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Perspectives

Rector's Speech about the Situation and Future of the School (german)

Die Rede des Rektors, in der die Situation der Hochschule und die Zukunftsperspektiven erläutert werden (Die Rede ist leicht gekürzt):

  Ich möchte mir erlauben, ihnen im folgenden einiges zur Situation unserer Hochschule zu sagen. Sie wissen, dass es in den letzten Jahren im Bereich der Hochschulentwicklungen Umbrüche gab und weiterhin gibt, deren Folgen noch kaum abzusehen sind. Umso wichtiger ist es, dass sich auch eine Hochschule wie unsere in diesem Prozeß klar situiert und ein Zukunftsprofil entwickelt. Dazu einige Anmerkungen.

    Der 8. Januar 2006 ist ein wichtiger Tag in der Geschichte unserer Hochschule. An diesem Tag, und der ihm folgenden Sitzung des Hochschulrats, haben sich die Professoren und Dozenten des Lehrkörpers getroffen und gemeinsam ein Konzept beschlossen, das uns die Fundraisingfirma der TU München, die ein Jahr lang unsere Hochschule evaluiert hat, vorgeschlagen hat. Das Schlagwort dieses Konzepts: Die zweite Öffnung der Hochschule. Hinter diesem Schlagwort steht folgende Überzeugung. Die Hochschule für Philosophie hat sich schon einmal geöffnet, nämlich vor 35 Jahren. Vor 35 Jahren zog die Hochschule für Philosophie von Pullach vor den Toren Münchens hier in die Kaulbachstrasse. In Pullach bestand die Hauptaufgabe darin, Jesuiten auszubilden. Die erste Öffnung der Institution bestand darin, unseren Lehrbetrieb für andere Studentinnen und Studenten zu öffnen. Wie sehr diese erste Öffnung gelungen ist, belegen die Zahlen: Von den 575 Studierenden sind zur Zeit nur 15 Jesuiten. Wenn wir uns vor 35 Jahren nicht geöffnet hätten und mutig neue Schritte gegangen wären, wäre die Institution heute in einer erheblichen Krisensituation: Die Zahl des Studierenden wäre wesentlich geringer, wenn wir damals in Pullach geblieben wären. Die Arbeit und die Institution stünden damit in Frage.

    Wir stehen heute vor neuen Herausforderungen. Die Herausforderung ist nicht mehr die Knappheit der Anzahl der Studierenden, sondern die Knappheit der finanziellen Ressourcen. Wieder gilt es, mutig neue Schritte zu gehen und eine zweite Öffnung der Hochschule zu wagen. Dabei ist unsere Überzeugung: Es gelingt der Hochschule in dem Maße, ihre Finanzen so abzusichern, dass sie auch in Zukunft - d.h. in den nächsten 20 oder 30 Jahren - weiter bestehen kann, wenn sie sich öffnet, d.h. wenn wir es nicht nur als unsere Aufgabe sehen, in der Lehre und der Ausbildung der Studierenden weiterhin eine Spitzenposition in Deutschland einzunehmen und auch zunehmend in der Forschung präsent zu sein, sondern wenn wir unsere Institution und Arbeit für andere gesellschaftliche Gruppen öffnen, vor allem für die Wirtschaft, die Politik und die Kirche.

    Viel ist im letzten Jahr in dieser Richtung geschehen, und ich möchte hier nur einige Schlaglichter auf unsere Arbeit werfen.

    Wer eine Institution nach außen öffnen möchte, muss sie auch nach innen umgestalten. In diese Richtung ist viel passiert. Vor allem eines: Die Einbeziehung der Studierenden in das Leben und Wirken der Hochschule. Mehr als 60 Studierende sind zur Zeit in verschiedenen Gruppen der Hochschule aktiv und unterstützen unsere Arbeit. Von herausragender Bedeutung für das Projekt der Öffnung der Hochschule ist dabei der neue Internet-Auftritt der Hochschule. In diesem Sommer hat sich eine Gruppe von Studierenden konstituiert und unseren bisherigen Internetauftritt komplett überarbeitet. Von großer Hilfe ist dabei gewesen, dass P. Christof Wolf SJ bereits 1996 unseren Webauftritt gestaltet hat. Für viele Dinge konnte die neue Gruppe daher auf die alte Homepage zurückgreifen. Der Internetauftritt ist heute die Visitenkarte jeder Institution, und mit dieser neuen Visitenkarte können wir uns jetzt ganz anders sehen lassen.

