Zwischen Kunst und Propaganda
Film und Fernsehen in der DDR. Symposion zum 20. Jahrestag des Falls der Mauer
München, 18. März 2009 (HfPh). Das „Fernsehen der DDR“ und Produktionen des bereits von der russischen Mili-tärregierung 1945 eingerichteten Filmstudios DEFA (Deutsche Film AG) sind Thema eines Münchner Symposions anlässlich des 20. Jahrestages des Falls der Berliner Mauer und der innerdeutschen Grenze. Wie sich der deutsche „Arbeiter- und Bauernstaat“ mit seinen sozialistischen Idealen in Film und Fernsehen präsentierte, soll vom 27. bis 29. März in der Hochschule für Philosophie der Jesuiten in München in Film- und Sendebeispielen gezeigt, in mehre-ren Referaten dargestellt und in Diskussionen erörtert werden.
Das Medium Film und die verschiedenen Gattungen filmischer Darstellung seien das emotional fesselndste und wirksamste Mittel öffentlicher und politischer Kommunikation, heißt es in der Einladung zu dem dreitägigen Sympo-sion. Auch Diktaturen wüssten das und machten entsprechenden Gebrauch von Leinwand und Bildschirm. Die Ko-operationsveranstaltung der Hochschule mit dem Verein Landesmediendienste Bayern und der im Auftrag des baye-rischen Kultusministeriums tätigen Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, richtet sich an Studie-rende, Lehrer und Mitarbeiter in der Jugend- und Erwachsenenbildung.
Das Symposion solle zu einer differenzierten Auseinandersetzung mit der Film- und Fernsehproduktion in der ehe-maligen DDR beitragen, sagte der Leiter des gastgebenden Instituts für Kommunikationswissenschaft und Erwach-senenpädagogik der Jesuitenhochschule, Professor Rüdiger Funiok SJ. Es solle dazu anregen, sich persönlich mit his-torischen Quellen zu beschäftigen, anstatt sich etwa lediglich an den vorgegebenen Inhalten und Mustern von Fernsehserien auszurichten. Das hohe künstlerische Niveau vieler DEFA-Filme zeige, dass es den Machthabern in der DDR nicht gelungen sei, ihre eindimensionale ideologische Sicht in eine politische Ikonographie mit Vorbildcharakter und absoluter Deutungshoheit umzusetzen. Dies sei eine ermutigende Erkenntnis, sagte der Kommunikationswissenschaftler.
Gezeigt werden vier von insgesamt etwa 700 von der DEFA gedrehten Spielfilmen. Der 1984 produzierte Film „Die Frau und der Fremde“ behandelt das Schicksal eines aus dem Ersten Weltkrieg heimkehrenden Soldaten. Es ist der einzige DEFA-Film, der auf dem Filmfestival Berlinale mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet wurde. Der Film „Karbid und Sauerampfer“ von 1963 ist nach dem Urteil der Fachkritik eine der besten deutschen Filmkomödien mit erfrischend frechen politischen Untertönen. Eine der letzten DEFA -Produktionen, der noch in der Endzeit des SED-Regimes gedrehte Film „Die Architekten“, gilt als hoch brisanter melancholischer Abgesang auf die DDR. Der 1963 produzierte Film „Nackt unter Wölfen“ erzählt die authentische Geschichte der Rettung eines Kindes vor dem Zugriff der Nazis durch Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald wenige Wochen vor der Befreiung, ein we-gen seiner humanen Qualität als bemerkenswert charakterisierter Film.
Die Stellung von Film und Fernsehen in der Gesellschaft der DDR untersucht der wissenschaftliche Leiter des DDR-Museums Berlin, Stefan Wolle. Helmut Morsbach, Vorstand der DEFA-Stiftung, setzt sich damit auseinander, inwieweit die Produktionen der DEFA ein nationales Kulturgut sind oder als Mittel der staatlich gelenkten Propa-ganda gelten können. Rüdiger Steinmetz, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Leipzig, behandelt an verschiedenen Sende-Beispielen die Programmgeschichte des DDR-Fernsehens. Bei einer Podiumsdiskussion wer-den Wolle, Morsbach, Steinmetz und Funiok eine kritische Bilanz des Symposions ziehen. An dieser Diskussion nimmt auch die neue Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Gabriele Hammermann, teil. (wr)
Hinweis für Berichterstatter: Anmeldung und genaues Programm bei Bayerische Landeszentrale für politische Bil-dungsarbeit, Elke Kapell, Fax 089 21862180, E-Mail elke.kapell@stmuk.bayern.de
