieller Ängste des Menschen und wann werden sie krankhaft? Wie können sie therapiert werden? Kann Religion und näherhin der christliche Glaube den Menschen resistenter gegen Angst machen? Was sind die psychologischen Ursachen für Angstzustände? Wo sind Berührungspunkte zwischen Religion, Psychologie und Psychoanalyse bei der Angstüberwindung? Welche Erkenntnisse der Angstforschung ermöglichen einen Weg aus der Angst-Krise des Menschen in der Moderne? Was hat die Verhaltensforschung über den Umgang mit Angst herausgefunden? Die wissenschaftlichen Diskussionsreihe "Forum Wissenschaft" gibt einen Überblick über aktuelle Positionen der Angstforschung und beleuchtet gleichzeitig die subjektive, also vom Einzelnen selbst erlebte Angst vor dem wissenschaftlichen Hintergrund – nicht zuletzt geht es dabei auch um den Aspekt der Hoffnung, der mit der Angst eng verbunden ist.
Die Diskussion beleuchtet die Vielschichtigkeit des Phänomens Angst und ihre Grundformen: Angst kann durchaus auch positiv sein und den Menschen vor Fehlern bewahren; andererseits kann Angst krank machen.