    Kontinuierlich weiter arbeitet die Gruppe von Studierenden, die sich um die Alumni-Arbeit kümmert. Zur Zeit sitzen sie daran, das nächste große Alumni-Treffen im Mai 2007 vorzubereiten. Vor zwei Jahren konnten wir an die 400 Alumni zur Feier empfangen. Da durch die kontinuierliche Adressenrecherche der Alumni-Initiative die Anzahl der Alumni, zu denen wir Kontakt haben, erheblich gewachsen ist, könnte das Treffen im Mai uns vor nicht ganz einfache logistische Probleme stellen. Ein ganz wichtiger Teil unserer Alumniarbeit ist die Initiative Philosophie und Beruf. Wir laden Alumni ein, ihren Beruf bei uns vorzustellen und den Philosophiestudierenden heute eine Praktikumsstelle oder einen Berufseinstieg zu ermöglichen. Einer der Höhepunkte war sicherlich die Anfrage eines international agierenden Hamburger Marketing-konzerns. Obwohl kein Mitarbeiter in diesem Konzern ein ehemaliger Student unserer Hochschule gewesen ist, hatten sie von sich aus Interesse, Philosophiestudenten für ihre Firma zu werben. Das ist ermutigend, weil es deutlich zeigt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man nur mit Betriebswirtschaftslehre oder Jura in der Wirtschaft erfolgreich einen Arbeitsplatz finden konnte.

    Eine dritte Gruppe ist ebenfalls wichtig für das Gesicht der Hochschule: Die fair-Trade Gruppe, die nicht nur fair gehandelten Kaffee und Schokolade verkauft, sondern es sich auch zur Aufgabe gemacht hat, politisch über die Zusammenhänge von unserem Konsumverhalten und den Auswirkungen in anderen Ländern aufmerksam zu machen. Reumütig hat das Rektorat sein gesamtes Papier auf Umweltpapier umgestellt. Anfang November organisierte diese Gruppe einen gut besuchten Abend zum Thema fair-nünftig; nächstes Semester plant die Gruppe einen Abend zum Thema genveränderte Nahrungsmittel.

    Ich könnte noch einiges weitere erzählen. Ich müßte Ihnen von der Hochschulzeitschrift nicht-wirklich?! erzählen, die jetzt gerade den Sprung in die zweite Generation der Redakteure geschafft hat (das ist bei studentischen Initiativen ja nicht immer ganz einfach), ich müßte von der Mediengruppe berichten, die einzelne Vorlesungen aufzeichnet, damit Studierende, die die Vorlesung nicht besuchen können, weil sie parallel andere Veranstaltungen an der LMU besuchen, die Vorlesung im Internet nachhören können, ich könnte von der Arbeit in unserer Studierendenbar berichten oder von einer Kunstgruppe, die ein Konzept zur Verschönerung einiger Teile der Hochschule erarbeitet hat (wenn sie das nächste mal kommen, wir im alten Teil der Hochschule manches bunter und auch philosophischer ausschauen - lassen Sie sich überraschen).

    Ein große Hilfe ist dabei unser Förderverein pro-philosopia e.V. Der Förderverein unterstützt neben vielen anderen Projekten auch die Arbeit der Studierenden für die Hochschule, er finanziert nicht nur die Alumni-Arbeit, sondern beispielsweise auch die Kunstgruppe und die Arbeiten, die damit zusammenhängen.

    Diese Initiativen haben ganz unmittelbar mit dem Projekt der Öffnung der Hochschule zu tun, weil sie der Hochschule ein lebendiges Gesicht geben und sie als Institution attraktiv machen. Im engeren Sinn der Öffnung ist von mehreren Projekten zu sprechen, die neu gestartet worden sind. Zum einen sind Professoren und Dozenten dieses Jahr erstmalig in dem Lehrgang für Verwaltungsführung der bayerischen Staatskanzlei tätig. Im Volksmund wird dieser Kurs der Prinzenkurs genannt und es ist uns eine Ehre, dass die Verantwortlichen der Staatskanzelei darauf vertrauen, dass unsere Vorträge - vor allem zum Thema Ethik - ihren Prinzen helfen werden. Zum anderen sind Professoren und Dozenten dieses Jahr in der Elite-akademie, Bayern, tätig geworden. Die Elite-akademie Bayern ist ein Ausbildungsgang, der sich vor allem an Studierende der Naturwissenschaft und der Geisteswissenschaft richtet, die später in der Wirtschaft arbeiten wollen. Auch hier behandeln wir das Thema Ethik und das Thema Religion. Wir sind ferner gebeten, uns an einem Modul über Ethik und Verantwortung in einem neu errichteten Zertifikats-Studiengang der Technischen Universität München zu beteiligen - ein kleiner Strahl des großen Leuchtturms fällt also auch auf uns herab.

