Warum Gründe nicht naturalisierbar sind
Öffentlicher Gastvortrag von Prof. Julian Nida-Rümelin am 11.05. um 19.30 Uhr in der Aula der Hochschule für Philosophie
München, 25. April 2009 (HfPh). Menschen sind in ihrem Alltagsleben
daran gewöhnt, Gründe für ein bestimmtes Verhalten zu geben. Sie geben
Gründe an, wieso sie sich beispielsweise für eine bestimmte Handlung
und nicht für eine andere entschieden haben. Auf den ersten Blick
scheint dies eine banale Feststellung zu sein. Auf einen zweiten –
philosophischen – Blick verbirgt sich dahinter jedoch eine sehr
spannende Frage, nämlich die Frage danach, welchen Status solche Gründe
haben. Können sie beispielsweise nach einer naturwissenschaftlichen
Logik als kausale Zusammenhänge naturalisiert werden oder sind es
kohärent konstruierte Gebäude im sozialen Alltagsleben?
Nida-Rümelin argumentiert, dass Gründe, die sich Menschen wechselseitig für ihr Handeln geben, nicht mit naturwissenschaftlichen Mitteln erfasst werden könnten. Sie sind eingebunden in ein komplexes Netzwerk von verschiedenen Gründen, die Teil der Lebenswelt der Menschen sind. Er spricht daher auch von struktureller Rationalität und meint damit das komplexe Netzwerk, das die alltägliche Lebenspraxis, und damit das Sprechen und Handeln der Menschen trägt. Kohärenz zwischen den Gründen spielt dabei eine wichtige Rolle.
Prof. Julian Nida-Rümelin ist einer der bekanntesten deutschen Philosophen. Er studierte Philosophie, Physik, Mathematik und Politikwissenschaft in München und Tübingen und wurde 1983 bei dem Wissenschaftstheoretiker Wolfgang Stegmüller promoviert. Politisch bekannt wurde er durch seine Tätigkeit als Kulturreferent der Landeshauptstadt München von 1998 bis 2000 und als Kulturstaatsminister und damit Mitglied der Bundesregierung von 2001 bis 2002. Seit 2003 ist er Professor für Philosophie und politische Theorie, zuerst am Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft und seit dem Sommersemester 2009 am Seminar für Philosophie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im September 2008 wurde er zum Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie gewählt. (mr)
