Neue ärztliche Disziplin Spiritual Care
Immer öfter in Krankenhäusern und Pflegestationen. Weder ‚Hexenwerk’ noch religiöse Vereinnahmung
München, 24.11.2009 (HfPh) Spiritualität am Krankenbett und bei der Begleitung Sterbender wird auch in Deutschland in wachsendem Maße zu einer anerkannten ärztlichen Disziplin. Dies erklärte jetzt in einem Beitrag für die Fachzeitschrift Lebendige Seelsorge Professor Eckhard Frick SJ. Der Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, der an der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München lehrt, sagte, in Krankenhäusern und auf Pflegestationen werde die unter dem englischen Fachterminus Spiritual Care (Spirituelle Sorge) bekannte Form der Begleitung kranker und sterbender Menschen immer öfter praktiziert. Sie sei auch für die Angehörigen, ebenso für behandelnde Ärzte und pflegende Personen eine wichtige Hilfe bei der Erfahrung und Bewältigung dieser Lebenssituation.
Der Wissenschaftler will den Einsatz von Spiritual Care ausdrücklich nicht exklusiv für einen religiösen Beistand verstanden und vereinnahmt wissen. Das neue englische Wort sei kein „dem Medizinsystem angepasster neuer Wein in den alten Schläuchen der Krankenhausseelsorge“, wie sie von den Kirchen institutionalisiert ist und auf Wunsch der Patienten oder ihrer Angehörigen geleistet wird. Frick wandte sich aber auch gegen aus seiner Sicht polemische Einwände, die Verbindung von Spiritualität und Medizin sei „gefährliches Hexenwerk“. Es handle sich vielmehr um den Versuch, die Glaubens- und Weltanschauungssysteme aller Patienten zu berücksichtigen, nicht nur der religiös eingestellten. Die religiöse und weltanschauliche Neutralität der Ärzte bei der Behandlung von Patienten werde in Europa mit Recht hoch geschätzt.
Frick plädiert im Blick auf die klassische Krankenhausseelsorge für einen aufklärerischen Umgang mit Spiritual Care. Es könne nicht im Interesse von Glauben und Religion liegen, die traditionelle Skepsis der Medizin im Hinblick auf spirituelle Fragen durch eine „neopastorale Macht oder gar einen Fundamentalismus von Pflege und Medizin“ abzulösen. Die kirchliche Seelsorge sei „auf dem Markt spiritueller Angebot nur mehr eine unter mehreren Anbietern“. In die Pluralität von Spiritual Care könne eine „authentische Seelsorge ihr heilsam-kritisches Potential einbringen“. Für eine theologisch reflektierte Seelsorge bedeute Authentizität, „den Reichtum anderer Religionen zu achten, aber auch den spirituellen Schatz der eigenen Tradition zu öffnen.“ (wr)