    Neu konzipiert und beworben haben wir das Programm Impulse für die Wirtschaft, das sich gezielt an Führungskräfte in der Wirtschaft richtet. Hier geht es darum, unser Angebot an die Wirtschaft systematisch auszubauen. Im Dezember findet eine Veranstaltung statt, die wir gemeinsam mit der Zeitschrift Private Wealth durchführen, um unser Programm in einer Abendveranstaltung vorzustellen.

    Im Frühjahr wird die Hochschule eine eigene Stiftung haben. Das Ziel ist, in 10 Jahren die Stiftung mit einem Stiftungsvermögen von 10. Mio. Euro auszustatten. Wenn das gelingt, dann ist die Zukunft der Hochschule finanziell gesichert. Personell, so viel darf ich mit großer Freude sagen, ist die Zukunft gesichert, weil es zur Zeit allein sechs junge Jesuiten gibt, die sich darauf vorbereiten, später an der Hochschule zu arbeiten. Unsere Personalplanung steht (theoretisch zumindest) bis zum Jahr 2028 - sie sehen, kirchliche Institutionen arbeiten heute auch noch mit langem Atem.  Weiter hilft uns natürlich die Einführung von Studienbeiträgen ab dem nächsten Semester. Wir werden uns in der Höhe der Studienbeiträge an denen der LMU orientieren, allerdings auch ein Stipendienfond einrichten, damit keiner, der bei uns studieren möchte, aus finanziellen Gründen nicht bei uns studieren kann. Die Überlegungen im einzelnen sind kompliziert, aber ich bin doch zuversichtlich, dass wir die Einführung von Studiengebüren den Studierenden gegenüber plausibel machen können: Immerhin subventionieren wir Jesuiten jeden einzelnen Studierenden pro Semester mit 1360 Euro - und von daher ist es vermittelbar, wenn 300 oder 500 Euro von den Studierenden in Zukunft selbst gezahlt werden müssen. Die Lösung, die ich anstrebe, ist auf Dauer folgende: Zur Zeit zahlt der Jesuitenorden 1,5 Mio. Euro jedes Jahr für die Hochschule. In 10 Jahren sollte dieser Betrag gedrittelt sein: Ein Drittel durch die Studienbeiträge, ein Drittel durch die Zinserträge der Stiftung (was voraussetzt, dass wir in 10 Jahren ein Stiftungsvermögen von 10 Mio. Euro haben), und ein Drittel durch den Orden selbst.

    Vielleicht ist bei Ihnen mittlerweile der Eindruck entstanden, die Hochschule habe sich inzwischen zu einem Managment und Marketing-Institut entwickelt, aber richtig Forschung und Philosophie werde hier nicht mehr betrieben. Nichts wäre aber falscher als diese Annahme! Auch akademisch ist im letzten Jahr enorm viel passiert.

    Im Frühjahr erreichte uns eine ausgezeichnete Nachricht vom Wissenschaftsrat. In einer breit angelegten Studie verglich der Wissenschaftsrat u.a. die durchschnittliche Studiendauer, die jemand braucht, um im Fach Philosophie an einer philosophischen Fakultät in Deutschland den Magister zu erwerben. Nicht ohne Stolz habe ich lesen dürfen, dass die Hochschule für Philosophie in diesem Ranking die Nummer eins in Deutschland ist. An keiner anderen Fakultät Deutschlands kommt ein Studierender so schnell und effektiv zum Magister der Philosophie wie bei uns. Ich bin sicher, dass dieses hervorragende Ergebnis Frucht zweier Besonderheiten unserer Hochschule ist: Das stark strukturierte Grundstudium und die intensive persönliche Betreuung. Wenn wir diese beiden Faktoren weiter behalten - und warum sollten wir sie nicht weiter behalten können - dann habe ich überhaupt keine Befürchtungen, dass wir auch in einer Zukunft, in der die einzelnen Universitäten ganz wesentlich mehr miteinander konkurrieren werden als heute, hervorragend situiert sind.

    Das letzte akademische Jahr hat auch eine weitere Öffnung gebracht: Wir haben unseren ersten Professor, der nicht Jesuit ist! Prof. Dr. Dr. Johannes Wallacher hat sich im letzten akademischen Jahr bei uns habilitiert und arbeitet nun, seit dem 15. Oktober, als Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik. Zwei Jesuiten stehen mitten in einem Habiliationsverfahren, und ich bin guter Hoffnung, dass die Verfahren vor Ende dieses Semesters positiv abgeschlossen sind. Wir haben auch zwei neue Dozenten: Johannes Herzgsell SJ wurde zum Dozenten für Grundlegung der Theologie und Religionsphilosophie ernannt, P. Janez Percic SJ wurde Dozent für Politische Philosophie. Beide waren vorher schon als Lehrbeauftragte an der Hochschule tätig. Die Mitarbeit von P. Percic SJ bei uns ist auch insofern ein Hoffnungszeichen, weil es in Zeiten der Europäisierung der Hochschulen auch gilt, vermehrt nicht deutsche Dozenten für die Hochschule zu gewinnen. In diesem Sinn finde ich es ermutigend, dass P. Vaclav Umlauf SJ aus Tschechien die nächsten Jahre jeweils ein Semester bei uns ist und in dieser Zeit auch seine Habilitation vorbereitet.

    Gestorben ist, wie Sie sicher schon erfahren haben, nach langer und schwerer Krankheit Kreis P. Walter Kerber SJ, sicherlich einer der bedeutendsten katholischen Sozialethiker der Nachkriegszeit. Seine intellektuelle Neugierde und seine Fähigkeit und sein Willen, sich immer wieder in neue Forschungsgebiete einzuarbeiten, ist uns allen an der Hochschule ein Vorbild.

    Einer der Höhepunkte des vergangenen Jahres war ohne Zweifel ein Festakt am 8. Juli, um den 65. Geburtstag von P. Haeffner SJ feierlich begehen. Prof. Rémi Brague hielt einen im besten Sinne tiefsinnigen Festvortrag unter dem Titel Lob der Geduld. Eine Gruppe von Studierenden konnte P. Haeffner SJ eine Festschrift überreichen: Margarethe Drewsen und Mario Fischer haben den Band Die Gegenwart des Gegenwärtigen herausgegeben, in dem sich sogar ein Grußwort Seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. findet!

    Verschiedene gut besuchte Konferenzen haben wieder stattgefunden: Die in der weiten Öffentlichkeit meiner Auffassung nach noch zu wenig wahrgenommene ganz ausgezeichnete Jahrestagung des Netzwerks Medienethik tagte am 23. und 24. Februar in unserem Haus zum Thema Bildethik. Das Rottendorff-Projekt hat am 4. Mai ein Kolloquium zum Thema Religiöse Symbole in multikulturellen Gesellschaften veranstaltet. Die Veranstaltung war mit dem Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, Werner Kilz, und Dr. Hans-Jochen Vogel hochkarätig besetzt. Zwei Wochen danach fand das Rottendorf Symposion zum Thema Frauen - Gewinnerinnen  oder Verliererinnen der Globalisierung? Neue Herausforderungen für eine Gender-gerechte Weltordnung statt.

    Ich erspare es mir, auf die vielen Publikationen hinzuweisen, die im letzten Jahr entstanden sind. Die Aufzählung wäre zu ermüdend, und Sie brauchen noch Kraft für unseren Vortrag, der Ihnen nun einen ganz praktischen Einblick in die akademische Arbeit gewährt. Denn was Philosophie leistet, erlebt man nur, wenn philosophiert wird. Ich freue mich deswegen sehr, dass sich unser Metaphysikprofessor Prof. Brüntrup, bereit erklärt hat, zu einem außerordentlich spannenden und aktuellem Thema Stellung zu nehmen: Selbstbestimmung und Gehirn. Eine Rede über Freiheit an die Gebildeten unter ihren Leugnern.

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